Das Zementwerk Weisenau wurde im Jahr 1864 von Christian Lothary in Weisenau gegründet. Von den Weisenauer Bürgern umgangssprachlich die Portland genannt, prägte es den am 1. Januar 1930 eingemeindeten Mainzer Stadtteil.
Geschichte Die Anfänge
mini|Christian Lothary um 1860 Der durch den Bau der Bahnstrecke Mainz–Worms im Bereich Weisenau vermögend gewordene Unternehmer Lothary suchte sich nach der Vollendung des in seiner Verantwortung liegenden zu erbauenden Bahndamms neue Ziele. Zunächst dachte er daran eine Eisengießerei am Rande der neu erbauten Bahnstrecke zu gründen, wofür er den Eisenhüttentechniker Julius Römheld aus der Nähe Marburgs als Teilhaber gewinnen konnte. Allerdings erwies sich das von Lothary zum Zwecke des Abbaus von Eisenerzen erworbene Gelände zwischen Oppenheim und Monzernheim als nicht so ergiebig wie es sich Lothary vorgestellt hatte. Zwar nahm Römheld ab 1859 mit zehn Arbeitern in einer dafür erbauten Werkhalle die Produktion von Roheisen auf aber Lothary erkannte, dass sich diese Eisengießerei wegen des Mangels an den dafür notwendigen Eisenerzen nicht in dem Umfang entwickeln konnte wie er sich das vorgestellt hatte. Es war der Grund, weshalb er sich der Produktion von scharf gebrannten Ziegelsteinen zuwandte. Römheld verlegte seine Gießerei 1862/63 an den Nordrand von Mainz, während Lothary die nun leeren Gebäude der Gießerei für seine Zwecke als Ziegelei nutzte.
Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Gebrauch des von dem Engländer Joseph Aspdin aus Romanzement entwickelten Portlandzements, nach der Isle of Portland benannt, im Baugewerbe immer mehr zur Verwendung. Gründungen von Portlandzementwerken in Züllchow bei Stettin (1855), Bonn (1858), Mannheim (1860), Hattenheim (1860), 1862 nach Mainz-Amöneburg verlagert und Nieder-Ingelheim (1863) trugen diesem Umstand Rechnung. Auch Lothary folgte dieser Entwicklung. Ein Steinbruch zum Abbau von Kalk, dessen Gelände er aus der Zeit des Bahndammbaus erworben hatte, Gebäude und Baugrundstücke waren ausreichend vorhanden. Was ihm noch fehlte, war ein Fachmann, der schon genug Erfahrung zur Herstellung von Portlandzement gesammelt hatte. Und den fand er auch in dem Mannheimer Ingenieur ‚Carl Brentano (4. Januar 1833 in Mannheim; † 10. Mai 1898 in Basel), der zuvor in Mainz-Amöneburg zusammen mit Dyckerhoff das Zementwerk Amöneburg gegründet hatte aber sich wegen unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten von ihm trennte und nach einem neuen Betätigungsfeld umschauen musste, zumal er wegen der Aufkündigung des gemeinsamen Gesellschaftsvertrags 7.500 Gulden an Dyckerhoff zu zahlen hatte und damit fast sein gesamtes Vermögen aufgebraucht war.Gründung Zementwerk – Kartierte Städte / Mainz und Wiesbaden im Spannungsfeld von Naturraum und Vergesellschaftung – von Constanze Bückner, Andreas Hoppe auf Google Books.
Gründung des Werkes
Am 22. Juli 1864 stellte Christian Lothary ein Baugesuch an die Großherzogliche Bürgermeisterei Weisenau zum Bau einer, neben seiner oberhalb Weisenau gelegenen Backsteinfabrik eine Cement-Fabrik anzulegen. Dem Gesuch wurde stattgegeben und Brentano mit dem Aufbau und der Leitung des Zementwerkes beauftragt. Lothary, zu dieser Zeit als Abgeordneter Mitglied des Landtags des Großherzogtums Hessen verfügte über genügend Kapital, um Brentano die Zeit zum Aufbau der Fabrik und zu Experimenten mit Öfen und Rohmaterial zu geben, wobei ihm der vorhandene Ringofen zustatten kam, in dem auch die Ziegelsteine Lotharys gebrannt wurden. Schließlich erwies es sich, dass Schachtöfen zur Herstellung befriedigender Ergebnisse am besten geeignet waren. Die Öfen verfügten über eine Höhe von sieben und einem Durchmesser von zwei Metern. Im Vergleich zur heutigen Zementherstellung, war die Beschickung der Schachtöfen eine schwere körperliche Arbeit. Geschichtet wurden die Öfen zunächst mit einer Lage Reisig auf das dann Holz gelegt wurde. Darüber kam dann eine Schicht Koks und danach die erste Lage des zu brennenden Rohmehlsteins, bis die Öfen zu einem Drittel gefüllt waren. Danach wurde das Reisig gezündet. Wenn das Feuer die oberste Schicht erreicht hatte, wurde weiterhin Koks und Mehlstein zugegeben, bis die Öfen gefüllt waren. Diese ganze Prozedur nahm etwa eine Woche in Anspruch, bis die Öfen wieder erkaltet waren und das gesinterte Brenngut nun als Klinker von Hand aus den Öfen gebrochen wurde um dann zu Zement zermahlt zu werden. Die Ausbeute des Endprodukts betrug nach einem Beschickungsturnus etwa um die 80 bis 100 Tonnen.Die Geschichte des Zementwerks Weisenau S. 13; PDF.
Konsolidierung und Tod Lotharys
Nachdem die Produktion erfolgreich angelaufen war, wurde unter der Leitung Brentanos in rascher Folge die notwendige Infrastruktur für das Werk ausgebaut. Schon 1866 wurde das vorhandene Lokomobil durch eine liegende Zwillingsdampfmaschine ersetzt. Werkstätten für Schlosser, Schmiede, Zimmerleute und Sattler errichtet und um zwei weitere Schachtöfen erweitert. Der aus dem Steinbruch abgebaute Kalkstein und den aus dem sieben Kilometer entfernten Bodenheim mit Pferdefuhrwerken herbeigeschaffte Ton wurde in neu erbauten Holzsilos gelagert. Der Zement wurde in diesen Jahren noch in Holzfässern transportiert, wofür dann auch noch extra eine Küferei errichtet werden musste. Dazu kam eine Schiffsladevorrichtung am Rhein und zu den schon vier vorhandenen Schachtöfen noch weitere vier, während die Produktion von scharf gebrannten Backsteinen in der Ziegelei parallel dazu weiter betrieben worden ist.
Eine Zäsur für die Firma bedeutete der plötzliche und frühe Tod Christian Lotharys 1868.Die Geschichte des Zementwerks Weisenau S. 17. An die Seite Brentanos trat nun die Witwe Lotharys als Mitinhaberin. Auf den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 folgte dann ein Bauboom, dem aber schon 1872 eine Baukrise mit den entsprechenden Auswirkungen für die Branche folgte, die aber keine große Auswirkung auf das Werk in Weisenau hatte. So wurde die Produktion bis 1882 auf 10.000 Tonnen jährlich gesteigert, was auch den Bau von vier weiteren Schachtöfen nötig machte. Schon 1875 kam es zu einer Neuerrichtung einer Küferwerkstatt, der Erweiterung des Zementlagers und der Einrichtung eines neuen Büros und Laboratoriums. Im Werk waren zu dieser Zeit etwa 180 bis 200 Arbeiter angestellt, wovon etwa 20 im Steinbruch beschäftigt waren, die mit bis zu 5,10 Mark täglich entlohnt wurden, gegenüber den „gewöhnlichen“ Arbeitern, die sich mit täglich 1,80 bis 2,00 Mark zufriedengeben mussten.Die Geschichte des Zementwerks Weisenau S. 18; PDF. Aber daran kann man auch ersehen, wie schwer und gefährlich die Arbeit im Steinbruch in dieser Zeit gewesen sein muss. Die Prosperität des Werkes ist auch an der Einwohnerentwicklung Weisenaus zu erkennen, das von etwas über 1.600 Einwohnern 1858 auf über 2.000 bis 1864 angewachsen ist. 1890 zählte die Gemeinde über 4.500 Einwohner.
Die Kommanditgesellschaft
Zu einer wesentlichen Änderung der Besitzverhältnisse kam es dann am 4. April 1881, als die Fabrik in eine Kommanditgesellschaft mit einem Gesellschaftskapital von 60.000 Mark umgewandelt wurde.Die Geschichte des Zementwerks Weisenau S. 18. Es scheint die Zeit, als Brentano die Leitung des Werkes aufgegeben und Weisenau verlassen hatte. Kurze Zeit war wahrscheinlich Christian Lothary jun. für die Leitung des Werkes verantwortlich aber mit seinem frühen Tod im Alter von 33 Jahren am 6. Juli 1881 übertrug man die Verantwortung als Leiter und Direktor des Werkes in die Hände des Kaufmanns Jakob Junker (20. Dezember 1849 in Rheinböllen; † 10. März 1901 in Berlin). Es ist nicht bekannt, ob die Veränderungen der Besitzverhältnisse mit einer Zerrüttung zu Brentano in Zusammenhang standen. Es besteht aber die Vermutung, dass das Ausscheiden Brentanos mit sinkenden Umsätzen in Zusammenhang standen. Jedenfalls liegt sein weiterer Lebensweg weitgehend im Dunklen. Es ist nur bekannt, dass er noch eine kurze Zeit mit seiner Familie in Wiesbaden-Biebrich lebte, bevor er 1883 eine Direktorenstelle in einer Ziegelei in Allschwil im Kanton Basel bekleidete.Die Geschichte des Zementwerks Weisenau S. 19; PDF.
Junker, ein Methodist und Offizier der Heilsarmee, der wie Brentano zuvor bei Dyckerhoff angestellt war, lenkte das Werk auf patriarchalische Art und war als strenger Vorgesetzter bei den Arbeitern gefürchtet. Er duldete keinen Alkoholkonsum und war ein Gegner ausschweifender Vergnügungen. Eine seiner ersten Entscheidungen war die Stilllegung der Ziegelei und der Bau eines großen Ringofens mit 36 Kammern und eines 50 Meter hohen Schornsteins. Das Kapital für diese Investition stammte wahrscheinlich aus dem Verkauf von Grundstücken und Immobilien, über die die Familie Lothary in Mainz verfügte.
Nach der kurzen Flaute auf dem Bausektor kam Junker entgegen, dass die Konjunktur in den 1880er Jahren wieder stark anzog. Der Ausbau der Festung Mainz und die Mainzer Stadterweiterung, die Rheinregulierung, der Bau der Straßenbrücke zwischen Mainz und Mainz-Kastel und des Eisenbahntunnels mit der parallel dazu verlaufenden Verlegung des Mainzer Hauptbahnhofs von der Rheinstraße an die westliche Peripherie des damaligen Mainzer Stadtgebiets, der 1884 eingeweiht worden ist, brachte das Zementwerk an die Grenzen seiner Kapazitäten. Um sich der starken Konkurrenz auf dem Markt der Zementhersteller in der näheren Umgebung, Dyckerhoff in Amöneburg und die Portland-Cementfabrik Fr. Sieger & Co., GmbH in Budenheim zu erwehren, sah Junker nur die Möglichkeit, die Produktionsanlagen in Weisenau zu vergrößern um seinen Konkurrenten Paroli bieten zu können. Dazu wurde der für den Abtransport des Zements dringend benötigte Güterbahnhof von der Hessischen Ludwigsbahn auf dem von Lothary schon 1855 aufgeschütteten Schwemmgebiet des Rheins angelegt, der aber erst 1890, und damit viel zu spät, in Betrieb genommen werden konnte. Aber alle diese Investitionen bargen schon wieder den Niedergang des Werkes in sich. Die Pflege und Instandhaltung der schon vorhandenen Hochöfen, Gebäude und Maschinen wurde zugunsten der Umstrukturierung vernachlässigt. Dazu kam nach dem Bauboom in Mainz eine konjunkturelle Delle mit sinkenden Zementpreisen und so musste sich die Erbengemeinschaft einen finanzkräftigen Käufer suchen, den sie auch in der Mannheimer Portland-Cementfabrik AG gefunden hatte.
Die Übernahme durch die Mannheimer Portland-Cementfabrik
Für die „Mannheimer“, denen für ihre Produktionsstätten maximal 3.700 m², gegenüber 19.000 m² in Weisenau bebaute Grundfläche zur Verfügung standen, mit dem Steinbruch in Weisenau sogar über insgesamt 72.000 m², war der Kauf des Weisenauer Werkes, auch wegen der günstigen Verkehrslage am Rhein eine interessante Alternative. Nach längeren Verhandlungen einigte man sich am 15. November 1887 auf einen Preis von 800.000 Mark für das gesamte BetriebsvermögenDie Geschichte des Zementwerks Weisenau S. 21; PDF. mit Ausnahme der von der Familie von Jungenfeld unterhalb Mainz-Laubenheims gelegenen Jungenfeld-Aue, die Lothary zum Zwecke sich einer zukünftigen Konkurrenz vom Leibe zu halten, schon 1863 erworben hatte und jetzt als Lothary Aue allgemein bekannt ist. Ironie der Geschichte ist die Tatsache, dass die "Mannheimer" am 12. September 1898 dieses Gelände aus denselben Gründen wie Lothary 35 Jahre zuvor, dann doch kauften.