mini|Limburger Dom von Südwesten (2015) mini|Luftaufnahme des Doms, daneben ist rechts das Dompfarrhaus vor der Burg Limburg zu sehen, am Domplatz Haus Staffel, im Hintergrund die Lahn (2022)
Der Limburger Dom, nach seinem Schutzpatron St. Georg auch Georgsdom genannt, ist seit dem Jahr 1827 die Kathedralkirche des Bistums Limburg und thront oberhalb der Altstadt von Limburg an der Lahn neben der Burg Limburg. Die hohe Lage auf dem Kalkfelsen oberhalb der Lahn sorgt dafür, dass der Dom weithin sichtbar ist. Er hat sieben Türme, mehr als jede andere Kirche in Deutschland.
Die heutige Gestalt entstand durch den frühgotischen Umbau einer frühromanischen Basilika. Ungeachtet seiner erst im 21. Jahrhundert aufgedeckten besonderen Baugeschichte fügt sich der Gesamteindruck des Bauwerks in den rheinischen Übergangsstil. Als dessen glänzendsten Vertreter bezeichnete ihn im Jahr 1860 Wilhelm Lübke.Wilhelm Lübke: Grundriss der Kunstgeschichte. Ebner & Seubert, 1864, S. 309 () Den frühgotischen Charakter beschrieb schon Georg Dehio im Jahr 1911.Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Band 4: Südwestdeutschland. Berlin 1911, S. 214 f.: „… Für die in Deutschland so kurze Epoche der ersten Gotik, der es zudem noch selten vergönnt war, ein Ganzes durchzuführen, ist S. Georg in Limburg ein Denkmal von einzigartigem Wert.“
Politische Geschichte Am 10. Februar 910 stellte König Ludwig das Kind eine Schenkungsurkunde über den Fronhof Brechen und die dortige Kirche für die Gründung eines Chorherrenstifts aus, um die sich der damalige Gaugraf des Niederlahngaus, Konrad Kurzbold (etwa 885–948), bemüht hatte. Wohl kurz danach begann die Errichtung des direkten Vorgängerbaus der heutigen Kirche. Das Georgspatrozinum war bei Kirchengründungen seit dem späten 9. Jahrhundert im nördlichen Kontinentaleuropa weit verbreitet. Die ersten Limburger Georgsreliquien dürften aus Mainz gekommen sein. Die vormalige Limburger Mutterkirche St. Laurentius wurde mitsamt ihren Besitzungen zur Gründung oder kurz darauf in das Stift eingegliedert.
Die Gründung war Teil einer Kampagne der Konradiner, in deren Verlauf in der Lahnregion vor Limburg auch die Stifte Kettenbach (845), Gemünden (879) sowie nach Limburg Weilburg (912) und Wetzlar (914/15) gegründet wurden. Neben der religiösen Motivation dürfte für die Wahl Limburgs die räumliche Nähe zur Burg Limburg, die den Lahnübergang beherrschte, entscheidend gewesen sein. Konrad Kurzbold verwaltete diese Burg als Gaugraf lediglich im Auftrag des Königs. Das Stift hingegen gründete er auf eigene Initiative und erhielt dadurch für seine Familie eine zudem religiös gefestigte eigenständige Machtstellung am Ort.
Auch nachdem im Jahr 912 die Kaiserwürde nicht mehr im Haus der Konradiner ruhte, gab es weitere kaiserliche Zuwendungen zum Stift Limburg. So sind von Otto I die Schenkung eines Guts in Niederzeuzheim an das Stift und die Aufnahme in den Königsfrieden überliefert. Letztere war mit der Verfügung verbunden, das Stift in der Erbfolge Konrad Kurzbolds zu belassen. Auch Konrad selbst stattete das Stift aus seinem Eigengut aus. Aus diesem stammten die Zehnten der Pfarrei Camberg und ihrer Filialen, die zur wichtigsten Einnahmequelle des frühen Stifts wurden.
In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts verloren die Konradiner im Verlauf ihres Niedergangs die Grafenwürde im Niederlahngau, konnten sich jedoch vorerst als Vögte des Stifts und der Burg Limburg sowie damit als Stadtherren halten. Später schloss sich ein heute nicht mehr klar fassbarer Prozess an, der von den Konradinern über die Häuser Gleiberg-Luxemburg, Peilstein und Leiningen reichte und schließlich wohl 1219 in der Übernahme von Burg- und Stiftsvogtei durch die Herren von Ysenburg mündete. Unmittelbar übte der Ysenburger Zweig der Herren von Limburg, der von spätestens in den Jahren 1258 bis 1406 auf der Burg residierte, die Vogtei aus.
Im Stift selbst hatten die Kanoniker im 11. Jahrhundert das enge Zusammenleben aufgegeben. Im 12. Jahrhundert spielte das Erzbistum Mainz eine dominierende Rolle und scheint auch die Macht des Vogts weitgehend zurückgedrängt zu haben. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts kam es zu Konflikten zwischen dem vom Mainzer Erzbischof eingesetzten Propst und dem Stiftskapitel, bei denen auch der zunehmende Einfluss des Erzbistums Trier eine Rolle spielte. In einem Abkommen mit Trier bewahrte sich Mainz 1235 das formale Recht zur Besetzung der Propstei, der Propst musste aber wichtige Güter an das Stiftskapitel abtreten und verlor damit weitgehend seine Einflussmöglichkeiten auf das Stift. Der Trierer Erzbischof hatte sich durch seine Rolle als Schiedsrichter in diesem Konflikt sowie durch die Ausführung der Weihe der erweiterten Kirche eine dominierende Rolle verschafft. Dies entsprach der Strategie der Ostexpansion Triers, das sich zuvor bereits das Stift Montabaur gesichert hatte. Möglicherweise steht dies auch im Zusammenhang mit dem Übergang der Vogtei an die Isenburger, die aus dem Trierer Einflussgebiet stammen. Ebenso lässt sich nicht genau bestimmen, wie weit damit Voraussetzungen für die 1407 erfolgte Integration Limburgs in den Trierer Kurstaat geschaffen wurden.
Im Zuge der Säkularisation wurde das Stift (wie zahlreiche weitere Klöster und Stifte) im Jahr 1802 durch die Fürsten von Nassau-Usingen aufgehoben. Die Besitzergreifung und Aufhebung erfolgte im Vorgriff auf den Reichsdeputationshauptschluss, der dem Haus Nassau die Klöster als Ersatz für den Verlust der linksrheinischen Grafschaft Nassau-Saarbrücken zuwies. Nach der Säkularisation wurde der Dom als Pfarrkirche genutzt. Im Jahr 1827 wurde anlässlich der Neuumschreibung der katholischen Diözesen in Deutschland nach dem Wiener Kongress das eigenständige Bistum Limburg gegründet. Dieses umfasste das Gebiet des Herzogtums Nassau und die freie Stadt Frankfurt. Sitz des Bischofs wurde Limburg. Die ehemalige Stiftskirche St. Georg wurde in den Rang einer Kathedrale erhoben.
Baugeschichte mini|Tischgrab von Graf Konrad Kurzbold, der die Stiftsgründung erwirkt hatte (Unterbau mit Trägerskulpturen 11., Platte mit Liegeskulptur 13. Jh.) Wann die erste Kirche auf dem „Limburger Felsen“ über der Lahn gebaut wurde, lässt sich nicht mehr exakt ermitteln. Laut einer Nachricht im Nekrolog des Kastorstifts in Koblenz soll bereits Erzbischof Hetti von Trier (814–847) in „Lympurgensis“ dem heiligen Georg eine Kirche geweiht haben.
Für einen Kirchenbau des 9. Jahrhunderts sprechen allenfalls indirekt archäologisch ergrabene Bestattungen aus der Karolingerzeit unter der heutigen Kirche im Umfeld der Michaeliskapelle. Reste des Baus fehlen jedoch ebenso wie Hinweise auf genaue Lage und sein Patrozinium. Da die genannte Weihenachricht zudem erst im 16. Jahrhundert niedergeschrieben wurde, ist der Bau in seiner Gesamtheit in der Forschung umstritten.
Vorromanik Wohl bald nach der Gründung des Stiftes begann der Bau der Stiftskirche. Dafür spricht auch die Nennung des Patroziniums des heiligen Georg in einer Schenkungsurkunde Kaiser Ottos I. aus dem Jahr 940. Damals war die vorromanische Kirche sehr wahrscheinlich schon fertiggestellt.
Frühromanik und Frühgotik mini|Grundriss Im 11. Jahrhundert wurde auf der felsigen Kuppe eine frühromanische Pfeilerbasilika errichtet, in der der Vorgängerbau als Langhaus erhalten blieb. Das zugehörige Oratorium wurde einer dokumentierten, aber heute nicht mehr sichtbaren Inschrift zufolge im Jahr 1058 geweiht. Im Domschatz gibt es ein Bleireliquiar aus dem 11. Jahrhundert in Form eines schematischen Kirchenmodells mit einer Inschrift, die einen Grafen Heinrich als Gründer und Erbauer des neuen „templum“ würdigt.
Diese Basilika hatte außer ganz im Osten schon die gleiche Ausdehnung wie die heutige Kirche und große Teile der Außenmauern, von den Westtürmen bis zu den Ostkapellen an den Querhausarmen, stammen bis in Höhe des Emporengeschosses von ihr. Die Kapellen am Querhaus sind die Stümpfe abgebrochener Chortürme. Nur der Chorumgang wurde beim frühgotischen Umbau neu errichtet. Untere Teile der alten Chorwand mit steinernen Wandbänken sind unter den Arkaden des Hochchors erhalten.
Wie dendrochronologische Befunde zeigen, begann vor 1190 dann der Umbau, dem der Limburger Dom seine heutige Gestalt verdankt. Das sind nur etwa zehn Jahre Zeitverzug gegenüber dem Baubeginn der Kathedrale von Laon, die man sich bei der Gestaltung des Innenraums der Limburger Emporenbasilika zum Vorbild nahm. Wie diese hat der Limburger Dom sowohl Emporen, in Frankreich Kennzeichen der ersten Stilphase, genannt Gothique primitif, als auch fensterlose Triforien, in Frankreich Kennzeichen des Gothique classique.
mini|Westfassade mit Hauptportal (2016) Die alten Außenmauern wurden mit neuen, gotischen Fensteröffnungen versehen. In den Westtürmen zeigen Bearbeitungsspuren, dass man die eine oder andere Fenstervergrößerung wegen statischer Probleme abgebrochen hat. Die asymmetrische Lage des heutigen Westportals wird als Kompromiss bei der Verbreiterung des vorherigen, romanischen Eingangs gedeutet. Auch die Abstützung neuer Gewölbe an den alten Mauern erforderte Kompromisse: Die Kreuzrippengewölbe von Chorumgang und Chorempore weisen Unregelmäßigkeiten auf, die man bei Neubauten jener Zeit so nicht findet. Ähnlich ist es mit den schief eingebauten Strebebögen des Langhauses. Auch zeigen sich bei den Abständen der Pfeiler des Mittelschiffs Unregelmäßigkeiten und das Triforium scheint zunächst nicht im Bauplan angelegt, dann aber bei bereits laufendem Bau hinzugefügt worden zu sein. Eine mögliche Erklärung für die Unregelmäßigkeiten des Kirchenbaus ist der Versuch, das Stiftergrab des Konrad Kurzbold weiter so gut wie möglich im Zentrum zu halten, um daraus religiöse und politische Legitimation zu ziehen. Das alte konradinische Langhaus, das in etwa die Fläche des Mittelschiffs des heutigen Langhauses einnahm, wurde im Verlauf dieser Bauphase niedergelegt.
mini|Patron St. Georg auf dem Westgiebel (2007) Im Jahr 1230 war der Bau einer der wichtigsten Kirchen im damaligen Erzbistum Trier weitgehend fertiggestellt. Die Weihe vollzog 1235 der Trierer Erzbischof Theoderich von Wied. Kirchenheilige waren St. Georg und Nikolaus von Myra. Als Träger des Umbaus ist zunächst das Chorherrenstift anzusehen. Erstmals ist auch eine Beteiligung der Limburger Stadtbürgerschaft nachweisbar. Diese schlägt sich unter anderem im aufgekommenen Patrozinium des Heiligen Nikolaus nieder, einem typischen Heiligen der Kaufmannschaft, und in der Ersterwähnung eines Pfarraltars für die Stadt Limburg im Jahr 1227, also etwa zum Abschluss der Baukampagne. Daneben war das Geschlecht der Isenburger am Bau beteiligt. Es hatte Verbindung zu der Abtei Premontre bei Laon.
Veränderungen nach dem 13. Jahrhundert mini|links|hochkant=0.6|Entwurfszeichnung von Hubert Stier zur Restaurierung 1870–73 Die felsige Hügelkuppe war im 13. Jahrhundert noch etwas geräumiger als heute. Immer wieder aber kam es zu Felsabbrüchen, bei denen, wie zuletzt im Jahr 1770, manchmal auch ganze Gebäude in die Tiefe stürzten.
Die Ecktürme der Querhäuser werden als Ausdruck einer Planänderung angesehen. Ausgeführt wurden im 13. Jahrhundert nur die beiden nördlichen, erst 1863 die beiden südlichen.