miniatur|François Naville, Helge Tramsen, Ferenc Orsós, Arno Saxén und ein Helfer in Katyn (von links) miniatur|Vincenzo Palmieri mit einer Assistentin in Katyn miniatur|Die Kommission zurück in Berlin, 1943 mini|Unterschriften der Kommissionsmitglieder am 30. April 1943 Die Internationale Ärztekommission von Katyn war eine Gruppe von Medizinern aus zwölf Ländern, die auf Einladung des Reichsgesundheitsführers Leonardo Conti Ende April 1943 Leichen der im Massaker von Katyn erschossenen polnischen Offiziere untersuchten, die Soldaten der Wehrmacht nach Hinweisen aus der Bevölkerung in einem Wald unweit des russischen Dorfes Katyn in Massengräbern entdeckt hatten. Die Kommission kam zum Ergebnis, dass die Massenexekutionen im Frühjahr 1940 stattgefunden hatten. Dieser Zeitraum sprach für eine Täterschaft der sowjetischen Geheimpolizei NKWD.

Vorgeschichte Soldaten der Wehrmacht hatten im Februar 1943 in einem Wald unweit des russischen Dorfes Katyn bei Smolensk Massengräber mit mehreren Tausend Leichen polnischer Offiziere gefunden. Als Propagandaminister Joseph Goebbels Anfang April 1943 davon erfuhr, regte er die Bildung der Ärztekommission an, sie sollte die zentrale Rolle in der von ihm angeordneten Katyn-Kampagne spielen. Auf diese Weise sollte ein Keil in das Bündnis zwischen den Westalliierten und die Sowjetunion unter Stalin getrieben werden. Die ausländischen Ärzte, die von Reichsgesundheitsführer Conti eingeladen wurden, sollten bestätigen, dass die sowjetische Geheimpolizei NKWD die Massenmorde begangen hat.John P. Fox: Der Fall Katyn und die NS-Propaganda, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 3 (1982), S. 486 (PDF).

Das Auswärtige Amt bekam den Auftrag, Medizinprofessoren vor allem aus neutralen Ländern für die Reise nach Katyn zu gewinnen. Die diesbezüglichen Bemühungen der deutschen Botschaften in Stockholm, Lissabon und Ankara blieben allerdings erfolglos.Henri de Montfort: Le Massacre de Katyn. Crime russe ou crime allemand? Paris 1966, S. 62–64. Doch in Madrid nahm der Medizinprofessor Antonio Piga die Einladung dazu an. Nach seinem Eintreffen in Berlin bekam er von der dortigen spanischen Botschaft allerdings die Anweisung, die Reise nicht weiter fortzusetzen. Gegenüber den deutschen Gastgebern gab er als Grund für seine Absage eine plötzliche Erkrankung an und kehrte nach Spanien zurück.Antonio Piga Rivero, Teresa Alfonso Galán: La masacre de Katyn y la ética pericial, in: Actualidades del derecho sanitario, No. 170, April 2010, S. 247–248. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop schenkte dieser Begründung keinen Glauben und wies die deutsche Botschaft in Madrid an, gegenüber der spanischen Führung sein Befremden über das Ausscheiden Pigas aus der Delegation vorzubringen.The Katyn Forest Massacre. US Government Printing Office. Washington 1952, vol. V, S. 1414, 1416. Piga vertrat bei einer Befragung durch amerikanische Diplomaten 1952 die Auffassung, dass die Alliierten im Frühjahr 1943 Druck auf die spanische Regierung ausgeübt hätten, damit sie ihn aus der Kommission zurückziehe.Despatches Concerning Statements on the Katyn Massacre, with Enclosures (Images 17–20)

Mitglieder Die Delegation, die zunächst im Berliner Hotel Adlon einquartiert und instruiert wurde,John P. Fox: Der Fall Katyn und die NS-Propaganda, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 3 (1982), S. 487 (PDF). zählte zwölf Mitglieder. Nur ein einziges kam aus einem neutralen Land, nämlich der Schweiz. Elf von ihnen waren Professoren, neun davon Spezialisten für Gerichtsmedizin: Der Rumäne Alexandru Birkle (1896–1986) (in rumänischen Quellen auch: Bircle). Im Ersten Weltkrieg hatte er sich freiwillig zu den rumänischen Streitkräften für den Kampf gegen Österreich-Ungarn gemeldet.Florian Stanescu: Le médecin légiste Alexandre Bircle: devoir, sacrifices et souffrances sur la vérité sur Katyn, in: Katyn et la Suisse. Experts et expertises médicales dans les crises humanitaires. Ed. D. Debons et al. Genf 2009, S. 172. Der Niederländer Herman Maximilien de Burlet (1883–1958), promoviert an der Universität Zürich, war Kanzler der Universität Groningen und Mitglied der Nationaal-Socialistische Beweging.Professors University of Groningen Der Tscheche František Hájek (1886–1962), der Vertreter des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren, war vor dem Krieg Dekan der Medizinischen Fakultät der tschechischen Karlsuniversität. Nach deren Schließung durch die deutschen Besatzer konnte er zur Deutschen Universität Prag überwechseln und dort unter einem deutschen Ordinarius weiterarbeiten.Mecislav Borák, Zlocin v Katyni a jeho ceské a slovenské souvislosti, in: Evropa mezi Nemeckem a Ruskem. Sborník prací k sedmdesátinám Jaroslava Valenty. Ed. M. Šesták a E. Vorácek. Prag 2000, S. 509. Der Bulgare Marko Markow (1901–1967) war Professor an der Universität Sofia.Janusz Zawodny: Katyń. Paris 1989, S. 63. Der Kroate Eduard Miloslavich (1884–1952), der als Sohn kroatischer Immigranten in Oakland (Kalifornien) geboren worden war und somit US-Bürger war, hatte an der Universität Wien studiert. Zu Kriegsbeginn nahm der konservative Katholik das Angebot an, in Zagreb, mittlerweile Hauptstadt des Unabhängigen Staates Kroatien, den Lehrstuhl für Gerichtsmedizin zu übernehmen, er passte damit auch die Schreibweise seines Familiennamens an: Miloslavić.Krystyna Piórkowska: English-speaking Witnesses to Katyn / Angielskojęzyczni świadkowie Katynia. Warschau 2012, S. 32–33. Der Schweizer François Naville (1883–1968) trat ohne offizielle Unterstützung, aber nach Konsultationen mit dem Schweizer Aussenministerium und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) die Reise an.Vincent Monnet: François Naville, un savant face à l’histoire, bei Université de Genève Der Ungar Ferenc Orsós (1879–1962) hatte in Budapest einen nationalsozialistischen Ärzteverband gegründet und Rassegesetze nach dem Vorbild des Deutschen Reichs gefordert.Claudia Weber: Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń. Hamburg 2015, S. 212. Der Italiener Vincenzo Palmieri (1899–1994) aus Neapel, ein sozial engagierter Katholik, hielt Distanz zum Regime von Benito Mussolini.Luigia Melillo: La figura di Vincenzo Palmieri (1899–1994), in: Katyn. Una verità storica negata. La perizia di V. M. Palmieri. Ed. Luigia Melillo. Neapel 2009, S. 20. Der Finne Arno Saxén (1900–1952) aus Helsinki war Militärarzt im Range eines Oberstleutnants.Zdzisław Mackiewicz, Prof. Arno Saxén w sprawie polskiej, in: Polonia-Finlandia, 3.2008, S. 3. Der Belgier Reimond Speleers (1876–1951), Dekan der medizinischen Fakultät in Gent, war Aktivist des Vlaams Nationaal Verbond. Bereits im Ersten Weltkrieg hatte er mit den deutschen Besatzern kollaboriert, weshalb er in der Zwischenkriegszeit im niederländischen Exil gelebt hatte.Joris Dedeurwaerder: Professor Speleers. Een biografie. Antwerpen/Gent 2002, S. 756. Der Slowake František Šubík (1903–1982) von der Universität Bratislava war Leiter des Gesundheitswesens der Slowakei.Report - Information on the Katyn Forest Incident US-Nationalarchiv NARA. Er hatte sich unter dem Pseudonym „Andrej Žarnov“ auch einen Namen als Dichter und Übersetzer polnischer Lyrik gemacht.Andrej Žarnov Encyclopedia PWN Der Däne Helge Tramsen (1910–1979) war mit 32 Jahren das jüngste Delegationsmitglied, als einziger verfügte er über keinen Professorentitel. Er war Mitglied einer dänischen Widerstandsgruppe.Nils Rosdahl: Helge Tramsen (1910–1979), in: Katyn et la Suisse, Experts et expertises médicales dans les crises humanitaires. Ed. D. Debons et al. Genf 2009, S. 182.

Die französische Regierung in Vichy entsandte den obersten Inspekteur des militärischen Sanitätsdienstes, den Medizinprofessor André Costedoat, als Beobachter. Er reiste mit der Ärztekommission nach Katyn, beteiligte sich aber nicht an deren Arbeiten.Józef Mackiewicz, Katyń – zbrodnie bez sądu i kary, in: Zeszyty Katyńskie, 7(1997), S. 97. Premierminister Pierre Laval musste ihm persönlich die Reise befehlen, da Costedoat sich zunächst dagegen gesträubt hatte.Henri de Montfort: Massacre de Katyn: Crime Russe Ou Crime Allemand? Paris 1959, S. 64. Zuvor hatte Laval den prominenten Gerichtsmediziner Charles Paul vergeblich aufgefordert, an den Untersuchungen im Wald von Katyn teilzunehmen.Le décès du docteur Paul, in: France-Soir, 28. Januar 1960, S. 6. Das Justizministerium schickte eine Mitteilung an die deutsche Botschaft Paris, dass sich Paul ohne Angabe von Gründen geweigert habe.Dokument vom 22. April 1943 unter Promenade dans la forêt de Compiègne. Page 17: une personnalité de Vieux-Moulin: le docteur Paul

Aufenthalt in Smolensk und Katyn Die zwölf Experten wählten den Ungarn Orsós zu ihrem Sprecher, weil er nicht nur sehr gut Deutsch, sondern auch Russisch sprach.The Katyn Forest Massacre. US Government Printing Office. Washington 1952, vol. V, 1422. In Smolensk, wo die Delegation sich vom 28. bis 30. April 1943 aufhielt,Paul Stauffer: Die Schweiz und Katyn, in: Polen – Juden - Schweizer. Hrsg. Paul Stauffer. Zürich 2004, S. 196. wurde sie im Auftrag des dort stationierten Stabes der Heeresgruppe Mitte von Oberstleutnant Rudolf-Christoph von Gersdorff betreut, der zu der Smolensker Gruppe von Hitler-Gegnern um Oberst Henning von Tresckow gehörte.Rudolf-Christoph Frhr. von Gersdorff: Soldat im Untergang. Frankfurt/M. 1977, S. 142.

Im Wald von Katyn erklärte der Forensiker der Heeresgruppe Mitte, der Breslauer Lehrstuhlinhaber Gerhard Buhtz, den ausländischen Ärzten die Exhumierungsarbeiten. Er forderte jeden der Gerichtsmediziner auf, sich eine Leiche zur Obduktion auszusuchen. Der Schweizer Naville und der Finne Saxén beteiligten sich allerdings nicht daran, sondern beobachteten nur die Untersuchungen.Zbrodnia katyńska w świetle dokumentów. Z przedmową Władysława Andersa. London 1948, S. 205.

Naville und der Bulgare Markow äußerten gegenüber dem die Dienstaufsicht führenden Oberstleutnant von Gersdorff nach dessen Aussage, dass sie keine Zweifel an der sowjetischen Täterschaft hätten.Rudolf-Christoph Frhr. von Gersdorff: Soldat im Untergang. Frankfurt/M. 1977, S. 142. Der Slowake Šubík sagte dem Krakauer Gerichtsmediziner Marian Wodziński, der eine polnische Expertengruppe in Katyn leitete, dass er über deutsche Kriegsverbrechen gut informiert sei, aber in diesem Fall die Täter zweifelsfrei auf sowjetischer Seite zu suchen seien.Zbrodnia katyńska w świetle dokumentów. London 1948, S. 205.

Orsós untersuchte mit einem Mikroskop auch Proben von den jungen Kiefern, die zur Tarnung auf die Massengräber gepflanzt worden waren. Er kam anhand der Wachstumsringe zum Ergebnis, dass sie fünf Jahre alt waren. Eine Verfärbung zwischen dem zweiten und dritten Jahresring belegte nach Orsós' Worten, dass sie 1940 umgepflanzt worden seien.The Katyn Forest Massacre. US Government Printing Office. Washington 1952, vol. V, S. 1488–1489. Orsós wurde von der deutschen Presse mit den Worten zitiert, sowjetische Flugzeuge hätten versucht, die Arbeit der Kommission durch Luftangriffe zu stören, doch hätten deutsche Kampfflieger sie zurückgeschlagen.Polen fordert Vergeltung für Katyn, in: Deutsche Ukraine-Zeitung, 7. Mai 1943, S. 1.

Dem Dänen Tramsen wurde nach Abschluss der Untersuchungen gestattet, den Schädel des von ihm obduzierten Opfers zu Demonstrationszwecken mit nach Kopenhagen zu nehmen.Nils Rosdahl, Helge Tramsen (1910–1979), in: Katyn et la Suisse, Experts et expertises médicales dans les crises humanitaires. Ed. D. Debons et al. Genf 2009, S. 182. Auch Miloslavich bekam die Erlaubnis, einen Schädel aus den Massengräbern in seinem Institut in Zagreb genauer zu untersuchen.Andrzej Przewoźnik/Jolanta Adamska: Katyń. Zbrodnia prawda pamięć. Warschau 2010, S. 422.

Abschlussbericht