Erhard Keller (* 24. Dezember 1944 in Günzburg) ist ein ehemaliger deutscher Eisschnellläufer und zweifacher Olympiasieger über die Sprintdistanz 500 Meter.

Keller begann seine internationale Laufbahn Mitte der 1960er Jahre und stellte 1967 den Weltrekord über 500 Meter ein, als er die Distanz in 39,5 Sekunden lief. Im weiteren Verlauf seiner Karriere verbesserte er die Weltbestzeit auf seiner Spezialstrecke mehrmals bis auf 38 Sekunden. Bei den Olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble feierte Keller den ersten Eisschnelllaufolympiasieg eines deutschen Mannes und konnte diesen Erfolg vier Jahre später in Sapporo wiederholen – zwischenzeitlich war er 1971 auf seiner Heimbahn in Inzell zudem Sprintweltmeister geworden. Anschließend startete Keller einige Jahre lang als Profi und trat in den 1970ern zudem als Fernsehmoderator (Spiel ohne Grenzen) in Erscheinung. Der promovierte Zahnarzt prägte über Jahrzehnte, auch als TV-Experte bei Olympischen Spielen, das Bild des deutschen Eisschnelllaufs und wurde 2011 in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Sportliche Laufbahn Aufstieg bis zum ersten Olympiasieg (bis 1968) Die ersten Schlittschuhe erhielt Keller bereits zu seinem fünften Geburtstag. Verstärkt wurde sein Interesse am Eislaufen aber erst, als die Familie 1954 aus dem schwäbischen Günzburg nach München zog und sich in der Nähe des Prinzregentenstadions niederließ. Einige Jahre späterKeller gibt in seiner Autobiographie (S. 10f.) an, dass die Familie im Dezember 1958 in den Westen der Stadt zog und er wenige Monate später – anlässlich der Eröffnungsfeier des dortigen Eisstadions – die Motivation fand, dem Verein beizutreten. Nach der Munzinger-Biographie gewann Keller im Januar 1961 „nach nur vier Monaten Training“ seinen ersten Wettkampf. Kellers Vereinsbeitritt kann daher auf das Jahr 1959 oder 1960 datiert werden. trat er dem Münchener Eislauf-Verein bei und trainierte fortan regelmäßig. Schnell konnte er Erfolge bei regionalen Meisterschaften feiern und wurde Münchner Meister 1962. Für Olympia 1964 verpasste der zu diesem Zeitpunkt 19-jährige Keller die Qualifikation aber deutlich: Über 500 Meter lief er statt der geforderten 43 Sekunden lediglich eine Zeit von 44 Sekunden; auf den anderen Strecken war er noch deutlich weiter von der internationalen Spitze entfernt.Keller: 74 Schritte zum Ziel. S. 13.

mini|links|Das Eisstadion Inzell Mitte der 1960er Jahre 1965 erregte Keller – mit einer Zeit von 42,9 Sekunden mittlerweile bester deutscher Eissprinter, aber weiterhin nicht in Nähe der internationalen Bestzeiten – die Aufmerksamkeit des Inzeller Sportfunktionärs Ludwig Schwabl, der im gleichen Jahr erster Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft wurde. Schwabl ermöglichte Keller den Umzug nach Inzell, wo der Athlet fortan mit dem DEC Inzell/Frillensee trainierte. Inzell entwickelte sich in den 1960er Jahren zur „Wiege einer deutschen Eisschnelllauf-Generation“Keller: 74 Schritte zum Ziel. S. 16., als deren Betreuer der Norweger Thormod Moum diente. Moum hatte bereits in seinem Heimatland Erfolge als Trainer eingefahren und verfolgte mit der Gruppe um Keller und die erfahreneren Günter Traub und Gerhard Zimmermann ein ambitioniertes, auf sogenannten Imitationsübungen basierendes Programm. Dabei trainierten die Sportler insbesondere die für das Eisschnelllaufen typische Hockstellung intensiv.Keller: 74 Schritte zum Ziel. S. 18f. Die Mannschaft profitierte in starkem Umfang von der neu gebauten, im Dezember 1965 eröffneten 400-Meter-Kunsteisbahn in Inzell. Das ebenflächige Eis dieser Bahn erlaubte wesentlich schnellere Zeiten als die zuvor existierende Natureisbahn: Keller verbesserte den deutschen Rekord bereits beim Eröffnungsrennen auf 41,3 Sekunden. Noch im gleichen Winter trat der 21-Jährige bei internationalen Wettbewerben erstmals gegen die weltweit besten Eisschnellläufer an, darunter den 13 Jahre älteren Russen Jewgeni Grischin, den Keller als Vorbild ansah. Der Deutsche traf Grischin im Januar 1966 im Rahmen der Trofeo Alberto Nicolodi in Madonna di Campiglio, bei der er über 500 Meter den dritten Rang beim Sieg des Russen belegte und über die sonst von ihm seltener gelaufene Mitteldistanz 1500 Meter sogar in Weltjahresbestzeit gewann. In seiner Autobiographie erinnert sich Keller daran, dass Grischin anschließend lobend auf ihn zukam und ihm weitere Trainingshinweise gab, was eine längere Freundschaft der beiden begründete.Keller: 74 Schritte zum Ziel. S. 29f. Ein erster Karrierehöhepunkt war die Teilnahme an der Mehrkampf-WM 1966. Über seine Spezialdistanz 500 Meter belegte Keller dort den dritten Rang, während er auf den anderen Strecken keine Rolle spielte.

In der vorolympischen Saison 1966/67 verbesserte Keller seine Leistungen über 500 Meter erneut und lief in zahlreichen Wettkämpfen auf der Inzeller Heimbahn Zeiten von unter 41 Sekunden. In Madonna di Campiglio zeigte er auch über 1500 Meter ein starkes Rennen und verpasste den von Ard Schenk gehaltenen Weltrekord nur um eine halbe Sekunde. Währenddessen rückten die Olympischen Winterspiele von 1968 stärker in den Fokus der Athleten: Bei den Probewettkämpfen am Olympiaort Grenoble zeigte sich Keller mit den Rahmenbedingungen – Sand und Schmutz auf der Kunsteisbahn – und seiner eigenen Leistung aber unzufrieden. Auch die Weltmeisterschaft 1967 verlief für die deutsche Mannschaft, in die Keller wegen grippebedingter Ausfälle kurzfristig berufen worden warBis einschließlich 1969 fanden Eisschnelllauf-Weltmeisterschaften ausschließlich als Mehrkampfwettbewerbe statt. Das bedeutet, dass alle Athleten Distanzen von 500 bis 5000 Metern laufen mussten (die besten qualifizierten sich für den abschließenden 10.000-Meter-Lauf). Da Keller insbesondere auf den Langdistanzen nicht der nationalen Spitze angehörte, wurde er nicht selbstverständlich für die Titelkämpfe nominiert und erreichte auch im Endergebnis nie ein besseres Ergebnis als den 24. Rang von 1967. Einzelstreckenweltmeister werden erst seit 1996 ermittelt., „wenig ersprießlich“Keller: 74 Schritte zum Ziel. S. 56.; über 500 Meter erreichte der Münchner den unbefriedigenden neunten Rang. Auch wenn Keller zum Ende der Saison in Inzell den Deutschen Rekord erneut auf 40,1 Sekunden verbesserte, zählte er somit ein Jahr vor Olympia nicht zu den unmittelbaren Favoriten auf olympisches Gold.

In der Vorbereitung auf die Spiele in Grenoble gehörte Keller mit weiteren Athleten (etwa dem ebenfalls aus München stammenden Herbert Höfl) dem Spezialsprinterteam an und konzentrierte sich unter Anleitung von Thormod Moum allein auf die 500-Meter-Strecke. Kurz vor dem Jahreswechsel 1967/68 stellte er bei einem internationalen Wettkampf in Inzell den fast fünf Jahre alten Weltrekord von Jewgeni Grischin mit einer Zeit von 39,5 Sekunden ein. Einen Monat später, am 28. Januar 1968, bestätigte er seine Topform, als er – abermals in Inzell – im direkten Duell mit dem Japaner Keiichi Suzuki den Weltrekord um drei Zehntelsekunden verbesserte, wobei er Suzuki, der ebenfalls unter dem alten Weltrekord blieb, nur um eine Zehntelsekunde schlug.

mini|rechts|Keller am Start des olympischen 500-Meter-Rennens 1968 Nach den erfolgreichen Wettbewerben in Inzell gehörte Keller dem Favoritenkreis für die Olympischen Spiele an, wobei nicht vollständig klar war, inwieweit sich die Ergebnisse auf seiner Heimbahn auf die Bahn in Grenoble übertragen ließen.Keller: 74 Schritte zum Ziel. S. 104. Auch Grischin, der zum letzten Mal bei Olympia an den Start ging, sein sowjetischer Teamkollege Muratow, der Japaner Suzuki und das US-amerikanische Team um Titelverteidiger Richard McDermott wurden im Vorfeld als mögliche Anwärter auf die Goldmedaille gehandelt.K.A. Scherer: Acht Rennen – zwanzig Favoriten. In: Sport-Illustrierte Nr. 3, 29. Januar 1968, S. 36–38. Beim Wettkampf am 14. Februar ging der Deutsche in der neunten Paarung des Tages mit dem Kanadier Bob Boucher auf die Strecke, wobei es zu mehreren Fehlstarts kam und Boucher zwischenzeitlich zu stürzen und Keller dabei mitzureißen drohte.Keller: 74 Schritte zum Ziel. S. 180. Die Zeit von 40,3 Sekunden lag zwar mehr als eine Sekunde über dem von Keller zuvor aufgestellten Rekord, reichte aber dennoch für die Goldmedaille, da die anderen Mitfavoriten auf dem schlechter werdenden Eis teilweise deutlich größere Schwierigkeiten hatten. Lediglich McDermott kam im letzten Lauf mit 40,5 Sekunden an die Marke des Deutschen heran und sicherte sich die Silbermedaille. Keller gewann damit als erster deutscher Mann Olympiagold im Eisschnelllauf und war zudem einer von nur zwei westdeutschen Athleten, die in Grenoble siegreich waren: Der (nicht mit ihm verwandte) Nordische Kombinierer Franz Keller wurde am gleichen Tag mit seiner Goldmedaille geehrt wie Erhard Keller. Der Erfolg Kellers trug zur weiteren Popularisierung des Eisschnelllaufes in Deutschland bei, worauf er später zurückblickte: „Durch meinen Olympiasieg verstärkte sich der Boom natürlich noch, und es wurde noch mehr investiert, wodurch es zu noch mehr Zuspruch von jungen Sportlern kam.“ Eisschnellläufer Erhard Keller feiert seinen 75. Geburtstag auf dosb.de. Abgerufen am 19. März 2020.

Weltmeister und erneuter Olympiasieg (1968 bis 1972) mini|links|Keller (Mitte) bei der Siegerehrung über 500 Meter bei den Europameisterschaften 1970 Sechs Wochen nach seinem Olympiasieg in Grenoble stürzte Keller beim Skifahren in St. Moritz und zog sich eine Unterschenkelfraktur zu, einen Splitterbruch des rechten Schienbeins dicht am Fußgelenk. Zunächst gingen die Ärzte wie auch Keller davon aus, dass damit seine Eisschnelllaufkarriere beendet sei. Für mehrere Monate musste er mit einem Gipsverband pausieren und konnte erst spät in die Wettkampfsaison 1968/69 einsteigen.Eberhard H. W. Garbe: Erhard Keller, ein Jahr nach Grenoble: „…ein Spaß, der nichts kostet“. In: Sport-Illustrierte Nr. 5, 3. März 1969, S. 32. Zudem war sein rechtes Bein als Folge des Unfalls leicht verkürzt und nach außen verzogen zusammengewachsen, weswegen er fortan mit nach innen versetzten Kufen unter dem Spezialschlittschuh startete.Ulrich Kaiser: Wenn die Achillessehne hält. In: Die Zeit (26. Februar 1971) Seine 500-Meter-Rekorde verbesserte er weder in diesem noch im darauffolgenden Winter, startete aber dennoch erfolgreich bei mehreren internationalen Rennen. Insbesondere legte er bei den Mehrkampfeuropameisterschaften 1970 in Innsbruck die schnellste Zeit im Sprint hin und gewann über die 500-Meter-Distanz vor den Norwegern Dag Fornæss und Roar Grønvold. Im Februar 1970 fanden erstmals Sprintweltmeisterschaften statt, bei denen die Teilnehmer zwei 500-Meter- und zwei 1000-Meter-Wettkämpfe bestritten und die Addition der Zeiten zur Kür des Sprintweltmeisters führte. Vor allem die Stärke Kellers auf den kurzen Distanzen hatte die deutschen Funktionäre zu großen Befürwortern eines solchen Wettbewerbs gemachtEberhard H. W. Garbe: Christine und Erhard Keller zwischen Stadion und Studium: Glück auf dem Eis. In: Sport-Illustrierte Nr. 4, 16. Februar 1971, S. 24–29. und Keller galt als oberster Titelanwärter. Bei der Erstaustragung im US-amerikanischen West Allis zeigte er aber Rückstand auf die Weltspitze: Der Schwede Hasse Börjes – drei Jahre jünger als der Deutsche – entschied beide 500-Meter-Rennen für sich, insgesamt triumphierte der Russe Waleri Muratow, während Keller letztlich Rang sechs belegte, was Beobachter später als „seine größte Niederlage“ bezeichneten. Auch von den Zeiten her stagnierte Keller bei seinem persönlichen Rekord von 39,2 Sekunden, den 1970 mehrere Sportler deutlich unterboten. Insbesondere Börjes tat sich dabei hervor und lief zum Saisonende in Inzell eine neue Weltbestzeit von 38,46 Sekunden.