mini|hochkant=1.3|Schemazeichnung eines Virions der Gattung Orthobornavirus
Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1), auch als „Virus der Borna’schen Krankheit“ bezeichnet; früher abgekürzt BDV, ist ein Virus aus der Spezies Orthobornavirus bornaense. Es ist ein behülltes Virus mit einem Erbgut aus negativsträngiger, nichtsegmentierter RNA – ss(–)RNA – in der Gattung Orthobornavirus (früher Bornavirus) und damit zur Familie Bornaviridae gehörig. BoDV-1 ist das erste beschriebene Virus der Familie. Sein nächster Verwandter ist das zur selben Spezies gehörende Borna Disease Virus 2 (BoDV-2). Inzwischen sind weitere Orthobornaviren bei verschiedenen Säugetieren, Vögeln und Schlangen entdeckt worden, darunter das Bunthörnchen-Bornavirus (, VSBV-1, Spezies: Orthobornavirus sciuri).
BoDV-1 ist der Erreger der Borna-Krankheit, einer oftmals tödlichen neurologischen Erkrankung bei Pferden, Schafen, Igeln, Bibern, Neuweltkameliden (darunter Alpakas) und anderen Säugetieren. Bei selten auftretenden Infektionen des Menschen kann es ebenfalls eine schwere Enzephalitis mit zumeist tödlichem Ausgang hervorrufen.Hans Helmut Niller, Klemens Angstwurm, Dennis Rubbenstroth, Kore Schlottau, Arnt Ebinger, Sebastian Giese u. a.: Zoonotic spillover infections with Borna disease virus 1 leading to fatal human encephalitis, 1999–2019: an epidemiological investigation. In: The Lancet Infectious Diseases. Band 20, Nr. 4, 1. April 2020, S. 467–477, doi:10.1016/S1473-3099(19)30546-8. Der einzige bisher bekannte Reservoirwirt des BoDV-1 ist die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), die selbst nicht an der Infektion erkrankt.R. Dürrwald, J. Kolodziejek, H. Weissenböck, N. Nowotny: The bicolored white-toothed shrew Crocidura leucodon (HERMANN 1780) is an indigenous host of mammalian Borna disease virus. In: PloS one. Band 9, Nr. 4, 2014, , S. e93659, doi:10.1371/journal.pone.0093659, PMID 24699636, .
Merkmale In die Hülle der Viruspartikel (Virionen) ist das Glykoprotein (G) eingelagert. Dieses Protein vermittelt die Bindung des Virus an die Wirtszelle und bewerkstelligt auch den Verschmelzungsvorgang (Fusion) mit der Membran der Zielzelle. Auf der Innenseite der Hülle befindet sich das Matrixprotein (M). Ferner befindet sich im Virusinneren das RNA-Genom, das mit dem Phosphoprotein (P), dem Nukleoprotein (N), der viralen Polymerase (L) und einem kleinen Protein X (p10) verbunden (assoziiert) ist. Eine Besonderheit der Bornaviren ist, dass Transkription und Genomreplikation, anders als bei den übrigen Vertretern der Mononegavirales, im Zellkern ablaufen. Das Virus nutzt die dortige Spleißmaschinerie um durch Alternatives Spleißen aus einem Vorläufertranskript drei verschiedene mRNAs zur Synthese der Proteine M, L und G herzustellen.
Meldepflicht Für den direkten Nachweis humanpathogener Bornaviren, also auch für das BoDV-1, beim Menschen besteht nach Infektionsschutzgesetz (IfSG) in Deutschland eine namentliche Meldepflicht. Der direkte Nachweis von Bornavirus-Infektionen bei Säugetieren ist in Deutschland ebenfalls meldepflichtig (§ 1 in Verbindung mit der Anlage der Verordnung über meldepflichtige Tierkrankheiten und der Falldefinition).Verordnung über meldepflichtige Tierkrankheiten (TKrMeldpflV 1983) – Verordnung über meldepflichtige Tierkrankheiten in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. Februar 2011 (BGBl. I S. 252), die zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung vom 8. Juli 2020 (BGBl. I S. 1604) geändert worden ist
Vorkommen in Deutschland Siehe Borna-Krankheit: Übertragungswege und Verbreitung.
Namensherkunft Eine Infektion mit dem Borna Disease Virus wurde erstmals im 18. Jahrhundert beschrieben und später nach der sächsischen Stadt Borna benannt, wo es 1885 zu einem Ausbruch einer tödlichen neurologischen Erkrankung unter Militärpferden kam.European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC): Novel zoonotic Borna disease virus associated with severe disease in breeders of variegated squirrels in Germany, S. 2. Auf: ecdc.europa.eu, abgerufen am 10. Mai 2026.
Literatur Dennis Rubbenstroth: Familie Bornaviridae. In: Hans-Joachim Selbitz, Uwe Truyen, Peter Valentin-Weigand: Tiermedizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre. 11. Auflage, Thieme, Stuttgart, 2023, S. 558–562. ISBN 978-3-13-244251-1 Susanne Modrow, Dietrich Falke, Uwe Truyen, Hermann Schätzl: Molekulare Virologie. 3. Auflage, Spektrum, Heidelberg 2010, S. 18, 277–283. ISBN 978-3-8274-1833-3
Weblinks Borna Disease Virus 1 (BoDV-1): Steckbrief openagrar.de Borna Disease Virus 1 (BoDV-1): FAQ openagrar.de Tierseuchengeschehen Bornaviren fli.de ZooBoFo – Zoonotic Bornavirus Focalpoint Bavaria lgl.bayern.de Merkblatt: Informationen zur Vermeidung von Infektionen mit dem Borna Disease Virus 1 rki.de Selten, aber tödlich: Bornavirus-Enzephalitis bayerisches-aerzteblatt.de
Einzelnachweise
Kategorie:Meldepflichtiger Erreger Kategorie:Nicht-taxonomische Virusgruppe