Richard Rolle von Hampole (lateinisch Richardus Rollus, Richardus Eremita oder Richardus Hampolensis; * um 1290/1310 in Thornton-le-Dale, Ryedale, North Yorkshire; † 29. September 1349 in Hampole, Metropolitan Borough of Doncaster, South Yorkshire) war ein englischer Eremit und Autor kontemplativer Schriften. Er verfasste Werke in mittellateinischer und mittelenglischer Sprache. Als Autor wurde er zu einem der einflussreichsten englischen Lehrer der Spiritualität im Spätmittelalter.
Leben Über Rolles Leben ist wenig bekannt. Für seine Geburt schwanken die Datierungsansätze zwischen 1290 und 1310.Zu Ort und Zeit der Geburt siehe Nicole Marzac (Hrsg.): Richard Rolle de Hampole (1300–1349). Vie et œuvres, suivies du Tractatus super Apocalypsim, Paris 1968, S. 17 f. Er entstammte einer Familie des niederen Adels. Sein Vater William war offenbar nicht sehr begütert. Als er etwa 13 oder 14 Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern zur Ausbildung nach Oxford. Er sollte an der dortigen Universität, wohl am University College, Philosophie und Theologie studieren. Seine Unzufriedenheit mit dem Hochschulbetrieb und eine spirituelle Erfahrung bewirkten jedoch eine radikale Umkehr. Im Alter von 18 oder 19 Jahren brach er das Studium ab und kehrte in seine nordenglische Heimat zurück, um dort als Einsiedler zu leben, zunächst auf dem Grundstück seines Gönners John de Dalton, eines Nachbarn seines Vaters.Siehe dazu Wolfgang Riehle: Englische Mystik des Mittelalters, München 2011, S. 119–122; Nicole Marzac (Hrsg.): Richard Rolle de Hampole (1300–1349). Vie et œuvres, suivies du Tractatus super Apocalypsim, Paris 1968, S. 18–20. Dabei orientierte er sich am Vorbild des Franz von Assisi, dessen Armutsideal er teilte. Er schloss sich aber keiner Ordensgemeinschaft an und folgte anscheinend keiner anerkannten Mönchs- oder Eremitenregel.François Vandenbroucke (Hrsg.): Richard Rolle: Le Chant d’amour (Melos Amoris), Bd. 1, Paris 1971, S. 25; Nicole Marzac (Hrsg.): Richard Rolle de Hampole (1300–1349). Vie et œuvres, suivies du Tractatus super Apocalypsim, Paris 1968, S. 31 f. Da er sein spirituelles Erleben als Manifestation der Anwesenheit Gottes auffasste, hielt er sich für berechtigt, gemäß seiner Überzeugung religiöse Unterweisung zu erteilen. Offenbar erregte er mit seinem Auftreten Anstoß; nach seinen Angaben hatte er zahlreiche Gegner und Neider, die ihn verspotteten und anschwärzten und seine Aufrichtigkeit in Zweifel zogen.François Vandenbroucke (Hrsg.): Richard Rolle: Le Chant d’amour (Melos Amoris), Bd. 1, Paris 1971, S. 25–32.
Anfangs wechselte Rolle mehrfach seinen Aufenthaltsort in der Einöde. Für längere Zeit bezog er eine Zelle in der Nähe von Ainderby Steeple (bei Northallerton). Schließlich übernahm er die geistliche Betreuung der Zisterzienserinnen des Priorats Hampole bei Doncaster, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass er dort eine offizielle Funktion ausübte. Eine enge Freundschaft verband ihn mit seiner Schülerin Margaret Kirk(e)by, die zunächst Nonne in Hampole war und sich später als Inklusin in einer Klause einschließen ließ. Im Jahr 1349 starb er an der Pest und wurde im Zisterzienserinnenkloster von Hampole beigesetzt.
Obwohl Rolle sein Studium in Oxford sehr früh abgebrochen hatte, verfügte er über ein umfassendes theologisches Wissen, einen außergewöhnlichen lateinischen Wortschatz und sogar Griechischkenntnisse. Dies erklären manche Forscher mit der Annahme, dass er in Paris Theologie studiert habe. Diese Hypothese, die sich auf späte Quellen stützt, ist stark umstritten.Wolfgang Riehle: Englische Mystik des Mittelalters, München 2011, S. 119–121 und Nicole Marzac (Hrsg.): Richard Rolle de Hampole (1300–1349). Vie et œuvres, suivies du Tractatus super Apocalypsim, Paris 1968, S. 20–26 plädieren für die Hypothese. Anderer Meinung sind u. a. Fritz Kemmler: Richard Rolle. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. 7, Tübingen 2004, Sp. 504 f. und Michael Sargent: Richard Rolle de Hampole. In: Dictionnaire de Spiritualité, Ascétique et Mystique, Bd. 13, Paris 1988, Sp. 572–590, hier: 575 f.
Werke
Rolle machte seine eigenen Erfahrungen zur Grundlage seiner Auffassung vom Verhältnis der Seele zu Gott, um das sein Denken kreiste. Daher fügte er reichlich autobiographische Elemente in seine Ausführungen ein.
Das englische Werk umfasst vor allem die drei Schriften Ego dormio, The Commandment (moderner Titel) und The Form of Living sowie eine Übersetzung und Auslegung des Psalters (The English Psalter). Hinzu kommen zwei Meditationen über das Leiden Christi und kurze erbauliche Texte. Mit diesen Schriften wandte sich Rolle hauptsächlich an Frauen; unter den Leserinnen waren zu seinen Lebzeiten wohl in erster Linie Nonnen von Hampole. Ego dormio, seine erste englische Abhandlung, ist eine relativ kurze, aber eingehende Erläuterung der als dreistufig dargestellten Liebe. Die Ausführungen dieses Traktats sind von drei Gedichten begleitet, der Leser wird affektiv angesprochen. In nüchternem Stil abgefasst ist hingegen das zweite Werk, The Commandment, eine kurze Unterweisung über das Leben in Gottesliebe. The Form of Living, eine Lebensregel, ist die letzte und umfangreichste volkssprachliche Schrift Rolles; sie entstand 1348 oder 1349, in den letzten Monaten seines Lebens.Claire Elizabeth McIlroy: The English Prose Treatises of Richard Rolle, Cambridge 2004, S. 140 f.
Umfangreicher als das volkssprachliche ist das lateinische Œuvre. Dazu zählen in erster Linie die Schilderungen der spirituellen Erfahrungen des Autors in den Schriften Incendium amoris (Feuer der Liebe) und Melos amoris (Melodie der Liebe). Das Incendium amoris bietet eine ausführliche Beschreibung seiner religiösen Entwicklung. In der einflussreichen Lebensregel De emendatione vitae (Über die Berichtigung des Lebens) formulierte er auf der Grundlage seiner persönlichen Erfahrung Grundsätze mit dem Anspruch allgemeiner Gültigkeit. Für sein Mariengedicht Canticum amoris (Gesang der Liebe), ein Jugendwerk, das aus 38 vierzeiligen Strophen besteht, verwendete er die in weltlicher Liebesdichtung übliche Vagantenstrophe. Damit deutete er die sinnliche, nicht sublimierende Natur seiner Marienliebe an, die er auch im Inhalt ungehemmt zum Ausdruck brachte. Außerdem verfasste er Bibelkommentare, die Abhandlung Liber de amore dei contra amatores mundi (Buch über die Gottesliebe gegen die Liebhaber der Welt), ein lateinisches Unterweisungsbuch für Priester mit dem Titel Judica me deus (Richte mich, Gott) sowie Reflexionen über die Lesungen des Totenoffiziums (Expositio super novem lectiones mortuorum). Ferner kommentierte er das Vaterunser und das Apostolische Glaubensbekenntnis.Eine Übersicht bietet Michael Sargent: Richard Rolle de Hampole. In: Dictionnaire de Spiritualité, Ascétique et Mystique, Bd. 13, Paris 1988, Sp. 572–590, hier: 576–581.
Lehre
Im Mittelpunkt von Rolles Werk steht die dichterische und schriftstellerische Auseinandersetzung mit der göttlichen Liebe als persönlicher Erfahrung. Mit seinen Schilderungen bemühte er sich, den Lesern die Möglichkeit und den Reiz eines derartigen Erlebens nahezubringen und sie auf dem Weg zu einer davon geprägten Lebensweise anzuleiten. Theologische und literarische Impulse erhielt er von hochmittelalterlichen spirituell orientierten Autoren, hauptsächlich Zisterziensern. Er war mit der damals verbreiteten kontemplativen Literatur vertraut, doch ist das Ausmaß seiner Abhängigkeit von ihr schwer zu bestimmen. Relativ stark beeinflusst war er von Bernhard von Clairvaux, in geringerem Maß von den Viktorinern. Er schätzte die Dichtung des Franziskaners John of Howden und den Hymnus Jesu dulcis memoria.Malcolm Robert Moyes (Hrsg.): Richard Rolle’s Expositio super novem lectiones mortuorum, Bd. 1, Salzburg 1988, S. 4 f., 53–67.
Charakteristisch für Rolles Liebeslehre sind die drei Begriffe calor oder fervor, dulcor und canor. Mit diesen Ausdrücken beschreibt er schon das frühe Erlebnis, das in seinem Leben die entscheidende Wende bewirkte. Calor bezeichnet die Glut der göttlichen Liebe, dulcor die Süße des Erlebens der Gottesgegenwart, canor den dabei vernommenen Klang, die himmlische Musik, in welche die Seele einstimmen kann. Die Wörter „Glut“ und „Klang“ dienen hier nicht als bloße Metaphern für Geistiges, sondern bezeichnen Erfahrungen des Autors, die sich auch auf der physischen Ebene machtvoll bemerkbar machten. So hat er nach seinen Angaben die „Glut“ der von Gott ausgehenden Liebe wie die Hitze eines materiellen Feuers wahrgenommen und von dieser zunächst kaum unterscheiden können, als sie erstmals in seinem Herzen auftrat. Nachdrücklich weist Rolle auf die reale, sinnliche, nicht metaphorische Natur seiner Erlebnisse hin. Den drei Begriffen „Glut“, „Süße“ und „Klang“ entsprechen drei Stufen der Gotteserfahrung, von denen canor oder melos für Rolle die höchste ist. Diese im Mittelalter ungewöhnliche Dominanz des akustischen Aspekts ist ein Hauptmerkmal seiner Spiritualität. Das Klangerlebnis tritt bei ihm in den Vordergrund, während sonst in der mittelalterlichen Mystik die visuellen Eindrücke, die in der reichhaltigen Visionsliteratur dargestellt sind, gewöhnlich die Hauptrolle spielen. Im Melos amoris versuchte Rolle mit dem Klang seiner Worte, insbesondere mittels Alliteration, für den Leser eine Andeutung seines akustischen Erlebens zu erzeugen. Nach seinem Verständnis handelt es sich bei diesem Erleben um einen Klang, der beim Singen vernommen wird, aber nicht vom Singenden selbst ausgeht, sondern von überirdischer Natur ist. Darauf antwortet der Mensch, dem solche Gnade zuteilwird, tönend und singend, und wird dabei gleichsam selbst in Musik transformiert; seine musikalische Verherrlichung Gottes wird Teil des Gesanges der Engel. So offenbart sich etwas Göttliches im Menschen, und es tritt eine Freude auf, die in Rolles Incendium amoris als rauschartig beschrieben wird. Der göttlichen Liebe schrieb er die Kraft zu, den Menschen in einen Zustand der Heiligkeit zu erheben; ohne sie gibt es nach seiner Überzeugung keine Gotteserkenntnis. Die theologischen Spekulationen der Scholastiker, die auf Plausibilitätserwägungen beruhen, hielt er für unfruchtbar und lehnte er ab. Er kritisierte die verbreitete Neigung, berühmten Lehrern nachzulaufen, und stellte ihr die Forderung einer Hinwendung zum „inneren Lehrer“ entgegen.Wolfgang Riehle: Englische Mystik des Mittelalters, München 2011, S. 120 f., 131 f., 151 f., 198, 200.