Die Geschichte der Stadt Bordeaux umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Bordeaux von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart. Sie ist von Kelten, Römern, Franken und dem englisch-französischen Gegensatz geprägt, seit Mitte des 15. Jahrhunderts gehört Bordeaux ununterbrochen zu Frankreich. Im Laufe der Jahrhunderte erreichte die Stadt drei ökonomische Blütezeiten, die vor allem auf die strategische Lage, die Handels- und Verkehrsverbindungen zurückzuführen sind.
Antike und Völkerwanderungszeit miniatur|Amphithéâtre de Bordeaux (Palais Gallien) Die Stadt geht auf eine keltische Siedlung aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. zurück. Sie war Hauptstadt des Stammes der Bituriger und gewann aufgrund ihrer strategischen Lage schon früh Bedeutung: Hier bestand auf einem der Hauptverkehrswege Westeuropas eine günstige Gelegenheit zur Querung der Garonne, über die sowohl Handel als auch Truppen gesteuert werden mussten. Nach der Eroberung Galliens durch die Römer gewann die Burdigala genannte Stadt daher noch an Bedeutung. Während dieser Zeit war die Region eine der Kornkammern des Römischen Reiches und exportierte große Mengen an Weizen nach Rom, Burdigala schlug außerdem große Mengen an Metallen (insbesondere Blei) und Schmiedewaren um. Es ist fast unumstritten, dass der Weinbau in der Region durch die Römer eingeführt wurde; gleichwohl herrscht Uneinigkeit über den genauen Zeitpunkt. Zwar wurde schon vor der Zeitenwende Wein konsumiert, wie Amphorenfunde dokumentieren, aber dieser wird vor allem aus der Provincia Narbonensis importiert worden sein. Vermutlich wurde der Weinbau ab dem 1. Jahrhundert praktiziert. Diese Zeit fällt zusammen mit der ersten wirtschaftlichen Blüte von Bordeaux, die bis zum Ende des 4. Jahrhunderts andauerte. Im 2. Jahrhundert wurde die mittlerweile zu großem Reichtum gelangte Handelsmetropole zur Hauptstadt der Provinz Gallia Aquitania erhoben; Gouverneure wie Agricola verfügten über große Macht. Handel, Weinbau und die günstige Lage als Seehafen waren Ursache dafür. Gnaeus Iulius Agricola hatte seine militärische Laufbahn zwischen 58 und 62 n. Chr. in Britannia als Militärtribun im Stab des Statthalters Gaius Suetonius Paulinus begonnen. Nach seiner Rückkehr nach Rom diente Agricola 66 als Volkstribun, zwei Jahre später dann als Praetor. Im Jahre 71 wurde er zum Legatus beim Gouverneur von Britannien, Quintus Petilius Cerialis und Befehlshaber der Legio XX Valeria Victrix. Als Cerialis die Provinz verließ, wurde Agricola zum Statthalter der Provinz Gallia Aquitania ernannt.
Das Stadtbild des antiken Burdigala muss beeindruckend gewesen sein; Reiseberichte römischer Schriftsteller beschreiben es als eine reiche, prächtige Stadt, die sich mit prächtigen öffentlichen Bauten schmückte und deren Amphitheater, im 3. Jahrhundert errichtet, 15.000 Zuschauer fasste. Es bildete sich eine bedeutende griechische Gemeinde, die den intellektuellen Puls der Stadt bestimmte, aber auch Iberer, Bretonen, Germanen und sogar römische Bürger fühlten sich nach Burdigala hingezogen, so dass Zeitgenossen sogar vom „kleinen Rom“ sprachen. 224 errichtete ein Handelsreisender aus Britannien der lokalen Göttin Tutela ein Heiligtum. Nach einem ersten Barbareneinfall im Jahre 276 wurde die Stadt erstmals befestigt. Im 4. Jahrhundert stellte sie einige der bedeutendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit, so den im ganzen Reich berühmten Dichter Ausonius und den später heiliggesprochenen Paulinus von Nola. Aus deren Schriftverkehr lässt sich einiges über den Lebensstandard der damaligen Zeit erfahren: Der Wein war bereits eine derart begehrte Handelsware geworden, dass sie bis nach Trier und auf die iberische Halbinsel exportiert wurde. Im Austausch importierten die Bordelais vor allem Olivenöl.
Zur selben Zeit fasst auch das Christentum endgültig Fuß. In Bordeaux wurden zahlreiche Gräberfelder mit Sarkophagen aus dem 4. Jahrhundert geborgen. Die Kirche Saint-Seurin war Sitz des Bischofs von Bordeaux – sie hat sich eine gallo-römische Krypta erhalten. Nach der Teilung des Römischen Reiches kündigte sich der Niedergang der Stadt an: 410 wurde Rom von den einfallenden Westgoten geplündert, der folgende Zusammenbruch von Westrom beraubte auch Bordeaux seiner wirtschaftlichen Bedeutung. Obwohl zunächst ein gewisser Lebensstandard und die Fortführung römischer Kultur innerhalb der Befestigungen fortbestand, konnte die Stadt nicht mehr an ihre Glanzzeiten anknüpfen. 476 wurde Bordeaux dem Westgotenreich eingegliedert, bereits 507 von den Franken erobert und 580 weitgehend durch ein Erdbeben zerstört. Die fortwährenden Verwüstungen leiteten eine Zeit ein, die auch in Bordeaux als „dunkle Jahrhunderte“ beschrieben werden.
Mittelalter Spätestens nach der Aufteilung des Teilreiches von Charibert I. von Paris, also 567, gehörte Bordeaux zu Neustrien. Nach der Heirat des neustrischen Königs Chilperich I., gab dieser die Stadt, zusammen mit Cahors, Limoges, Béarn und Bigorre jedoch als Morgengabe an seine Braut Gailswintha. Diese fünf Städte lagen strategisch zum Gebiet des Schwiegervaters Athanagild, dem König der Westgoten. Nachdem Chilperich die Ermordung seiner Gattin veranlasst hatte, ging dieses Erbe, nach einer Regelung eines von Guntram, dem König der Burgunder einberufenen Malbergs, auf das Königreich Austrasien über. Letzten Endes damit nicht einverstanden, versuchte Chilperich im Jahr 573, mit seinem Sohn Chlodwig als Heerführer, die Städte zurückzuerobern. Zwar gelang kurzfristig die Eroberung von Bordeaux, jedoch wurden die Truppen Chlodwigs schon einen Monat später vom austrischen Markgrafen Sigulf wieder vertrieben.Augustin Thierry – Die Könige und Königinnen der Merowinger 1840.
Das frühe Mittelalter war insgesamt für Bordeaux eine Zeit ständiger Unsicherheit. Zwar wurde die Stadt von Dagobert I. wieder zur Hauptstadt eines neu gegründeten Herzogtums Aquitanien erhoben, aber schon im Zuge der islamischen Eroberungszüge 732 durch Abd ar-Rahman geplündert und verwüstet. Nach der Niederlage der Araber bei Poitiers im selben Jahr wurden diese hinter die Pyrenäen zurückgedrängt, und Karl der Große bemühte sich um die Befriedung der Region. Um seine Erbfolge zu regeln, erhob er Aquitanien zum Königreich, das seinem Sohn Ludwig dem Frommen bestimmt war.
Wenig später hatte das ganze Bordelais unter fortgesetzten Raubzügen der Wikinger zu leiden. Auf dem Weg in das Mittelmeer überfielen sie im Jahr 844 erstmals die Stadt und wiederholten ihre Plünderungen bis in das Jahr 1000. Der Status eines Königreiches ging Aquitanien zudem 866 wieder verloren. Der Wiederaufstieg von Bordeaux kündigte sich erst 1036 an, als Aquitanien und die Gascogne vereinigt wurden und sich das Lehen über fast das gesamte südwestliche Viertel des heutigen Frankreichs erstreckte. Auch der Weinbau wurde, nach einigen Verfahrensverbesserungen, wieder zu einem Wirtschaftsfaktor.
Ursächlich für die zweite große Blütezeit von Bordeaux war Eleonore von Aquitanien, eine der schillerndsten Figuren des Mittelalters. Sie erbte das Lehen von ihrem Vater Wilhelm X. und brachte es in die Ehe mit Ludwig VII., dem König von Frankreich ein. Die Hochzeit wurde 1137 in Bordeaux gefeiert, aber die Ehe gestaltete sich als unglücklich und brachte keinen Thronfolger. 1152 wurde die Ehe annulliert. Das so zurückerhaltene Lehen brachte Eleonore in die Heirat mit Henri Plantagenêt aus dem Hause Anjou ein, die unmittelbar darauf stattfand. Als Henri Plantagenêt zwei Jahre darauf den englischen Thron erbte, fiel das gesamte Aquitanien England zu. Vom 12. bis zum 15. Jahrhundert blieb Bordeaux unter der Herrschaft der Könige von England, eine neue Stadtmauer und ein gewaltiger Palast wurden errichtet und die romanische Kirche durch einen gotischen Bau, die Kathedrale Saint-André, ersetzt. Bordeaux war seitdem Sitz eines Erzbischofs und Hauptstadt des Fürstentums Guyenne (eine englische Adaptation des französischen Namens Aquitaine). Im Vergleich zu anderen Provinzen war der Lebensstandard in Bordeaux und Umgebung hoch: Die Lebensmittelversorgung war ausreichend, der Wein wurde über den Seehafen nach England und in alle Welt exportiert, und selbst die Pestwelle von 1348 verschonte die Stadt.
Während des Hundertjährigen Krieges konnten sich die Engländer in Bordeaux halten, und nicht wenige schlugen hier ihre dauerhafte Residenz auf. Edward of Woodstock, genannt der „Schwarze Prinz“, setzte den gefangengenommenen französischen König Johann den Guten in Bordeaux fest und versuchte während seiner Regentschaft von 1355 bis 1372, Aquitanien zu einem souveränen Reich zu formen, was ihm allerdings nicht gelang.
Im Jahre 1441 wurde die Universität Bordeaux gegründet. Ab 1443 rückten die französischen Armeen wiederholt auf Bordeaux vor, aber erst nach der Schlacht von Castillon. 1453 fiel die Stadt mitsamt der Guyenne endgültig an Frankreich zurück. Die Rückkehr nach Frankreich wurde von den Bürgern, viele von ihnen mächtige und reiche Kaufleute, keineswegs begrüßt, da hierdurch die alten Absatzmärkte in England fortfielen. Auch der König sicherte sich ab, indem er zwei große Festungen bauen ließ: Im Norden das Château de la Trompette, im Westen das Château du Hâ. Diese waren zwar vor allem Verteidigungsbauten, aber die Geschütze konnten im Falle von Aufständen auch gegen die Bevölkerung gerichtet werden und wurden zudem als Gefängnisse genutzt. Um die Effektivität dieser Zwingburgen nicht zu behindern, durfte in deren Schussfeld auch innerhalb der Stadtmauern nur eingeschossig gebaut werden. Erst 1494 wurde ein Parlament eingerichtet, das dem Bürgertum eine beschränkte Selbstverwaltung ermöglichte und ein Zugeständnis des französischen Königshauses an die Bordelais darstellte. Insbesondere bekam Bordeaux nun, wenn auch eine eingeschränkte und weitgehend vom Adel kontrollierte, Hoheit über die Abgabengestaltung.
Neuzeit Frühe Neuzeit miniatur|Plan von Bordeaux und Umgebung, von Hippolyte Matis (1716–1717) Das 16. und 17. Jahrhundert waren eine Zeit, in denen sich Krisen mit Erholungen abwechselten. Bordeaux war eine Hochburg des Humanismus, dem der berühmte Philosoph Michel de Montaigne als Bürgermeister vorstand; es litt jedoch wie viele Städte des Südens unter den Folgen der Religionskriege, deren Flüchtlinge es bereitwillig aufnahm. Dem Niedergang des Weinexports begegnete man mit dem Ausweichen auf andere Handelsgüter wie Textilfarben, mit der Zeit konnte auch der Wein schrittweise den Binnenmarkt erobern, der in der Zeit zuvor vor allem von burgundischen Weinen bestimmt war. Weder die neue Beliebtheit ihres Weines am königlichen Hof noch die pompös gefeierte Hochzeit Ludwigs XIII. 1615 in der Kathedrale Saint-André konnten die mehrheitlich antiroyalistischen Bordelais jedoch davon abhalten, sich an mehreren Volksaufständen gegen den König zu beteiligen, von denen die wichtigsten die Gabelle-Unruhen und die Fronde waren. Erst 1653 unterwarf sich die Assemblée de l’Ormée, die Fronde der Bürger von Bordeaux, auch Parti de l'Ormée genannt, dem König.Helmut Kötting: Die Ormée (1651–1653). Gestaltende Kräfte und Personenverbindungen der Bordelaiser Fronde. Aschendorff, Münster 1983, ISBN 3-402-05633-X.