mini|400px|Karte mit Verlauf des Odenwaldlimes (rote Linie, links im Bild) mit Turmstellen, Kastellen, Siedlungen oder bekannten Resten einer Villa Rustica sowie Bezeichnungen der militärischen Abteilungen; rechts im Bild die Linie des sog. Vorderen Limes, der um 160/165 den Neckar-Odenwald-Limes ersetzte Neckar-Odenwald-Limes (früher auch Neckarmümlinglinie genanntEmil Hübner: Römische Herrschaft in Westeuropa, Berlin 1890; Reprint des Originals: Europäischer Geschichtsverlag egv, Paderborn 2011, ISBN 978-3-86382-214-9, S. 93) ist ein zusammenfassender Begriff für zwei, möglicherweise leicht zeitverschiedene und strukturell stark unterschiedliche, frühe Abschnitte des Obergermanisch-Raetischen Limes. Der Neckar-Odenwald-Limes setzte sich zusammen aus dem nördlichen Odenwaldlimes, einem Landlimes mit Kastellen, Wachtürmen und Palisade, der den Main (lateinisch: Moenus) mit dem Neckar (lateinisch: Nicer) verband, und dem südlich anschließenden Neckarlimes, der in der bisherigen Forschung als ein typischer „Nasser Limes“ (ripa) betrachtet wurde, bei dem der Fluss die Funktion der Palisade als Annäherungshindernis ersetzte. Erkenntnisse der neueren Zeit werfen ein etwas anderes Licht auf diese Betrachtungsweise, so dass sie möglicherweise künftig relativiert werden muss.Das neue Bild vom Neckarlimes. Wissenschaftliche Untersuchungen werfen neue Fragen auf auf der offiziellen Webpräsenz Des Museums Römerhaus Walheim, abgerufen am 30. April 2021. Die entsprechenden Forschungen dauern derzeit noch an.

Der Odenwaldlimes nahm seinen nördlichen Anfang am Main, entweder beim Kastell Obernburg oder beim Kastell Wörth, und zog von dort aus, sich geschickt die topographischen Gegebenheiten des Odenwaldes zunutze machend, in südliche Richtung bis an den Neckar, den er vermutlich auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Heilbronn erreichte. Die Neckarlinie bildete seine Verlängerung in südliche Richtung bis nach Arae Flaviae auf dem Gebiet der heutigen Stadt Rottweil, wobei sie sich am Verlauf des Flusses orientierte.

Der Neckar-Odenwald-Limes entstand vermutlich im Bereich des Odenwaldlimes in trajanischerDie konventionelle Anfangsdatierung auf das Jahr 100 (± 5) stützt sich auf die Ergebnisse der Ausgrabungen, die Dietwulf Baatz in den Jahren 1964 bis 1966 im Kastell Hesselbach vornahm. Sie basiert im Wesentlichen auf der Auswertung der dabei gefundenen Sigillaten (vgl. den entsprechenden Abschnitt im Hesselbach-Artikel und Dietwulf Baatz: Kastell Hesselbach und andere Forschungen am Odenwaldlimes. Gebr. Mann, Berlin 1973, ISBN 3-7861-1059-X (Limesforschungen, Band 12), S. 85–96). In der jüngeren Literatur wird einer Anfangsdatierung des Kastells Hesselbach wie des gesamten Odenwaldlimes auf den Zeitraum 107/110, ja sogar bis zum Jahr 115 der Vorzug gegeben. Dieser Datierungsansatz stützt sich nicht auf neue Ausgrabungsbefunde, sondern auf eine statistische Neubewertung der Münzfunde aus allen Kastellen des Obergermanisch-rätischen Limes, die der Archäologe Klaus Kortüm 1998 erstmals vorgelegt hat und auf die sich inzwischen einige Autoren der jüngeren Literatur stützen. (Vgl. Klaus Kortüm: Zur Datierung der römischen Militäranlagen im obergermanisch-raetischen Limesgebiet. In: Saalburg-Jahrbuch 49, 1998, Zabern, Mainz, S. 5–65, und Egon Schallmayer: Der Limes. Geschichte einer Grenze. Beck, München 2006, ISBN 3-406-48018-7, S. 49–52 sowie S. 54 f.), im Bereich der Neckarlinie in domitianischer oder frühtrajanischer und im Bereich der älteren Neckarkastelle in vespasianischer Zeit. Er durchlebte mehrere Umbauphasen und wurde erst mit der Vorverlegung auf die schnurgerade Linie des Vorderen Limes in den Jahren zwischen 159/161 und 165 obsolet.Die neuere Forschung geht davon aus, dass die Vorverlegung des Limes nicht plötzlich geschah, sondern sich über einen Zeitraum von bis zu fünf, sechs Jahren erstreckte.

Lage Der Odenwaldlimes nahm seinen nördlichen Anfang am Main auf einer topographischen Höhe von etwa 108 Metern. Ob beim Kastell Obernburg oder beim Kastell Wörth, ist zum gegenwärtigen Stand der Forschung noch nicht endgültig geklärt (vgl. weiter unten zur Anschlussproblematik). Von einem dieser beiden Kastelle aus zog er in südliche Richtung den Buntsandstein-Odenwald hinauf, um einen Höhenrücken zu erklimmen, der sich zwischen den Tälern der Mümling (lateinisch: Nemaninga) bzw. des Euterbachs/der Itter im Westen und den Tälern der Mud bzw. der Elz im Osten von Norden nach Süden erstreckte. In seinem ersten Abschnitt bis zum Kastell Schloßau passte er sich, mal in westliche, mal in östliche Richtungen ausgreifend, flexibel dem Gelände an und passierte zwischen den Kleinkastellen Zwing und Seitzenbuche auf dem Hohwald () seinen höchsten Punkt überhaupt. Bei Schloßau knickt er von einem zuvor in östliche Richtung beschriebenen Bogen scharf nach Süden ab und strebt im folgenden zweiten Abschnitt in nahezu schnurgerader Ausrichtung dem Neckar entgegen. Der Übergang zum Neckarlimes ist wie der Anfangspunkt des Odenwaldlimes noch nicht geklärt, gerade in jüngerer Zeit haben aufsehenerregende Neuentdeckungen hier für eine aktuell anhaltende Dynamik in der Forschung gesorgt (vgl. auch weiter unten).

In der heutigen politischen Topographie beginnt der Verlauf des Odenwaldlimes auf bayerischem Gebiet, im Landkreis Miltenberg. Er durchquert Hessen und endet in Baden-Württemberg. Dabei passiert er die Landkreise Odenwaldkreis und Neckar-Odenwald-Kreis und endet im Landkreis Heilbronn. Seine Gesamtlänge beläuft sich auf rund 80 Kilometer, die sich im Wesentlichen in dünn besiedelten, dicht bewaldeten oder landwirtschaftlich genutzten Gebieten befinden. Dadurch gehört der Odenwaldlimes zu einer der besterhaltenen und landschaftlich besonders schön gelegenen Limesstrecken Deutschlands.Dietwulf Baatz: Der Römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. 4. Auflage. Gebr. Mann, Berlin 2000, ISBN 3-7861-2347-0, S. 179–206.Dietwulf Baatz: Limes. Odenwaldstrecke. In: Dietwulf Baatz, Fritz-Rudolf Herrmann: Die Römer in Hessen. Lizenzausgabe der Auflage von 1982. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-58-9. S. 415–423.Andreas Thiel: Der Limes. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 186–189.Egon Schallmayer: Der Odenwaldlimes. Entlang der römischen Grenze zwischen Main und Neckar. Theiss, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-8062-2309-5.

Der Beginn des Neckarlimes liegt in dem Gebiet, in dem Jagst und Kocher in den Neckar münden. Das Kastell Wimpfen gilt gemeinhin als nördlicher Ausgangspunkt dieser Limesstrecke. Die Fortifikationen, die man ihm in der bisherigen Forschung zuordnete, befanden sich alle auf der linken Neckarseite. Im Gegensatz zu den Garnisonen der Odenwaldstrecke wurden diese Kastellplätze zu großen Teilen im Mittelalter und in der Neuzeit überbaut. Die Flusskastelle spätdomitianischer ZeitstellungNach anderer Auffassung sind die Kastelle frühtrajanisch zu datieren. erstreckten sich bis zum Kastell Köngen.

Südlich von Köngen schließt sich noch eine kleine Kastellreihe am Oberlauf des Neckars an, die der vespasianischen Zeit zugeordnet wird und bis nach Rottweil reicht. Daneben sind mit den Kastellen in Ladenburg und Heidelberg noch zwei weitere Kastelle am Unterlauf des Flusses bekannt, die ebenfalls in der Regierungszeit des Vespasian entstanden sind.

Forschungsgeschichte mini|Freilegung der Turmstelle Wp 10/32 (Christian Kehrer, Aquarell, um 1800) mini|Graf Franz I. von Erbach-Erbach Das früheste Interesse der Gelehrtenwelt für die römischen Relikte im Odenwald und am Neckar gehen in die Zeit des Humanismus, ins 16. Jahrhundert zurück. Die Humanisten begannen, verursacht durch ihre Begeisterung für die Welt der Antike, sich auch für deren Hinterlassenschaften an der Peripherie der klassischen Welt zu interessieren. Peter Apian (1495–1552), ein Astronom und Geograph aus Ingolstadt, publizierte 1534 eine Sammlung römischer InschriftensteinePetrus Apianus: Inscriptiones sacrosanctae vetustatis non illae quidem Romanae, sed totius fere orbis summo studio ac maximis impensis terra marique conquisitae feliciter incipiunt. Ingolstadt, 1534., unter denen sich auch ein Altar für Fortuna aus Bullau und ein Weihestein für die Quellnymphen aus Amorbach befand. Simon Studion (1543 bis um 1605), ein Präzeptor der Lateinschule in Marbach am Neckar, war ebenfalls Sammler römischer Inschriften und gilt als Vater der Altertumsforschung in Württemberg.

1543 kam es zur Zufallsentdeckung einer römischen Therme beim Arnheiter Hof auf dem Gebiet von Breuberg.ORL B 5; Nr. 62a (1915) Auf Veranlassung des Grafen von Wertheim erfolgten dort in den folgenden Jahren erste Ausgrabungen, in deren Verlauf das vollständige Badegebäude freigelegt und zwei Viergöttersteine geborgen werden konnten, deren einer sich noch heute auf der Burg Breuberg befindet. 1615 wurde in Böckingen ein erster römischer Weihestein gesichert, im Verlauf des 17. und im 18. Jahrhundert folgten weitere. Ende des 18. Jahrhunderts erfolgten erste Ausgrabungen in Köngen. 1748 stellte die Preußische Akademie der Wissenschaften die Preisfrage „Wie weit der Römer Macht, nachdem sie über den Rhein und die Donau gesetzt, in Deutschland eingedrungen, was vor Merkmale davon ehemals gewesen und etwa noch vorhanden seien...“. Der hohenlohische Archivar Christian Ernst Hanßelmann (1699–1776) unternahm daraufhin umfangreiche, systematische Ausgrabungen auf dem Gebiet der Kurpfalz, deren Ergebnisse er 1768Christian Ernst Hansselmanns Beweiss, wie weit der Römer Macht, in den mit verschiedenen teutschen Völkern geführten Kriegen, auch in die nunmehrige ost-fränkische, sonderlich hohenlohische, Lande eingedrungen, dargestellt aus denen in solchen Landen noch vorhandenen merkwürdigen römischen Monumenten und andern Ueberbleibsel. Schwäbisch Hall, 1768. und 1773Christian Ernst Hansselmanns Fortsetzung des Beweises, wie weit der Römer Macht in denen mit verschiedenen teutschen Völkern geführten Kriegen, auch in die nunmehrigen Ost-Fränkische, sonderlich Hohenlohische, Lande eingedrungen dargestellt aus denen in den Jahren 1768, 1769 und 1770 noch weiter entdeckten und bisher noch nicht bekannt gewesenen merkwürdigen römischen Monumenten und andern Ueberbleibseln; nebst ebenfalls fortgesetzter historisch und geographischen Beschreibung; nebst einer historischen Beschreibung der unterschiedlichen teutschen Völker. Messerer, Schwäbisch Hall 1773. publizierte.

Für die Erforschung des Odenwaldlimes von besonderer Bedeutung wurde der Umstand, dass Graf Franz I. zu Erbach-Erbach nach seinen Grand Tours und dem Studium der Schriften Hanßelmanns ein ausgeprägtes Interesse für die römischen Relikte am und vom Odenwaldlimes hegte. Im letzten Viertel des 18. und in den ersten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ließ er einige KastelleLützelbach, Windlücke, Hainhaus, Würzberg, Eulbach, Hesselbach und Schloßau. und fast alle Wachtürme der nördlichen Odenwaldlinie ausgraben. Bei diesen Arbeiten war ihm insbesondere sein Regierungsrat Johann Friedrich KnappJohann Friedrich Knapp: Römische Denkmale des Odenwaldes, insbesondere der Grafschaft Erbach und Herrschaft Breuberg. (1813, 1814²,1854³). eine große Hilfe, der bei vielen wichtigen Ausgrabungen vor Ort verantwortlich war und auch seinen Anteil an der Abfassung der so genannten „Erbacher Kataloge“ hatte, der manuell verfassten Dokumentation der Ausgrabungen und der Erbach’schen Sammlung.