Das Leben des Jesus ist ein 2002 beim Carl Ueberreuter Verlag erschienener Comic des österreichischen Karikaturisten Gerhard Haderer. Das Buch, das humoristisch Jesu Leben von Geburt bis Himmelfahrt unter dem Einfluss von Weihrauch verfolgt und besonderes Augenmerk auf das Verhalten der Jünger legt, sorgte bei der Veröffentlichung in Österreich für heftige Proteste. Vertreter von Kirche und Politik wandten sich öffentlich gegen das Werk, das in der Folge ein Bestseller wurde und in zahlreichen weiteren Ländern erschien. In Österreich und der Tschechischen Republik wurde Haderer für sein Buch angezeigt. In Griechenland wurde er für Das Leben des Jesus zu einer sechsmonatigen Haftstrafe wegen Blasphemie verurteilt, in der Berufungsverhandlung jedoch freigesprochen. Die Kontroverse um das Buch sorgte nicht nur für Diskussionen über die Freiheit der Kunst (Artikel 17a StGG), sondern auch über den damals neuen EU-Haftbefehl, der zu der Zeit vor allem in Deutschland umstritten war.
Handlung Jesu Geburt wird mit dem Durchtrennen der Nabelschnur eingeführt. Durch das Schreien des Kindes werden die Heiligen Drei Könige auf den Stall aufmerksam und lassen ihre Gaben, die eigentlich für den Messias bestimmt waren, da. Der Weihrauch übt dabei auf das Kleinkind besonderen Zauber aus, beruhigt es und sorgt für einen hellen Heiligenschein um seine Stirn, der bald die Gegend beleuchtet. Die Einwohner der Stadt nehmen dies als Wunder wahr. Die Wirkung des Weihrauchs macht sich Vater Josef zunutze und lässt Jesus als Nachtbeleuchtung in seiner Werkstatt sitzen. Bei den Kindern macht sich Jesus ebenfalls beliebt, da sie – wenn er am Weihrauch geschnuppert hat – durch sein Strahlen selbst das Spiel Himmel und Hölle bei Nacht ermöglicht. Bald sammelt Jesus elf Jünger um sich („Elf plus ein Ersatzmann, also zwölf insgesamt.“)Gerhard Haderer: Das Leben des Jesus. Ueberreuter, Wien 2002, S. 13..
Jesus „heilt“ einige Zeit später durch sein Weihrauchstrahlen die Tochter eines reichen Mannes, die in ihrem dunklen Zimmer zuvor große Koordinierungsprobleme hatte. Die Jünger lassen sich das Wunder bezahlen und erhalten doppelt so viel wie angeboten, als sie auf Jesu Peace-Zeichen verweisen. Jesus vollbringt weitere Wunder, „geht“ per Treibholz-Surfbrett über das Wasser und heilt einen vermeintlich blinden Schneider, indem er ihm seine Sonnenbrille abnimmt. Stets lassen sich die Jünger seine Taten gut bezahlen.
Den Streit um einen einzigen Fisch bei hungriger Menschenmenge löst Jesus unabsichtlich am Meeresufer sitzend, da sein Heiligenschein die Mannschaft eines vollbeladenen Fischerboots an einen Leuchtturm denken lässt. Die Jünger, die immer dicker werden, eröffnen eine Weinkellerei, als Jesus Wasser zu Wein zu verwandeln beginnt. Beim Abendmahl prassen die Jünger, während Jesus glücklich im Weihrauchnebel versinkt. Die Rechnung für das Mahl wird ihm erlassen, als er dem Wirt fässerweise Wasser in Wein verwandelt. Am nächsten Morgen ist er von der Geschäftemacherei der Jünger gelangweilt und legt sich mit ausgestreckten Armen unter einen Olivenbaum. Die Jünger vermarkten die Pose umgehend, sodass Jesus, von Weihrauch bestärkt, schließlich angeekelt in den Himmel auffährt. Hier ist er schließlich sehr entspannt, da die Wolke, auf der er liegt, aus reinstem Weihrauch ist.
Die letzte Seite des Buches verweist darauf, dass Weihrauch wie Haschisch Tetrahydrocannabinol enthält.
Bild- und Textanalyse mini|Im Buch karikiert: Da Vincis Abendmahl mini|Karl Lagerfeld, im Buch ein Schneider mit „dämliche[r] Brille“
Das Leben des Jesus widmet sich im Rahmen einer Bildergeschichte dem vermeintlichen Leben Jesu. Zu den Bildern gibt es sparsam Textpassagen. Das Buch ist unpaginiert und umfasst 40 Seiten mit 41 Illustrationen. Das Cover zeigt einen entspannt lächelnden und stark leuchtenden Jesus, der das Peace-Zeichen zeigt und mit der linken Hand sein Gewand so aufhält, dass die linke Brust sichtbar wird. auf aleki.uni-koeln.de
Haderer geht humoristisch auf mehrere Episoden aus dem Leben Christi ein, die im Neuen Testament zu finden sind. Die Oberösterreichischen Nachrichten schrieben analog zum Neuen Testament auch vom „Neue[n] Buch Haderer“.Irene Judmayer: Wie einem Weih-Raucher ein Licht aufgegangen ist. In: Oberösterreichische Nachrichten, 28. Februar 2002. Neben zwei Heilungswundern (Tochter des Reichen, blinder Schneider) werden der Gang über den See Genezareth (eigentlich eines der Rettungswunder), die wundersame Fischvermehrung (Speisung der 5000), die Wandlung von Wasser zu Wein (vgl. Hochzeit zu Kana), das Abendmahl Jesu und schließlich Christi Himmelfahrt aufgegriffen. Nicht erwähnt werden die Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi und damit eine der zentralen Botschaften des Christentums.Christus ohne Auferstehung. In: Wiener Zeitung, 19. März 2002, S. 9.
Haderer habe das Jesus-Thema „im Geiste von Monty Python“ behandelt, so profil.Liebe Leserin, lieber Leser! In: profil, Nr. 9, 2002, S. 5. Der Tagesspiegel sah im Titel des Buches eine Anspielung auf den Monty-Python-Film Das Leben des Brian.Paul Kreiner: Immer Ärger mit Jesus. In: Der Tagesspiegel, 5. April 2002, S. 26. Laut Haderer liege der Fokus der Geschichte und das Ziel seiner Kritik nicht bei der Figur des Jesus, sondern bei den profitgierigen Jüngern. Die Hauptfrage, die sich aus dem Buch ergebe, laute laut Haderer „Wie weit ist die real existierende Kirche von ihrer Basis entfernt?“Debatte: Die Jesus-Buch-Erregung. In: News, Nr. 14, 2002, S. 38.
Ein das Buch durchziehender Aspekt ist außerdem die Wirkung des Weihrauchs auf die Figur des Jesus, die auf der letzten Buchseite mit dem berauschenden Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) erklärt wird. Die These, dass THC in Weihrauch enthalten ist, geht auf Dieter Martinetz’, Karlheinz Lohs’ und Jörg Janzens 1988 erschienenes Buch Weihrauch und Myrrhe zurück. Die Wissenschaftler stellten die These auf, dass durch die Verbindung von Olivetol (5-Pentylresorcin) und Verbenol beim Verbrennen THC entstehen könnte. Ein Beweis der These steht jedoch trotz zahlreicher Untersuchungen aus.Hassan Safayhi: Wie der Haschisch in den Weihrauch kam. pharmazeutische-zeitung.de, Ausgabe 10, 2001.
Die Oberösterreichischen Nachrichten stellten fest, dass man abseits vom Plakativen der Geschichte – unter anderem die Darstellung Jesu als kiffenden Hippie – über die „virtuose Zeichenkunst“ Haderers staune, die zahlreichen „Querverweise aus der Kunstgeschichte“ und die „Zitate… aus der heimischen Polit- & Religionsszene“, mit denen „die Abgründe menschlicher Gier“ entlarvt werden. In der Darstellung des Abendmahls karikiert Haderer Leonardo da Vincis Werk Das Abendmahl. Die Reihung dreier Bilder zum Fischwunder gleicht wiederum einem „altarbildähnlichen Triptychon“. Viele der Zeichnungen werden durch moderne Alltagsgegenstände, wie Sonnenschirme, Gummiente und Sänften-Parkschild, zusätzlich überzeichnet. In den Zeichnungen weisen zudem verschiedene Figuren Ähnlichkeit mit bekannten Persönlichkeiten auf: Der blinde Schneider mit der „dämliche[n] Brille“ ist Karl Lagerfeld. Der erste Jünger an Jesus’ Seite hat Ähnlichkeit mit dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Im Himmel sitzen neben Jesus auch John Lennon, Jimi Hendrix, Bob Marley, Brian Jones und Janis Joplin und damit Künstler, die zu früh und eines unnatürlichen Todes gestorben sind.
Haderer ergänzt die Zeichnungen mit einem erzählenden Text, in dem biblischer und legendenhafter Stil, Alltagsjargon und Verballhornungen miteinander abwechseln.
Veröffentlichung mini|hochkant|Palais Trauttmansdorff in Wien, Ort der Buchpräsentation profil druckte als erste Zeitschrift bereits am 25. Februar 2002 einige der Zeichnungen mit zugehörigem Text vorab ab.Das Leben des Jesus In: profil, Nr. 9, 2002, S. 194. Die Vorveröffentlichung sorgte kaum für Diskussionen in Kirchenkreisen, unter anderem da die katholische Kirche Oberösterreichs bis zur Veröffentlichung des Buchs keine offizielle Stellungnahme abgeben wollte.„Das Leben des Jesus“ als Karikatur: Ja darf denn das der Haderer? In: APA Nachrichten, 27. Februar 2002, Innenpolitik Österreich / Kultur Österreich. Christoph Niemand, Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität in Linz, befand Ende Februar 2002 mit Bezug auf die Veröffentlichung in profil, dass „die Darstellung Haderers nicht wahnsinnig tiefschürfend und auch nicht provozierend im theologischen Sinn ist, sie bleibt eher an der Oberfläche mit ihrem witzigen, schrägen Jesusbild“. Er wies zudem darauf hin, dass es „für Christen kein Problem sein [sollte], wenn auch von nicht-kirchlicher Seite Jesusbilder gestaltet werden, die bewusst verfremden“.
Die offizielle Buchpräsentation des Verlags Ueberreuter fand am 7. März 2002 in Anwesenheit von Haderer im Palais Trauttmansdorff in Wien statt. Als Laudator fungierte Robert Menasse.Auf Christi Spuren. In: News, Nr. 10, 2002, S. 177. Die Veröffentlichung des Buches erfolgte dabei bewusst kurz vor Ostern und wurde vom Verlag auch entsprechend beworben.Kardinal Schönborn protestiert gegen Haderer-Karikaturenband. In: KAT/KAP, 17. März 2002. Kurz nach der Veröffentlichung in Österreich wurde Das Leben des Jesus auch in Deutschland herausgebracht; die Buchpräsentation fand dabei in München statt.mri: Zoff und Zank um ein Satirebuch. In: Mainpost, 25. März 2002.
Für das Weihnachtsgeschäft 2002 wurde das Buch in zwei Sonderausgaben veröffentlicht. Es erschienen eine Ganzleinenversion im Schuber mit Goldprägung und Karikatur im Offsetdruck (1000 Exemplare) sowie eine Luxusausgabe in weinrotem Ziegenleder mit signierter und nummerierter Karikatur im Kunstsiebdruck (120 Exemplare).Haderers Jesus in Prunkversion. In: Oberösterreichische Rundschau, 20. Juni 2002, S. 16. Bei der beiliegenden Karikatur handelte es sich um eine neue Zeichnung Haderers mit dem Titel Kardinal Christoph Schönborn schnüffelt am Weihrauchkessel.Ro Raftl: Haderer in Ziegenleder. In: profil, Nr. 46, 2002, S. 214.
Rezeption Reaktionen im Inland mini|Kardinal Christoph Schönborn, ein Kritiker des Buches
Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, kritisierte am 16. März 2002 Das Leben des Jesus in einem Gastkommentar in der Presse scharfChristoph Schönborn: Ich protestiere gegen Gerhard Haderer! In: Die Presse, 16. März 2002, S. 2. und veröffentlichte den Kommentar kurz darauf zudem im Boulevardblatt Kronen Zeitung erneut. Er nannte das Buch eine „Spottschrift“ und eine Biografie, in der „alles aufs Primitivste lächerlich gemacht“ werde, und forderte von Haderer eine Entschuldigung bei den gläubigen Mitbürgern. Haderer bezeichnete die Kritik am selben Tag als „Sturm im Wasserglas“ und machte deutlich, dass seine Kritik im Buch vor allem den Kirchenoberen, nicht jedoch der Figur Jesus von Nazareth gelte.Streit um Gerhard Haderers Buch „Das Leben des Jesus“. In: APA Nachrichten, 16. März 2002, Innenpolitik Österreich / Kultur Österreich. Zudem veröffentlichte er in profil eine Karikatur, in der er als Schuljunge bei einer Strafaufgabe an der Tafel hundertmal schreibt, dass er „Bischof Schönborn nicht verarschen“ dürfe.Österreichs Kirche bezichtigt Karikaturisten der Blasphemie. In: Welt am Sonntag, 31. März 2002, S. 6.