mini|Ali Schariati (1972) Ali Schariati (; geb. am 24. November 1933 im iranischen Dorf Kahak bei Sabzewar; gest. am 19. Juni 1977 in Southampton, England) war ein iranischer schiitischer Intellektueller und Ideologe. Er widmete sein Leben der Aufgabe, eine Synthese aus modernem Sozialismus und traditionellen Schiismus herzustellen und die revolutionären Theorien von Karl Marx und Frantz Fanon und anderen nicht-iranischen Denkern an sein iranisches Umfeld anzupassen. Mit diesem Bestreben gilt er als einer der wichtigsten Vordenker der Iranischen bzw. Islamischen Revolution.Abrahamian: “’Ali Shari’ati: Ideologue of the Iranian Revolution.” 1982, S. 24a. Allerdings lehnte Schariati eine Herrschaft des schiitischen Klerus ab und sprach den Rouschanfekrān, den „aufgeklärten“ Intellektuellen, die Führungsrolle im revolutionären Prozess zu. Die demokratische Herrschaftsform hielt er für unvereinbar mit dem Prinzip des revolutionären Wandels.

Schariati war ein charismatischer Redner. Mit seinen Vorträgen und Schriften, die sich um die revolutionäre Rolle des Islams und des Schiismus und die Rückgewinnung des kulturellen Erbes drehten, zog er viele junge Iraner, insbesondere Universitätsstudenten, sowie auch einige reformorientierte Mitglieder der schiitischen Geistlichkeit in seinen Bann. Zu Schariatis größten Bewunderern gehörten die islamisch-marxistischen Volksmudschahedin, die im Februar 1979 zum Sieg der Revolution beitrugen und danach eine kurze Phase der Legalität und des Wachstums in Iran erlebten. Schariatis Ideen, die durch Übersetzungen seiner Schriften auch in vielen anderen Ländern der islamischen Welt bekannt wurden, spielten aber auch danach noch eine wichtige Rolle in den islamischen Diskussionen über die islamische Sozialethik. Wegen der großen Rolle, die Abū Dharr al-Ghifārī in seinem Denken spielte, wurde Schariati von seinen Bewunderern auch „der Abū Dharr seiner Zeit“ genannt.

Familiärer Hintergrund mini|hochkant|Der Vater: Mohammad Taghi Schariati Ali Schariati stammte aus einer Gelehrtenfamilie.Milani: Eminent Persians. 2008, S. 360. Sein Großvater Achund Hakīm war ein angesehener Religionsgelehrter, der eine Zeitlang an der Teheraner Sepāhsālār-Moschee verbracht und sich schließlich in dem Dorf Mazinan am Rande der Wüste Dascht-e Kawir in Chorasan niedergelassen hatte. In der Region war die Familie für ihre Frömmigkeit, ihr soziales Engagement und ihre Askese bekannt.

Ali Schariatis Vater Mohammad Taghi Mazinani Schariati war ein reformistischer Gelehrter, der westliche Kleidung trug, beim Studium der Religion neue Methoden anzuwenden versuchte und eine umfassende Bibliothek besaß. Nach Abschluss seines theologischen Einführungsstudiums (moqadamat) und dem Beginn seines weiterführenden Studiums (satḥ) hatte er das religiöse Establishment verlassen, um Lehrer im staatlichen Bildungssystem zu werden. 1944 gründete er in Maschhad den „Verein zur Verbreitung der islamischen Wahrheiten“ (Kānūn-e našr-e ḥaqāʾeq-e Eslāmī), eine Laienorganisation, die auf eine Neubelebung des Islams als Religion der sozialen Verpflichtung und des Engagements abzielte.Akhavi: „Sharīʿatī, ʿAlī“. 2009, S. 125a.

Ali Schariatis Mutter Zahra Amini entstammte einer Familie von Kleinbauern, die in dem kleinen Dorf Kahak ungefähr 70 Kilometer westlich von Sabzewar wohnte. Auch dieses Dorf befand sich am Rande der Dascht-e Kawir.

Leben Kindheit und Jugend mini|Kahak, das Dorf, in dem Ali Schariati geboren wurde Ali Schariati wurde am 24. November 1933 im Hause seines mütterlichen Großvaters in Kahak geboren und lebte die ersten Jahre seines Lebens teilweise in Mazinan und teilweise in Sabzewar. Im Herbst 1941, einen Monat nach der anglo-sowjetischen Invasion Irans, wurde er an der Ibn-Yamin-Grundschule eingeschult, einer vornehmen Privatschule, an der sein Vater als Studiendirektor tätig war. Noch während seiner Grundschulzeit soll Ali Schariati die persische Übersetzung von Victor Hugos Les Misérables sowie Bücher über so unterschiedliche Themen wie Vitamine und die Geschichte des Kinos gelesen haben. Im September 1947 kam er auf die Ferdowsi-Oberschule, eine der beiden Oberschulen von Maschhad. In diesen frühen Jahren stand er stark unter dem intellektuellen Einfluss seines Vaters, den er später einmal als seinen „ersten wirklichen Lehrer“ beschrieb. 1948 trat er auch dem von seinem Vater gegründeten „Verein zur Verbreitung der islamischen Wahrheiten“ bei.

In den ersten Jahren auf der Oberschule studierte Ali Schariati die Werke des iranischen nihilistischen Schriftstellers Sadegh Hedayat, der beiden modernen iranischen Dichter Nima Youschidsch und Mehdi Achawan Sales und des belgischen Schriftstellers Maurice Maeterlinck, dessen Werke Mystik und Symbolismus (Literatur) miteinander verbinden. Allerdings war er auch kein ungeselliger Einzelgänger, der sich nur den Studien widmete, sondern beteiligte sich durchaus auch an den üblichen Schülerstreichen im Unterricht, um den Lehrer lächerlich zu machen. Unter dem Einfluss seiner ausgedehnten Lektüre der Werke von Maeterlinck, Schopenhauer, Kafka und Hedayat erlebte er aber zwischen 1946 und 1950 eine erste persönliche Krise, die seine religiösen Grundüberzeugungen erschütterte. In dieser Zeit trug er sich eine Weile mit Selbstmordgedanken. Nach eigener Aussage war es die Dichtung von Dschalāl ad-Dīn Rūmī, die ihn tröstete und vor der Selbstzerstörung rettete.

Im Jahr 1950 verließ Schariati die Ferdowsi-Oberschule nach Abschluss des ersten Zyklus (neunte Klasse des alten Systems) und ging als Internatsschüler an das Lehrerseminar (Dānešsarāy-e tarbiyat-e moʿallem) in Maschhad, wo er eine zweijährige Ausbildung absolvierte.

Als Lehrer und politischer Aktivist in Maschhad 1952, im Alter von 19 Jahren, schloss Schariati seine Ausbildung am Lehrerseminar ab und wurde vom Bildungsministerium angestellt. Im Herbst desselben wurde er an die Ketabpur-Grundschule in Ahmadabad versetzt, einem Dorf in der Nähe von Maschhad, und begann dort zu unterrichten. Den Weg zu der Schule legte er regelmäßig mit dem Fahrrad zurück. Sein Hang zur Betrübnis war in dieser Zeit so stark, dass ein Psychiater, der mit der Familie befreundet war, glaubte, dass er wie sein Vater an einer Art Masochismus litt.

mini|Das Logo der Iran-Partei Allerdings beteiligte sich Ali Schariati zusammen mit seinem Vater aktiv an den politischen Diskussionen seiner Zeit und wurde Mitglied der Bewegung der sozialistischen Gottesverehrer (Nehżat-e ḫodāparastān-e sosīyalīst). Der Cheftheoretiker dieser Bewegung, Abolqassem Schakibnia, behauptete, dass es der Prophet Mohammed gewesen sei, der den Sozialismus erfunden und noch in seiner Zeit auf der arabischen Halbinsel eingeführt hätte.Milani: Eminent Persians. 2008, S. 361. Im Mai 1951 fusionierte diese Bewegung mit der sozialistisch-nationalistischen Iran-Partei (ḥezb-e Īrān), die ein Mitglied von Mohammad Mossadeghs Nationaler Front war. Im Sommer 1952 hielt sich Schariati häufig im Hauptquartier dieser Partei in Maschhad auf. Allerdings spaltete sich die Bewegung der sozialistischen Gottesverehrer schon im Februar 1953 wieder von der Iran-Partei ab und gründete eine neue Organisation unter dem Namen „Vereinigung für die Freiheit des Iranischen Volkes“ (ǧamʿīyat-e āzādī-ye mardom-e Īrān). Schariatis Name erschien im April 1953 auf einem Rundschreiben dieser Organisation.

1952 trat Schariati der Islamischen Schüler- und Studentenvereinigung (Anǧoman-e eslāmī-ye dānešāmūzān wa-dānešǧūyān) bei, den andere junge Mitglieder des „Vereins zur Verbreitung der islamischen Wahrheiten“ ein Jahr zuvor gegründet hatten. Hier leitete er die wöchentlichen Sitzungen, bei denen über religiöse, philosophischen und gesellschaftliche Fragen diskutiert wurde. Diese Sitzungen dienten der theoretischen Vorbereitung auf Auseinandersetzungen mit Sympathisanten und Mitglieder der Tudeh-Partei.

Gleichzeitig betätigte sich Schariati als politischer Aktivist. Als er im Juli 1952 zum Jahrestag der Großdemonstration gegen die Regierung von Ahmad Qavam an einer nächtlichen Aktion teilnahm, bei der die Mauern der Stadt mit pro-Mossadegh Graffiti bedeckt wurden, wurde er von einer Gruppe von Soldaten ertappt und verhaftet. Zusammen mit den anderen Beteiligten wurde er gezwungen, am nächsten Tag die Wände durch Ablecken der Graffiti zu reinigen. Erst zwei Tage später wurde er wieder freigelassen. Nach dem Putsch von 1953 nahm Schariati zusammen mit seinem Vater an Demonstrationen für Premierminister Mossadegh und die Nationale Front teil und unterstützte aktiv die von Mehdi Bazargan und Mahmud Taleghani gegründete Nationale Widerstandsbewegung (Nahżat-e moqāvamat-e mellī).Akhavi: „Sharīʿatī, ʿAlī“. 2009, S. 124b. Im Februar 1954 wurde er dafür erneut für 17 Tage inhaftiert.

Literaturstudium in Maschhad und erste Veröffentlichungen 1953 meldete sich Schariati erneut für die Oberschule an, um am Literaturunterricht der sechsten Klasse neuen Systems teilzunehmen. Ein Jahr später schloss er die Oberschulausbildung mit einem Literaturdiplom ab. Am 3. Dezember 1956 trat er in die neu gegründete Fakultät für Literatur und Geisteswissenschaften von Maschhad ein und begann mit dem Studium der Persischen Literatur, dem einzigen Fach, das hier studierbar war. Die Universität Maschhad bestand zu dieser Zeit noch nicht. Sie wurde erst im August 1956 durch Zusammenschluss der Literaturfakultät mit der bereits bestehenden Fakultät für Medizin gegründet.

Schariati trat in diesen Jahren erstmals mit eigenen Veröffentlichungen hervor. Ab November 1954 publizierte die Zeitung Khorasan zehn Wochen lang auf ihrer ersten Seite eine Artikelserie von ihm, die den Titel „Die islamische Schule der Mitte“ (Maktab-e Vāseṭe-ye Eslām) trug und auf das Wasatīya-Konzept anspielte. Einem dieser Artikel war eine Karte beigefügt, die die Länder von Nordafrika über Saudi-Arabien, die Türkei, Iran, Pakistan, die südlichen Republiken der Sowjetunion und Afghanistan zeigte und diese als mittleren Block bezeichnete. In der Zeit des Kalten Krieges sollten die Länder dieses mittleren Blocks einen „Dritten Weg“ eröffnen. Er sollte weder sozialistisch, noch kapitalistisch sein, sondern eine Welt, die vom Islam geprägt und damit mehr auf die Erlösung der Seele als auf den Materialismus ausgerichtet ist. Obwohl sich Schariati hier wahrscheinlich unberechtigterweise Ideen und Konzepte angeeignet hatte, die von Abolqassem Schakibnia stammten, machte ihn die Artikelserie in den religiösen Kreisen von Maschhad auf einen Schlag bekannt.

Ein weiteres Werk dieser Zeit war seine Übersetzung eines arabischen Buchs des ägyptischen Publizisten ʿAbd al-Hamīd Dschaudat as-Sahhār über den Prophetengefährten Abū Dharr al-Ghifārī. Darin ergänzte er viele eigene Gedanken und Reflexionen. So meinte er, dass Abū Dharr mit seinem Eintreten für soziale Gerechtigkeit und Egalitarismus die Prinzipien der Französischen Revolution vorweggenommen habe. Die Figur Abū Dharrs sollte Ali Schariatis weiteres Denken entscheidend beeinflussen. Jahre später erklärte Schariatis Vater, sein Sohn habe versucht, den Prinzipien Abū Dharrs treu zu bleiben, „vom Tag an, als er diese Biographie entdeckte, bis zu seinem Tod“. Andere lobten Ali Schariati als den „Abū Dharr des modernen Iran“. Ab 1955 hatte Schariati auch eine eigene Sendung auf Radio Maschhad: Hier hielt er zweimal wöchentlich, dienstags und freitags am späten Nachmittag, Vorträge zu religiöser Literatur und rezitierte Gedichte.

mini|links|hochkant|Titelseite des 1889 veröffentlichten Romans Le Disciple