Brody (, , , – Brod) ist eine ukrainische Stadt mit 23.700 Einwohnern (2024). Sie liegt 90 km nordöstlich von Lwiw (Lemberg) in der Oblast Lwiw.
Geschichte Archäologische Funde deuten darauf hin, dass sich in der Nähe des heutigen Stadtgebiets bereits um 12.000 v. Chr. menschliche Ansiedlungen befanden.
Kiewer Rus Brody (deutsch: Furten) wurde 1084 das erste Mal urkundlich erwähnt, es gehörte damals zur Kiewer Rus.
Ruthenien (Polen) Ab 1340 gehörte Brody zum Königreich Polen und innerhalb dessen zur Woiwodschaft Ruthenien. Die Stadt wurde vom polnischen Adel als „ideale“ Stadt konzipiert und neu angelegt. 1584 bekam es Magdeburger Stadtrecht. Ab 1629 befand sich die Stadt im Eigentum der Familie Koniecpolski und nahm durch Privilegien wie dem Stapelrecht und der teilweisen Befreiung von Abgaben einen starken Wirtschafts- und Bevölkerungsaufschwung. Neben anderen zogen Juden, Armenier, Schotten und Griechen in die Stadt.
1704 hatte König Jan Sobieski die Stadt an Józef Potocki verkauft. Ab 1720 machte die Familie Potocki Brody zu ihrem Wohnort und hielt Jahrmärkte, insbesondere Pferdemärkte, ab. In dieser Zeit übertraf das Handelsvolumen mit Waren aus allen Gegenden Polen-Litauens, Sachsens, Preußens, Russlands, Ungarns und dem Osmanischen Reich um das achtfache dasjenige Lwiws. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts war es Sitz des Vier-Länder-Rats, des wichtigen Gerichts- und Verwaltungsrats der Juden in Polen-Litauen.
Galizien (Österreich) Die Erste Teilung Polen-Litauens gefährdete die Funktion Brodys als Umschlagplatz, weil es nun an den äußersten Rand einer sowieso bereits peripheren Region des Habsburgerreiches geraten war. Seit jener Zeit lag Brody in einem der Staaten des Hauses Österreich, dem neugeschaffenen Königreich Galizien und Lodomerien und war Grenzstadt zum Russischen Reich mit regen Beziehungen zur Grenzstadt Radziwilow auf der anderen Seite. 1773 erreichte Brody durch weitreichende Ausnahmeregelungen des Galizischen Gouverneurs de facto Freihandelsstatus. Diese Handelsprivilegien wurden aber in der Folge von anderen Galizischen Städten und auch von Kleinhändlern aus Brody selbst bekämpft, was nichts an der entstehenden wirtschaftlichen Blütezeit der Stadt änderte. Brody wurde 1779 von Kaiserin Maria Theresia mit durch gewährte Freihandelsprivilegien weiter ausgebaut. 1778 hatte Brody 10.887 Einwohner und war nach Lwiw die zweitgrößte Stadt Galiziens. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung stieg die Einwohnerzahl bis 1785 auf 16.898 Einwohner an.
Schon unter polnischer Herrschaft waren in Brody Minderheiten angesiedelt worden. Die Stadt entwickelte sich danach zu einem religiösen Zentrum des osteuropäischen Judentums. Am Anfang der österreichischen Herrschaft betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung rund 80 %, später ging er auf zwei Drittel zurück. Besonders seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts trugen jüdische Kaufleute und Händler wesentlich zur Entwicklung des Fernhandels bei. Möglich wurde das, weil Maria Theresia deren vorhandene Handelsbeziehungen insofern schützte, als sie die neu entstandenen Landes- und damit Handelsgrenzen durch die Errichtung einer Freihandelszone aushebelte, die für Brody und die umliegenden Dörfer galt. Das geschah nach dem Vorbild von Triest, das unter den Habsburgern bereits zuvor zu einer der wichtigsten Handelsstätte Österreichs entwickelt wurde. So konnte die geographische Lage der Stadt auch weiter genutzt werden, um die vorhandenen Handelsrouten zwischen Osten und Westen auszubauen. So gelang es Wien auch, zu verhindern, dass Kaufleute (ohne steuerliche Begünstigungen) ihre Geschäfte in die nahe gelegene Adelsrepublik Polen-Litauen verlegten. Dagegen protestierte die habsburgische Verwaltung Galizien, weil sie gerne weiterhin die üppigen Steuereinnahmen der Stadt zur Verfügung gehabt hätten.Habsburg - Geschichte eines Imperiums 1740-1918; Pieter M. Judson, C.H. Beck Verlag, 2016; Seite 54ff
Brody wurde Umschlagplatz für Waren aus Westeuropa im Austausch gegen Rohstoffe aus Polen-Litauen, Russland und dem Osmanischen Reich. Brody gehörte in jener Zeit zu den reichsten und bedeutendsten Städten der Rzeczpospolita. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts war es Sitz des Vier-Länder-Rats, des wichtigen Gerichts- und Verwaltungsrats der Juden in Polen-Litauen.
Wirtschaftliche Entwicklung 1779 wurde die Stadt nach dem Vorbild der Adriahäfen Triest und Fiume (Rijeka) mit einem Umland von 264 Quadratkilometer zur Freihandelszone erklärt. Nun nahm sie einen unerhörten Aufschwung und wurde bald zu einem der wichtigsten Handelsplätze in Mittel- und Osteuropa. Zehn Jahre lang erließ der Staat den Bürgern von Brody die Steuern, damit sie ihre Häuser erneuern und neue Unternehmungen gründen konnten.
Galizische und polnisch-litauische Rauchwaren, Wachs und Honig, Hanf und Leinen wurden in Brody umgeschlagen und weiter im Westen auf der Breslauer, Frankfurter und vor allem der Leipziger Messe gegen Baumwollgewebe, edle Stoffe wie französische Seide sowie englische Industrieprodukte getauscht. Aus Italien kamen Seidenstoffe, Schmuck und Korallen, aus der Steiermark und Oberösterreich wurden Sensen für Osteuropa geliefert. Gewürze, Perlen und Juwelen wurden aus dem Fernen Osten eingeführt. Russland lieferte Tee, Zucker, Wolle, Borsten, Federn, Pelzwaren und Pferde, die zweimal im Jahr auf einem großen Pferdemarkt angeboten wurden.
Seit 1809 war Brody der wichtigste Umschlagplatz für die Einfuhr von Kolonialwaren nach Österreich, nachdem dieses die illyrischen Hafenstädte an Frankreich verloren hatte. Da für diese Güter aufgrund der Kontinentalsperre ein Importverbot bestand, wurde ein großer Teil dieser Waren bis 1815 über die Grenze geschmuggelt. Im 18. und 19. Jahrhundert war die Stadt als Pelzhandelszentrum Brody ein bedeutender Umschlagplatz für Pelzfelle und Borsten sowie ein Schwerpunkt der Kürschnerei.
Nach 1815 ging die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt deutlich zurück, da der Warenverkehr mit Russland abnahm und Illyrien wieder zu Österreich gehörte.
Bis 1860 war Brody die drittgrößte Stadt Galiziens nach Lemberg und Krakau. 1850 wurde es Sitz des gleichnamigen Bezirks BrodyReichsgesetzblatt vom 8. October 1850, Nr. 383, Seite 1741, 1867 wurde auch ein Bezirksgericht eingerichtet. 1869 wurde die Stadt an das österreichische Eisenbahnnetz angeschlossen, 1873 wurde die grenzüberschreitende Verbindung zum Nachbarort Radsiwilow im Russischen Kaiserreich hergestellt. Zu diesem Zeitpunkt war etwas weiter südlich bei Pidwolotschysk ebenfalls eine Verbindungsstrecke erbaut worden, die Brody starke Konkurrenz machte.
Die Aufhebung des Freihandelspatents Ende 1879 verschlechterte die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich, da sich in Brody kaum Industrie entwickelt hatte.
Bevölkerungszahl Juden in BrodyErgebnisse der Volkszählungen der K. K. Statistischen Central-Kommission u. a. In: Anson Rabinbach: The Migration of Galician Jews to Vienna. Austrian History Yearbook, Volume XI, Berghahn Books / Rice University Press, Houston 1975, S. 46/47 (Table III). Jahr Ges.-Bev. Juden Anteil 1869 18.700 15.138 80,9 % 1880 20.000 15.316 76,3 % 1890 keine Angaben 1900 16.400 11.854 72,1 % 1910 18.000 12.150 67,5 % Die Bevölkerungszahl hatte mit 20.000 Personen im Jahr 1880 (1820: 18.000 Einwohner) ihren Höhepunkt erreicht. In einer Zeit, die den Städten durch die Industrialisierung großes Bevölkerungswachstum bescherte, stagnierte die Bevölkerung Brodys und ging bis 1900 auf 16.400 zurück.
Bis in die 1860er Jahre war Brody nach Lemberg und Krakau die drittgrößte Stadt Galiziens, 1910 belegte es nur mehr den zehnten Rang. Die bis dahin fast vollständig jüdische Stadt mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von 80,9 % bei 18.700 Einwohnern im Jahr 1869 erlebte mit der Wirtschaftskrise auch erstmals einen spürbaren Rückgang der jüdischen Bevölkerungsgruppe. Der um 1840 in Brody geborene Simon Ehrlich schreibt in seiner Autobiografie über die Juden Brodys:
„Nicht alle sind Chassidim. Zwar bilden vier Fünftheile der Insassen durchwegs Juden, aber die Judenschaft besteht aus Orthodoxen und Aufgeklärten; erstere sind theils arm, theils wohlhabend und führen mancherlei Gewerbe; sie sind Mäkler, Wechsler, Wucherer, Rabbiner, Schlächter, Schneider, Klempner, Schuster, Wasserträger und Fuhrleute. Letztere sind reich und treiben Handel. Die Meisten fahren alljährlich auf die Leipziger Messe, kehren dann mit gesegnetem Beutel zurück und führen im Kreise ihrer Familie ein glückliches, vergnügtes Leben.“Zitiert nach Yvonne Kleinmann: „Ausländer“ – „Russen“ – „Sozialisten“ – Jüdische Studenten aus dem östlichen Europa in Leipzig 1880–1914; in Stephan Wendehorst (Hrsg.): Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig, Leipziger Universitätsverlag, 2006, ISBN 3-86583-106-0, S. 520
Bildung Neben der Bedeutung als Handelsstadt ist Brodys Rolle als Bildungszentrum hervorzuheben. Von Brody aus gelangte die Jüdische Aufklärung (Haskala), getragen vor allem von den wohlhabenden und weitgereisten Kaufleuten der Stadt und deren Angestellten, nach Galizien und erlebte zwischen 1815 und 1850 ihre Hochblüte.Monica Rüthers und Desanka Schwara: Regionen im Porträt; in Heiko Haumann (Hrsg.): Luftmenschen und rebellische Töchter – Zum Wandel ostjüdischer Lebenswelten im 19. Jahrhundert, Böhlau Verlag, 2003, ISBN 3-412-06699-0, S. 54 Insbesondere zu nennen ist hier die deutsch-jüdische Realschule von Brody, die 1815/16 als eine der Haskala verbundene israelitische Privatschule gegründet wurde. 1854 wurde sie eine öffentliche überkonfessionelle Schule, die schließlich ab den 1860er Jahren sukzessive in ein vollständiges Staatsgymnasium umgewandelt wurde und ab 1883 offiziell k.k. Kronprinz-Rudolf-Gymnasium hieß. Bemerkenswert ist, dass die Unterrichtssprache bis 1906 Deutsch war (in schon bestehenden Klassen bis 1914), während es im restlichen Galizien, abgesehen von Lemberg, nur mehr polnische und (wenige) ukrainische Gymnasien gab. Joseph Roth maturierte hier 1913 auf Deutsch. Auf den Gassen Brodys wurde Jiddisch, Polnisch, Ukrainisch und Deutsch gesprochen.
20. Jahrhundert mini|Woiwodschaft Tarnopol bis 1939, Lage der Stadt Im November 1918 war die Stadt, nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie am Ende des Ersten Weltkriegs, kurzzeitig Teil der Westukrainischen Volksrepublik, deren letzten Teile während des Polnisch-Ukrainischen Krieges im Juli 1919 von Polen besetzt wurden. Am 21. November 1919 sprach der Hohe Rat der Pariser Friedenskonferenz für eine Zeitdauer von 25 JahrenІ. Дацків: In: Український історичний журнал. Nr. 5 (482), Kiew 2009, S. 134. . (uk) Ostgalizien Polen zu. Nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit lag der Ort von 1921 bis September 1939 in der Woiwodschaft Tarnopol in der Zweiten Polnischen Republik.
Im September 1939 besetzte die Sowjetunion, gemäß den Vereinbarungen im geheimen Zusatzprotokoll des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages, die Stadt, woraufhin die Eingliederung in die Ukrainische SSR (siehe Geschichte der Ukraine) erfolgte.
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion fand vom 26. bis zum 29. Juni 1941 in der Nähe eine große Panzerschlacht zwischen der deutschen 1. Panzerarmee und fünf sowjetischen mechanisierten Korps statt, bei der beide Seiten hohe Verluste erlitten. Ab dem 1. August 1941 gehörte der Distrikt Galizien mit Brody zum Generalgouvernement. In den folgenden drei Jahren unter deutscher Besatzung wurden praktisch alle ca. 9000 jüdischen Einwohner Brodys zuerst geplündert, teilweise zur Zwangsarbeit eingesetzt, ab Dezember 1942 in ein Ghetto gesperrt und schließlich ermordet, wobei nur der kleinere Teil in Vernichtungslager deportiert wurde. Der weitaus größere Teil wurde am Waldrand hinter dem jüdischen Friedhof oder am Schlossplatz erschossen. An diesen Massenmord erinnert ein dreisprachiger Gedenkstein neben dem Friedhof, auf dem heutzutage (Stand Juni 2016) teilweise Gemüsebeete angelegt sind.