mini|Abendliche Szene im Tiergarten, Nähe Pulverstampftor Der Lainzer Tiergarten ist ein öffentlich zugängliches Naturschutzgebiet in Wien und zum Teil auch in Niederösterreich, das von der Magistratsabteilung 49 – Forstamt und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien verwaltet und betreut wird. Er ist ein Tiergarten im Sinne eines weitläufigen Waldgebietes mit reichem, innerhalb des Gartens frei lebendem Wildbestand. Als dieses Schutzgebiet ist es auch Bestandteil des Biosphärenparks Wienerwald. Der Lainzer Tiergarten liegt größtenteils im Westen Wiens, ein kleiner Teil liegt in der niederösterreichischen Gemeinde Laab im Walde.

Geographie Der Lainzer Tiergarten, benannt nach dem östlich anrainenden Ort Lainz, befindet sich wie dieser größtenteils in Hietzing, dem 13. Gemeindebezirk im Westen Wiens, in der Katastralgemeinde Auhof. Das ummauerte Areal fällt nördlich zum Wiental mit dem Auhof und der West Autobahn ab, grenzt nördlich und östlich an städtisches Siedlungsgebiet sowie westlich und südlich an Wald in Niederösterreich und Wien bis vor Laab, südlich auch an das Liesingbachtal.

Mit den angrenzenden Wäldern zählt der Tiergarten zum nördlichen Teil des Wienerwaldes. Er liegt am Ostrand der Alpen, an dem im Miozän eine Meeresküste lag. Dort wurden auch Hinweise auf die Tätigkeit eines kleinen Vulkans gefunden, die wissenschaftlich publiziert wurden.Josef Stiny, Friedrich Trauth: Der Baugrund des neuen Wasserbehälters im Lainzer Tiergarten. In: Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt. Band 88, Wien 1938, S. 35–48 (PDF) Vulkanische Gesteine (Pikrite, Tuffe) wurden mehrfach gefunden. An den Gesteinen wurden Bohrlöcher von Meermuscheln beobachtet.Ein erloschener Vulkan vor den Toren Wiens. In: Reichspost. Nr. 307, 7. November 1937, S. 9. (anno.onb.ac.at)Heinrich Küpper: Zur Kenntnis des Alpenabbruches am Westrand des Wiener Beckens. In: Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt. 94. Band, Teil 1, Wien 1951, S. 41–92. (opac.geologie.ac.at, PDF)

Die Gesamtfläche des Lainzer Tiergartens beträgt aktuell 2450 Hektar, wovon 2360 ha auf Wiener Stadtgebiet liegen. 1945 Hektar sind Waldfläche. Die Umfassungsmauer des Lainzer Tiergartens ist zirka 22 Kilometer lang.

Zugang Der Eintritt in den Tiergarten ist nur durch je nach Jahreszeit zu unterschiedlichen Zeiten geöffnete Tore möglich (im Gegenuhrzeigersinn):

Name Himmels-richtung Lage ÖPNV-Anbindung Anmerkungen Lainzer Tor Ost 13. Bezirk, Hermesstraße Haltestelle Lainzer Tor (Buslinie 56B) mit Besucherzentrum und naher Hermesvilla quasi das „Haupttor“ des Tiergartens, ganzjährig geöffnet Sankt Veiter Tor Ost 13. Bezirk, Bezirksteil Ober-Sankt-Veit, Hanschweg Haltestelle St.-Veiter Tor (Buslinie 54B) früher ugs. SauzagltürlDer Fuchs vom Sauzagltürl am 31. Mai 2012, abgerufen am 4. Jänner 2014. Nikolaitor Nordost 13. Bezirk, Bezirksteil Hacking, Nikolausgasse/Himmelhofgasse Bahnhof Wien Hütteldorf (U4 und S-Bahn, 800 Meter Fußweg) bei der Nikolaikapelle Pulverstampftor Nord 14. Bezirk, Hofjagdstraße, beim Auhof Haltestelle Auhof Umspannwerk (Buslinie 50B), Haltestelle Wien Wolf in der Au (S-Bahn-Linie S50, 600 Meter Fußweg) Laaber Tor Südwest Laab im Walde (NÖ), Tiergartenstraße Haltestelle Laab Tiergartenstraße (Buslinie 253, ca. ein Kilometer Fußweg) besteht seit der Erweiterung des Tiergartens 1960 Gütenbachtor Süd 23. Bezirk, Bezirksteil Kalksburg, Gütenbachstraße Haltestelle Kalksburg, Lodererweg (Buslinien 250 und 253, ca. 2,5 Kilometer Fußweg)

Tierbestand mini|Penzinger Wiese im Lainzer Tiergarten

Der Lainzer Tiergarten zeichnete sich seit jeher durch Wildreichtum aus (in der Nachkriegszeit stark dezimiert). Rothirsch, Damhirsch, Reh, Mufflon und das Wildschwein gehören zu den vielen dort heimischen großen Wildtierarten.

Von den 29 in Österreich heimischen Fledermausarten (22 in Wien) beherbergt alleine der Lainzer Tiergarten 18.

Der gesamte Lainzer Tiergarten ist ein ausgewiesenes Natura 2000-Naturschutzgebiet und beherbergt einige der ältesten Buchen und Eichen im Wienerwald. Stammumfänge von bis zu vier Meter sind zu finden. Die meisten dieser alten Bäume findet man am Johannser Kogel. Aufgrund des hohen Wildbestands im Park findet man sehr viele Viehlägerbiotope, welche sonst auf dieser Seehöhe selten sind.

Im Bereich zwischen Lainzer Tor und Hermesvilla befinden sich Wildgatter und ein Arboretum, in dem viele der heimischen Holzgewächse gezeigt werden.

Der Lainzer Tiergarten ist als einzelnes auch als Europaschutzgebiet ausgewiesen. auf Lebensregion – Biosphärenpark Wienerwald.

Geschichte mini|Luftbild des Lainzer Tiergartens von Süden, im Hintergrund Wien (2009) Jagdrevier der Monarchie Die ersten Besiedlungen auf dem Areal des Lainzer Tiergarten gehen auf die Römerzeit zurück. Im Zuge von archäologischen Ausgrabungen wurden Keramikbruchstücke, die auf das 2. Jahrhundert n. Chr. datiert wurden, gefunden. Weitere Funde wurden dem späten 11. bis 13. Jahrhundert zugeordnet. Der Wienerwald wurde schon im 11. Jahrhundert von den Babenbergern als Jagdgebiet genutzt.

Kaiser Ferdinand I. kaufte den Auhof mit angrenzenden Waldungen, ließ 1561 um das Gebiet einen Holzzaun bauen und machte es zum kaiserlichen Jagdrevier (das es bis 1918 blieb). Der ursprüngliche Zaun umschloss dabei nur einen kleinen Bereich des heutigen Areals und erforderte immer wieder intensive Reparaturmaßnahmen.

Gründe für den Zaunbau waren die durch die unmittelbare räumliche Nähe zu besiedeltem Gebiet auftretenden Probleme des Verbisses, des Wildwechsels und der Nahrungssuche auf Äckern und Wiesen sowie die massiven Flurschäden auf den Agrarflächen der Umgebung. Zudem waren auch der Schutz der Weingärten und die Trennung der Interessenssphären der Jagd und der Agrar- und Weinwirtschaft ein Anliegen.

Zur Zeit Kaiser Karls VI. beschreibt eine zeitgenössische Publikation den Tiergarten als „vornehmsten Wildpark Europas“. Das Jagdgebiet im Wienerwald wies schon im 18. Jahrhundert eine gemessen an der natürlichen Population überdurchschnittlich hohe Wilddichte auf.

Zunehmende Wildschäden in den Weinbergen führten zum Patent Kaiserin Maria Theresias als Erzherzogin von Österreich vom 25. August 1770, in welchem sie die Haltung von Schwarzwild nur mehr in geschlossenen Tiergärten erlaubte. Die ersten Pläne für eine dauerhafte Einfriedung sind auf den 10. Oktober 1770 datiert.

mini|Das Gebiet des „Thier Garten“ um 1790, noch nicht in der späteren Ausdehnung (Mitte rechts, Einfriedung schwarz punktiert, Josephinische Landesaufnahme) Unter Kaiser Joseph II. wurde anstelle des Holzzauns eine Mauer geplant, welche ein viel größeres Gebiet umfassen sollte. Mit der Errichtung der 24,2 km langen Steinmauer wurde Baumeister Philipp Schlucker beauftragt, der weit günstiger als die etablierte Konkurrenz angeboten hatte. Obwohl er die Mauer zwischen 1782 und 1787 planmäßig fertigstellte, wurde er von der unterlegenen Konkurrenz diskreditiert und unzutreffend von seinem baldigen Ruin berichtet, wovon manche im Raum Wien den Ausspruch „Armer Schlucker“ ableiten wollen. Ein Teil der originalen Schlucker-Mauer ist direkt neben dem Pulverstampftor erhalten geblieben.

mini|Der Westen des Tiergartens (rechts) mit dem damaligen Jagdhaus „Hirschgestäm“ und dem (alten) Verlauf der Tiergartenmauer beim „Diana-Thor“ (1872) Das im Zuge der Märzrevolution von 1848 beseitigte Rechtsinstitut der Grundherrschaft (Hans Kudlichs so genannte Bauernbefreiung) führte zu diversen Besitzstreitigkeiten. Der jahrhundertelang in kaiserlichem Privatbesitz gestandene Saugarten, der erst später die Bezeichnung Tiergarten erhielt, ging am 26. August 1855 auf Entscheid Franz Josephs I. in hofärarisches Eigentum (Staatsbesitz, der dem Monarchen zur Nutzung vorbehalten blieb) über. Das Gebiet wurde weiterhin fast nur zu Hofjagden der kaiserlichen Familie und ihrer Gäste genutzt.

mini|Hermesvilla (2017) 1882–1886 ließ Franz Joseph I. im stadtnäheren, östlichen Teil des Tiergartens die Hermesvilla als Refugium für Kaiserin Elisabeth errichten. Der zur damaligen Zeit, auch auf Grund von Franz Josephs geringer gewordener Jagdlust, weniger zum eigentlichen Zweck verwendete Tiergarten wurde so erstmals anders genutzt. Der Hermesvillapark ist ein bis heute bestehendes, völlig vom Menschen bepflanztes, planiertes und gepflegtes Areal, das sich in der botanischen wie zoologischen Ausstattung stark von der Umgebung unterscheidet. Die Nutzungskonflikte nach diesem Eingriff in ein nahezu unbebautes Gebiet blieben nicht aus. So beklagten sich die Jäger über Wilderei und bezichtigten die Bauarbeiter der Brandstiftung; die jagd- und forstwirtschaftlichen Arbeiten ruhten während des Aufenthalts der Kaiserin im Tiergarten.Joh. Georg Mößle: Sammlung aller k. k. Verordnungen und Gesetze vom Jahre 1740. bis 1780., die unter der Regierung des Kaiser Josephs des II. theils noch ganz bestehend, theils zum Theile abgeändert sind, als ein Hilfs- und Ergänzungsbuch zu dem Handbuch aller unter der Regierung des Kaisers Joseph des II. für die k. k. Erbländer ergangenen Verordnungen und Gesetze in einer chronologischen Ordnung. Band 6, Wien 1786, S. 273–275 (ÖNB)

Erste Republik und Ständestaat Nach dem Zerfall der Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs, 1918, und damit dem Ende des kaiserlichen Jagdreviers kam es im Tiergarten zu Wilderei und Holzakquisitionen, gegen die die verbliebenen Jäger und Förster vorgingen, allerdings ohne merklichen Erfolg. Auf Grund des Fehlens der Kohlelieferungen aus dem Ausland war das Sammeln von „Klaubholz“ eingeschränkt gestattet worden. Das illegale Holzsammeln und -fällen musste mittels Gewalteinsatz der Jagd- und Forstbeamten eingedämmt werden. Auch Baumaterial sowie die Straßenbeleuchtung wurde entwendet.

Eigentümer des Areals war nun der deutschösterreichische Staat bzw. die Republik Österreich. Sie übertrug den Lainzer Tiergarten, wie viele andere ehemalige hofärarische Besitztümer, am 18. Dezember 1919 an den Kriegsgeschädigtenfonds (K.G.F.). Diskutierte Nutzungsänderungen des Tiergartens – so sollte der Wildbestand auf ein kleines Gehege beschränkt und der Rest des Waldes an Bauern verpachtet werden, um dem Defizit des Tiergartens entgegenzuwirken – kamen nicht zu Stande. Auch eine land- und forstwirtschaftliche Nutzung nach Abschuss des Wildbestandes wurde überlegt. Die größte Bedrohung für das heutige Naturschutzgebiet ging von verschiedenen Bebauungsplänen aus, die nur zu einem kleinen Teil realisiert wurden: Im stadtnächsten Teil des Areals, an der Hermesstraße, wurde die Siedlung Friedensstadt errichtet. (Ecke Hermesstraße / Linienamtsgasse befindet sich bis heute das einstige Pförtnerhaus des Tiergartens.) Dass der Tiergarten als solcher weiter bestehen blieb, lag am Fuß fassenden Naturschutz, der das Ökosystem Lainzer Tiergarten als schützenswert erachtete.

1919 wurde der Tiergarten für die Öffentlichkeit zeitweilig zugänglich gemacht. Die Schließzeiten sorgten für Unverständnis. Obwohl die Anlage nur für die Dauer der Brunft geschlossen war, fühlten sich die Bürger ungerecht behandelt und forderten die völlige Öffnung. Das ehemalige Jagdgebiet wandelte sich langsam zum öffentlichen Park mit der Möglichkeit zur Tierbeobachtung. Müllprobleme und die Forderung nach einer Gastwirtschaft auf dem Gelände führten zu einem intensiven Streit zwischen Naturschützern und Befürwortern der Kommerzialisierung. Dieser endete 1925 in einer halbherzigen Erweiterung der „allgemeinen Forstbeschreibung im Forsteinrichtungswerk“. Schonzeiten für Wildtiere wurden eingeführt und Flora und Fauna allgemein besser geschützt.