mini|hochkant|Nationalsozialistisches Propagandaplakat aus dem Generalgouvernement, 1941, mit der Aufschrift: „Żydzi – wszy – tyfus plamisty“ ().Jürgen Bernatzky: Der nationalsozialistische Antisemitismus im Spiegel des politischen Plakats. In: Günther Bernd Ginzel (Hrsg.): Antisemitismus. Erscheinungsformen der Judenfeindschaft gestern und heute. Verlag Wissenschaft und Politik, Bielefeld 1991, S. 393 f.

„Jüdischer Parasit“ ist ein seit der Zeit der Aufklärung nachweisbares judenfeindliches Stereotyp. Dahinter steht die Vorstellung, die Juden der Diaspora wären zu eigener Staatsbildung unfähig und würden daher Staaten und Völker – die biologistisch als Organismen bzw. „Volkskörper“ imaginiert werden – parasitär befallen und ausnutzen. Das Stereotyp tritt oft verbunden mit dem Vorwurf des Wuchers und der Trennung von „schaffendem“, also produktivem, und „raffendem“, nichtproduktivem (Finanz-)Kapital auf (siehe „Hochfinanz“). Das Stereotyp ist eng mit der Verschwörungstheorie eines „Weltjudentums“ verknüpft. In der Zeit des Nationalsozialismus diente es zur Legitimation der Judenverfolgung bis hin zum Holocaust.

In geänderter Ausrichtung wurde das Motiv auch von einigen Vertretern des Zionismus aufgegriffen. Sie sahen eine „parasitäre“ Lebensweise in anderen Kulturen als zwangsläufige Folge der Diaspora an und stellten ihr den Aufbau eines jüdischen Staates als Ideal gegenüber.

Von der Aufklärung bis zum Vormärz mini|hochkant|Herder. Porträt von Gerhard von Kügelgen (1806) In öffentlichen Diskursen wird die metaphorische Bezeichnung sozialer und politischer Gegner als Parasiten schon seit über 200 Jahren zur rassischen und soziopolitischen Stigmatisierung herangezogen.Andreas Musolff: Metaphorische Parasiten und „parasitäre“ Metaphern: Semantische Wechselwirkungen zwischen politischem und naturwissenschaftlichem Vokabular. In: Matthias Junge (Hrsg.): Metaphern und Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, https://doi.org/10.1007/978-3-531-93445-7_7, S. 105. Die frühesten Nachweise der Vorstellung eines „jüdischen Parasiten“ lassen sich im 18. Jahrhundert finden. Vorläufer könnten, wie der deutsch-israelische Historiker Alexander Bein vermutet, in der mittelalterlichen Vorstellung vom „Wucherjuden“, der dem Volk das Blut aussaugen würde, und der Ritualmordlegende gefunden werden, wonach Juden das Blut von christlichen Kindern zu rituellen Zwecken verwenden würden. Zudem lässt sich – etwa in den judenfeindlichen Schriften Martin Luthers – die Idee nachweisen, Juden seien in Europa nur Gäste, die Christen aber ihre Wirte, woraus sich später die Vorstellung des von Parasiten befallenen Wirtsvolkes entwickelte.Alexander Bein: „Der jüdische Parasit“. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 13 (1965), Heft 2, S. 121 und 128, Anm. 37; online (PDF; 1,4 MB). Der französische Aufklärer Voltaire (1694–1778) sprach den Juden explizit die Fähigkeit zu eigenen Kulturleistungen und zu dauerhafter Staatlichkeit ab: Als Beleg führte er den Bau des ersten Tempels an, für den Salomo mit Hiram von Tyrus Handwerker aus dem Libanon habe engagieren müssen, und das zweifache Exil (einmal das Babylonische Exil nach 597 v. Chr. und dann die Diaspora nach der Vertreibung durch die Römer 135 n. Chr.). Die gesamte Tora sei in parasitischer Weise altorientalischen Quellen entlehnt.Jacob Katz: Vom Vorurteil bis zur Vernichtung. Der Antisemitismus 1700–1933. Union, Berlin 1990, S. 46–49; Harvey Mitchell: Voltaire’s Jews and Modern Jewish Identity. Rethinking the Enlightenment. Routledge, London / New York 2008, S. 61 und 100.

Der deutsche Theologe und Philosoph Johann Gottfried Herder (1744–1803), ein bedeutender Vertreter der Weimarer Klassik, schrieb 1791 im dritten Teil seiner Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit:

Eine ganz ähnliche Passage findet sich noch einmal im vierten Teil.Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Vierter Teil. Sechzehntes Buch. V. Fremde Völker in Europa. Johann Friedrich Hartknoch, Riga und Leipzig 1791, S. 41 (); zitiert bei Emil Adler: Johann Gottfried Herder und das Judentum. In: Kurt Müller-Vollmer (Hrsg.): Herder Today. Contributions From the International Herder Conference, November 5–8, 1987, Stanford, California. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1990, ISBN 978-3-11-085671-2, S. 383 (abgerufen über De Gruyter Online). Da Herder, ein ausgezeichneter Kenner des Alten Testaments und des antiken Judentums, als ein Philosemit der Aufklärung gilt,Klaus L. Berghahn: Herder, Johann Gottfried. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 2: Personen. De Gruyter Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-44159-2, S. 353 ff. (abgerufen über De Gruyter Online). ist die Deutung dieser Passagen umstritten: Laut dem Antisemitismusforscher Léon Poliakov nahm Herder damit „die Äußerungen der Rassisten künftiger Generationen vorweg“.Zitiert bei Emil Adler: Johann Gottfried Herder und das Judentum. In: Kurt Müller-Vollmer (Hrsg.): Herder Today. Contributions From the International Herder Conference, November 5–8, 1987, Stanford, California. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1990, ISBN 978-3-11-085671-2, S. 385 (abgerufen über De Gruyter Online). Der deutsche Literaturwissenschaftler Klaus L. Berghahn glaubt, Herders Sympathie habe nur dem antiken Judentum gegolten: Den Juden seiner Gegenwart dagegen habe er ablehnend gegenübergestanden.Klaus L. Berghahn: Herder, Johann Gottfried. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 2: Personen. De Gruyter Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-44159-2, S. 354 (abgerufen über De Gruyter Online). Der polnische Germanist Emil Adler dagegen hält es – auch angesichts der positiven Äußerungen zum Judentum wenige Seiten vorher oder nachher – für möglich, dass Herder damit nur ein „apologetisches Gegengewicht“ setzen wollte: Auch an anderen Stellen der Ideen habe er kritisch-aufklärerische Formulierungen mit konservativ-orthodoxen Gedanken kontrastiert und sie somit abgeschwächt, um seine Stellung als Generalsuperintendent der lutherischen Kirche in Weimar nicht zu gefährden.Emil Adler: Johann Gottfried Herder und das Judentum. In: Kurt Müller-Vollmer (Hrsg.): Herder Today. Contributions From the International Herder Conference, November 5–8, 1987, Stanford, California. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1990, ISBN 978-3-11-085671-2, S. 395–401 (abgerufen über De Gruyter Online). Der Germanist Arndt Kremer weist darauf hin, dass dergleichen Sprachbilder im 18. Jahrhundert „noch nicht per se für antisemitische Zwecke instrumentalisiert“ waren. Er stellt ihnen Herders Argumentation gegenüber, wonach sich die angeblichen Verfehlungen des Judentums mit der von ihm als „barbarisch“ bezeichneten antijüdischen Gesetzgebung seiner Gegenwart erklären ließen: „Kein völkischer Antisemit späterer Zeit würde so argumentieren“.Arndt Kremer: Deutsche Juden – deutsche Sprache. Jüdische und judenfeindliche Sprachkonzepte und -konflikte 1893–1933. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2013, ISBN 978-3-11-019603-0, S. 45 (abgerufen über De Gruyter Online).

Der Rezensent eines judenfeindlichen Werks des deutschen Aufklärungsschriftstellers Friedrich Buchholz (1768–1843) griff 1804 in der Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek die Metapher vom Juden als „parasitischer Pflanze, die unaufhörlich ein edles Gesträuch umklammert, sich von dem Safte nährt“ auf.Renate Best: Juden und Judenbilder in der gesellschaftlichen Konstruktion einer deutschen Nation (1781–1804). In: Heinz-Gerhard Haupt und Dieter Langewiesche (Hrsg.): Nation und Religion in der deutschen Geschichte. Campus, Frankfurt am Main 2001, S. 204 f. Im Jahr 1834 wurde die Metapher in der Zeitschrift Der Canonische Wächter in einem Artikel gegen die jüdische Emanzipation gerichtet: Die Juden würden „als eine wahre Plage der Völker diese parasitisch umranken“.Karl Neimes: Alexander Müller (1784–1844). Kirchenrechtliche Positionen eines „protestantischen Katholiken“. LIT Verlag, Münster 2010, S. 124. Welche parasitische Pflanze damit konkret gemeint war, brachte der evangelische Pfarrer Robert Haas in seiner Polemik gegen die Judenemanzipation zum Ausdruck:

Linker Antisemitismus im 19. Jahrhundert mini|hochkant|Fourier. Lithografie von Charles Baugniet (1848) Die Vorstellung eines – im übertragenen Sinne – gesellschaftlichen Parasitismus ist im Sozialismus seit langem anzutreffen. Sie wurde aus der Physiokratie des 18. Jahrhunderts übernommen, die städtische Kaufleute und Manufakturbesitzer im Unterschied zu den angeblich einzig produktiven Landwirten als „classe stérile“ bezeichnete.Alexander Bein: „Der jüdische Parasit“. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 13 (1965), Heft 2, S. 127; online (PDF; 1,4 MB). Der französische Frühsozialist Charles Fourier (1772–1837) etwa bezeichnete die Mehrheit aller Dienstboten, Frauen und Kinder als „häusliche Parasiten“, denen er noch die „sozialen Parasiten“ an die Seite stellte, nämlich Händler und Seeleute. Zu diesen „anti-produktiven“ Bevölkerungsklassen rechnete Fourier auch die Juden.Jonathan Beecher: Charles Fourier. The Visionary and His World. University of California Press, Berkeley/Los Angeles/London 1990, S. 199, 203 f.; Dominique Trimbur: Proudhon, Pierre-Joseph. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 2: Personen. De Gruyter Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-44159-2, S. 658 (abgerufen über De Gruyter Online). Sein Schüler Alphonse Toussenel (1803–1885) definierte in seinem 1846 erschienenen Werk „den verachteten Namen des Juden“ als „jeden Geldhändler, jeden unproduktiven Parasiten, der von der Substanz und der Arbeit anderer lebt. Jude, Wucherer, Geldhändler sind für mich Synonyme“.„J’appelle […] de ce nom méprisé de juif, tout trafiquant d’espèces, tout parasite improductif, vivant de la substance et du travail d’autrui. Juif, usurier, trafiquant sont pour moi synonymes“. Micha Brumlik: Antisemitismus im Frühsozialismus und Anarchismus. In: Ludger Heid und Arnold Paucker (Hrsg.): Juden und deutsche Arbeiterbewegung bis 1933. Soziale Utopien und religiös-kulturelle Traditionen. Mohr Siebeck, Tübingen 1992; S. 38; Christian Ebhardt: Interessenpolitik und Korruption. Personale Netzwerke und Korruptionsdebatten am Beispiel der Eisenbahnbranche in Großbritannien und Frankreich (1830–1870). Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2015, S. 123.

Der Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon (1809–1865) spitzte Fouriers Antisemitismus zu und lud ihn mit weiteren Stereotypen auf. So beschuldigte er die Juden, sie hätten Jesus Christus gekreuzigt, die von Proudhon abgelehnte römisch-katholische Kirche gegründet und sie würden nach der Weltherrschaft streben und seien eine nicht assimilierungsfähige „Menschenrasse“. Dabei stützte er sich auf den Religionsphilosophen Ernest Renan (1823–1893), der die Ansicht vertrat, die hebräische Sprache sei unfähig zu abstrakter Begriffsbildung und damit zur Metaphysik. Insgesamt erschienen Proudhon die Juden als Symbole des von ihm kritisierten Kapitalismus. Im Jahr 1860 schrieb er:

Daraus zog er 1847 den Schluss, die Juden müssten entweder nach Asien vertrieben oder vernichtet werden.Dominique Trimbur: Proudhon, Pierre-Joseph. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 2: Personen. De Gruyter Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-44159-2, S. 657 f.