Die sogenannte Provisional Irish Republican Army (), in ihrer Eigenbezeichnung einfach nur Irish Republican Army, kurz IRA, oder auch Óglaigh na hÉireann (irisch für Freiwillige Irlands) war eine 1969 gegründete Organisation in der Republik Irland und dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland. In der Republik Irland war sie als irisch-republikanische paramilitärische Organisation eingestuft, während sie im Vereinigten Königreich als Terrororganisation eingestuft war. – Home Office Website, aufgerufen am 11. Mai 2007

Die IRA verstand sich als die direkte und einzig legitime Fortsetzung der Irish Republican Army (die Armee der Irischen Republik von 1916/1919–1922), die am Osteraufstand 1916 und im Irischen Unabhängigkeitskrieg von 1919–1921 für die Unabhängigkeit Irlands kämpfte.

Die Provisional IRA wurde zu Beginn des Nordirlandkonflikts zum Jahreswechsel 1969/70 gegründet, nach einer politisch-ideologischen Spaltung der älteren Irish Republican Army, die 1922 nach dem Unabhängigkeitskrieg entstanden war und unter anderem im Irischen Bürgerkrieg (1922–1923) gekämpft hatte.

Für ihr Hauptziel eines unabhängigen, vereinigten Irlands nutzte sie vor allem terroristische Methoden wie Attentate, Bombenanschläge, Geiselnahmen und Raubüberfälle, um das politische System und die innere Verfasstheit von Nordirland als integralem Bestandteil des britischen Staatsgebiets zu zerstören. Weitere Ziele waren der Schutz der katholisch-nationalistischen Minderheit vor der protestantisch-unionistischen Bevölkerungsmehrheit und vor den britischen Sicherheitskräften in Nordirland. Im Verlauf des Nordirlandkonflikts tötete sie dabei ungefähr 1700 Menschen in Nordirland, Großbritannien, der Republik Irland und auf dem westeuropäischen Festland. Auf ihrer Seite wurden etwa 300 Mitglieder getötet. Politisch unterstützt wurde sie von der ihr nahestehenden Partei Sinn Féin und Unterstützergruppen im In- und Ausland wie beispielsweise NORAID.

1997 verkündete die IRA nach fast dreißigjährigem Kampf einen endgültigen Waffenstillstand, ohne ihr Hauptziel der irischen Wiedervereinigung erreicht zu haben, woraufhin am 10. April 1998 das Karfreitagsabkommen von den Konfliktparteien vereinbart wurde. Am 28. Juli 2005, sieben Jahre später, erklärte die Führung der IRA das Ende des bewaffneten Kampfes: „Alle IRA-Einheiten wurden angewiesen, ihre Waffen abzugeben. Alle IRA-Aktivisten wurden instruiert, die Entwicklung von rein politischen und demokratischen Initiativen durch ausschließlich friedliche Mittel zu unterstützen. IRA-Aktivisten dürfen sich an keinen andersgearteten Aktionen beteiligen.“ Danach folgte ihre komplette Entwaffnung bzw. die Zerstörung ihres gesamten Arsenals und 2007 die Anerkennung der umbenannten nordirischen Polizei PSNI.

IRA-Mitglieder und andere irische Republikaner, die mit dieser Entwicklung nicht einverstanden waren, gründeten mit der sogenannten Continuity Irish Republican Army und Real Irish Republican Army (seit 2012 New Irish Republican Army) neue militante Gruppen, die bis heute am bewaffneten Kampf und somit an terroristischen Methoden für ein vereinigtes Irland festhalten.

Gründung 1969 miniatur|1969 Ziel unionistischer Attacken: Katholisches Bogside-Viertel in Derry (2005) Die ursprüngliche IRA versuchte sich nach der erfolglosen Border Campaign der 1950er Jahre neu zu orientieren. Starken Einfluss gewannen nun linksorientierte Kräfte, die der Organisation eine deutlich marxistische Prägung geben wollten. Statt im bewaffneten Kampf sahen sie die Zukunft in der politischen Auseinandersetzung und der Versöhnung von katholischer und protestantischer Arbeiterschaft. Die auf dramatische Weise eskalierenden Unruhen der 1960er Jahre in Nordirland überraschten die IRA; als bewaffnete Bewegung war sie zu dieser Zeit kaum noch existent. Sie stand nun an einem Scheideweg: Sollte man sich der Bürgerrechtsbewegung anschließen und auf politischem Weg für die Gleichberechtigung der Katholiken in Nordirland eintreten oder den bewaffneten Kampf gegen die Vorherrschaft von Briten und irischen Unionisten aufnehmen? Viele drängten auf gewaltsame Aktionen im Stil eines Guerillakrieges; insbesondere Mitgliedern mit traditionell katholisch-nationalistischem Hintergrund war die marxistische Ideologie der Befürworter einer politischen Lösung zutiefst suspekt. Zum Bruch führte schließlich die Frage, ob sich Sinn Féin als politische Organisation der Parteiensysteme in Nordirland und in der irischen Republik enthalten solle (abstentionism), die Parteiensysteme wurden von linientreuen Republikanern beide gleichermaßen als illegitim angesehen.

Der eigentliche Anlass war jedoch die passive Haltung der Dubliner IRA-Führung während der nordirischen Unruhen im Sommer 1969. Damals waren katholisch-republikanische Wohnviertel insbesondere in Belfast und Derry von protestantisch-unionistischen Milizen angegriffen worden. Viele Republikaner in Nordirland waren der Meinung, dass die marxistische IRA die katholische Gemeinschaft dabei im Stich gelassen hätte, da sie die Angriffe auf katholische Straßen und das Abbrennen deren Häuser durch Loyalisten nicht verhinderte. Die Traditionalisten und Militaristen beschuldigten die IRA-Führung in Dublin, sie hätte aufgrund ihrer rein politischen Strategie versäumt, Waffen, Planungen oder Personal herbeizuschaffen, um die katholischen Straßen zu verteidigen. Hinzu kam, dass die britische Regierung nun zum Schutz der Katholiken erstmals seit Jahrzehnten Soldaten nach Nordirland entsandt hatte, was die nationalistischen Traditionalisten in der IRA als unerträgliche Provokation verstanden, die eine gewaltsame Reaktion erfordere. Die Marxisten innerhalb des linken Flügels der IRA argumentierten hingegen, dass die Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken bewusst provoziert worden seien, um Arbeiter beider Konfessionen gegeneinander auszuspielen. Gewalt sei zur Lösung des Nordirlandkonfliktes deshalb nur kontraproduktiv.

Im Dezember 1969 spaltete sich daher die IRA. Der eher nationalistisch gesinnte und gewaltbereitere Flügel gründete die Provisional IRA (kurz: Provos), so benannt in Anspielung auf die Erklärung der provisorischen Regierung des Osteraufstandes 1916. Gründer waren unter anderem Seán Mac Stíofáin, Ruairí Ó Brádaigh, Dáithí Ó Conaill, Joe Cahill, Billy McKee, Seamus Twomey. Ziel und Aufgabe dieser Gruppierung war von Anfang an der bewaffnete Guerillakampf. Der eher politisch orientierte linke Flügel etablierte die Official IRA, von der sich 1974 eine weitere aktionistisch orientierte Gruppe, die Irish National Liberation Army (INLA) abspaltete. Obwohl es auf der politischen Ebene ebenfalls zu einer Spaltung in Provisional Sinn Féin und Official Sinn Féin (später Sinn Féin Workers Party bzw. nur Workers Party) kam, spielte die Politik in den Aufbaujahren der Provos keine Rolle.

Von Anfang an gab es Fehden zwischen den Provos und der Official IRA, da beide Fraktionen um die Kontrolle der katholisch-nationalistischen Gebiete vor allem in Belfast wetteiferten. Allerdings gewannen die Provos aufgrund ihrer Profilierung als die zuverlässigeren Verteidiger der katholischen Gemeinde schnell die Oberhand.Provos The IRA & Sinn Féin, S. 77–78

Die Provisorische IRA wurde von Beginn an durch die Sowjetunion mit Waffen und militärischer Ausbildung unterstützt und in den internationalen „Kampf gegen den Imperialismus“ eingebunden. Die militärische Ausbildung fand in Kuba und bei der PLO statt. Wie viel Waffenmaterial aus dem Ostblock geliefert wurde, ist nicht bekannt. Allein in den siebziger Jahren wurden rund 1 Million Schuss Munition und 7000 Waffen aus Ländern des Ostblocks allein in Nordirland beschlagnahmt.Bernd Stöver: Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalter 1947-1991. München 2017, S. 241.

Organisation miniatur|Wandmalerei zum Gedenken an die sogenannten acht Loughgall-Märtyrer miniatur|South Armagh: Sniper-at-work-Schild, Crossmaglen 1999 Die IRA ist hierarchisch organisiert. An der Spitze der Organisation steht der IRA-Armeerat (Army Council), dessen Vorsitzender der IRA-Stabschef (Chief of Staff) ist.

Führung Alle Einheiten der IRA sind berechtigt, Delegierte zur IRA General Army Convention (GAC) zu entsenden. Dieses Gremium ist die oberste Autorität der Organisation. Vor 1969 trafen sich die GACs regelmäßig. Wegen der Schwierigkeiten einer illegalen Organisation, ein Treffen so vieler Mitglieder geheim zu halten, gab es seit 1969 insgesamt nur drei Treffen (1970, 1986 und 1997).English, S. 114–115.

Die GAC wählt die aus zwölf Personen bestehende sogenannte IRA Executive – nominell die Regierung der Irischen Republik von 1916. Die Exekutive wiederum wählt die sieben Mitglieder, die den IRA Armeerat bilden. Dieser ist die eigentliche Machtzentrale der Organisation, die das politische Vorgehen und die strategischen Grundsatzentscheidungen vorgibt sowie den obersten Kommandanten, den Stabschef, aus ihren Reihen oder auch von außerhalb des Armeerates ernennt.English, S. 43.

Der Stabschef bestimmt dann seinen Stellvertreter, den IRA Adjutant General und besetzt ein Hauptquartier (IRA General Headquarters; auch GHQ), das aus einer Reihe von einzelnen Departments besteht. Diese Departments sind:

IRA Quartermaster General (Quartiermeister) IRA England Department (Aktionen in England) IRA Overseas Department (Aktionen in Westeuropa) IRA Department of Finance (Finanzen) IRA Department of Engineering (technische Entwicklung) IRA Department of Training (Ausbildung) IRA Department of Intelligence (Aufklärung) IRA Department of Publicity (Öffentlichkeitsarbeit) IRA Department of Operations (Einsatzleiter) IRA Department of Security (interner Sicherheitsdienst)

Regionale Kommandostrukturen Auf regionaler Ebene ist die IRA geteilt in ein Northern Command, das in den neun Grafschaften von Ulster sowie den fünf südirischen Grafschaften an der Grenze operierte, und ein Southern Command, das im Rest von Irland aktiv war. Die Provisional IRA wurde anfangs von einem Armeerat in Dublin kommandiert. Jedoch hat man im Jahr 1977, parallel zur Einführung der Zellenstruktur auf lokaler Ebene, das Kommando über die „War-Zone“ (Kriegszone) dem Northern Command übertragen. Diese Reorganisation war laut dem Journalisten und Autor Ed Moloney eine Idee von Ivor Bell, Gerry Adams und Brian Keenan.Moloney, S. 155–160.

Das IRA Southern Command bestand aus der Dublin Brigade und einer Anzahl kleinerer Einheiten in ländlichen Gegenden. Diese waren hauptsächlich mit der Lagerung und Einfuhr von Waffen für die nördlichen Einheiten beauftragt sowie mit dem Aufbringen von Geld durch Bankraub oder ähnlichem.O’Brien S. 158. Es gab auch organisierte Einheiten in Großbritannien, Westeuropa und den Vereinigten Staaten.

Brigaden Die IRA bezeichnet ihre gewöhnlichen Mitglieder als Volunteers oder auf Irisch als óglaigh (Freiwillige). Bis in die späten 1970er waren IRA Volunteers in Einheiten organisiert, die auf konventionellen militärischen Strukturen basierten. Volunteers, die in einer Gegend lebten, formierten eine Kompanie, die in der Regel Teil eines Bataillons war. Dieses konnte wiederum Teil einer Brigade sein, obwohl viele Bataillone keiner Brigade zugeteilt waren.