mini|hochkant=1.4|Die Krebsmühle, im Volksmund „die ASH“, im Jahr 2016 Der als Arbeiterselbsthilfe (ASH) bekannte Verein Hilfe zur Selbsthilfe in Frankfurt am Main gilt als Pionier der Alternativökonomie. Er ist 1975 aus der Sponti-Szene hervorgegangen und hat als Motor einer autonomen linken Gegenkultur die Anfänge der Umweltbewegung beeinflusst und sowohl der Ökobank als auch dem überregional bekannten Frankfurter Kulturzentrum Batschkapp den Weg bereitet.

Geschichte Die ASH entstand im Jahr 1975 aus einer politisch linksorientierten studentischen Wohngemeinschaft in Frankfurt-Heddernheim. Die Kommune nannte sich K2, nach dem Vorbild der Berliner Kommune 2. Ihre Bewohner versuchten, gemeinsames Leben mit politischer Arbeit zu verbinden. Die Gruppe fühlte sich der Frankfurter Sponti-Szene um Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit verbunden. Um Kontakt zur nichtstudentischen bürgerlichen Bevölkerung aufzubauen, errichteten die Bewohner der K2 Stadtteilzentren, wie in der Gaststätte Zum Elfmeter (umgangssprachlich Elfer) in Frankfurt-Eschersheim. Dort gab es jedoch statt des erhofften guten Kontakts vor allem Konflikte mit jugendlichen Rockern. Um diese Konflikte zu kanalisieren, wurde das Projekt Arbeiterselbsthilfe (ASH) gegründet. Es orientierte sich mit seinem Paradigma Hilfe zur Selbsthilfe an der Sozialistischen Selbsthilfe Köln. Ziel des Projekts war es, die Jugendlichen zu integrieren, indem man für sie Arbeit beschaffte, sie in die betriebliche Organisation eingliederte und damit die Entfremdung der Arbeit aufhob. Bereits nach einem halben Jahr scheiterte dieser Ansatz. Zu den Gründern der ASH zählt der Projektkünstler Lui Tratter.

Am Ort des Stadtteilzentrums Zum Elfmeter entstand 1976 das alternative Jugend- und Kulturzentrum Batschkapp um Ralf Scheffler. Es war der Arbeiterselbsthilfe angegliedert. Im Batschkapp, das eine Treppe über dem Elfmeter lag, drängte sich ab 1977 „so ziemlich alles, was sich ‘das andere Deutschland’ nennt: Stadtindianer, Stadtguerillas, einfache RAF-Sympathisanten aus Folterkomitee und Roter Hilfe, Spontis und Frauengruppen, Gastarbeiterkinder aus der Umgebung, arbeitslose Mädchen und Jungen, heimatlose Mischlinge aus amerikanischen Garnisonstädten“. Ihre Nachrichtenbörse war der Elfer. Joschka Fischer zählte zu den regelmäßigen Gästen. Er war mit Ralf Scheffler, dem Inhaber des Batschkapp befreundet. Elfer und Batschkapp waren zwei Musikclubs mit identischem Publikum. Durch sie sollte eine „autonome und linke Gegenkultur“ etabliert werden.

In ihrer Hochphase umfasste die Arbeiterselbsthilfe bis zu 60 Personen.

Gründung der Kommune „Nie mehr Sozialarbeit“ Frustration und Stress aus der misslungenen Jugendsozialarbeit führte zu einer Zunahme des Gemeinschaftsgefühls in der Gruppe, sodass aus der Wohngemeinschaft schließlich eine echte Kommune wurde, eine Art Großfamilie mit gemeinschaftlicher Wirtschaftsführung, deren Angehörige sich blindes Vertrauen entgegenbrachten. Alle Mitglieder waren Aussteiger, hatten ihr Studium abgebrochen und waren arbeitslos. Ihr Geld verdienten sie sich mit Wohnungsentrümpelungen. Alle Einnahmen kamen in eine Gemeinschaftskasse und wurden nach demokratischem Beschluss verwendet. Neben der Arbeit stand die Selbsterforschung individueller und gruppendynamischer Prozesse im Mittelpunkt des Alltags, die sogenannte „Politik in erster Person“.

ASH Bonames Nachdem der Vermieter der Kommune untersagt hatte, auf ihrem Wohngelände gewerblich tätig zu werden, fand die Gruppe ihr neues Domizil in einer abrissreifen ehemaligen Schuhfabrik im Stadtteil Bonames, das sie teils ohne Mietvertrag als „Restzusatzverwertung“ nutzen durften. In die leerstehende Fabriketage wurden Wände eingezogen und Kohleöfen verbaut. Hauptgeschäftseinnahmen kamen weiterhin aus Wohnungsentrümpelungen. Daneben wurde ein Flohmarkt eingerichtet, auf dem brauchbare Gegenstände der Entrümpelungsaktionen verkauft wurden. Schon bald traten gebrauchte Möbel in den Fokus der Aufmerksamkeit. Die anfallenden Arbeiten wurden nach einem Umschichtsystem erledigt und als Gemeinschaftsdienst bezeichnet. Es gab keinen Chef, sondern jeder machte jede Arbeit. Die Gruppe verstand sich gleichzeitig als Alternativbetrieb und als Lebensgemeinschaft, mit dem Ziel, die Sinnkrise der Gesellschaft zu überwinden. Ihre Lebensweise sollte als Vorbild für andere dienen und dadurch zum Zusammenbruch des Kapitalismus beitragen, um einer neuen, selbstbestimmten Lebensweise Raum zu geben. 1978 nahm die Gruppe am Berliner Treffen in Tunix teil.

Im ASH Bonames waren mehr als 30 Personen tätig. Außer Wohnungsentrümpelungen, dem An- und Verkauf von gebrauchten Möbeln und Antiquitäten und einer Holzwerkstatt zur Aufarbeitung von Möbeln gab es eine Druckerei. Die meisten der dort tätigen jungen Erwachsenen glaubten, „den Grundwiderspruch zwischen Denken und Fühlen, zwischen Kopf und Bauch nur in einem alternativen Kollektiv auflösen zu können. Ein Kollektiv, das die bürgerlichen Spielregeln außer Kraft setzt, in dem rationales Handeln nicht konträr zu den Gefühlen abläuft“.

Krebsmühle Nach ihren Anfängen in Frankfurt-Heddernheim und in -Bonames bezog die Arbeiterselbsthilfe 1978 in der Oberurseler Krebsmühle – einer ehemaligen Brotfabrik – ihr Domizil. Eine erste Verhandlungsrunde, bei der streng darauf geachtet werden musste, dass die wahre Identität des Unternehmens nicht bekannt wurde, eröffnete mehrere Übernahmeoptionen, die jedoch allesamt nicht finanzierbar waren (Kauf: 2,2 Millionen D-Mark, Miete: 18.000 D-Mark monatlich, Mietkauf: 17.000 D-Mark monatlich). Es wurde ein Pachtvertrag mit einer Pachtrate von 7.000 D-Mark monatlich, einem Vorkaufsrecht für den Mietkauf und der Verpflichtung zur Instandhaltung vereinbart. Der Pachtzins konnte schließlich durch eine Umstellung des Geschäftsmodells auf Restaurierung und Verkauf von Antiquitäten aufgebracht werden. Dies erzwang jedoch ein Umdenken in Bezug auf die antikapitalistische Grundhaltung und die Transformation zur Kleinkrämerei. Von der Sponti-Szene wurde die Krebsmühle außerdem als „Gschaftlhuber“, „Geldscheffler“ und als „Stachanow-Betrieb“ diffamiert.

Bedeutung und Kritik Auf der ideologischen Basis der Frankfurter Spontis entstanden alternative Formen der Kultur und des Wirtschaftens. Die Arbeiterselbsthilfe förderte die Gründung der Ökobank und war maßgeblich an der Errichtung des der linken Gegenkultur gewidmeten Kulturzentrums Batschkapp beteiligt, das der Arbeiterselbsthilfe angegliedert war. Gemeinsam mit dem Elfer entstand eine Keimzelle der Grünen. Die Arbeiterselbsthilfe hat zahlreiche Projekte der Selbsthilfe realisiert oder auf den Weg gebracht. Neben der Ökobank und dem Batschkapp zählt eine Lernwerkstatt dazu, die Jugendliche mit Defiziten ausbildete. Außerdem unterstützt der Verein seit 2006 die Basa-Stiftung zur Förderung von Jugendarbeit und Jugendforschung. Einer der Initiatoren der Krebsmühle sagt, in den 1980er-Jahren sei dieses Projekt das größte Alternativmodell in Deutschland, ein Kristallisationspunkt, gewesen. Zu dieser Zeit fand dort eine „Gegen Buch Masse“ statt. Diese Initiative hat ebenso die Zeit überdauert. Anfang der 1980er-Jahre galt die Arbeiterselbsthilfe vielen als alternativer Musterbetrieb. 1981 fand in den Räumen der Arbeiterselbsthilfe in Oberursel ein verschwiegenes Treffen zwischen Alternativen und der SPD-Führung statt. Von Seiten der Kollektivler erschien außer der ASH das Autonome Bildungszentrum Hamburg (ABC). Bildungsminister Björn Engholm bot an, „bildungspolitisch relevante Projekte aus der alternativen Szene mit 200.000 Mark aus seinem Etat zu fördern – um ein bescheidenes Beriechen zu ermöglichen, ohne politische Hintergedanken oder Vorbedingungen“. Dadurch verfolgte die SPD das Ziel, die neue Gegenkultur für sich nutzbar zu machen. Allerdings blieb diese Diskussion ergebnislos. Die Alternativen weigerten sich, staatliche Fördergelder anzunehmen.

Neben der im Stadtteil Hausen ansässigen Brotfabrik (Frankfurt am Main), einem selbstverwalteten Projektträger, und der von Joschka Fischer mitgegründeten Karl-Marx-Buchhandlung zählt die ASH zu den wenigen Kollektiven mit überregionaler Bedeutung, die seit den 1970er-Jahren ununterbrochen arbeiten. Die ASH gilt als exemplarisches Beispiel für selbstverwaltete Wirtschaftsbetriebe.

New Economy Die Arbeiterselbsthilfe folgt der Philosophie, dass ein Unternehmen nicht bloß ein Ort zum Geldverdienen ist, sondern ein Zuhause. Im Idealfall würden sich alle Mitarbeiter mit dem Unternehmen identifizieren und zögen gemeinsam an einem Strang. Diese Sichtweise entspricht der Kultur, die in der modernen Start-up-Szene gepflegt wird. Insofern sind die Betriebe der Alternativökonomie, wie die ASH, Pilotprojekte für das junge Unternehmertum des beginnenden 21. Jahrhunderts. Gleichwohl waren die Aktionen der selbstverwalteten Arbeitswelt, wenn sie die Belegschaft anderer Betriebe von ihrem Modell überzeugen wollten, nicht immer willkommen. Im Gründungspapier der Arbeiterselbsthilfe steht: „Was wir dabei übersehen oder unterschätzt haben, ist die Tatsache, dass sich die lieben Kollegen nicht so ohne weiteres agitieren lassen wollten. Die haben immerhin was, an das sie sich klammern können, die Familie, das neue Auto, das Eigenheim. Wir haben übersehen, dass man schnell den Ruf des linken Spinners weg hat. Wir haben weiter übersehen, dass man aus den Betrieben mindestens so schnell wieder rausfliegt, wie man reingekommen ist.“ Andererseits wurde das Gedankengut der alternativen Ökonomie zu den politischen Kernforderungen der Ökobewegung: Dezentrale Wirtschaftseinheiten, die von der Basis kontrollierbar sind und ganzheitliche Wirtschaftskreisläufe zwischen Mensch und Natur. Mitte der 1970er-Jahre, als die erste Ölpreiskrise überstanden war und die Massenarbeitslosigkeit ihren Anfang nahm, wollte die ASH ein Modell entwickeln, das dem normalen kapitalistischen Betrieb als echte Alternative entgegengestellt werden sollte. Der Frankfurter Soziologe Frank Heider stellte jedoch Mitte der 1990er-Jahre fest, dass in Hessen etwa die Hälfte der selbstverwalteten Kollektive gescheitert war. Im Spannungsfeld zwischen Idealismus und Realismus siegte in vielen Fällen die Fraktion der Chefs über die der Kollektivler. Obwohl das Gegenmodell zur kapitalistischen Wirtschaftsform verfehlt wurde, ist etwas erreicht worden, nämlich Leben und Arbeiten miteinander zu verbinden, so wie es in der New Economy gepflegt wird.

Ökobank Die von der Arbeiterselbsthilfe getragene Krebsmühle in Oberursel war eine Keimzelle der Ökobank. 16 ihrer Mitglieder gründeten dort am 17. März 1984 den Verein der Freunde und Förderer der Ökobank e. V. Dieses Projekt wurde bundesweit von etwa 30 Initiativen unterstützt. Die Unterstützer kamen aus dem politischen Umfeld der Grünen, der SPD, der Kirchen und Gewerkschaften. Ihre Idee fand 12.000 Anhänger, die ein Gründungskapital in Höhe von 8 Millionen DM aufbrachten. Für die politische Bewegung der Alternativen war dies – neben der Tageszeitung taz – ein Vorzeigeprojekt in Deutschland. Die Ökobank hatte das Ziel, mit dem Geld ihrer Sparer nur Projekte zu finanzieren, die von ihnen politisch gewollt waren. Es ging um erneuerbare Energien, um vollwertige Lebensmittel, um soziale Projekte, die Gleichstellung von Mann und Frau und den Schutz von Migranten. Innerhalb weniger Jahre war die Ökobank die größte Alternativbank Europas. Nach einer durch Managementfehler verursachten finanziellen Schieflage wurde die Ökobank ab 2001 abgewickelt. Ihr Bankgeschäft übernahm die GLS Gemeinschaftsbank. Die Genossenschaft der Ökobank blieb erhalten und wurde zur Oekogeno.

Umweltbewegung Im Jahr 1983 fand am Standort der Arbeiterselbsthilfe in Oberursel die Projekte-Messe statt. 200 Mitglieder von Kollektiven trafen sich zur ersten Schau ökologischer Ökonomie. An dieser Messe nahmen 95 selbstverwaltete Betriebe aus der Bundesrepublik und West-Berlin teil.

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