Die Diätetik (von „Lehre von der Lebensweise (in medizinischer Hinsicht)“, zu „Lebensart, Lebensweise; Lebensunterhalt, Diät“) oder Diätologie (von und -logie) ist ein Sammelbegriff, der ursprünglich alle Maßnahmen im Sinne einer geregelten Lebensweise umfasste, die zur körperlichen als auch seelischen Gesunderhaltung oder Heilung beitragen.

Neben Medikamentengabe und Operation stellt die Diätetik seit jeher eine der drei Ansätze medizinischer Therapie dar.Dietrich von Engelhardt: Diätetik. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 299–303, hier: S. 299.

Die Bedeutung des Begriffes hat sich gewandelt. Ursprünglich war die von der hippokratischen Medizin begründete allgemeine „Diätetik“ als Lehre von der DiätVgl. Wilhelm Stepp: Was leistet die Diät in der modernen Krankenbehandlung. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 25–31 (Vortrag vor den Ärzten Vorarlbergs in Dornbirn am 20. Mai 1952), hier: S. 25 und 27. eine Lehre von der gesunden Lebensführung.Werner Friedrich Kümmel: Der Homo litteratus und die Kunst, gesund zu leben. Zur Entwicklung eines Zweiges der Diätetik im Humanismus. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim an der Bergstraße 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), S. 67–85, hier: S. 67. Auch in der mittelalterlichen Medizin spielte die Diätetik eine zentrale Rolle.Bernhard Schnell, William Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 232–237 (Schriften zur Diätetik). Heute beschreibt der Begriff die Versorgung und Beratung von Patienten hinsichtlich der Ernährung als Teil der Behandlung einer Erkrankung oder zur Prophylaxe.

Im Gegensatz zur Ernährungswissenschaft zeichnet sich die Fachdisziplin Diätetik (in Österreich Diätologie) durch einen Anwendungsbezug aus. Diätetik könnte demnach als „angewandte Ernährungswissenschaft“ bezeichnet werden. Dies trifft aber nicht ganz zu, da Diätetik einen Bezug zu vielen wissenschaftlichen Disziplinen hat, wie z. B. der Medizin (Ernährungsmedizin), Pädagogik, Psychologie und Soziologie.

Im Gegensatz zu den meisten Ländern der Welt ist die Fachdisziplin Diätetik in Deutschland nicht universitär angesiedelt. Der Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e. V. (VDD) setzt sich seit längerer Zeit für die Akademisierung der Diätassistenten ein, was die Etablierung der Diätetik an (Fach)Hochschulen voraussetzt. Ohnedies ist Deutschland vom europäischen und internationalen Wissenstransfer im Bereich Diätetik ausgeschlossen, da keine in der Diättherapie und Ernährungsberatung tätige Berufsgruppe in Deutschland die gesetzlichen und formalen Voraussetzungen erfüllt, auf internationaler Ebene tätig zu sein.

Geschichte der Diätetik Große Bedeutung hatte das Thema der Ernährung und die Erforschung von Unverträglichkeiten bereits in der altindischen Medizin. Diätetik als Begriff für ein umfassendes Salutogenese-Konzept geht auf die hippokratische Tradition zurück. Deren Autoren forderten neben einer guten Ernährung auch körperliche Betätigung und ein geregeltes Leben. Die Texte regten auch mit praktischen Tipps zu Sport, Baden, Schlaf und sexueller Aktivität an. Gemäß Aulus Cornelius Celsus (gestorben um 50 n. Chr.) war die Diätetik (Regelung der Lebensweise) mit der Pharmakotherapie und der Chirurgie eines der drei Teile der (antikenVgl. auch Ludwig Edelstein: Antike Diätetik In: Die Antike. Band 7, 1931, S. 255–270; auch in Medizinhistorisches Journal. Band 1, 1966, S. 162–174.) Medizin. Auch Diokles von KarystosJutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 36–37, 41 und 150–157. beschäftigte sich im 4. Jahrhundert v. Chr. mit diätetischen Fragen.

Der hippokratische Ansatz wird in der römischen Kaiserzeit von Galenos im 2. Jahrhundert wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Er legte die Grundlage für die („sechs nicht natürliche Dinge“). Gemeint sind die von dem sich unter anderem auf Galen stützenden Christen Johannitius entworfenen sechs bzw. Grundgegebenheiten (der sechs wesentlichen Lebensbereiche), wobei im Sinne von „nicht-konstitionell“ übersetzbar ist mit „konditionell“ bzw. „dispositional“,Gundolf Keil: Vegetarisch. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 29–68, hier: S. 32–33. auf deren Balance man (nach dem Konzept der Humoralpathologie) zu achten habe, um ein ausgewogenes Mischungsverhältnis der Körpersäfte zu erhalten: Licht und Luft () bzw. Umgebung Speise und Trank () Bewegung/Arbeit und Ruhe ( bzw. ) Schlaf(en) und Wachen/Wachsein () Absonderungen und Ausscheidungen () bzw. Aufnahme und Ausscheidung/Füllung und Entleerung ( oder ) Anregung des Gemüts/Gemütsbewegungen bzw. Leidenschaften ( bzw. )Heinrich Schipperges: Der Garten der Gesundheit. Medizin im Mittelalter. Artemis Verlag, München 1985, ISBN 3-7608-1911-7, S. 251–270.Wolfram Schmitt: Theorie der Gesundheit und ‚Regimen sanitatis‘ im Mittelalter. Habilitationsschrift Heidelberg 1973, S. 10–29.Wolfram Schmitt: Res non naturales. In: Lexikon des Mittelalters. Band 7 (1995), Sp. 751 f.Gundolf Keil: ‘regimen sanitatis – râtes leben’. Gesundheitsregeln des Mittelalters. In: Ria Jansen-Sieben, Frank Daelemans (Hrsg.): Voeding en geneeskunde/Alimentation et médecine. Acten van het colloquium Brussel […] 1990. Brüssel 1993 (= Archief- en bibliotheekwezen in België. Extranummer 41), S. 95–124.

Galens Nachruhm führte dazu, dass die Vorschriften zur Lebensführung (etwa in Form des Regimen sanitatis) im MittelalterOrtrun Riha: Frühmittelalterliche Monatsdiätetik. Anmerkungen zu einem komplexen Thema. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 371–379. über diätetische VorschriftenOrtrun Riha: Die diätetischen Vorschriften der mittelalterlichen Monatsregeln. In: Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung. Festschrift für Gundolf Keil zum 60. Geburtstag. Kümmerle, Göppingen 1994 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 585), ISBN 3-87452-829-4, S. 339–364. in MondkalendernRainer Reiche: Einige lateinische Monatsdiätetiken aus Wiener und St. Galler Handschriften. In: Sudhoffs Archiv. Band 57, 1973, S. 113–141.Gundolf Keil: Die Grazer frühmittelhochdeutschen Monatsregeln und ihre Quelle. In: Gundolf Keil, Rainer Rudolf, Wolfram Schmitt, Hans Josef Vermeer (Hrsg.): Fachliteratur des Mittelalters. Festschrift Gerhard Eis. Metzler, Stuttgart 1968, S. 131–146.Vgl. auch Gerhard Eis: Meister Alexanders Monatsregeln. In: Lychnos. Band 19, (Upsala) 1950, S. 104–136. bzw. MonatskalendarienOrtrun Riha: Frühmittelalterliche Monatsdiätetik. Anmerkungen zu einem komplexen Thema. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 371–379, hier: S. 372–373. und über populäre Gesundheitshandbücher (insbesondere Regimina sanitatisBernhard Schnell, William Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben 2003, S. 232–236.) weite Verbreitung (so etwa auch in der KochbuchliteraturTrude Ehlert: Wissensvermittlung in deutschsprachiger Fachliteratur des Mittelalters – oder: Wie kam die Diätetik in die Kochbücher? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 8, 1990, S. 137–159.) erfuhren. Entsprechend dem hippokratischen Vorbild bezeichnete man eine, den griechischen Arzt Hippokrates zu Beginn nennende mittelalterliche Monatsdiätetik Ipocras mit Ernährungsvorschriften für die einzelnen Monate, aber auch weiteren Anweisungen zur Gesundheitsvorsorge.Wolfgang Hirth: Ipocras. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 4, Sp. 415–417.Gundolf Keil: ‚Ipocras‘ (auch ‚Ypocras‘ = Hippokrates). In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 680–681. Im Jahr 1315 verfasste der spanische Arzt Peter Fagarola Gesundheitsregeln (betreffend Ernährung, Schlaf, Wohnung, Luft, Kleidung, körperliche Bewegung inklusive Gymnastik) für seine studierenden Söhne.Werner Friedrich Kümmel: Der Homo litteratus und die Kunst, gesund zu leben. Zur Entwicklung eines Zweiges der Diätetik im Humanismus. In: Humanismus und Medizin. Hrsg. von Rudolf Schmitz und Gundolf Keil, Weinheim an der Bergstraße 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), S. 67–85, hier: S. 73. Ausführlicher: Lynn Thorndike: Advice from a Physician to his Sons. In: Speculum. Band 6, 1931, S. 110–114.

Auch arabischsprachige Mediziner des Mittelalters knüpften an die antike Diätetik an und die sex res non naturales wurden in vielen heilkundlichen Schriften des islamischen Kulturkreises strukturbildend. So bei Rhazes (im Liber regius ad Almansorum), Haly Abbas (in der Pantechne) und bei Avenzoar.Ortrun Riha: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300). Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-86888-071-7, S. 18.

Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelte sich unter Einfluss des Humanismus eine Gelehrtendiätetik als neuer Zweig der diätetischen Literatur, beispielsweise bei Gianmatteo Ferrari da Gradi (Giovanni Matteo Ferrari da GradoMaria Muccillo: Dizionario Biografico degli Italiani. Band 46, 1996.), Marsilio Ficino und Johann Ulrich Surgant sowie Robertus Geopretius, Jacobus Sylvius, Guilielmus Gratarolus, Conrad Gesner, Hieronymus Cardanus, Thomas Cogan, Gregor Horst und Simon Günther.Werner Friedrich Kümmel: Der Homo litteratus und die Kunst, gesund zu leben. Zur Entwicklung eines Zweiges der Diätetik im Humanismus. 1984, S. 73–85.

Auch in der Renaissance erschienen gehäuft Ratgeber, die sich ausgehend von den sechs nicht natürlichen Dingen mit gesunder Lebensführung befassten: Andrew Boorde: („Umfangreiches Regimen oder Gesunde Lebensführung“) (1547), u. a. mit Vorschriften zu Hausbau, Haushaltsführung, Ernährung und Bewegung. André du Laurens: Diskurs über den Erhalt der Sehkraft, über melancholische Krankheiten, über Rheuma und über das Alter (1597), u. a. mit der These, der Alterungsprozess werde durch körperliche und geistige Faktoren, z. B. Müßiggang, beschleunigt. John Harington: (1608), eine Übersetzung des mit guten Ratschlägen und dem Tipp, sich an Doktor Ruhe, Doktor Fröhlich und Doktor Diät zu halten. Alvise Corner: („Vom mäßigen Leben und der Kunst, ein hohes Alter zu erreichen“, zusammengesetzt aus dem eigentlichen , einem , einer und einer an Daniel Barbaro, 1558–1565) mit dem Rat, den begrenzten Vorrat an Lebensgeist im Körper zu schonen: durch maßvolles Leben mit körperlicher und geistiger BetätigungVgl. auch: Werner Friedrich Kümmel: Der Homo litteratus und die Kunst, gesund zu leben. Zur Entwicklung eines Zweiges der Diätetik im Humanismus. In: Humanismus und Medizin. Hrsg. von Rudolf Schmitz und Gundolf Keil, Weinheim an der Bergstraße 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), S. 67–85. sowie Diät im engeren Sinne.

Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, vor dem Hintergrund der Aufklärung und absolutistischer Gesundheitspolitik, erlebte die Lehre von gesunder Lebensweise das nächste Hoch. Vor allem mit Ernährungsfragen befasste man sich intensiv. Berühmte Veröffentlichungen waren: