mini|Das Perserreich um 400 v. Chr. mit Mysien im Nordwesten von Kleinasien Mysien () ist der Name einer historischen Landschaft im Nordwesten des antiken Kleinasien. Mysien war weder landschaftlich noch ökonomisch, administrativ oder politisch eine Einheit.

Im Norden grenzt Mysien an den Hellespont und die Propontis; im Osten bilden der Fluss Rhyndakos und das Gebirgsmassiv des mysisch-bithynischen Olymps (Uludağ) die Grenze gegen Bithynien. Im Westen bildet der Aisepos die Grenze zur Troas hin, wobei diese Landschaft häufig noch zu Mysien gerechnet wird. Weiterhin bilden die Ägäis und der Golf von Adramyttion die West- und Südwestgrenze. Die Grenze im Süden und Südosten ist schwieriger zu definieren, Mysien grenzte hier an Phrygien, Lydien und die Aiolis.

Charakterisierung und Bedeutung Als Mysien werden seit der Antike in ihren Grenzen differierende Gebiete des nordwestlichen Kleinasien bezeichnet. Man begegnet dem Begriff in der griechischen Mythologie, während des Perserreichs, unter Alexander dem Großen, während hellenistischer und römischer Zeit bis in die Spätantike.

Strabon schreibt, dass die Landschaftsgrenzen gegenüber Phrygien im Osten schwer zu ziehen seien. Die Ursache liege darin, dass Einwanderer das Land nicht in festen Besitz genommen, sondern andere vertrieben hätten oder selbst wieder vertrieben worden wären.Strabon 12,4. Diese Charakterisierung von unbestimmten Grenzen und Strukturen zieht sich durch die Geschichte von Mysien, das keiner politischen oder administrativen Struktur den Namen gab, gleichwohl ein hypothetisches und von den Mithridaten beherrschtes Königreich Mysien für die Zeit des Perserreichs angenommen wurde.A. Brian Bosworth, Pat V. Wheatley: The origins of the Pontic House. In: The Journal of Hellenic Studies. Band 118, 1998, S. 155–164, hier S. 156. Der antiken Wahrnehmung war Mysien dem Charakter nach ein Durchzugsland sowohl in der Mythologie als auch in historischer Zeit.

In der Argonautensage segelten die Helden nach Kyzikos und Kios auf der Suche nach dem Goldenen Vlies. Die Perserkönige Dareios I. und Xerxes I. zogen in den Kriegen gegen die Griechen durch Mysien, und Xenophon führte den „Zug der 10 000“ durch die Landschaft in das mysische Pergamon. In Mysien schlug Alexander der Große 334 v. Chr. seine erste Schlacht gegen das Persische Reich am Granikos. Nach Pergamon verlegte Mithridates VI. sein Hauptquartier während der Mithridatischen Kriege. Als Durchgangsgebiet verfügte Mysien von der persischen Zeit bis in die Spätantike über bedeutende Straßen, die Europa mit dem inneren Anatolien sowie der Schwarzmeerküste verbanden und auf dem Balkan ihren Gegenpart fanden.

Geographie

Strabon teilte Mysien in ein „Mysia Olympene“ und „Mysia Pergamene“ und Claudius Ptolemäus sprach von einem Klein- und Großmysien. Die Landschaft war gebirgig und waldreich mit wasserreichen Ebenen und Sümpfen, die gegen das Meer zunahmen.Karl Friedrich Merleker: Historisch–politische Geographie oder Allgemeine Länder– und Völkerkunde. In 4 Bänden. Darmstadt 1841. Bd. 4, S. 306.

Bekanntestes Gebirge der Region ist das Ida-Gebirge, ein „großes und vielarmiges“ Gebirge, von dem viele Flüsse entspringen. Seinen Namen hat es sehr wahrscheinlich vom griechischen ἴδω (=ἒδω), das sehen bedeutet und auf seine Höhe hindeutet. Ein weiterer Berg ist der Uludağ, der mit dem Berg gleichgesetzt wird, von dem aus der griechischen Sage nach die Götter den Trojanischen Krieg verfolgten. Ein weiterer erwähnenswerter Gipfel ist der Alexandreia, der von StrabonStrabon 13,606. und Claudius PtolemäusClaudius Ptolemäus 5,2,5. aufgeführt wird. Der Berg ist über Antandros angesiedelt und wurde berühmt durch Paris, der dort die Schönste der Göttinnen auswählte.

Das Gebiet Abarnias im Norden von Mysien wurde nach der griechischen Mythologie von Orpheus in der Argonautensage besungen.Orpheus, Argonautika 489. Es ist bei XenophonXenophon, Hellenica 2,2,29. und Stephanos von Byzanz erwähnt. Angeblich soll es seinen Namen von einem Abarnis, einem der Gründer von Lampsakos, erhalten haben und von Phoker bewohnt worden sein. Ebenfalls im Norden lag Abrettene, das von StrabonStrabon 12,574; 12,576. und Plinius dem ÄlterenPlinius der Ältere, Naturalis historia 5,123. erwähnt ist. Das Gebiet soll nach Stephanos von Byzanz seinen Namen von der Nymphe Brettia erhalten haben. Atarneus ist ein von HerodotHerodot 6,28. und XenophonXenophon, Hellenica 3,2,11. überlieferter getreidereicher Landstrich an der Küste von Äolien gegenüber von Lesbos. Die Region wird manchmal auch zu Lydien gerechnet. Weitere bekannte Gebiete sind Bebrykia, Teuthrania und Troas.

Flüsse Viele Flüsse von Mysien waren über weite Strecken mit Schiffen befahrbar und stellten damit wichtige Verkehrswege zur Verfügung, die den Charakter der Landschaft als Durchgangs- und Brückenland unterstrichen.

Antiker Name Heutiger Name Beschreibung Aisepos Gönen Çayı Wird von Homer,Homer, Ilias 2,825; 4,91; 12,21. Hesiod,Hesiod. Theogonie 342. Strabon,Strabon 12,564; 12,583; 12,585; 12,595. Claudius Ptolemaeus,Claudius Ptolemaeus 5,2,2. AppianAppian, Mithridatius 76. und Plinius dem ÄlterenPlinius der Ältere, Naturalis historia 5,141. überliefert. Entspringt auf dem Berg Kotylos des Ida-Gebirges. Astron Nach Plinius dem ÄlterenPlinius der Ältere, Naturalis historia 5,122. ein auf dem Ida-Gebirge entspringender Fluss. Euenos Granikos Biga Çayı Von Homer als Fluss vom Ida-Gebirge überliefert.Homer, Ilias 12,21 334 v. Chr. fand zwischen Alexander dem Großen und dem Perserreich die Schlacht am Granikos statt. Heptaporos Von Homer als Fluss vom Ida-Gebirge überliefert. Kaïkos Bakırçay Von Homer als Fluss vom Ida-Gebirge überliefert. Karesos Von Homer als Fluss vom Ida-Gebirge überliefert. Kebren Ein kleiner Fluss in der Troas, an dem die Städte Kebren und Palaiskapsis lagen. Der Fluss wird von Strabon,Strabon 13,606. Herodian und Stephanos von Byzanz überliefert. Keteios Kestel Çay Nach Plinius dem ÄlterenPlinius der Ältere, Naturalis historia 5,126. der Name eines Bachs, der am Burgberg vorbei durch Pergamon floss. StrabonStrabon 13,616. bezeichnet in als mittelbaren Zufluss des Kaïkos. Makestos Simav Çayı Von Strabon, Plinius dem Älteren und Polybios überliefert. Attalos I. lagerte 219 oder 218 v. Chr. am Fluss nördlich des Pelekas-Gebirges mit den galatischen Aigosagen auf seinem Zug gegen Achaios, wo er einer Mondfinsternis teilhaft wurde, welche zur Meuterei der galatischen Söldner führte.Polybios 5,78,1. Zur Diskussion des Datums vgl. Franz Boll: Finsternisse. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band VI,2, Stuttgart 1909, Sp. 2329–2364, hier Sp. 2357; und Felix Stähelin: Geschichte der kleinasiatischen Galater, 2. Auflage, Leipzig 1907, S. 34 f. (Digitalisat). Paisos Pythikos Güzelhisar Çayı Zwischen Myrina und Aigai gelegen. Auf Münzen des 4. Jahrhunderts v. Chr. Tisnaios, auf Münzen der römischen Kaiserzeit Titnaios genannt.Friedrich Imhoof-Blumer: Fluss- und Meergötter auf griechischen und römischen Münzen: Personifikationen der Gewässer. In: Schweizerische Numismatische Rundschau. Band 23, 1923, S. 173–421, hier S. 225 f.(doi:10.5169/seals-173041#220). Von Pseudo-SkylaxPseudo-Skylax 37. überliefert. Rhesos Von Homer als Fluss vom Ida-Gebirge überliefert. Rhodios Koca Çay Von Homer als Fluss in der Troas überliefert.Homer, Ilias 12,20. Strabon berichtet, er entspringe im Ida-Gebirge und münde zwischen Abydos und Dardanos in den Hellespont.Strabon 13,1,28. Er erzählt ebenfalls, dass im Quellgebiet die beiden Städtchen Gordos und Kleandreia lagen.Strabon 13,1,44. Aus der römischen Zeit stammen Münzen mit der Darstellung des Flussgotts Rhodios.Dänisches Nationalmuseum, Troas, Nr. 310; Ein Scholion zu Homer nennt ihn Dardanos.Scholion zu Homer, Ilias 12,20; vgl. Rhyndakos Adırnaz Çayı Wird von Pseudo-Skylax,Pseudo-Skylax 35. Plinius dem Älteren,Plinius dem Älteren, Naturalis historia 5,40. Pomponius MelaPomponius Mela 1.19. und StrabonStrabon 12,576. überliefert. Mithridates VI. wurde am Rhyndakos 73 v. Chr. vom römischen Feldherrn Lucullus im dritten Mithridatischen Krieg besiegt. Satnioeis Tuzla Çayı Das Flusstal diente als landwirtschaftliche Nutzfläche und Zugang ins Landesinnere. In der Ebene steht noch eine römische Brücke, die darauf hinweist, dass der Fluss früher einen anderen Verlauf genommen hat.Gebhard Bieg: Archäologie und Geschichte einer Landschaft – Die Troas von der griechischen Kolonisation bis in die byzantinische Zeit. In: Manfred O. Korfmann (Hrsg.): Troia. Archäologie eines Siedlungshügels und seiner Landschaft. Mainz am Rhein 2006. ISBN 3-8053-3509-1, ISBN 978-3-8053-3509-6. S. 364–365. Skamandros Karamenderes Çayı Von Homer als Fluss vom Ida-Gebirge überliefert. Selinus Bergama Çay Nach Plinius dem ÄlterenPlinius der Ältere, Naturalis historia 5,126. der Name eines Bachs, der am Burgberg vorbei durch Pergamon floss. Selleeis Bei HomerHomer Ilias 2,659; 839; 12,97; 15,531. aufgeführt. Nach StrabonStrabon 13,590. ein westlicher Nebenfluss des Rhodios. Simoeis Von Homer als Fluss vom Ida-Gebirge überliefert. Tarsius Manyas Çayı Nach Strabon ein Nebenfluss des Makestos.Strabon 13,587.

Brücken Die Landschaft weist eine Reihe ganz oder teilweise erhaltener Römerbrücken auf: die Aiseposbrücke, die Makestosbrücke, die Weiße Brücke über den Granikos und die Konstantinbrücke über den Rhyndakos.

Städte und Ortschaften mini|150px|Tetradrachme aus Abydos, 160–140 v. Chr. mit stehendem Adler und Kornähren Die Städte und Ortschaften in Mysien sind zum Teil bereits in der griechischen Mythologie aufgeführt. Beispiele dafür sind Abydos, Arisbe, Chryse und Gargara. Ausgrabungen zeigen, dass die Besiedlung zum Teil wesentlich älter ist wie bei Pitane. In manchen Fällen werden die Gründer einer Stadt von den literarischen Quellen von verschiedensten Völkern angegeben wie bei Antandros. Abydos, Achilleion, Apollonia am Rhyndakos sind Beispiele von Städten, die von griechischen Mutterstädten gegründet wurden.

Die Stadt Daskyleion hat bei Ausgrabungen einen persischen zoroastrischen Tempel aus dem 5. Jh. v. Chr. zutage gebracht, der das bislang westlichste Zeugnis des persischen Zoroastrismus darstellt. Des Weiteren fand man zahlreiche Fragmente phrygischer Inschriften und Graffiti.

Während der hellenistischenZeit prosperierten die Städte in Kleinasien. Die Seleukiden orientierten sich in der Förderung der Städte an den alten Kommunikationswegen und verbanden Kleinasien mit den weiter östlichen Gebieten. In den Städten wurden Monumente, Tempel und Heiligtümer unter der Patronage der hellenistischen Könige gebaut, deren Ruinen bis in die heutige Zeit zu sehen sind. Das bekannteste Beispiel in Mysien ist die Hauptstadt der Attaliden, Pergamon, die ihre Blütezeit in dieser Zeitspanne erlebte.Susan M. Sherwin-White: Asia Minor. In: The Cambridge Ancient History, Plates to Volume VII Part 1. Roger Ling (Hrsg.), Cambridge 1984. ISBN 0-521-24354-8. S. 33.

In der römischen Kaiserzeit wurden in Mysien die beiden Städte Hadrianeia und Hadrianoi, wie es der Name sagt, vom Kaiser Hadrian gegründet.