Die Langnasengürteltiere (Dasypus), auch Weichgürteltiere genannt, sind eine Säugetiergattung mit rund einem Dutzend Arten aus der Gruppe der Gürteltiere. Zu dieser Gattung gehört auch mit dem Neunbinden-Gürteltier die wohl bekannteste und als einzige dieser Gruppe auch in Nordamerika vorkommende Art, alle anderen Vertreter sind nur in Südamerika verbreitet. Sie repräsentieren die einzigen, heute noch bestehenden Vertreter der Familie der Dasypodidae und der Überfamilie der Dasypodoidea. Diese Gürteltiere leben in offenen Gras- und Busch- beziehungsweise in geschlossenen Waldlandschaften und ernähren sich überwiegend von Insekten. Sie legen teils weit verzweigte, unterirdische Baue an und sind je nach Art tag- oder nachtaktiv. Die Stammesgeschichte der Langnasengürteltiere als Gattung reicht gesichert bis ins Pliozän vor mehr als 2,5 Millionen Jahren zurück, möglicherweise aber auch bis in das Obere Miozän. Es gibt aber nur wenige Fossilfunde. Frühe Verwandte traten hingegen schon im Paläogen auf.
Beschreibung mini|Die Knochenschildchen des festen Rückenpanzers sind typisch rund oder rosettenförmig Die Langnasengürteltiere sind kleine bis große Gürteltiere mit Kopf-Rumpf-Längen von 24 bis 57 cm und einem Gewicht von 1 bis 10 kg, fossile Arten waren teilweise auch größer. Die Schwanzlänge erreicht in der Regel mindestens die Hälfte der Körperlänge. Charakteristisch ist der Kopf mit einer auffallend langen, spitzen Schnauze, die oft mehr als 50 % der gesamten Schädellänge einnimmt. Das Gebiss besteht aus untypischen, nicht für Säugetiere charakteristischen Zahnbildungen, die kein Zahnschmelz und nur eine Wurzel aufweisen. Sowohl im Ober als auch im Unterkiefer befinden sich je Kieferhälfte 7 bis 9 solcher Zähne, insgesamt also 28 bis 36. Die Rückenpanzerung, die überwiegend glatt, hoch und deutlich gerundet sowie meist gelblich-braun gefärbt ist, besitzt sechs bis elf bewegliche Segmente oder Bänder zwischen einem festen Schulter- und einen ebensolchen Beckenteil. Sie besteht an den starren Panzerteilen aus rundlichen bis rosettenförmigen, an den beweglichen aus viereckigen Knochenplättchen, sogenannte Osteoderme. Überdeckt wird die Panzerstruktur von kleinen Hornschildchen von rundlicher (fester Panzer) oder dreieckiger Gestalt (Bänder) mit nach hinten weisender Spitze. Am festen Panzer fassen die Hornschildchen bei den Langnasengürteltieren mehrere Knochenplättchen ein, wodurch ein mitunter irreguläres und nicht strikt lineares Muster entsteht. Darüber hinaus haben die Langnasengürteltiere eine Panzerung an der Oberseite des Kopfes und im Beckenbereich. Der lange Schwanz ist meist von 12 bis 15 Knochenringen umgeben, bestehend aus häufig zwei Reihen kleiner Knochenschildchen; diese Knochenringe nehmen zwei Drittel der Schwanzlänge ein, das Ende des Schwanzes ist spitz geformt. Die Beine sind verhältnismäßig kurz, an den Vorderfüßen haben die Langnasengürteltiere vier und an den Hinterfüßen fünf Zehen, alle mit scharfen Krallen, nur das Kappler-Gürteltier besitzt noch eine rudimentäre vordere fünfte Zehe. Insgesamt treten vier Milchdrüsen auf, ein Paar hinter den Vorder- und ein zweites vor den Hinterbeinen.
Verbreitung Das Verbreitungsgebiet der Langnasengürteltiere reicht von den südlichen USA bis ins südliche Südamerika. Sie sind damit die am weitesten verbreitete Gürteltiergattung. Als Lebensraum dienen häufig offene Landschaften wie Savannen und Steppen, aber auch tropische Regenwälder und Bergnebelwälder.
Lebensweise mini|Südliches Siebenbinden-Gürteltier (Dasypus hybridus) Territorialverhalten Die Langnasengürteltiere sind in der Regel einzelgängerisch und sowohl tag- als auch nachtaktiv. Sie leben in selbst gegrabenen, bis zu 7 m langen, unterirdischen Bauen und verlassen diesen vorwiegend zur Nahrungssuche. Mehrere Tiere können sich einen Bau teilen, generell sind sie nicht territorial und haben kein festes Revier, jedoch gibt es Heimatgebiete (home ranges) von bis zu 12 ha Größe. Die Langnasengürteltiere können schnell laufen und teilweise gute Schwimmer, im Falle eines Angriffs versuchen sie, in ihren Bau zu flüchten. Ist dies nicht möglich, legen sie sich auf den Boden, um den weichen Bauch vor Angreifern zu schützen und rammen die Krallen in den Boden, wodurch sie kaum bewegt werden können.
Ernährung Die Hauptnahrung der Langnasengürteltiere besteht in erster Linie aus Ameisen, Termiten und Käfern, darüber hinaus spielen auch andere Insekten und Spinnen eine Rolle. Insgesamt sind die Tiere eher opportunistische Insektenfresser. Gelegentlich werden auch kleine Wirbeltiere und Vogeleier vertilgt. Weiterhin ist die Aufnahme von Sand und Lehm bekannt, was zum Ausgleich des Mineralienhaushaltes dient.
Fortpflanzung Nach bis zu 140-tägiger Tragzeit bringt das Weibchen vier bis zwölf Jungtiere zur Welt, welche zwischen 40 und 85 g wiegen. Diese werden nach rund drei Monaten entwöhnt und sind mit etwa einem Jahr geschlechtsreif. Die Lebenserwartung der Langnasengürteltiere dürfte bei zwölf bis fünfzehn Jahren liegen. Bemerkenswert bei diesen Gürteltiervertretern ist die verzögerte Implantation der Eizelle, die unter Stressbedingungen einsetzt. Dies führt dazu, dass die Jungen teilweise erst bis zu 32 Monate nach der letzten Befruchtung geboren werden können. Außerdem ist Polyembryonie bekannt, unter anderem beim Neunbinden-Gürteltier, das immer vier genetisch identische Jungtiere zur Welt bringt.
Systematik
Die Langnasengürteltiere (Dasypus) sind eine Gattung innerhalb der Familie der Dasypodidae und der Überfamilie der Dasypodoidea. Letztere repräsentieren neben den Chlamyphoroidea die zweite Überfamilie der rezenten Gürteltiere. Die Gürteltiere wiederum gehören zur Ordnung der Gepanzerten Nebengelenktiere (Cingulata). Die Dasypodidae wie auch die Dasypodoidea gelten als rezent monotypisch, enthalten aber zahlreiche ausgestorbenen Formen. Laut molekulargenetischen Untersuchungen hatten sich die Dasypodoidea bereits im Mittleren Eozän vor rund 45 Millionen Jahren von den Linien der anderen Gürteltiere abgetrennt. Ihre Auffächerung in die Linien der heute bestehenden Arten setzte aber erst im Mittleren Miozän vor rund 12,4 Millionen Jahren ein. Insgesamt können die Langnasengürteltiere und ihre näheren Verwandten aufgrund morphologischer Merkmale und der genetischen Analysen als eine der urtümlicheren Gruppen innerhalb der Gürteltiere und der Gepanzerten Nebengelenktiere angesehen werden.
In der Regel werden heute wenigstens zwölf noch lebende Arten unterschieden, die zu drei bis vier verschiedenen Untergattungen gestellt werden: Untergattung Dasypus
Dasypus fenestratus , 1864; Mittelamerika und Südamerika von Costa Rica bis westliches Andengebiet Dasypus guianensis , 2024; nordöstliches Südamerika vom östlichen Venezuela bis nördliches Brasilien Dasypus mexicanus , 1864; Nordamerika und Mittelamerika bis Costa Rica Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus ); vom Gebiet östlich der Anden bis Argentinien Savannen-Gürteltier (Dasypus sabanicola ); Llanos-Region in Kolumbien und Venezuela Yungas-Gürteltier (Dasypus mazzai ); Nordosten von Argentinien Untergattung Muletia Südliches Siebenbinden-Gürteltier (Dasypus hybridus ()); Paraguay, Uruguay und nördliches und mittleres Argentinien Siebenbinden-Gürteltier oder Nördliches beziehungsweise Brasilianisches Siebenbinden-Gürteltier (Dasypus septemcinctus ); südliches Brasilien, Bolivien und Paraguay Untergattung Hyperoambon Ostamazonien-Gürteltier (Dasypus beniensis ); südliches Amazonasgebiet Kappler-Gürteltier oder Kappler-Weichgürteltier (Dasypus kappleri ); nördliches Amazonasgebiet bis in das nordöstliche Venezuela und östlich anschließend Westamazonien-Gürteltier (Dasypus pastasae ()); westliches Amazonasgebiet Untergattung Cryptophractus Pelzgürteltier (Dasypus pilosus ()); Peru Des Weiteren werden folgende fossilen Arten unterschieden: Dasypus bellus Dasypus punctatus Teilweise wird diskutiert, ob das Pelzgürteltier aufgrund abweichender morphologischer und anatomischer Merkmale eventuell einer eigenständigen Gattung angehört, die dann mit Cryptophractus zu bezeichnen wäre, was auch der ursprünglichen Benennung von Leopold Fitzinger entspräche. Die Forderung nach einem eigenen Gattungsstatus kam schon mehrfach auf, im Jahr 2015 vorgestellte Untersuchungen zur Phylogenese mit Hilfe skelettanatomischer Merkmale unterstützen diese. Eine molekulargenetische Studie aus dem gleichen Jahr widerspricht dem jedoch und sieht das Pelzgürteltier tief in der Gattung Dasypus verankert. Bezüglich des Neunbinden-Gürteltiers sollte laut der gleichen genetischen Studie eine Population aus Französisch-Guayana eine eigenständige Art repräsentieren, die sich bereits vor rund 3,7 Millionen Jahren von der eigentlichen Linie des Neunbinden-Gürteltiers und dessen unmittelbarer Verwandtschaft abgetrennt hatte. Die Eigenständigkeit der Guayana-Gruppe ließ sich auch durch die Auswertung schädelmorphologischer Daten belegen. Weitere genetische Studien bestätigten dies, so dass das Neunbinden-Gürteltier im Jahr 2024 in insgesamt vier Arten aufgeteilt wurde. Die Stellung des Yungas- und des Savannen-Gürteltiers ist darüber hinaus problematisch. Nach einer genetischen Studie aus dem Jahr 2018 wären beide miteinander identisch, so dass ersteres in letzteres eingegliedert werden müsste. Die neue, umfassendere Art bestünde dann aus mehreren, bis zu 3000 km voneinander getrennten Populationen. Allerdings zeigte sich in späteren Analysen, dass beide Formen wiederum synonym zum eigentlichen Neunbinden-Gürteltier in Südamerika sein könnten, doch müssen laut den Autoren weitere Untersuchungen getätigt werden. Die Aufteilung des Kappler-Gürteltiers in drei Arten erfolgte erstmals im Jahr 2016 basierend auf anatomischen Merkmalen. Der überwiegende Teil der Fachwissenschaftler folgte dem aber vorerst nicht. Eine genetische Untersuchung aus dem Jahr 2019 bestätigte jedoch die Aufspaltung. Das Südliche Siebenbinden-Gürteltier gilt mitunter nur als Unterart des Siebenbinden-Gürteltiers.
Innerhalb der Familie der Dasypodidae werden noch zahlreiche ausgestorbene Formen geführt. Der Überfamilie der Dasypodoidea gehören zudem die Pucatheriidae an. Dadurch gliedern sich die Dasypodoidea heute folgendermaßen:
Überfamilie: Dasypodoidea , 1821 Familie: Pucatheriidae , 2026 Lumbreratherium , 2017 Pucatherium , 2012 Familie Dasypodidae , 1821 Unterfamilie Dasypodinae , 1821 Tribus Astegotheriini , 1906 Riostegotherium , 1998 Prostegotherium , 1902 Astegotherium , 1902 Pseudostegotherium , 1902 Parastegosimpsonia , 2013 Nanoastegotherium , 1997 Stegosimpsonia , 1994 Tribus Stegotheriini , 1821 Stegotherium , 1887 Tribus Dasypodini , 1821 Plesiodasypus , 2021 Nabondasypus , 2026 Anadasypus , 1997 Propraopus , 1881 Pliodasypus , 2014 Dasypus , 1758 (Langnasengürteltiere; einschließlich zwölf rezenter Arten)
Stammesgeschichte Ursprung und frühe Entwicklungslinien mini|Knochenplättchen von Riostegotherium