Die Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert e. V. wurde am 9. November 1983 gegründet. An diesem Tag fand auch die erste Gedenkfeier für die 14.500 ermordeten jüdischen KZ-Häftlinge der elf KZ-Außenlager des KZ-Außenlagerkomplexes Kaufering auf dem KZ-Friedhof des ehemaligen KZ-Außenlagers Kaufering I – Landsberg der Stadt Landsberg am Lech statt.
Gründung und Anfänge Acht Bürger hatten sich zusammengeschlossen, um die Erinnerung an den Judenmord vor der eigenen Haustür zu bewahren. Unter den Gründungsmitgliedern befanden sich ein ungarisch-jüdischer Überlebender von Auschwitz-Birkenau, ein politisch Verfolgter des „Dritten Reichs“ und Anton Posset, der bis zu seinem Tod im Jahr 2015 1. Vorsitzender des Vereins war.
Die Gründung der Bürgervereinigung geht auf die Initiative von Anton Posset zurück. Unter seiner Leitung als Vorstandsvorsitzender gelang es den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß von der Denkmalfähigkeit der letzten KZ-Tonröhrenunterkünfte auf dem ehemaligen jüdischen KZ-Außenlagers Kaufering VII – Erpfting zu überzeugen, so dass deren Erhaltung als Ziel im „Interesse der Allgemeinheit“ sichergestellt war.http://www.buergervereinigung-landsberg.de/umganggeschichte/stadtlandsberg/Posset/BriefStrauss.pdf Strauß vertrat die Auffassung, dass der Erhalt und Denkmalschutz der letzten KZ-Erdbunker des ehemaligen "KZ-Außenlager Kaufering VII – Erpfting" am besten von Bürgern vor Ort betrieben werden könne: als Aufgabe gegen Totalitarismus und Rassismus.
Ein Jahr nach der Gründung wurde aufgrund der Initiative von Anton Posset und der Bürgervereinigung gemeinsam mit Viktor Frankl und der Gemeinde Kaufering der erste Gedenkstein im Raum Landsberg/Kaufering auf dem noch vorhandenen Fundament der Küchenbaracke des KZ-Außenlagers Kaufering III errichtet. Der Text dieses Gedenksteines, „Geschändete und Geopferte mahnen Euch – Menschen lasst nicht ab vom Streben nach Freiheit, Frieden und Recht“, wurde von Anton Posset in einer Diskussion mit Viktor Frankl, dem späteren Ehrenmitglied der Bürgervereinigung, entworfen. Den Gedenkstein stiftete der damalige Bürgermeister Jung der Gemeinde Kaufering. An der Einweihung am 11. November 1984 war Viktor Frankl als ehemaliger Lagerinsasse anwesend und hielt eine richtungsweisende Gedenkrede. Anschließend stellte er sich einer Diskussion mit Landkreisbürgern. Flash-Player-Audio online (Inhalt: 0:00–3:23: Erlebnisse KZ-Lager Kaufering III / 3:25–4:37: Erlebnisse in KZ-Lager Kaufering VI bei Türkheim)
Seit dieser Gründung bemüht sich die Bürgervereinigung um den Erhalt der Überreste des ehemaligen KZ-Außenlager Kaufering VII – Erpfting. Sie erreichte mit Unterstützung von Ministerpräsident Franz Josef Strauß den Denkmalschutz für die KZ-Erdbunker. Das in einem Waldstück zwischen Landsberg und Erpfting liegende Grundstück und Teile der damals noch vorhandenen Überreste wurden 1987 mittels der finanziellen Unterstützung von Alexander Moksel für die Erinnerungsarbeit erworben.http://www.buergervereinigung-landsberg.de/presse/buergervereinigung/chronik.htm Dies erfolgte zu einer Zeit, in der Erinnerungsarbeit in weiten Teilen der Bevölkerung noch etwas Unbekanntes war.
Im Jahr 1989 gab Anton Posset gemeinsam mit der Bürgervereinigung den Anstoß, eine Gedenktafel am ehemaligen Lagereingang des DP-Lagers an der damaligen Saarburgkaserne anzubringen. Deren Inschrift erinnerte an das vor 1945 durch die Wehrmacht und später von der Bundeswehr genutzte Gelände als eines der ersten DP-Lager, das ausschließlich jüdischen Displaced Persons vorbehalten war. Oberst a. D. Irving Heymont, der erste Kommandant des Lagers, stiftete die Tafel, deren Errichtung sowohl von der Stadt Landsberg als auch von der Bundeswehr unterstützt wurde. Der Hauptredner war Abraham J. Peck von den American Jewish Archives, der in dem Lager geboren worden war. Ein anderer Redner war Simon Snopkowski, ein ehemaliger Bewohner des Lagers und damals Präsident der jüdischen Kultusgemeinden in Bayern.
Die Europäische Holocaustgedenkstätte und deren Geschichte
Kauf und Konservierung eines Teilgrundstückes des KZ-Außenlagers Kaufering VII – Erpfting
1985 erwarb die Bürgervereinigung einen Teil des Areals des ehemaligen KZ-Geländes des KZ-Außenlagers Kaufering VII – Erpfting und begann im folgenden Jahrzehnt mit dem Ausbau zur Europäischen Holocaustgedenkstätte, um eine Erinnerung an den Holocaust auf Dauer und in Würde zu ermöglichen. Anton Posset konnte damals Alexander Moksel überzeugen, die finanziellen Mittel für den Kauf bereitzustellen. Die Bunker waren damals verwahrlost und wurden von einer Rockergruppe, den Devil Knights, als Vereinsheim genutzt. Von Anfang an pflegte die Bürgervereinigung das Grundstück, um dessen Erhalt und Konservierung sicherzustellen.
Film: Band of Brothers – Wir waren wie Brüder
Im Jahr 2000 erlangte der Verein internationale Bekanntheit durch die Zusammenarbeit von Anton Posset mit dem Filmteam von Steven Spielberg und Tom Hanks, als ein originalgetreuer Nachbau des KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach für die Miniserie Band of Brothers – Wir waren wie Brüder, Teil 9 „Warum wir kämpfen“, in England erstellt wurde. Im Film wird das Lager Kaufering, und nicht wie bis dato in filmischer Darstellung üblich Dachau oder Auschwitz, befreit.
Übergabe des Grundstückes an den neu gegründeten Verein – Europäische Holocaust Gedenkstätte Stiftung e. V. – Die Gedenkstätte wird ein Ort von nationaler Bedeutung Schließlich wurde die Gedenkstätte an den im Jahr 2009 neu gegründeten Verein, die Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung e. V., übergeben. Diese wurde durch u. a. sechs Mitglieder der Bürgervereinigung gegründet mit dem Fokus, das Grundstück zu unterhalten und sich der Konservierung der Erdbunker zu widmen. Hierfür wurde der neue Verein auch mit den nötigen finanziellen Mitteln für die vorgesehene Restauration der Erdbunker und den Erhalt des Grundstückes ausgestattet.
In den Jahren 2009 bis 2012 wurde die Bürgervereinigung durch einen Geschäftsleitungsvertrag von der Europäischen Holocaustgedenkstätte Stiftung mit der Geschäftsleitung der Europäischen Holocaustgedenkstätte betraut. Die Geschäftsleitung durch die Bürgervereinigung endete im Jahr 2013.
Im gleichen Jahr wurde die Gedenkstätte national noch bekannter, da ein Bild des KZ Außenlagers Kaufering VII – Erpfting auf das Plakat zum „Tag des offenen Denkmals“ als einziges Bild für das nationale Plakat aus dem Bundesland Bayern ausgewählt wurde. Es befasste sich als einzige Darstellung mit einem ehemaligen jüdischen KZ-Außenlager und seinen authentischen archäologischen Überresten in Deutschland. Motto in diesem Jahr war „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale“.
Seit dem Jahr 2009 hat sich die „Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert“ auf die Beratung des Stiftungsvereins, die Weiterführung der historischen Forschung und die Gedenkarbeit fokussiert. Die Restauration/Konservierung der Bunker wurde erfolgreich von der „Europäischen Holocaust Gedenkstätte Stiftung“ auch dank öffentlicher Fördergelder für ca. 800.000 Euro abgeschlossen und 2016 mit dem Bayerischen Denkmalpreis in Gold ausgezeichnet.
Forschung Seit 1983 sichert die Bürgervereinigung die letzten Spuren des KZ-Außenlagerkomplexes Kaufering der elf KZ-Außenlager in Stadt und Landkreis Landsberg und sammelt Materialien, Dokumente, Quellen und Zeitzeugenberichte zu folgenden Forschungsgebieten:
Antijüdische Tradition im Landsberg des 19. Jahrhunderts Hitlers Festungshaft in Landsberg 1923/1924 Landsberg „Stadt der Jugend“ – „Hitlerstadt“ – nationalsozialistischer Wallfahrtsort 1935–1945 Die KZ-Kommandos Kaufering/Landsberg 1944/1945 Kriegsverbrechergefängnis (War Crime Prison Nr. 1) in Landsberg 1945–1955 Das DP-Lager (Displaced Persons Camp) Landsberg 1945–1951 Besatzungszeit und demokratischer Neubeginn seit 1945 Geschichte der Verdrängung und Aufarbeitung – die unbewältigte Vergangenheit des 20. Jahrhunderts
KZ Archäologie – Systematische Erforschung des Dachauer KZ-Außenlager-Komplexes Kaufering Alles begann mit der Arbeit einer Schülergruppe unter Leitung des bayerischen Gymnasiallehrers Anton Posset, die 1983/84 für ihre Forschungsarbeit über den KZ-Außenlagerkomplex Kaufering und das Rüstungsprojekt Ringeltaube aus der Hand von Bundespräsident Karl Carstens den 1. Preis im Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten erhielt. Damals kannte man nur die jüdischen Friedhöfe um Landsberg. Der geschichtliche Zusammenhang zu diesen war bis dato sowohl in der Bevölkerung als auch in den lokalen Geschichtsbüchern wenig bekannt. Es wurden die Archive in Dachau und Landsberg nach historischem Material durchsucht. Die genaue Lage der Lager, und die damit verbundene Dimension der Gräueltaten, waren vor Ort nicht zu erkennen. Dabei entdeckten die Schüler die letzten Überreste von Erdbunkern des KZ-Außenlagers Kaufering VII – Erpfting, die heutige Europäische Holocaust-Gedenkstätte.
Durch die jahrelange Auswertung von historischen Quellen, Luftbildaufnahmen, Interviews von Zeitzeugen und Vor-Ort-Begehungen mit Zeitzeugen wurde nach und nach klar, an welchen Stellen sich die einzelnen Lager befanden. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden schließlich im Themenheft Heft 4 – Das KZ-Kommando Kaufering 1944/45: Die Vernichtung der Juden im Rüstungsprojekt „Ringeltaube“ – in Form einer geographischen Karte veröffentlicht. Damit wurde die Dimension dieses Außenlagers durch die Arbeit von Anton Posset, Wolfgang Habel und Michael Strasas erstmals 1993 sichtbar gemacht.Übersichtskarte aus dem Heft 4, Seite 28, 1993, ISBN 3-9803775-3-9.
Der KZ-Außenlagerkomplex Kaufering bestand aus zwölf KZ-Außenlagern, von denen die ersten elf von der gemeinsamen Kommandantur im KZ-Außenlager Kaufering I – Landsberg verwaltet wurden.Karte mit Luftbildern der KZ-Lager des Lagerkomplexes Kaufering
KZ-Außenlager Kaufering I – Landsberg, Landsberg, nahe der Iglinger Straße. Zugleich SS-Kommandantur. Von beidem ist heute nichts mehr zu sehen. KZ-Außenlager Kaufering II – Igling, Igling KZ-Außenlager Kaufering III, Kaufering KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach (auch: Kolonie Hurlach) KZ-Außenlager Kaufering V – Utting, Utting KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim, Türkheim KZ-Außenlager Kaufering VII – Erpfting, Erpfting, heute mit Gedenkstätte KZ-Außenlager Kaufering VIII – Seestall, Seestall KZ-Außenlager Kaufering IX – Obermeitingen, Obermeitingen KZ-Außenlager Kaufering X – Utting, Utting KZ-Außenlager Kaufering XI – Stadtwaldhof/Landsberg, Stadtwaldhof (Bunker in der Welfen-Kaserne in Landsberg am Lech) SS-Arbeitslager Landsberg am Lech, Turnhalle im Fliegerhorst Penzing
Themenhefte „Landsberger Zeitgeschichte“ 1986 veröffentlichte die Bürgervereinigung, in Form einer Mitgliederbroschüre, eine erste Publikation rund um die Aufarbeitung der Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus in und rund um Landsberg. In dieser wurden unter anderem Texte von Viktor Frankl, dem Ehrenmitglied der Bürgervereinigung, aus seinem Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen beigesteuert. Auch die Aufzeichnung des damaligen Lagerpriesters Jules Jost, die zur Ermittlung der Totenzahlen des KZ-Außenlagerkomplexes Kaufering diente, wurde dort, neben anderen zeitgenössischen Dokumenten (Brief von Franz Josef Strauß, Viktor Nečas, Tibor Lichtmann u. a. m.), veröffentlicht. Jules Jost wurde hierfür in Luxemburg von Anton Posset und Wolfgang Habel als Zeitzeuge interviewt. Diese Broschüre war der Anstoß für die später folgenden Themenhefte.