mini|200px|Heiner Flassbeck 2011 Heiner Flassbeck (* 12. Dezember 1950 in Birkenfeld) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er war von 1998 bis 1999 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und von Januar 2003 bis Ende 2012 Chef-Volkswirt (Chief of Macroeconomics and Development) bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf. Er war bis November 2019In eigener Sache neben Paul Steinhardt Herausgeber der Online-Zeitschrift Makroskop und ist wie dieser im Vereinsvorstand der Georg-Friedrich-Knapp-Gesellschaft für Politische Ökonomie (GFKG).

Leben Heiner Flassbeck studierte von 1971 bis 1976 Volkswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. In dieser Zeit war er Assistent am Lehrstuhl von Wolfgang Stützel mit Schwerpunkt Währungsfragen. Danach arbeitete er bis 1980 im Assistentenstab des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Er wurde 1987 an der Freien Universität Berlin mit dem Thema: Preise, Zins und Wechselkurs. Zur Theorie der offenen Volkswirtschaft bei flexiblen Wechselkursen zum Dr. rer. pol. promoviert.

Nachdem er seit 1980 im Bundeswirtschaftsministerium in Bonn tätig gewesen war, wechselte er im Jahre 1986 zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, wo er an Arbeitsmarkt- und Konjunkturanalysen und über wirtschaftspolitische Konzepte arbeitete. 1990 übernahm er beim DIW die Leitung der Abteilung Konjunktur.

Nach dem Regierungswechsel im Oktober 1998 wurde er zum Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen berufen (Kabinett Schröder I). Er beriet den damaligen Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine bei dessen Vorhaben, gemeinsam mit dem französischen Finanzminister Dominique Strauss-Kahn eine keynesianische Finanz- und Währungspolitik auf europäischer Ebene zu etablieren sowie das Weltwährungssystem zu reformieren. Nach dem Rücktritt von Lafontaine im März 1999 wurde Flassbeck im April 1999 von Hans Eichel wegen abweichender finanz- und wirtschaftspolitischer Auffassungen als Staatssekretär entlassen.Der Ausstieg Lafontaines und Flassbecks aus der Schröder-Regierung: Dissens über Finanz- und Lohnpolitik

Anschließend war er als freier Wirtschaftsforscher und Publizist tätig. Von November 2000 bis Dezember 2002 arbeitete er als Senior-Ökonom bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung. Von Januar 2003 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand war er Chef-Volkswirt (Chief of Macroeconomics and Development) der UNCTAD, seit August 2003 Leiter der Abteilung für Globalisierung und Entwicklung (Director of Division on Globalization and Development Strategies).

Die Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik ernannte Flassbeck im März 2005 zum Honorarprofessor.

Wirtschaftspolitische Standpunkte In seiner frühen wissenschaftlichen Laufbahn, in den 1980er-Jahren, beschäftigte sich Flassbeck im Besonderen mit Fragen der Außenhandelstheorie und der Währungspolitik. In seiner Arbeit Freihandel, GATT und das internationale Währungssystem legte er 1985 einen Versuch vor, die Vorteile des Freihandels auf der Grundlage einer neuen Handelstheorie neu zu definieren. Im Rahmen eines Systems flexibler Währungen sei eine Entscheidung zwischen Protektionismus und Freihandel nicht zu treffen, außerdem nicht die angestrebte nationale Autonomie der Geldpolitik zu erreichen. In seiner Dissertation von 1988, Preise, Zins und Wechselkurs, sprach er sich schließlich für „absolut feste Wechselkurse“ als einzige Lösung aus, die eine effiziente und stetige Anpassung der Weltwirtschaft und die äußere Preisstabilität gewährleiste. Die Auswirkungen der Auf- und Abwertungen bei flexiblen Wechselkursen gleichen laut Flassbeck diskretionären staatlichen Eingriffen und sind ebenso exogen wie nicht marktbestimmte Wechselkursveränderungen.

Seine wirtschaftspolitischen Standpunkte legte Heiner Flassbeck in dem gemeinsam mit der Ökonomin Friederike Spiecker verfassten Buch Das Ende der Massenarbeitslosigkeit (2007) vor. Die Gründe für die langjährige Wachstumsschwäche und die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland sieht er nicht als Folge des technischen Fortschritts, der Globalisierung oder zu hoher Löhne, sondern einer nicht an der Nachfrage orientierten Politik. Flassbeck plädiert stattdessen für eine Wirtschaftspolitik, die Grundideen von John Maynard Keynes folgt, und fordert eine „Reform des Denkens“. Nach der ersten Zuspitzung der Finanzkrise veröffentlichte er im März 2009 sein Buch Gescheitert. Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert. Dort beleuchtet er besonders die Versäumnisse der deutschen Wirtschaftspolitik bei der Wiedervereinigung und deren Wiederholung bei der Europäischen Währungsunion. Er führt die ökonomische Krise auf eine strukturkonservative Politik zurück, die sich an einzelwirtschaftlichen Partikularinteressen orientiere, womit die Marktwirtschaft letztlich in Frage gestellt würde.

Im September 2010 erschien Flassbecks Buch: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts. Schocks und Krisen seien die Normalität eines marktwirtschaftlichen Systems, Phasen der Stabilität der Ausnahmefall. Es bedürfe einer internationalen Geldordnung, wie sie in Ansätzen schon in der frühen Nachkriegszeit mit Bretton Woods bestanden habe. In der neuen Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts müsse für jedes Problem ergebnisoffen nach Lösungen gesucht werden, die entweder vom Markt oder vom Staat getragen sein können. Zu den eindeutig auf internationaler Ebene staatlich zu bestimmenden Preisen gehören demnach Zinsen, Wechselkurse und umweltrelevante Rohstoffe. Schon in einem System deregulierter Finanzmärkte, wie es seit Anfang der 1980er-Jahre besteht, sei die Preisbildung über Angebot und Nachfrage außer Kraft gesetzt – damit liege kein Markt im eigentlichen Sinne vor.

Eine weitere Veröffentlichung Flassbecks, die im Januar 2012 erstmals erschienenen Zehn Mythen der Krise, enthalten eine vorwiegend politische Bewertung der Finanz- und Eurokrise sowie die Erwartung, dass die volkswirtschaftliche „Aufklärung“ erst durch eine für die Zukunft zu erwartende neue Krise erreicht werden könne.

Sparen und Investieren Flassbeck misst der Einsicht, dass eine Volkswirtschaft nicht sparen könne, eine bedeutende Rolle zu. Die allgemeine Auffassung, dass eine Volkswirtschaft netto sparen könne, also insgesamt Geld über einen bestimmten Zeitraum sparen könne, um mit dem angesparten Geld erst in einer zukünftigen Periode Investitionen zu finanzieren, sei falsch. Sparen bei dem einen Wirtschaftssubjekt führe gegenwärtig notwendig zu einem Einkommensausfall bei einem anderen Wirtschaftssubjekt. In der Gegenwart bleibe irgendjemand in der Volkswirtschaft auf seinem Angebot sitzen. Ausgaben, die nicht getätigt würden, fielen in gleicher Höhe weg. Da die Summe der Einnahmen und damit die Einkommen aller Wirtschaftssubjekte gleich der Summe der Ausgaben und damit der Nachfrage aller Wirtschaftssubjekte seien, sänken in der Folge die Einkommen. Das innerhalb einer Periode erwirtschaftete Einkommen müsse immer verwendet werden. In Analogie zur Zeit, die man nicht sparen kann, könne es Sparen im Sinne von Nichtverwendung in einer Volkswirtschaft nicht geben. Heutige Investitionen seien die Voraussetzung für die Bildung von Ersparnissen, nicht umgekehrt. Beide Größen seien lediglich in einer Ex-post-Betrachtung gleich.

Aus dem Unwissen bei Bürgern und Wirtschaftspolitikern über den Unterschied zwischen gesamt- und einzelwirtschaftlicher Betrachtungsweise heraus lassen sich laut Flassbeck viele Fehler der heutigen Wirtschaftspolitik analysieren. So werde die Staatsverschuldung fälschlicherweise als eine Verschuldung gegenüber zukünftigen Generationen angesehen. Stattdessen werde der Wohlstand eines Landes allein von seinem zukünftigen Kapitalstock bestimmt, also vor allem von den vorhandenen Maschinen und Anlagen sowie dem Qualifizierungsstand seiner Bevölkerung und dem Sozialkapital (welches die Stabilität der gesellschaftlichen Grundordnung einschließt). Problematisch sei auf gesamtstaatlicher Ebene eine Verschuldung nur, wenn sie netto gegenüber dem Ausland bestehe.

Geld-, Fiskal- und Lohnpolitik mini|Heiner Flassbeck bei einem Vortrag in Bremen 2015

Flassbeck sieht die Notwendigkeit einer Koordinierung von Geldpolitik, Lohnpolitik und Fiskalpolitik. Der Geldpolitik weist Flassbeck eine überragende Bedeutung für Wachstum und Beschäftigung zu und lehnt ihre Verkürzung auf die Bewahrung der Preisstabilität ab. Den Monetarismus als Steuerung der Inflationsrate über die Geldmenge erklärt er für gescheitert. Er sei in den 1980er-Jahren von einigen Notenbanken als Reaktion auf die Ölkrisen und die damit verbundene Stagflation der 1970er-Jahre praktiziert worden, habe aber zu Investitionseinbrüchen und hoher Arbeitslosigkeit geführt und sei daher spätestens in den 1990er-Jahren wieder aufgegeben worden. Flassbeck stellt dabei die Besonderheit der deutschen und der europäischen Geldpolitik heraus, die im Gegensatz zur Mehrheit der Notenbanken bei einer monetaristischen Grundhaltung geblieben seien.

Flassbeck führt an, dass die Geldpolitik der Bundesbank und der EZB sich bei der Steuerung der Geldmenge stets am Produktionspotenzial der Vergangenheit orientiert hätte. Überstiege das Wachstum der Geldmenge beziehungsweise des Bruttoinlandsproduktes das geschätzte Produktionspotenzial, würde die EZB heute ebenso wie früher die Bundesbank bereits im Voraus auf einen Restriktionskurs einschwenken, ohne dass eine nennenswerte Gefährdung der Preisstabilität in Gestalt von Überschreitung der Ziel-Inflationsrate vorliege. Man könne nie im Voraus ein Produktionspotenzial festlegen.

Die Lohnpolitik soll laut Flassbeck darauf hinwirken, dass es gesamtwirtschaftlich zu „verteilungsneutralen“ Lohnanpassungen komme. Die optimale Lohnsteigerungsrate ergebe sich aus der Addierung von Inflationsrate und dem Anstieg der Arbeitsproduktivität. Den Flächentarifvertrag hält Flassbeck dabei für die mit der Marktwirtschaft am besten zu vereinbarende Lösung. Dieser Mechanismus setze das Law of one price, das Gesetz des gleichen Preises für gleiche Güter, gegen die Unvollkommenheiten und Informationsasymmetrien des Arbeitsmarktes durch.

Währungsunion Flassbeck sieht eine Währungsunion primär als „Inflationsgemeinschaft“ an.https://www.pressreader.com/austria/salzburger-nachrichten/20110617/284945311641983 , Salzburger Nachrichten, 17. Juni 2011 Dies bedeutet, dass alle Mitgliedsländer einer Währungsunion die gleiche Preisveränderungsrate aufweisen müssen. Zu erreichen sei dies nur durch eine Angleichung des Wachstums der Lohnstückkosten mit dem Ziel, die preisliche Wettbewerbsfähigkeit aller Staaten zu gewährleisten und hohe Leistungsbilanzüberschüsse wie -defizite zu vermeiden. Als Konsequenz für die Eurozone fordert er, dass alle Eurostaaten die Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank einhalten müssen. Da Deutschland durch sein Konzept der „Lohnzurückhaltung“ seit Einführung der Währungsunion diese Zielinflationsrate erheblich unterschritten hat, während sie von anderen Staaten eingehalten oder etwas überschritten wurde, habe die deutsche Industrie in großem Stil Marktanteile auf Kosten anderer Länder der Eurozone gewonnen.

Als Lösung für dieses Problem, das er als die grundlegende Ursache für die Eurokrise ansieht, schlägt Flassbeck eine Koordinierung der Lohnpolitik in der Europäischen Währungsunion vor. Vor dem Hintergrund, dass die Möglichkeit von Auf- und Abwertungen durch den Wegfall der nationalen Währungen nicht mehr gegeben ist, sei die einzige Alternative eine reale Abwertung der Staaten mit hohen Leistungsbilanzdefiziten wie Spanien, Portugal, Griechenland und Italien sowie eine reale Aufwertung von Deutschland – bewirkt über dauerhaft höhere Lohnsteigerungen in Deutschland als im Rest der Eurozone.Heiner Flassbeck, Friederike Spieker: The Euro – a Story of Misunderstanding (PDF; 130 kB), Intereconomics 4/2011, S. 180–187

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