mini|hochkant|Carl Ferdinand von Stumm-Halberg (etwa 1860)
Carl Ferdinand Stumm (ab 1888 Freiherr von Stumm-Halberg; auch Karl-Ferdinand; * 30. März 1836 in Saarbrücken; † 8. März 1901 auf Schloss Halberg) war ein preußischer Montanindustrieller und freikonservativer Politiker. Als Geheimer Kommerzienrat, Freiherr, Abgeordneter im preußischen Abgeordnetenhaus, Reichstagsabgeordneter und Gründungsvorsitzender der Deutschen Reichspartei (Freikonservative Partei) war er einer der einflussreichsten Männer PreußensHans-Joachim Kühn: Stumm als patriarchaler Unternehmer. In: Freiheit – Brot – Gerechtigkeit. Die Arbeiterbewegung an der Saar. Ausstellungstafeln der gleichnamigen Ausstellung der Stiftung Demokratie Saarland, S. 18; und eine der reichsten Personen des Deutschen Reiches.Ralf Banken: Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg. Ein erfolgreicher Unternehmer? In: Bewegen, Verbinden, Gestalten. Unternehmer vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Festschrift für Klara van Eyll zum 28. September 2003. Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Köln 2003, ISBN 3-933025-39-7, S. 251–264, hier S. 252 (Schriften zur rheinisch-westfälischen Wirtschaftsgeschichte, Band 44).
Leben und Werk
Ausbildung und Familie Carl Ferdinand Stumm wurde im PalaisPalais Lüder, heute Staatskanzlei des Saarlandes, linkes Barockgebäude neben dem modernen Eingangsgebäude seines Großvaters Friedrich Philipp Stumm (1751–1835) am Saarbrücker Ludwigsplatz geboren.Historischer Verein der Stadt Neunkirchen. dufner-genealogie.de; abgerufen am 12. August 2023. Er trat mit 22 Jahren, am 1. April 1858, in die Firma Gebrüder Stumm ein und übernahm die Werksleitung des Neunkircher Eisenwerkes. Er trat damit in die Fußstapfen seines durch Freitod verstorbenen Vaters Carl Friedrich Stumm (1798–1848), der das Unternehmen seit 1835 als Alleininhaber geführt hatte. Stumm entstammte der Industriellenfamilie Stumm, die am 22. März 1806 die Neunkircher Hütte und Anteile an weiteren Eisenhütten im Saarrevier gekauft hatte. 1848 hatte zunächst Carl Ferdinands Onkel Carl Böcking die Leitung der Eisenwerke übernommen, so dass der Jüngling seine Ausbildung abschließen konnte: Nach dem Besuch der Realschule in Mainz und der renommierten technischen Oberrealschule in Siegen, wo er mit 16 Jahren das Abitur ablegte, absolvierte er von 1852 bis 1854 Praktika im Neunkircher Werk und auf der Sayner Hütte, besuchte danach alle größeren Eisenwerke am Niederrhein und in Westfalen, leistete seine einjährig-freiwillige Militärdienstzeit im Garde-Dragoner-Regiment und studierte bis 1858 in Bonn und Berlin Rechtswissenschaft, Staatswissenschaften und Eisenhüttenkunde. Seit 1857 war er Mitglied des Corps Guestphalia Bonn.Kösener Korpslisten 1798 bis 1910, Hrsg. Karl Rügemer, Verlag der Academischen Monatshefte, Druck Carl Gerber München, Starnberg 1910, 21 (Corps)/490. Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025, ISBN 978-3-8471-1871-8, S. 205 f., 276.
Carl Ferdinand heiratete am 31. Mai 1860 in Asbacherhütte seine Cousine 2. Grades Ida Charlotte Böcking (1839–1918), die aus einer mit den Stumms verschwägerten Industriellendynastie stammte und die Enkelin des früheren preußischen Bergrats und Saarbrücker Bürgermeisters Heinrich Böcking war. Geneanet.org; abgerufen am 30. Januar 2015. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, u. a. Tochter Bertha, die in zweiter Ehe mit Adalbert von Francken-Sierstorpff verheiratet war. Doch fand sich unter ihnen kein Nachfolger für die Leitung des Unternehmens nach seinem Tod, auch nicht unter den Schwiegersöhnen.Bertha Gräfin Sierstorpff: Zum Geleit. in: Fritz Hellwig: Carl Freiherr von Stumm-Halberg. Westmark-Verlag, Heidelberg / Saarbrücken 1936, S. VIII. Er nahm am Krieg von 1870/71 als Offizier teil, war Rittmeister der preußischen Landwehr und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
Carl Ferdinand und Ida hatte einen Sohn und vier Töchter: Ida Louise Henriette (* 5. April 1861; † 22. Februar 1916) ⚭ Conrad von Schubert (1847–1924) Elisabeth Maria (* 12. Mai 1863; † 22. Februar 1911) ⚭ Willi Braun († 1900) Helene Karoline (* 17. November 1865; † 13. Mai 1933) ⚭ Waldemar Anno von Heimburg (1860–1922) Rudolf Karl Heinrich (* 24. April 1874; † 23. März 1875) Bertha (* 22. Februar 1876; † 30. Januar 1949) ⚭ (1) Hellmuth Freiherr Lucius von Stoedten (1869–1934); (2) Adalbert Graf von Francken-Sierstorpff (1856–1922)
Unternehmen Das Fischbacher und das Halberger Werk wurden 1860 verkauft und die Produktion in Neunkirchen konzentriert. Um diese Zeit wurden in Neunkirchen 10.000 t Roheisen erblasen und 26.000 t verarbeitet, 1/33 des deutschen Jahresverbrauchs. Unter Carl Ferdinand, der seit dem Ausscheiden Carl Böckings 1871 das Familienunternehmen bis zu seinem Tod 1901 alleine führte, stieg das Unternehmen Gebrüder Stumm zu einem Marktführer der eisenschaffenden Industrie auf. 1891 wurde eine neue Hochofenanlage bei Ueckingen in Betrieb genommen, die Neunkirchen an Roheisenerzeugung übertraf (1901 in Neunkirchen 107.000 t, in Ueckingen 157.000 t). Die Hütte beschäftigte in Neunkirchen im Jahr 1861 1200 Arbeiter mit 3000 Angehörigen und im Jahr 1900 4.219 Arbeiter mit 10.716 Angehörigen. 1900 kam der Haushaltsausschuss des Reichstages zu der Erkenntnis, dass Krupp und Stumm als die beiden einzigen Produzenten von Panzerplatten Preisabsprachen getroffen hatten. Das auf 16 Jahre verteilten Ausgaben des Reiches für Panzerplatten beliefen sich demnach auf 260 Millionen Mark. Bei Krupp und Stumm wären von diesen Ausgaben 130 Millionen Mark als Reingewinn verblieben.Harold James: Krupp. Deutsche Legende und globales Unternehmen, Beck, München 2011, S. 121, ISBN 978-3-406-62414-8. Von 1886 bis 1901 war er Präsident der Industrie- und Handelskammer des Saarlandes.
Da Carl Ferdinand Stumm keinen männlichen Nachkommen hatte, konnte die Familientradition, das Unternehmen nur an einen Sohn weiterzugeben, nicht fortgesetzt werden. Nach Stumms Tod traten zwar am 4. April 1901 der kaufmännische Leiter Theodor Zilliken und der technische Leiter Fritz Horn vorübergehend als persönlich haftende Gesellschafter in das Unternehmen ein, jedoch war keiner der Miteigentümer in der Lage, diese Rolle auf Dauer zu übernehmen. Damit war die Fortführung als Kommanditgesellschaft unmöglich. Am 31. März 1903 wurde das Unternehmen in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt und firmierte fortan als Gebr. Stumm GmbH. Zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats wurde Carl Ferdinands Bruder, Botschafter a. D. Wirklicher Geheimer Rat Ferdinand Eduard von Stumm berufen. Die Erben von Carl Ferdinand wurden durch seinen ältesten Schwiegersohn Generalleutnant Conrad von Schubert vertreten, der stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats wurde.
Politik mini|hochkant|Carl Ferdinand von Stumm-Halberg
Stumm engagierte sich maßgeblich von einem autoritär-patriarchalischen Standpunkt aus in sozialen Fragen sowohl als Industrieller wie auch später als Politiker. Er war Mitbegründer der 1867 gegründeten Freikonservativen Partei. Er erhielt 1867 ein Abgeordnetenmandat im Reichstag des Norddeutschen Bundes und im Preußischen Abgeordnetenhaus. Von 1871 bis 1881 war er Abgeordneter des Deutschen Reichstages für den Wahlkreis Trier 6 (Ottweiler – St. Wendel – Meisenheim),Fritz Specht, Paul Schwabe: Die Reichstagswahlen von 1867 bis 1903. Eine Statistik der Reichstagswahlen nebst den Programmen der Parteien und einem Verzeichnis der gewählten Abgeordneten. 2. Auflage. Verlag Carl Heymann, Berlin 1904, S. 180 A. Phillips (Hrsg.): Die Reichstagswahlen von 1867 bis 1883. Statistik der Wahlen zum Konstituierenden und Norddeutschen Reichstage, zum Zollparlament, sowie zu den fünf ersten Legislatur-Perioden des Deutschen Reichstages. Verlag Louis Gerschel, Berlin 1883, S. 112. wozu er auf seinen Sitz im preußischen Abgeordnetenhaus verzichtete. Hier wirkte er im Wesentlichen bei der Gestaltung der Wirtschafts- und Sozialpolitik des Kaiserreiches mit. Im Reichstag bekämpfte er die Bismarcksche Sozialgesetzgebung und unterstützte zugleich den Kampf gegen die Sozialdemokratie. 1895 war von Stumm-Halberg treibende Kraft der Umsturzvorlage und 1899 der Zuchthausvorlage.Stumm-Halberg, Karl Freiherr (seit 1888) von. In: Wilhelm Kosch: Biographisches Staatshandbuch. Lexikon der Politik, Presse und Publizistik. Fortgeführt von Eugen Kuri. Zweiter Band. Francke Verlag, Bern / München 1963, S. 1140. Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg. In: Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsbiographien, 1974, 2, S. 306–328 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission Westfalens. 17,B,1). Er führte auch eine aggressive Auseinandersetzung mit den sogenannten Kathedersozialisten.Adolph Wagner: Mein Konflikt mit dem Grossindustriellen und Reichstagsabgeordneten Freiherrn v. Stumm-Halberg. Eine Streitschrift zur Abwehr von Angriffen, Beleidigungen und Verdächtigungen. Aufsätze aus der „Zukunft“ mit einem Nachwort. O. Häring, Berlin 1895; Über die Stumm’sche Herrenhaus-Rede gegen die Kathedersozialisten. Schreiben an den Geh. Justizrath Dr. Hinschius von den Professoren Delbrück, v. Schmoller, [Adolph] Wagner. (Anhang. Die Rede des Herrn Freiherrn von Stumm-Halberg). Georg Stilke, Berlin 1897; digitale-sammlungen.de Die Herrenhaus-Junker und die Arbeiter. Reden gehalten von von Puttkamer und von Stumm in der Sitzung des Preußischen Herrenhauses am 24. Juli 1897. Nach dem stenographischen Bericht. Buchhandlung des Vorwärts (Th. Glocke in Berlin), Berlin 1897; digitale-sammlungen.de 1882 wurde er ins Preußische Herrenhaus berufen, nachdem er 1881 nicht wieder für den Reichstag kandidiert hatte.
In der Wirtschaftspolitik trat er für Schutzzölle im Interesse des eigenen Unternehmens ein. Er verfolgte eigennützig den Bau eines Kanals von der Saar zum Rhein über Neunkirchen (Saar-Pfalz-Kanal), um seinem Unternehmen eine bessere Verkehrsanbindung zu verschaffen. Zugleich versuchte er, den geplanten Ausbau der Saar zu verhindern, da davon die konkurrierende Völklinger Hütte der Familie Röchling profitiert hätte. Stumm war ein überzeugter Vertreter eines Obrigkeitsstaates und konservativen Paternalismus, was sich im Führungsstil des Stahlwerkes deutlich ausdrückte. Das Mildern der sozialen Probleme seiner Arbeiterschaft (beispielsweise Bau eines Krankenhauses und einer Kirche aus privaten Mitteln in Brebach) war Mittel zum Zweck, um sie ruhig und produktiv zu halten. Er gewährte soziale Versorgung und verlangte dafür unbedingten Gehorsam. Dies führte so weit, dass seine Arbeiter ihn vor einer Heirat um Erlaubnis fragen mussten. In seinem Herrschaftskreis gestattete er Arbeitern weder Raum für Eigeninitiativen, noch Möglichkeiten für politische oder gewerkschaftliche Tätigkeiten.Helga Grebing: Arbeiterbewegung. Sozialer Protest und kollektive Interessenvertretung bis 1914. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1985, S. 70, ISBN 3-423-04507-8. Wie Alfred Krupp gilt auch Stumm-Halberg als „militante[r] Vertreter des ‚Herr-im-Hause‘-Standpunktes“.Helga Grebing: Arbeiterbewegung. Sozialer Protest und kollektive Interessenvertretung bis 1914. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1985, S. 69, ISBN 3-423-04507-8.