Die Karl-Marx-Schule im Berliner Ortsteil Neukölln gehört zu den bekanntesten Berliner Reformschulprojekten der Weimarer Republik. Initiiert hat sie der Reformpädagoge Fritz Karsen, der ab 1921 Direktor des Neuköllner Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums war. Diesem gliederte er 1923 Arbeiter-Abiturientenkurse an, die es ermöglichten, das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg nachzuholen. 1927 ergänzte er die Schule um eine achtstufige Volksschule. 1929/1930 wurde dieser Versuch einer Einheitsschule, die Merkmale einer heutigen Gesamtschule aufwies, in Karl-Marx-Schule umbenannt.

Der Weg zur integrierten Gesamtschule

Von der Lebensgemeinschaftsschule zur Einheitsschule Karsen entwickelte im von ihm mitbegründeten Bund Entschiedener Schulreformer die Idee einer staatlichen Einheitsschule, in der produktive Gemeinschaftsarbeit unter Mitbestimmung der Schüler durchgeführt werden sollte. Die Erziehung sollte sich dabei „aus der Struktur der werdenden Gesellschaft“ ergeben.vgl. Karsen: Die Schule der werdenden Gesellschaft. Stuttgart/Berlin 1921. Sein erster Versuch, die Ideen praktisch anzuwenden, scheiterte in Berlin-Lichterfelde bei der Umwandlung der Preußischen Hauptkadettenanstalt in eine zivile Schule.

Unter dem Einfluss des Berliner Oberstadtschulrates Wilhelm Paulsen entwickelte Karsen ein neues Gesamtschulkonzept. Es orientierte sich an den Hamburger Lebensgemeinschaftsschulen, die Paulsen seit 1921 in Berlin propagiert hatte.Paulsen gehörte zu den Unterstützern Karsens bei der Realisierung dessen Reformwerks in Berlin-Neukölln. Grundgedanke der Lebensgemeinschaftsschulen war es,

1922 gründete Karsen im an der Sonnenallee im Berliner Bezirk Neukölln gelegenen Kaiser-Friedrich-RealgymnasiumHeute: Ernst-Abbe-Gymnasium eine Aufbauschule mit zwei Klassen. Sie umfasste sechs Jahrgangsstufen von der Untertertia bis zur Oberprima. Nun konnten auch Volksschüler nach dem siebten Schuljahr eine weiterführende Schule besuchen. 1923 eröffnete er Arbeiter-Abiturientenkurse in denen Männer und Frauen, die längst im Berufsleben standen, aber nur die Volksschule absolviert hatten, innerhalb von drei Jahren ihr Abitur ablegen konnten. Damit gehören die Arbeiter-Abiturientenkurse mit zu den ältesten Einrichtungen in Deutschland zum Aufbau eines Zweiten Bildungswegs.

mini|Sonnenallee 79: Kaiser-Friedrich-Realgymnasium – Karl-Marx-Schule – Ernst-Abbe-Gymnasium mini|hochkant|Eingang der ehemaligen Karl-Marx-Schule mit Gedenktafel für Fritz Karsen mini|Gedenktafel am Haus Sonnenallee 79 in Berlin-Neukölln

Eine Grundschule, das Kaiser-Friedrich-Realgymnasium und die Aufbauschule gehörten bereits zu Karsens Schulenkomplex an der Sonnenallee, als 1927 noch eine achtstufige Volksschule eingegliedert wurde. Nun konnte er sein didaktisches Gesamtkonzept einer Einheitsschule entwickeln und verwirklichen. Er entwickelte einen übergeordneten Lehrplan, der durch den Stundenplan der angegliederten Deutschen Oberschule inspiriert wurde. Dabei wurde vor allem auf die deutsch- und kulturkundlichen Fächer sowie auf Fremdsprachen wie Englisch und Französisch Wert gelegt.

Die andere Reformpädagogik Fritz Karsen war ein Schulreformer. Ihn als Reformpädagogen zu bezeichnen, würde eine nicht gerechtfertigte Verbindung herstellen zu der Form der Reformpädagogik, die am nachhaltigsten durch die Theorie und Praxis der Landerziehungsheime den wissenschaftlichen Diskurs und die öffentliche Wahrnehmung bestimmt. In Quo vadis Reformpädagogik?Jürgen Oelkers: Quo vadis Reformpädagogik? weist Jürgen Oelkers nach, dass ebendiese Tradition für die Reformversuche im staatlichen Schulwesen der Weimarer Republik so gut wie keine Rolle gespielt haben.

Oelkers verweist in diesem Zusammenhang auf einen am 12. April 1928 eröffneten sechstägigen Kongress im Großen Schauspielhaus in Berlin mit dem Titel „Die neuzeitliche deutsche Volksschule“. In keinem der Kongressvorträge hätten die Landerziehungsheime eine Rolle gespielt, stattdessen aber die Fortschritte in der Entwicklung des Landschulwesens. Lediglich Fritz Karsen habe in seinem Vortrag auf die Landerziehungsheime Bezug genommen.

Oelkers verweist auf die bei dem Kongress vorgestellten und diskutierten Reformmodelle, zu denen auch die Aufbauschule und die Arbeiter-Abiturientenkurse zählten, die aber bis heute für das Verständnis von Reformpädagogik kaum eine Rolle spielen. Sonja Petra Karsen macht dagegen deutlich, worauf es ihrem Vater mit dem von ihm initiierten Reformen ankam.

Die erste integrierte Gesamtschule Deutschlands 1932 hatte Karsens Vision einer Einheitsschule allmählich Gestalt angenommen. Der Neuköllner Schulenkomplex, der zuvor aus einer Grundschule, einer Volksschuloberstufe, einer Aufbauschule, den Arbeiter-Abiturientenkursen, einer Deutschen Oberschule und dem Realgymnasium bestand, war in ein 13-stufiges Gesamtsystem umgewandelt worden. Die Schüler konnten an dieser Gesamtschule den Volksschulabschluss nach dem achten oder nach einem freiwilligen neunten Schuljahr erlangen, außerdem die Mittlere Reife mit der gleichzeitigen Versetzung in die Obersekunda oder letztlich das Reifezeugnis, wenn die Oberstufe mit dem Abitur erfolgreich abgeschlossen wurde. Damit war die Karl-Marx-Schule die erste integrierte Gesamtschule in Deutschland, die den heutigen Gesamtschulen recht ähnlich war. Karsen selbst beschrieb sein vom Kindergarten bis zum Abitur reichendes Schulmodell wie folgt:

Der Schulhistoriker Radde macht allerdings deutlich, dass Karsens bildungspolitischen Reformvorstellungen immer auch geprägt waren von bildungsökonomischen Rationalisierungsvorstellungen. Mit einer Rationalisierung der Schule nun meint Karsen – ganz allgemein und im Verständnis unserer heutigen Terminologie formuliert – die nach bildungsökonomischen Kriterien bestimmte, auf qualitative Verbesserung zielende zweckmäßige Gestaltung der schulischen Arbeit unter den Aspekten der demokratischen Massengesellschaft.Gerd Radde: Fritz Karsen. Ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 183.

Ein kleines Stück Literaturgeschichte schrieben Schüler der Karl-Marx-Schule im Zusammenhang mit Bertolt Brechts Stück Der Jasager. Diese Oper wurde am 23. Juni 1930 im Berliner Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht uraufgeführt. Parallel dazu planten die Oberklassen der Karl-Marx-Schule eine Aufführung des Stücks für das Winterhalbjahr 1930/31. Im Zuge der schulischen Auseinandersetzungen mit dem Stück kamen den Schülern Zweifel am dem Protagonisten des Stücks abverlangten freiwilligen Einverständnis zu seiner eigenen Hinrichtung. Es kam zu einem Gespräch mit Brecht, der aufgrund dieser Diskussionen mit den Schülern das Stück überarbeitete. In der Folgezeit entstanden ein zweiter „Jasager“-Text und der „Neinsager“ als Pendant dazu.Gerd Radde: Fritz Karsen. Ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit…, S. 137 ff. Die Protokolle der Diskussionen mit den Schülern sind abgedruckt in: Bertolt Brecht: Der Jasager und Der Neinsager – Vorlagen, Fassungen, Materialien (= edition suhrkamp. 171). Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-518-10171-4. Eine wichtige Funktion im Schulalltag nahm die „Schulgemeinde“ ein. Heutzutage würde man von der Schülervertretung (SV) sprechen. Die Bildung von Klassen- bzw. Schulgemeinden war ministeriell erlaubt, aber in den wenigsten Schule der Weimarer Republik zum Leben erweckt worden. Anders an der Karl-Marx-Schule, wo die Schüler weitreichende Mitbestimmungsbefugnisse besaßen, so bei disziplinarischen Problemen, bei der Beurteilung ihrer mündlichen Zensuren und der Vergabe von Zeugnisnoten.Johann Peter Eickhoff, Fritz Karsens Fotoalbum …, in: Zeitschrift für Erlebnispädagogik, Lüneburg 1998, 18. Jg., Heft 6, S. 31

Wie wurde an dieser neuen „Gemeinschaftsschule“ gearbeitet? Als erstes setzten Karsen und seine Kollegen einen neuen Arbeitsstil durch – bei Schülern und bei Lehrern. Gemäß der reformpädagogischen Maxime „vom Kinde aus“, gingen sie folgendermaßen vor: Milieu- und zeitbedingte Themen wurden vorrangig im Unterricht behandelt und sollten einen Bildungsdrang erwecken, den die Schüler in Eigen- bzw. Gruppenarbeit zu stillen suchten. Ausgangspunkt und zugleich auch Ziel waren dabei das Erleben der Schüler, insoweit es ihrer sozialen Lage und ihrem sozialen Umfeld entsprang. Abschaffen des Katheders, Anordnung der Bänke im Rechteck und das Sitzen des Lehrers zwischen seinen Schülern waren flankierende Maßnahmen. Außerdem gehörte zum pädagogischen Credo Karsens, dass der Stoff, ein Problem oder eine Frage im Zentrum des Unterrichts zu stehen hatte, aber nicht die Schüler oder gar der Lehrer. Ziel war die Ausbildung einer kritisch-rationalen Arbeitsmethode. Darum spielte eine mehrere tausend Bände umfassende Arbeitsbücherei eine wichtige Rolle. Gearbeitet wurde grundsätzlich nicht mit Schulbüchern (die es an der Karl-Marx-Schule gar nicht gab!), sondern mit der Primärliteratur und Quellen.

Pädagogik und Architektur Karsens Vorstellung einer Einheitsschule widersprach immer noch die äußere Gestalt seines Neuköllner Schulkomplexes, der sich nur als eine aus einzelnen Schulteilen zusammengestückelte Einrichtung präsentierte. Karsen entwarf deshalb gemeinsam mit dem Architekten Bruno Taut das Konzept einer integrierten Gesamtschule für 2500–3000 Schüler. Durch dieses Projekt Dammwegschule sollten Karsens reformpädagogische Ideen eine adäquate architektonische Gestalt bekommen. Der Neubau sollte nicht nur dem Binnenleben der Schule neue Perspektiven eröffnen, sondern er sollte auch die Schule nach außen hin öffnen:

Die Planungen für die neue Schule waren einerseits von Rationalisierungsideen und bildungsökonomischen Überlegungen bestimmt, sie setzten aber vor allem auf eine pädagogisch begründete Neuordnung der inneren Schulorganisation.

Karsen und Taut planten – baulich und unterrichtsorganisatorisch – eine Schule ohne Klassen, was eine radikale Abkehr von der auf Klassenraum und Klassenlehrer gestützten Klassengemeinschaft verlangte. Sie favorisierten eine Raumsystem, das fachspezifisch angelegt und ausgestattet sein sollte. Die Schüler würden altersübergreifend in Erziehungsgruppen unter Betreuung eines Lehrers organisiert werden, sich in dieser Erziehungsgruppe zweimal am Tage zum Besprechen gemeinsamer Probleme kurz zusammenfinden, und ansonsten in unterschiedlichen Fachgruppen und Fachräumen arbeiten. Schule sollte zu einem sozialen Lebensraum werden.Gerd Radde: Fritz Karsen. Ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. S. 180–193. Dass sich dahinter auch eine Vorstellung von Schule als Betrieb und die Adaption amerikanischer Modelle (Platoon-System) verbirgt, hat nicht zuletzt Erich Hylla in seinem Buch Schule der Demokratie beschrieben. Während Hylla aber, der sich ein Jahr vor Karsen in den USA aufgehalten hatte, davon abriet, „das amerikanische Fachraum-System, in dem die Kinder zwar ‚nicht auf dem rollenden Band befestigt‘ […] wären, aber sich doch ähnlich von Fachraum zu Fachraum durch das Schulhaus bewegten, nachzuahmen“, hätten Karsen und Taut „genau an dieses Rationalisierungsmodell an[geknüpft], freilich ohne den Gedanken der Serienfertigung auch auf die Pädagogik anzuwenden“.Heidemarie Kemnitz: Denkmuster und Formensprache pädagogischer Architekturen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. S. 257. Laut Kemnitz verfolgte Karsen in seinem Konzept für die neue Schule drei Rationalisierungsstrategien:

Bruno Taut war der kongeniale Partner bei der Umsetzung dieser Vorstellungen in eine für Schulbauten völlig neue Architektur. Er plante nicht nur, sondern experimentierte auch, um bis ins Detail hinein maßgeschneiderte Lösungen zu finden.