Die Burdenko-Kommission, vollständige amtliche Bezeichnung: Spezialkommission zur Feststellung und Untersuchung der Umstände der Erschießung der kriegsgefangenen polnischen Offiziere durch die deutsch-faschistischen Eroberer im Wald von Katyn (Специальная Комиссия по установлению и расследованию обстоятельств расстрела немецко-фашистскими захватчиками в Катынском лесу военнопленных польских офицеров, Spezijalnaja Komissija po ustanowleniu i rassledowaniu obstojatelstw rasstrela nemezko-faschistskimi sachwattschikami w Katynskom lessu wojennoplennych polskich ofizerow), war ein im Herbst 1943 von der politischen Führung in Moskau berufenes Gremium, das unter der Leitung des Chefchirurgen der Roten Armee, Nikolai Burdenko die deutsche Täterschaft beim Massaker von Katyn zu bezeugen hatte. Der von ihr 1944 vorgestellte Bericht war bis 1990 die offizielle sowjetische Version.

Vorgeschichte Reaktion auf deutsche Kampagne Die Entdeckung der Massengräber im Wald von Katyn bei Smolensk durch Soldaten der Wehrmacht im Februar 1943 nahm Propagandaminister Joseph Goebbels zum Anlass für eine Propagandakampagne, die einen Keil zwischen die Westalliierten und ihre sowjetischen Verbündeten treiben sollte.Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń. Hamburg 2015, S. 15. Im Rahmen dieser Kampagne lud das Auswärtige Amt in Berlin eine Gruppe von Gerichtsmedizinern aus mehreren europäischen Staaten nach Katyn ein. Diese Internationale Ärztekommission zum Massaker von Katyn kam zum Ergebnis, dass das Verbrechen im Frühjahr 1940 begangen worden sei. Somit kam nur eine sowjetische Täterschaft in Betracht, doch wurde diese Version von der Führung in Moskau zurückgewiesen.John P. Fox, Der Fall Katyn und die NS-Propaganda, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 3 (1982), S. 464 (PDF). Das Auswärtige Amt gab im Juni 1943 eine Dokumentation heraus, die auch den Bericht der Ärztekommission enthielt.Amtliches Material zum Massenmord von Katyn. Berlin 1943, S. 114–117.

Noch vor der Rückeroberung der Region Smolensk durch die Rote Armee im September 1943 beschloss die Führung in Moskau die Einberufung einer eigenen Untersuchungskommission, die das „Amtliche Material“ Berlins konterkarieren sollte. Den Entwurf für den Erlass über die Sonderkommission genehmigten der Chef der Geheimpolizei NKWD Lawrenti Beria, Außenminister Wjatscheslaw Molotow und sein Erster Stellvertreter Andrei Wyschinski, der frühere Generalstaatsanwalt der UdSSR. Es wurde festgelegt, dass die neue Kommission der „Außerordentlichen Staatlichen Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutsch-faschistischen Eindringlinge und ihrer Komplizen, und des Schadens, den sie den Bürgern, Kolchosen, öffentlichen Organisationen, staatlichen Betrieben und Einrichtungen der UdSSR zugefügt haben“ unterstehen sollte, die 1942 per Erlass von Michail Kalinin, dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets, ins Leben gerufen worden war.Natalia S. Lebiediewa: Komisja Specjalna i jej przewodniczący Burdenko. In: Zeszyty Katyńskie, 23 (2008), S. 70–72.

Vorbereitung der Örtlichkeit Unmittelbar nach der Rückeroberung der Region am 25. September 1943 riegelten Einheiten des NKWD das Dorf Katyn ab, auch bewachten sie den nahegelegenen Wald mit den Massengräbern. Beria beauftragte mit der Präparierung von Zeugen unter den Einwohnern der Region seinen früheren Stellvertreter Wsewolod Merkulow, der kurz zuvor an die Spitze des aus dem NKWD ausgliederten Volkskommissariats für Staatssicherheit (NKGB) getreten war, somit für Spionage und Spionageabwehr zuständig war. Merkulow hatte bereits bei den Vorbereitungen zur Ermordung der Polen 1940 die Dienstaufsicht geführt.Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń. Hamburg 2015, S. 74 f.

NKWD-Spezialisten fabrizierten oder besorgten Dokumente mit Daten zwischen Herbst 1940 und Sommer 1941. Sie sollten belegen, dass die kriegsgefangenen Polen in diesem Zeitraum noch lebten.Władimir Abarinow: Oprawcy z Katynia. Krakau 2007, S. 272–276. Merkulow traf Ende September 1943 an der Spitze einer größeren Gruppe von Experten aus den Reihen des NKWD, des NKGB sowie des Militärgeheimdienstes Smersch in Katyn ein.Natalia S. Lebiediewa: Komisja Specjalna i jej przewodniczący Burdenko. In: Zeszyty Katyńskie, 23 (2008), S. 58–61. Mit Hilfe von Baggern und Bulldozern wurden die Massengräber geöffnet, die Dokumente wurden einigen der Leichen beigegeben.Natalia S. Lebiediewa: Komisja Specjalna i jej przewodniczący Burdenko. In: Zeszyty Katyńskie, 23 (2008), S. 65–69. Ebenso wurde ein Notizheft des von den deutschen Besatzern eingesetzten Bürgermeisters Boris Menschagin gefälscht, in dem er die Deutschen des Massenmordes bezichtigte. Menschagin hatte sich der Wehrmacht bei ihrem Rückzug aus der Region angeschlossen.Inessa Jažborovskaja, Anatolij Jablokov, Valentina Parsadanova: Katynskij sindrom w sovetsko-polskich otnošenijach. Moskau 2009, S. 368–374.

Der NKWD präparierte insgesamt 95 Zeugen, die die Täterschaft der Deutschen bestätigen sollten. Darunter waren 17 Einwohner der Region, deren Aussagen das „Amtliche Material“ der Deutschen zitierte oder die an den Exhumierungsarbeiten im Auftrag der Wehrmacht beteiligt waren. Ihnen wurde mit dem Tod gedroht, falls sie nicht die deutsche Täterschaft bezeugten. Mehrere von ihnen überlebten die Verhöre nicht.Katyn' 1940–2000. Dokumenty. Red. N. S. Lebedeva. Moskau 2001, S. 429–430. Merkulow persönlich leitete das Verhör des für drei Monate inhaftierten Astronomieprofessors Boris Basilewski, den die Deutschen als Vizebürgermeister von Smolensk eingesetzt hatten.Natalia S. Lebiediewa: Komisja Specjalna i jej przewodniczący Burdenko. In: Zeszyty Katyńskie, 23 (2008), S. 62–63. Während der deutschen Besatzung hatte Basilewski auf öffentlichen Versammlungen die Bolschewiken als Täter angeprangert.Vladimir Pozdnjakov, Novoe o Katyni, in: Novyj žurnal, 104 (1971), S. 276.

Mitglieder mini|Briefmarke der Sowjetunion, Nikolai Burdenko, 1976 (Michel № 4471, Scott № 4438)

Nikolai Burdenko, Generalleutnant im Sanitätsdienst der Roten Armee und als Medizinprofessor Spezialist für Unfallchirurgie, der bereits an anderen Orten mehr als 1000 in Massengräbern verscharrte russische Opfer der SS-Einsatzkommandos obduziert hatte.Natalia S. Lebiediewa: Komisja Specjalna i jej przewodniczący Burdenko. In: Zeszyty Katyńskie, 23 (2008), S. 59. Alexandr Gundorow, Generalleutnant der Ingenieurtruppen, Vorsitzender des Allslawischen Komitees Sergej Kolesnikow, Vorsitzender des Exekutivkomitees der Sowjetischen Gesellschaften des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds Roman Melnikow, Vorsitzender des Smolensker Bezirksexekutivkomitees Nikolai, Metropolit von Kiew und Halitsch Wladimir Potjomkin, Volkskommissar für Bildung der RSFSR und Präsident der Akademie der Wissenschaften der RSFSR, bis 1939 Vizeaußenminister der UdSSR Wiktor Prosorowski, Direktor des Wissenschaftlichen Forschungsinstituts für Gerichtsmedizin des Volkskommissariats für das Gesundheitswesen der UdSSR, zum Sekretär der Kommission bestimmt Jefim Smirnow, Generaloberst, Chef der militärmedizinischen Hauptverwaltung der Roten Armee Alexei Tolstoi, der frühere Vorsitzende des sowjetischen Schriftstellerverbandes, einer der am meisten gedruckten sowjetischen Autoren. Russische Literaturhistoriker sehen seine Teilnahme auch als Bewährungsprobe an: Stalin hatte kurz zuvor seinen Roman „Peter der Große“ und die Erstfassung seines Dramas „Iwan IV.“ kritisiert.Benedikt Sarnov: Stalin i pisateli. Kniga Vtoraja. Moskau 2008, S. 10–15, 216–217.

Ausländische Experten wurden nicht eingeladen. Merkulow hatte zunächst auch mehrere im Moskauer Exil lebende Polen vorgeschlagen, darunter die Stalinistin Wanda Wasilewska und den Sozialisten Bolesław Drobner, der erst kurz zuvor nach vier Jahren aus dem Gulag entlassen worden war. Doch Stalin lehnte die Aufnahme von Polen in die Kommission ab.Wojciech Materski: Mord Katyński. Siedemdziesiąt lat drogi do prawdy. Warschau 2010. S. 35.

Tätigkeit Untersuchungen Burdenko unterstand eine 75 Personen umfassende Gruppe aus medizinischem Personal, darunter fünf Professoren. Unter Leitung von Professor Prosorowski exhumierten sie zwischen dem 13. und 24. Januar 1944 Leichen aus den Massengräbern. Angeblich wurden 925 Leichen obduziert, doch wird diese Größenordnung von Historikern als völlig übertrieben angesehen, zumal keine Einzelprotokolle angefertigt wurden.O. V. Kornilova, O probleme izučenija katynskoj tragedii, in: Vestnik Katynskogo memoriala, 3.2004, S. 9.

Den Akten zufolge tagte die Kommission nur ein einziges Mal, am 24. Januar 1944. An der Sitzung nahm Merkulow teil, obwohl er der Kommission nicht angehörte.Natalia S. Lebiediewa: Komisja Specjalna i jej przewodniczący Burdenko. In: Zeszyty Katyńskie, 23 (2008), S. 76–78. Burdenko kommentierte auf der Sitzung Widersprüche in dem angeblichen Augenzeugenbericht eines Einwohners der Region, der bereits ausführlich im „Amtlichen Material“ der Deutschen zitiert worden war. Merkulow sagte daraufhin ein psychologisches Gutachten über diesen Zeugen zu.

Die Presseagentur TASS verbreitete ebenfalls am 24. Januar 1944 eine Meldung über den erfolgreichen Abschluss der Arbeit der Sonderkommission.Katyń. Dokumenty zbrodni. T.: 4 Echa Katynia. Hrsg. W. Materski, N. Lebiediewa u. a. Warschau 2006, S. 289.

Abschlussbericht Bereits am 24. Januar legte Burdenko den Abschlussbericht der Sonderkommission vor, zwei Tage später veröffentlichte ihn das Parteiorgan „Prawda“ in voller Länge.Soobščenie Special’noj Komissii, in: Pravda, 26. Januar 1944, S. 1–3. Dem Bericht zufolge wurden die polnischen Offiziere im Frühjahr 1940 in die drei Lager 1-ON, 2-ON, 3-ON in der Region Smolensk gebracht. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 sei es nicht gelungen, diese drei Lager rechtzeitig zu evakuieren, die Polen seien in die Hand der vorrückenden Deutschen gelangt und im August und September 1941 vom Baubataillon 537 der Wehrmacht erschossen worden. Allerdings gaben die Verfasser des Berichtes auch korrekt an, dass die Toten Winterkleidung getragen hätten.

Als sich im Frühjahr 1943 die Front wieder von Osten her Smolensk näherte, hätten die Deutschen die Massengräber geöffnet, um in einer großen Propagandaaktion der sowjetischen Seite die Schuld zu geben. Bei diesen Manipulationen seien allerdings mehrere Briefe, Postkarten und andere Schriftstücke übersehen worden, die aus dem Zeitraum zwischen dem 12. November 1940 und dem 20. Juni 1941 stammten. 500 sowjetische Kriegsgefangene, die die Deutschen dabei eingesetzt hätten, seien anschließend von ihnen erschossen worden.Natalia S. Lebiediewa: Komisja Specjalna i jej przewodniczący Burdenko. In: Zeszyty Katyńskie, 23 (2008), S. 65. Die Gesamtzahl der Toten gab der Bericht mit 11.000 an.Jacek Trznadel, Katyń a źródła sowieckie, in: Zeszyty Katyńskie, 1 (1990), S. 117.

Journalistenprogramm