mini|Lageplan des Tuilerien-Palastes mit blau markiertem Grundriss des Theaters.
Das Théâtre des Tuileries, auch Salle des Machines (Maschinensaal) genannt, war ein Theaterbau am Tuilerien-Palast in Paris, der in den Jahren 1659–1662 entstanden war und in den Tagen der Pariser Kommune am 24. Mai 1871 niederbrannte.
Begriffe
Mitunter wird geschrieben, das Tuilerientheater habe nie einen anderen Namen getragen als salle des Machines.Beaussant 1992: S. 226 Jacques-François Blondel hatte 1756 in seiner Architecture françoise hierzu bemerkt, dass jene Bezeichnung ursprünglich nur für die auch le Théâtre genannte Galerie mit der Bühne galt, während im nördlichen Pavillon der Zuschauerraum salle de spectacle hieß.Blondel 1756: S. 89 Anders als die Bühnenmaschinerie in der Galerie gaben aber den Ausschlag für die Bezeichnung offenbar Installationen des Architekten Servandoni, der 1739 in das Haus ein Hochparterre mit beweglichen Elementen einbauen durfte.Hillairet 1965: S. 41 f. Völlig zutreffend war es, bei der Nutzung als Ausweichquartier für die Opéra du Palais-Royal (1764) und durch den Nationalkonvent als Sitzungssaal (1793) vom salle des machines zu reden – beide Male beschränkte man sich auf den Bühnentrakt. Nicht zu verwechseln mit dem Tuilerientheater ist der aus dem salon des Cents-Suisses 1756 entstandene Konzertsaal im Zentralpavillon.
Vorgeschichte
Katharina von Medici hegte den Plan, in einem Haus zu leben, das alle königlichen Residenzen übertreffen sollte.Hillairet 1965: S. 16 Ihr daraus entstandenes Tuilerienprojekt war in jeder Hinsicht anspruchsvoll, wenn nicht größenwahnsinnig.Denis André Chevalley: Der große Tuilerienentwurf in der Überlieferung Ducerceaus. In: Erich Hubala (Hrsg.): Kieler Kunsthistorische Studien. Bd. 3, Verlage Herbert Lang / Peter Lang, Bern / Frankfurt/M. 1973, S. 76 Die Bauarbeiten nach den Plänen Philibert de l’Ormes wurden im Mai 1564 begonnen,Chevalley 1973: S. 77 allerdings sorgten von 1567 bis 1570 der zweite und dritte Religionskrieg für ein Aussetzen der Arbeiten.Chevalley 1973: S. 81 Zustande kam ein Zentralpavillon mit je einer langgestreckten Galerie beiderseits und ein Pavillon im Süden, den Jean Bullant nach de l’Ormes Ableben vollendete. Letztlich brachten 1572 erneute Kriegshandlungen das endgültige Aus – der Plan, die Stadtbefestigung um das Gebäude herum zu ziehen, wurde fallen gelassen. Nicht errichtet wurde der Nordpavillon, Stiche aus dem frühen 17. Jahrhundert, die jenen zeigen, sind idealisiert.Chevalley 1973: S. 82 Katharina von Medici wohnte nie in dem Torso, der weniger als ein Viertel von de l’Ormes Entwurf ausmachte. Das spätere „große Projekt“ (grand dessein) der Verbindung des Tuilerienpalastes mit dem Louvre hatte mit dem ursprünglichen Tuilerienentwurf nichts mehr zu tun und fand 1607 einen vorläufigen Abschluss durch die Verbindung der parallel zur Seine verlaufenden „Grande-Galerie“ mit dem Bullant-Pavillon durch die 60 Meter lange „Petite-Galerie“.Hillairet 1965: S. 25 Bullant-Pavillon und Petite-Galerie lieferten zusammen bereits die Geometrie für das Tuilerientheater, nur zu spiegeln an einer Achse durch den Zentralpavillon. Aber vorher durfte als erste ordentliche Bewohnerin die Herzogin von Montpensier von 1627 an den „Palast“ nutzen,Hillairet 1965: S. 28 bis sie sich auf die Seite der Frondeure schlug und 1652 von König Ludwig XIV. auf ihre Güter verbannt wurde.
Kardinal Mazarin und zu den Fenstern hinausgeworfenes Geld
Die Initiative für die Errichtung des Theaters ging anlässlich der bevorstehenden Hochzeit des Königs Ludwig XIV. von dessen regierendem Minister Kardinal Mazarin aus. Ihm war seit seiner Jugend ein lebendiges Gefallen an der Musik erhalten geblieben,Prunières 1913: S. 38 doch war sie getreu seiner Devise „qui a le cœur, a tout“ (wer das Herz hat, hat alles) für ihn auch Mittel zum Verführen und Beherrschen.Prunières 1913: S. 43 Daneben gegangen war dies offenbar 1647 mit der Aufführung von Luigi Rossis Oper Orfeo in Paris – wegen der Kosten rebellierten die Franzosen, es kam zur Fronde –, doch hielt Mazarin stand, wollte diesmal Europa erblassen lassen mit einer Cavalli-Oper in einem neuen Theater und er schrieb 1659 an die Königin-Mutter Anna von Österreich, es bedeute nicht, „Geld aus den Fenstern [zu] werfen“, wenn hierfür die Mittel aufgebracht würden.Prunières 1913: S. 213 Tatsächlich lag Frankreich, was barocke Theaterbauten anbelangte, eine Generation hinter Italien zurück.Beaussant 1992: S. 220 Die Herzöge von Parma und Modena hatten nach moderner Art eingerichtete Theater, das vom Schauspiel so begeisterte Paris kaum dergleichen.Tapié 1972: S. 204 Giovanni Battista Aleotti hatte beim della Pilotta 1619 sich vorsichtig an ein bewegliches Bühnendekor heran gewagt, woraus die bekannten Kulissen wurden.Beaussant 1992: S. 219 Rekordgröße hatte das Teatro Ducale in Modena, dessen Pläne 1654 von Gaspare Vigarani stammten – es fasste annähernd 3000 Zuschauer.Prunières 1913: S. 214 Schon älter waren das Teatro Olimpico in Vicenza, wo Andrea Palladio dem Saal 1548 die Form eines an der großen Achse geschnittenen Ovals gegeben hatte, und jenes Theater in Sabbioneta, von Vincenzo Scamozzi 1588 mit Sitzen in Halbkreis-Anordnung gebaut. Hatten all jene noch mit Stufen ansteigende Sitzreihen, gab es 1639 in Venedig, im Teatro San Giovanni Crisostomo erstmals Logen.Hautecœur 1927: S. 83 f. Dagegen die Situation am französischen Hof: Für Komödien standen die Gemächer des Palastes zur Verfügung, in der warmen Jahreszeit auch der jardin de la Reine (Garten der Königin). Für Ballette bot sich der salle des gardes an.Hautecœur 1927: S. 83 Für eine Maschinenoper, wie sie Mazarin vorschwebte, bedurfte es aber einer Ober- und Untermaschinerie und dementsprechend eines Gebäudes mit Bögen und Untergeschoss. Also kam das Theater Palais-Royal, bereits an die vierzig Jahre alt, baufällig und mit unzureichendem Platzangebot nicht in Frage. Als Molières Truppe 1660 dort einzog – ihre Bühne Petit-Bourbon wurde im selben Jahr abgerissen –, waren im Gebälk drei Balken verfault und das Haus in La Granges Augen ruiniert.Prunières 1913: S. 214 f. Das außerdem noch vorhandene Theater Hôtel de Bourgogne aus dem Jahr 1548 hatte einen länglichen Grundriss, war heruntergekommen und für Theatermaschinen nicht geeignet.
Architektonisches Gemeinschaftswerk
Nach den Vorgaben von Gaspare Vigarani sowie seiner Söhne Carlo und Ludovico wurde der daraufhin beschlossene Bau vom ersten Architekten des Königs, Louis Le Vau, errichtet. Ihm hatte das Privileg zugestanden, auf königlichem Boden zu bauen, und so protestierte er zunächst gegen die Wahl ausländischer Planer. Aber auf Mazarins Geheiß hin musste er sich mit den Vigaranis zusammentun, auch wenn es Meinungsverschiedenheiten über die Größe des Hauses gab.Hautecœur 1927: S. 84 Anfang Juni 1659 war Vigarani mit seinen Söhnen und einem Empfehlungsschreiben der Herzogin von Modena, Laura Martinozzi, Nichte des Kardinals Mazarin, in Paris eingetroffen. Was Mazarin sich durch ihre Wahl versprechen konnte, war ein Schritt in die Moderne, eine Teilhabe an jener szenografischen Revolution, die sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Italien schon abgespielt hatte.Beaussant 1992: S. 213 Ein Saal „à l’italien“, das, was später die Bezeichnung „Guckkastenbühne“ erhielt, sollte den Zuschauer vom Schauspiel trennenBeaussant 1992: S. 214 und der damaligen Vernarrtheit in schier unendlich scheinende Perspektiven Rechnung tragen.Beaussant 1992: S. 229 Das Barock wollte die Distanz zwischen der Person des Schauspielers und der dargestellten Figur möglichst klein machen, wozu ein großer Abstand zum Publikum dienlich war, denn jener ist umgekehrt proportional zum Abstand zur Rolle.Beaussant 1992: S. 215 Ein weiterer Zug des Barock war seine Verbindung zum Vergänglichen und Provisorischen. Ganz in diesem Sinn wollte Mazarin zunächst kein „festes“ Theater – aus Holz sollte es sein und direkt an seinem Palais.Beaussant 1992: S. 223 Vigarani hielt den Ort für einer Majestät unangemessen und befürchtete, die vorgesehenen großen Theatermaschinen nicht dorthin bringen zu können.Prunières 1913: S. 215 Da Mazarin sich aber ohnehin schon angeschickt hatte, den Louvre mit dem Tuilerienpalast auch im Norden zu verbinden, war er offen für die Idee, das Theater in dieses Projekt einzubeziehen.Prunièrers 1913: S. 215 f. Antoine de Ratabon, Superintendant der königlichen Bauten, legte, beauftragt von des Kardinals privatem Vermögensverwalter Jean-Baptiste Colbert, den Italienern den Plan des Louvre vor, und am 4. August 1659 brachten sie begleitet vom Abbé Buti ihre eigenen Pläne des Theaters nach Fontainebleau zum König, der jene genehmigte. Auch Vigarani war zunächst für den Baustoff Holz, derart, dass das Gebäude später mit Steinen ummantelt würde,Prunières 1913: S. 216 doch entschloss man sich am 8. November, von vornherein alles mit Stein zu bauen. Holz hätte bessere akustische Eigenschaften mit sich gebracht, und die Entscheidung der Stadt, dem König das Haus zum Geschenk zu machen, fiel in den Tagen der preiswerten Holzkonstruktion. Als aber 30 Jahre Krieg mit Spanien durch den Pyrenäenfrieden zum Ende kamen, sollte ein Werk aus Stein für immer daran erinnern.Jarrard 2003: S. 195 August und Oktober brauchte man zum Errichten der Grundmauern, das Mauerwerk beanspruchte die Zeit von November 1659 bis September 1660, das Holzfachwerk von September 1659 bis Mai 1660. Von Januar 1660 bis Juni 1661 lief der Innenausbau, die Dachdeckung ging von Juni bis Dezember 1660 vonstatten. Schließlich brauchte man für die Ausstattung von Juni 1661 bis März 1662. Parallel zu all dem baute man die Theatermaschinerie.Baricchi 2009: S. 222 Durch gelegentliche Besuche der Baustelle machte der König die Bedeutsamkeit des Vorhabens offenbar.Jarrard 2003: S. 193 In Verlängerung des Bühnengebäudes entstand in den Jahren 1664 bis 1666 als Arbeit von Le Vau und François d’Orbay der Pavillon de Pomone,Hillairet 1965: S. 33 für den sich nach einer Langzeit-Bewohnerin später die Bezeichnung Pavillon de Marsan durchsetzte. Ursprünglich fanden sich in diesem Gebäude celliers (Vorratskammern), die Werkstatt waren für Maler, Schneider, Maskenbildner und sonstige ins Theater eingebundene Handwerker.Fonkenell 2009: S. 240
Was einen Bau verzögern kann
Von den Vigaranis sprach nur Carlo Französisch.La Gorce 2005: S. 12 Sie freuten sich über die gutwillige Unterstützung durch Abbé Buti und zwei Monate nach den Arbeiten an den Grundmauern kündigte Gaspare Vigarani für das nächste Frühjahr die Einweihung des Theaters an – Vorausschau war nicht seine Stärke. Die einsetzende Kälte stoppte zunächst alles.Prunièrers 1913: S. 217 Gaspare Vigarani hatte anfangs ein flaches Dach vorgesehen, das die französischen Zimmerleute zu bauen sich weigerten.Jarrard 2003: S. 197 Beim Satteldach angelangt, konnten zwischen den Architekten und den Gewerken Meinungsverschiedenheiten daraus entstehen, dass die französischen Zimmerleute einen größeren Erfahrungsschatz dahingehend besaßen, was die Festigkeit der dortigen Hölzer und die Wirkung von Windstößen auf die dort höheren Dachgeschosse anbelangte. Bei der Frage der Anbringung von Zugstäben – auf italienische oder französische Art – konnte man sich nicht einigen und Mazarin musste entscheiden.Hautecœur 1927: S. 85 Neben den sachlich begründbaren Differenzen schien sich obendrein eine Kabale gegen die Italiener zu entwickeln, wie in der 15 Jahre zurückliegenden Fronde. Vom Handwerker bis zum Komponisten war man dabeiTapié 1972: S. 205 und den Gipfel bildete der Anwurf, einer von Carlos Arbeitern habe aus Versehen durch eine fallen gelassene Kerze im Februar 1661 ein Feuer in der Galerie des Königs verursacht.La Gorce 2005: S. 35