Das Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) ist eine Art der Langnasengürteltiere, die in Südamerika vorkommt. Das Verbreitungsgebiet reicht vom Osthang der Anden über weite Teile des nördlichen und mittleren Bereichs des Kontinentes, spart aber den Nordosten aus. Die Tiere besiedeln sehr vielfältige Lebensräum, die hauptsächlich Wälder und teils offene Landschaften umfassen, die aber mehr oder weniger gut durchfeuchtet sein müssen. Sie gelten als äußerst anpassungsfähig, jedoch kommen sie mit sehr trockenen oder kühleren Regionen nicht zurecht. Es handelt sich um einen kleineren bis mittelgroßen Vertreter der Gürteltiere. Der für diese Gruppe typische Rückenpanzer bestehend aus einem festen Schulter- und Beckenschild wird beim Neunbinden-Gürteltier durch acht bis zehn dazwischen liegende bewegliche Bänder gegliedert. Unterschiede zu nahe verwandten Arten finden sich im Bau des Schädels.

Die Tiere leben einzelgängerisch und graben unterirdische Baue. Sie paaren sich einmal im Jahr. Die üblicherweise vier Neugeborenen sind genetisch identisch, was durch Polyembryonie verursacht wird. In der Ernährung ist die Gürteltierart sehr anpassungsfähig und verzehrt hauptsächlich Insekten, vor allem Käfer, Ameisen und Termiten, gelegentlich aber auch kleinere Wirbeltiere. Bedeutend in der Beziehung zum Menschen ist der Umstand, dass das Neunbinden-Gürteltier Erreger der Lepra und der Chagas-Krankheit trägt und deshalb für Forschungszwecke als Labortier verwendet wird. Im Gegensatz zum nahe verwandten Mexikanischen Neunbinden-Gürteltier ist die Lebensweise insgesamt weniger gut erforscht.

Die wissenschaftliche Benennung des Neunbinden-Gürteltiers erfolgte im Jahr 1758. Im Laufe der Forschungsgeschichte wurden der Art mehrere Unterarten zugewiesen, wodurch sie den bekanntesten und weitestverbreiteten Vertreter der Gürteltiere repräsentierte. Das Vorkommen reichte bis in den südlichen und zentralen Bereich Nordamerikas hinein. Genetische und anatomische Untersuchungen in den 2010er Jahren ergaben jedoch, dass es sich hierbei um einen Artenschwarm handelt, der aus vier unterschiedlichen Formen besteht. Im Jahr 2024 wurde daher das Neunbinden-Gürteltier in der erweiterten Auffassung in mehrere eigenständige Arten aufgeteilt. Der Bestand gilt weitgehend als nicht gefährdet.

Merkmale Habitus mini|Neunbinden-Gürteltier Das Neunbinden-Gürteltier ist ein kleiner bis mittelgroßer Vertreter der Langnasengürteltiere. Es weist eine Gesamtlänge von 40,2 bis 95,0 cm auf, der Durchschnitt beträgt 73,3 cm. Hiervon wird der Schwanz 11,5 bis 45,0 cm lang mit einem Mittelwert von 31,3 cm. Damit repräsentieren die Tiere die kleinsten Angehörigen aus dem Verwandtschaftskomplex des Neunbinden-Gürteltiers und besitzen den verhältnismäßig kürzesten Schwanz. Das Körpergewicht variiert von 1,6 bis 6,6 kg. Männchen sind insgesamt etwas schwerer als Weibchen. Charakteristisch ist der die Gürteltiere definierende Rückenpanzer, der aus einem festen Schulter- und einem ebensolchen Beckenschild besteht. Ersterer wird etwa 9,2, letzterer 13,3 cm lang. Zwischen beiden befinden sich acht bis zehn, meist jedoch neun beweglichen Bänder. Hinsichtlich der Anzahl der beweglichen Bänder scheint es lokale Variationen zu geben, da Individuen aus Paraguay durchschnittlich 8,3 aufweisen. Der Panzer setzt sich jeweils aus kleinen Knochenplättchen zusammen, die Osteoderme genannt werden. Diese sind in Reihen angeordnet und haben in den festen Panzerabschnitten eine rundliche Gestalt. Da sie mit kleinen Hornschildchen überdeckt sind, wirken die Osteoderme nicht immer symmetrisch angeordnet. Die Knochenplättchen der beweglichen Bänder sind dagegen viereckig geformt und mit einer dreieckigen Musterung mit nach hinten zeigender Spitze versehen. Das vierte Band weist zwischen 54 und 65 derartige knöcherne Bildungen auf. Zusätzlich ist der lange Schwanz in seinen ersten beiden Dritteln von 12 bis 15 knöchernen Ringen umgeben, deren Gesamtlänge im Mittel 22,0 cm beträgt. Der Panzer besitzt meist eine braune Färbung, wobei die unteren Partien etwas heller sind, ebenso wie die vorderen beweglichen Bänder. Auf dem Kopf ist ebenfalls ein Schild von durchschnittlich 9,6 cm Länge ausgebildet. Er wirkt etwas heller getönt. Üblicherweise ist die Schnauze lang ausgezogen und konisch geformt, ebenso die Ohren, die 2,0 bis 5,6 cm lang werden und einen sehr dunklen Farbton aufweisen. Die Beine sind kurz, die Vorderfüße tragen vier und die Hinterfüße fünf Zehen, die alle mit scharfen Krallen versehen sind. Jene der zwei mittleren Vorderfußzehen zeigen sich am stärksten ausgeprägt. Der Hinterfuß erreicht eine Länge von 4,4 bis 11,2 cm, im Durchschnitt sind es 9,0 cm. Weibliche Tiere verfügen über vier Milchdrüsen.

Schädel- und Skelettmerkmale mini|Schädel und Unterkiefer des Neunbinden-Gürteltiers mini|links|Skelett des Neunbinden-Gürteltiers Der Schädel erreicht eine Länge von 8,1 bis 10,9 cm und eine Breite an den Jochbögen von 2,7 bis 4,7 cm. Am Hirnschädel ist er 1,9 bis 3,9 cm breit, während er sich hinter der Orbita auf 1,7 bis 3,5 cm einengt. Der knöcherne Teil der Schnauze, das Rostrum, besitzt eine Länge von 4,7 bis 6,8 cm, es ist dadurch deutlich verlängert und zusätzlich schmal geformt. Insgesamt wirkt der Schädel kürzer und flacher als bei anderen Angehörigen aus der näheren Verwandtschaft. Das Stirnbein ist relativ klein, wodurch auch die Stirnhöhlen nicht so deutlich ausgeprägt sind wie bei verwandten Formen, etwa Dasypus guianensis. Ebenso zeigt sich der Mittelkieferknochen relativ kurz, der vordere Abschnitt des Jochbogens ist lang und schmal. Der Gaumen befindet sich etwa auf der gleichen Ebene wie die Schädelbasis. Der Unterkiefer wird 6,1 bis 8,9 cm lang. Der Zahnbau unterscheidet sich von dem anderer Säugetiere und folgt nicht der gängigen Gebissformel. Die Zähne sind einfach gebaut und ohne Zahnschmelz, besitzen nur eine Wurzel und haben eine stift- bis molarenartige Form. Sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer sitzen jeweils je Kieferhälfte 7 bis 9 Zähne, also insgesamt 28 bis 36, im Durchschnitt sind es aber je Kieferbogen 8, insgesamt also 32. Die Gesamtlänge der unteren Zahnreihe beträgt 1,9 bis 2,9, die der oberen 1,8 bis 2,9 cm. An den Vordergliedmaßen weist die Ulna ein besonders großes oberes Gelenk auf (Olecranon), dass bei einer Gesamtlänge des Knochens von 6,9 cm etwa 2,7 cm erreicht. Solche großen Gelenkenden an den Vordergliedmaßen sind typisch für Tiere mit grabender Lebensweise.

Verbreitung mini|Verbreitungsgebiet des Neunbinden-Gürteltier-Artkomplexes, das Vorkommen des Neunbinden-Gürteltiers ist grün markiert Das Verbreitungsgebiet des Neunbinden-Gürteltiers umfasst größere Bereiche von Südamerika. Das Vorkommen reicht vom Osthang der Anden in Peru, Ecuador, Kolumbien und Venezuela über Brasilien südwärts bis nach Bolivien, Paraguay, Uruguay und das nördliche Argentinien. Darüber hinaus sind auch einzelne Populationen auf den Karibischen Inseln anzutreffen, namentlich Grenada und Trinidad und Tobago. Im Nordosten des Kontinentes, im Bereich des Berglandes von Guayana wird das Neunbinden-Gürteltier durch Dasypus guianensis ersetzt, beide Arten treten im östlichen Venezuela sympatrisch auf. Das Neunbinden-Gürteltier lebt von Meeresspiegelhöhe bis in Höhen um 2000 m. Es ist sehr anpassungsfähig und toleriert zahlreiche Habitate. So ist die Gürteltierart in feuchten Wäldern ebenso heimisch wie in offenem Grasland, auf landwirtschaftlich genutzten Flächen und in städtischen Gebieten. Generell ist eine Bevorzugung von warmen und feuchten Klimaten mit einem nur geringen Anteil an Frosttagen im Jahr zu beobachten. Häufig bewohnte Landschaften sind hierbei Ufergebiete und feuchte Wälder, vor allem die atlantischen Küstenwälder (Mata Atlântica), aber auch Sümpfe. Größere Flüsse wie der Río Paraguay wirken nicht zwingend als Migrationsbarriere. Das Neunbinden-Gürteltier fehlt aber in den sehr trockenen Gebieten des Gran Chaco mit weniger als 380 mm Jahresniederschlag, die von anderen Vertretern der Gürteltiere bewohnt werden. Möglicherweise ist das auch der Grund, warum das Neunbinden-Gürteltier nicht weiter südlich anzutreffen ist. Die Populationsdichte der einzelnen Regionen ist sehr unterschiedlich. So sind in der Cerrado-Region nur 0,36 Individuum auf einem Quadratkilometern anzutreffen. In den Küstenwäldern der Mata Atlântica kommen hingegen 9,6 bis 23,6 Tiere auf einer vergleichbar großen Fläche vor. Dort bestehen starke Unterschiede zwischen ungeschützten und geschützten Regionen mit variierenden Einflüssen durch die Jagdaktivitäten des Menschen.

Lebensweise Territorialverhalten mini|Neunbinden-Gürteltier Das Neunbinden-Gürteltier ist weit weniger gut untersucht als das nahe verwandte Mexikanische Neunbinden-Gürteltier (Dasypus mexicanus). Es lebt weitgehend einzelgängerisch und nachtaktiv, häufig tritt es erst rund 1,5 Stunden nach Sonnenuntergang in Erscheinung. Zum Rückzug legen die Tiere Baue an, die sich meist in Wäldern mit gut durchfeuchteten Böden und in der Nähe von Gewässern sowie überwiegend in Hanglage befinden. Bei der Fortbewegung durch das Untergrundgehölz verursachen sie beständig Lärm durch Zerbrechen trockener Äste oder Rascheln im Laub und gelten dadurch als sehr geräuschintensive Waldbewohner.

Ernährung Das Neunbinden-Gürteltier ist in erster Linie ein Fleischfresser mit einer Spezialisierung auf Insekten, wobei vorzugsweise Käfer verspeist werden. Untersuchungen aus der Cerrado-Region Brasiliens ergaben bei Käfern eine Häufigkeit von 1,1 %, die aber gut 71 % der gefressenen Biomasse ausmachten. Häufiger wurden Ameisen mit 32,6 % aufgenommen, der Biomasseanteil lag hier aber bei nur 16,5 %. Am höchsten jedoch war die verzehrte Menge von Termiten mit 66,3 %, die aber als reine Biomasse nur 12,2 % einnahmen. Besonders zahlreich wurden dabei Angehörige der Termitengattungen Velocitermes und Nasutitermes gefressen. Auch im Nationalpark Serra da Capivara im nördlichen Brasilien konnten durch Untersuchungen an Kotresten und Mageninhalten überwiegend Käfer, Ameisen und Termiten nachgewiesen werden, zusätzlich aber auch Überreste von Leguanen. Darüber hinaus verzehrt das Neunbinden-Gürteltier gelegentlich auch weitere Wirbeltiere wie Schlangen. In ihrem gesamten Fressverhalten zeigt sich die Gürteltierart opportunistisch. Die Nahrungssuche verläuft sehr konzentriert, so dass ein Tier bisweilen gegen Hindernisse läuft.

Fortpflanzung Die Geschlechtsreife tritt bei männlichen Tieren mit etwa zwölf, bei weiblichen mit 18 Monaten ein. Die Paarung erfolgt einmal jährlich, während die Brunft beim Weibchen gut vier Tage währt. In Bolivien verteilt sich die Fortpflanzungsphase auf die Monate Oktober bis Dezember, in Paraguay auf August bis November. Dies ist der einzige Zeitpunkt, an dem männliche und weibliche Individuen zusammenfinden. Männchen sind häufig in Dominanzkämpfe involviert, die teils stehend auf den Hinterfüßen und mit den Krallen der Vorderfüße oder mit ausschlagenden Hinterbeinen ausgetragen werden. Anatomisch durch den Panzer und die Lage der Genitalien bauchseits bedingt, liegt das Weibchen beim Geschlechtsakt auf dem Rücken.