miniatur|Petrus Dasypodius Petrus Dasypodius (geboren um 1490 in oder bei Frauenfeld; gestorben am 28. Februar 1559 in Straßburg) war ein Schweizer Humanist und Verfasser eines in zahlreichen Auflagen erschienenen, sprachgeschichtlich bedeutenden lateinisch-deutschen Wörterbuchs.Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Mannheim 1988, 3. Band, ISBN 3-7653-1105-7, ISBN 3-7653-1205-3, S. 151.Die Zeit: Das Lexikon in 20 Bänden. Zeitverlag, 3. Band, Hamburg 2005, ISBN 3-411-17563-X, S. 251.

Leben Der Name Dasypodius ist eine Latinisierung von = Hase, von ‚dicht behaart‘. Der deutsche Name von Dasypodius ist nicht bekannt, vermutlich lautete er Hasenfratz, vielleicht auch Hasenfuß, Rauhfuß, Rauchfuß oder aber Has, Häsli oder Häslein. Dasypodius war reformierter Konfession und verheiratet. Der Name der Ehefrau ist nicht bekannt, vermutlich hieß sie Veronika. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, darunter der Mathematiker Conrad Dasypodius, dessen Berechnungen der Konstruktion der berühmten astronomischen Uhr des Straßburger Münsters zugrunde lagen.

1524 wurde Dasypodius Kaplan in seiner Heimatstadt Frauenfeld, ab 1530 war er dort auch Schulmeister und Prediger. 1527 wurde er von dem Reformator Huldrych Zwingli als Lehrer für alte Sprachen an die Fraumünsterschule in Zürich berufen, wo er bis 1529 unterrichtete. 1530 kehrte er nach Frauenfeld zurück, musste aber nach der Schlacht bei Kappel 1531 wie sein Freund Heinrich Bullinger die Heimat zusammen mit seiner Familie verlassen. Erst 1533 hatte er wieder eine Stelle, als ihm Martin Bucer auf Empfehlung von Thomas Blaurer und seinem Bruder Ambrosius die Leitung der Lateinschule des Karmeliterklosters in Straßburg übertrug. In Straßburg lernte er den einflussreichen Schulreformer Johannes Sturm kennen und übernahm ab 1538 den Unterricht der oberen Klassen des von Sturm geleiteten Gymnasiums Schola ArgentoratensisSchola Argentoratensis = „Straßburger Schule“, das heutige Jean-Sturm-Gymnasium (Gymnase Jean Sturm). in klassischen Sprachen. 1540 wurde er zum Kanonikus des Thomasstifts ernannt, 1551 wurde er dort Dekan.

In den Jahren des Unterrichts an der Lateinschule entstand das Dictionarium Latinogermanicum, ein humanistisches, alphabetisch-etymologisch organisiertes lateinisch-deutsches Schulwörterbuch, das 1535 erstmals erschien. Bereits 1536 erschien eine zweite vermehrte Auflage, da die erste Auflage auf Drängen des Druckers (Theodosius Rihel) hin übereilt publiziert worden war und einige Schwächen aufwies. Diese für die weitere Druckgeschichte maßgebliche Fassung von 1536 weist eine damals neuartige Gliederung auf, nämlich einen alphabetisch geordneten Teil, lateinisch-deutsch und deutsch-lateinisch, sowie einen onomasiologischen, also nach Sachgruppen geordneten, Teil, ebenfalls lateinisch-deutsch und deutsch-lateinisch. Das Konzept für eine solche Struktur geht auf den spanischen Humanisten Antonio de Nebrija zurück.

Dasypodius’ Dictionarium sollte das erfolgreichste humanistische Schulwörterbuch werden. Allein bis 1600 erlebte es bis zu 29 Drucke, weitere sechs Drucke im 17. Jahrhundert und außerdem 17 Auflagen des sogenannten Dasypodius Catholicus, der von 1633 bis 1709 in Köln erschien. Über den rein verlegerischen Erfolg weit an Bedeutung hinausgehend ist aber der Einfluss der von Dasypodius für den deutschen Teil des Wörterbuchs gebildeten Neologismen auf die Entwicklung des Deutschen und nicht nur des Deutschen. Dasypodius’ Werk wirkte auf die deutschen Wörterbücher bis in das 19. JahrhundertWilfried Kettler: Untersuchungen zur frühneuhochdeutschen Lexikographie in der Schweiz und im Elsass. Strukturen, Typen, Quellen und Wirkungen von Wörterbüchern am Beginn der Neuzeit. Verlag Peter Lang, Bern / Berlin / Brüssel / Frankfurt / New York / Oxford / Wien 2008, ISBN 978-3-03911-430-6. und auf die Lexikografie der Niederlande,Anton Schorus 1542. Böhmens,Thomas Reschel: Dictionarium Latinobohemicum. Olmütz 1560. Schwedens, UngarnsAlbertus Molnar: Dictionarium Latinoungaricum. Nürnberg 1604. und Polens.Helmut Glück, Konrad Schröder: Deutschlernen in den polnischen Ländern vom 15. Jahrhundert bis 1818. Eine teilkommentierte Bibliographie. Bearbeitet von Yvonne Pörzgen und Marcelina Tkocz. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-447-05471-3.Nikolaus Volkmar: Dictionarium trilingue tripartitum ad discendam linguam Latinam Polonicam et Germanicam accommodatum. Danzig 1596. Von den fast 2000 bei Dasypodius erstmals belegten Verdeutschungen lateinischer Begriffe fand ein erheblicher Teil (ca. 30 %) Eingang in den deutschen Wortschatz, darunter Ableser, Abscheulichkeit, Angeklagte, Bargeld, Bauernhof, Bedauern, Bimsstein, Brotkasten, Einkäufer, Ernährung, Eroberung, Erzieher, Feldherr, Fingerring, Folterung, Fürstenhaus, Hässlichkeit, Halbinsel, Hülsenfrucht, Konsonant, Krampfader, Landrat, Langeweile, Missgeburt, Niederträchtigkeit, Oberarzt, Passport, Poltergeist, Raubvogel, Rechtschreibung, Schreibstube, Schrotsäge, Sinnlosigkeit, Sonnenaufgang, Sonnenschirm, Sonnenuhr, Substantiv, Überschwemmung, Unbeständigkeit, Verblendung, Verkleinerung, Verleumdung, Verlobung, Zuordnung, Zusammenziehung und Zuschauer.

Neben dem Dictionarium verfasste Dasypodius ein griechisch-lateinisches Schulwörterbuch, eine lateinische Schulkomödie in Versen (Philargyrus) und über die Straßburger Schule die Schrift De schola urbis Argentoratensis (1556). Philargyrus wurde 1530 geschrieben und erst 1565 postum gedruckt.Humanistica Helvetica gibt die Ausgabe als Philargyrus Comoedia. Lusus adolescentiae Petri Dasypodii ante annos abhinc triginta quinque scriptus, nunc vero castigatus, auctus, et typis primum excusus, Straßburg 1565, an. Philargyros heißt Silber (= Geld) liebend. Daneben ist auch die Namensvariante Philagyrus historisch belegt.Lingen Lexikon in 20 Bänden. 3. Band, Helmut Lingen Verlag, Wiesbaden 1976/1977, S. 234 f.Andrea Alciato: Philagyrus. Lateinische Komödie, wohl um 1518 entstanden.

Werke miniatur|Titelblatt des Dictionariums von 1535 Dictionarium Voces Propemodum Universas in autoribus latinae linguae probatis, ac vulgo receptis occurrentes Germanice explicans, pro iuventute Germanica primum in literis Tyrocinium faciente, fideliter et magno labore iam recens concinnatum [= Dictionarium Latinogermanicum]. Straßburg 1535, . 2., um ein lateinisch-deutsches Sachglossar und um deutsch-lateinische Indexteile erweiterte Auflage 1536. Neudruck: Hrsg. von Gilbert de Smet. Hildesheim / New York 1974. Lexikon graecolatinum in usum iuventutis Graecarum literarum studiosae, diligenter congestum. Straßburg 1539. De schola urbis Argentoratensis. Straßburg 1556. Neuausgabe: Herausgeber Dieter Launert. Transkription und Übersetzung von Dominique Brabant. Meldorf 2006. Philargyrus comoedia: Lusus adolescentiae. Straßburg 1565.

Literatur Frans Claes: Bibliographisches Verzeichnis der deutschen Vokabulare und Wörterbücher, gedruckt bis 1600. Hildesheim & New York 1977, Nr. 341, 350 f., 355, 359 f., 373, 384 f., 397, 400, 412 f., 448, 470, 477, 489, 493, 496, 502, 526, 531, 546, 592, 631 f., 760, 809, 822.

Frédéric Hartweg: Petrus Dasypodius. Un lexicographe suisse fait école à Strasbourg. In: Etudes germaniques 50 (1995), S. 397–412. William J. Jones: German Lexicography in the European Context. Berlin / New York 2000. Peter O. Müller: Deutsche Lexikographie des 16. Jahrhunderts. Tübingen 2001. Peter O. Müller: Dasypodius, Petrus. In: Verfasserlexikon – Frühe Neuzeit in Deutschland 1520–1620. Band 2. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2012. Jean Rott: Petrus Dasypodius, Dasipodius, Hasenfratz. In: Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne. Band 7, S. 582.

René Verdeyen: Petrus Dasypodius en Antonius Schorus. Lüttich 1939. Arno Schirokauer: Dasypodius-Studien. In: Studien zur frühneuhochdeutschen Lexikologie und zur Lexikographie des 16. Jahrhunderts, zum Teil aus dem Nachlaß herausgegeben von Klaus-Peter Wegera. Heidelberg 1987 (= Studien zum Frühneuhochdeutschen, 8), S. 38–121. Jonathan West: Lexical Innovation in Dasypodius' Dictionary. Berlin / New York 1989. Jonathan West: Early New High German Lexicographers and the New High German Lexicon: “Synonyms” in Dasypodius’ Dictionary. In: John L. Flood, Paul Salmon, Olive Sayce, Christopher Wells (Hrsg.): Das unsichtbare Band der Sprache. Studies in German Language and Linguistic History in Memory of Leslie Seiffert. Hans-Dieter Heinz, Akademischer Verlag, Stuttgart 1993 (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, Band 280), S. 127–147. ISBN 3-88099-284-3. Jonathan West: Zu den Kompositionstypen im Wörterbuch des Dasypodius. In: Klaus J. Mattheier u. a. (Hrsg.): Vielfalt des Deutschen. Festschrift Werner Besch. Frankfurt am Main & Berlin 1993, S. 127–147. Jonathan West: Reassessing Serranus. In: William J. Jones, William A. Kelly, Frank Shaw (Hrsg.): Vir ingenio mirandus. Studies Presented to John L. Flood. Kümmerle Verlag, Göppingen 2003, S. 773–791. ISBN 3-87452-961-4. Jonathan West: Dasypodius, Petrus. In: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. 2., vollst. überarb. Auflage, Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2008, Band 2, S. 555 f. Sylva Wetekamp: Petrus Dasypodius, Dictionarium latinogermanicum et vice versa (1535): Untersuchungen zum Wortschatz. (Philosophische Dissertation, München 1979) Göppingen 1980 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik, 282).

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