Die FRETILIN (auch Fretilin, ; ) ist eine linksorientierte Partei in Osttimor. Als eine der größten Parteien des Landes hatte sie eine zentrale Rolle im Unabhängigkeitskampf Osttimors und ist eine der relevanten Kräfte in der heutigen Politik des südostasiatischen Landes. Das Hauptquartier der FRETILIN befindet sich an der Avenida Nicolau Lobato in Dilis Suco Fatuhada (Aldeia Zero III).FRETILIN: Contact, abgerufen am 23. Mai 2023.

Geschichte

Gründung Nach der Nelkenrevolution in Portugal im April 1974 wurden auch in der Kolonie Portugiesisch-Timor die ersten Parteien gegründet und später vom neuen Gouverneur Mário Lemos Pires legalisiert als Vorbereitung für freie Wahlen zu einer verfassunggebenden Versammlung. Am 20. Mai wurde als linksorientierte Partei die Associação Social Democrática Timorense (ASDT) (Timoresische Sozialdemokratische Assoziation, die heutige ASDT ist eine spätere Gründung) gegründet. Die Gründungsmitglieder waren:Antero Bendito da Silva, Robert Boughton, Rebecca Spence: , University of New England, 2012, abgerufen am 5. Juni 2019.

Erster Präsident wurde Francisco Xavier do Amaral, Nicolau Lobato Vizepräsident. Sie strebte eine schnelle Unabhängigkeit von Portugal an, während andere Parteien eine lockere Bindung an die alte Kolonialmacht oder den Anschluss an Indonesien oder Australien propagierten. Generalsekretär wurde Alarico Fernandes, zweiter Generalsekretär war Justino Mota, Sekretär für politische Angelegenheiten Marí Alkatiri und Sekretär für Außenbeziehungen José Ramos-Horta.School of Humanities and Social Sciences(HASS): ASDT Königin Maria de Manufahi, die Witwe des Rebells Boaventuras von 1912, wurde im Juni 1974 Mitglied der Partei, was der Bewegung eine besondere Aura für die Bevölkerung einbrachte.Maj Nygaard-Christensen: The rebel and the diplomat – Revolutionary spirits, sacred legitimation and democracy in Timor-Leste. In: Bubandt, Nils, van Beer, Martijn (Hrsg.): Varieties of Secularism in Asia: Anthropological Explorations of Religions, Politics and the Spiritual. Routledge 2011.Frédéric B. Durand: History of Timor-Leste, S. 103, ISBN 978-616-215-124-8.

Am 11. September 1974 wurde die ASDT in FRETILIN umbenannt. Viele der Parteigründer waren die Söhne von Liurai und waren als Lehrer oder in der Verwaltung tätig. Ihre Unterstützer fand die FRETILIN aber nicht nur unter vielen prominenten Liurai, sondern auch in den Dörfern. Der FRETILIN wurde von Australien und Indonesien vorgeworfen marxistisch zu sein, allerdings war sie mehr eine Sammlungsbewegung. Francisco Borja da Costa rechnete man den Kommunisten zu, Nicolau Lobato war mehr ein christlicher Marxist, doch Amaral war Konservativer und Ramos-Horta Sozialdemokrat. aus John G Taylor, Indonesia’s Forgotten War: The Hidden History of East Timor (Zed Books, London, 1991)„Part 3: The History of the Conflict“ (PDF; 1,4 MB) aus dem „Chega!“-Report der CAVR (englisch) Die Studenten aus dem Casa dos Timores, die um die Jahreswende 1974/75 aus Lissabon zurückkehrten und zu der auch die Gründerin Maria do Céu Pereira gehörte, waren deutlich stärker sozialistisch-maoistisch ausgerichtet. Sie hatten in Portugal unter anderem Kontakt mit Amílcar Cabral aus Portugiesisch-Guinea und anderen linken, afrikanischen Nationalisten, die auch die marxistische FRELIMO in Mosambik beeinflussten. Der neue Name FRETILIN war nun eine Anlehnung, die die Angst vor einem kommunistischen Osttimor schürte und mit ein Grund für die Unterstützung der USA und Australiens für die spätere indonesische Invasion war.

Im Frühjahr 1975 konnte die FRETILIN sich auf eine Mehrheit der Bevölkerung in ganz Osttimor stützen. Am 13. März 1975 wurden im Rahmen des Dekolonisationsprogramms Wahlen im Distrikt Lautém durchgeführt. Ziel war es, die traditionellen Herrschersysteme zu ersetzen. Bei diesem Pilotprojekt für Lokalwahlen gab es keine Parteilisten oder -kandidaten. Die Wähler warfen einfach Kieselsteine in Körbe der Kandidaten, um ihre Stimme abzugeben. FRETILIN-nahe Kandidaten konnten sich hier mit 55 % der Stimmen durchsetzen. Den zweiten Platz belegten Kandidaten der União Democrática Timorense (UDT), die eine enge Bindung zur ehemaligen Kolonialmacht Portugal bevorzugte. Von Januar bis Mai 1975 bestand eine Koalition zwischen FRETILIN und UDT, die dann aber zerbrach.

Unabhängigkeitskampf mini|Flagge der FALINTIL

Im Sommer 1975 brachen, nach Intrigen des indonesischen Geheimdienstes Bakin, zwischen der UDT und der FRETILIN Kämpfe aus. Am 10. August versuchte die UDT einen Putsch, um der wachsenden Popularität der FRETILIN etwas entgegenzustellen. In Dili kam es zu Straßenkämpfen. Gouverneur Pires floh auf die vorgelagerte Insel Atauro und versuchte von dort ein Abkommen zwischen den beiden Parteien auszuhandeln. Von der FRETILIN wurde er gedrängt, zurückzukehren und die Entkolonialisierung voranzutreiben, aber Pires bestand darauf, auf Anweisungen aus Lissabon zu warten. Osttimoresen, die bisher in der portugiesischen Armee dienten, unterstützten die FRETILIN im Kampf und bildeten den Kern der später gegründeten Forças Armadas de Libertação Nacional de Timor-Leste FALINTIL (Bewaffnete Kräfte zur nationalen Befreiung Osttimors). Am 27. August konnte sich die besser bewaffnete und von der Bevölkerung breiter unterstützte FRETILIN endgültig durchsetzen und die Kontrolle in Dili übernehmen. Insgesamt starben etwa 2.000 Menschen. Der FRETILIN werden Menschenrechtsverletzungen während dieser Zeit vorgeworfen. So musste sie eingestehen, dass gefangene UDT-Anhänger ermordet wurden. 500 Kämpfer der UDT und 2.500 Zivilisten flohen in das indonesische Westtimor. Hier wurden sie gezwungen, nun den Anschluss Osttimors an Indonesien zu unterstützen.

Indonesien nutzte den kurzen Bürgerkrieg, um zu behaupten, in Portugiesisch-Timor herrschten Anarchie und Chaos, doch nur einen Monat später besuchten Hilfsorganisationen aus Australien und anderen Ländern die Kolonie und bezeichneten die Situation als stabil. Die FRETILIN hatte durch die große Unterstützung in der Bevölkerung schnell wieder für Ruhe und Ordnung gesorgt. Auch ehemalige UDT-Anhänger, die geblieben waren, arbeiteten nun wieder mit ihr zusammen. Ab dem 8. Oktober besetzten indonesische Truppen nach und nach die Grenzgebiete Osttimors. Angesichts dieser Bedrohung rief die FRETILIN am 28. November 1975 einseitig die Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Osttimor aus, weil man als unabhängige Nation sich mehr Unterstützung durch die UN erhoffte. Amaral wurde erster Präsident, Lobato erster Premierminister. Am 7. Dezember folgte bereits die großangelegte Invasion Osttimors durch Indonesien.

mini|Vom Guerillakämpfer zum Politiker: Xanana Gusmão 2002

Auf dem FRETILIN-Kongress vom Mai 1976 in Soibada wurde Lobato offiziell zum militärischen Kommandanten erhoben. Der osttimoresische Widerstand operierte als Guerilla aus den Bergen heraus. Ende 1976 kam es zu internen Streitigkeiten um die Ausrichtung der FRETILIN im Osten des Landes. Die lokalen FRETILIN-Führer Aquiles Freitas Soares (Quelicai) und Francisco Ruas Hornay wurden infolgedessen verhaftet und hingerichtet. 1977 wurde Amaral wegen Meinungsverschiedenheiten über das Vorgehen gegen die indonesische Besatzung von der FRETILIN abgesetzt. Bis 1980 waren 47 von den 50 Gründungsmitgliedern des FRETILIN-Zentralkomitees (CCF) durch die Invasion und Besetzung umgekommen. Die einzigen, die den Krieg gegen Indonesien überlebten, waren Xanana Gusmão und Ma'huno Bulerek Karathayano.Clinton Fernandes: , abgerufen am 16. Mai 2016. Guilhermina Araújo überlebte, weil sie bereits im Dezember 1974 nach Portugal ging.

1981 wählte eine geheime Nationalkonferenz Xanana Gusmão in Lacluta zum Chef der FALINTIL, als Nachfolger des getöteten Nicolau dos Reis Lobatos. Unter seiner Führung vertraute die FALINTIL mehr auf heimliche Untergrundnetzwerke und setzte kleine Gruppen ein, um indonesische Ziele anzugreifen. Gusmão koordinierte den Kampf, bis er 1992 bei einer großangelegten Operation mit 40.000 indonesischen Soldaten verhaftet wurde. 1996 erhielten José Ramos-Horta, der Vertreter des osttimoresischen Widerstands bei der UNO in New York, und sein Landsmann Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo den Friedensnobelpreis.

mini|Staatspräsident Francisco Lu-Olo Guterres (2020)

Am 31. März 1986 wurde die Nationale Timoresische Konvergenz (Convergencia Nacional Timorense CNT) von UDT, FRETILIN, Klibur Oan Timur Asuwain (KOTA) und der Partido Trabalhista (Arbeiterpartei) als Dachverband gegründet. Doch es gab immer wieder Spaltungen und Machtkämpfe zwischen den einzelnen Gruppierungen. Der Pakt zerfiel wieder. Am 20. August 1987 wurde die FALINTIL von Gusmão von einer Parteiarmee der FRETILIN zu einer nationalen Armee des osttimoresischen Widerstands umgewandelt. Gusmão blieb ihr Anführer. Auf einem Kongress gründeten schließlich Gusmão und José Ramos-Horta, Sprecher der osttimoresischen Exilregierung und ihr Vertreter bei den Vereinten Nationen, 1988 den Conselho Nacional de Resistência Maubere CNRM (Nationalrat des Widerstandes der Maubere, später Conselho Nacional de Resistência Timorense CNRT) als neuen Dachverband des osttimoresischen Widerstands. Xanana Gusmão wurde zum Präsidenten des CNRM gewählt, weswegen er aus der FRETILIN austrat, um nicht als parteiisch zu gelten. Gleiches tat Ramos-Horta. UDT und KOTA lehnten zunächst eine Zusammenarbeit ab. Die FALINTIL wurde dem CNRM unterstellt und die Führung in der FRETILIN übernahm 1988 ein Direktivkomitee. Sekretär des Direktivkomitees der FRETILIN (CDF) wurde Ma'huno Bulerek Karathayano. Seine Stellvertreter wurden Francisco Lu-Olo Guterres, Mau Hodu und Nino Konis Santana. Nach der Gefangennahme von Gusmão 1992 übernahm Ma'huno von ihm auch die Führung der FALINTIL. Ma'huno wurde im April 1993 von den Indonesiern gefangen genommen und auch Mau Hodu ereilte das gleiche Schicksal. Neuer Sekretär des CDF und FALINTIL-Führer wurde Nino Konis Santana. Er starb im März 1998. Den Sekretärsposten des CDF übernahm Francisco Lu-Olo Guterres.Biografie von Francisco Guterres von 2007 (englisch)

Indonesiens Diktator Suharto trat im Mai 1998 zurück und es begannen Verhandlungen zur Lösung des Osttimorkonflikts. Guterres wurde auf der Nationalen Sonderkonferenz vom 15. bis 20. August 1998 in Sydney zum Generalkoordinator des FRETILIN-Präsidialrats gewählt, dem nun höchsten Amt in der Partei. Stellvertreter wurden Marí Alkatiri für die diplomatische Front und Ma'huno für die Front im Untergrund. Ma'huno war bereits 1995 durch eine Amnestie wieder freigelassen worden. Der CDF als Parteiorgan wurde abgeschafft. Am 30. August 1999 stimmten bei einem Referendum 78,5 % der Bevölkerung für die Unabhängigkeit Osttimors von Indonesien. Vor und nach dem Referendum kam es zu Massenmorden und Vertreibungen durch pro-indonesische Milizen und das indonesische Militär. Eine internationale Friedenstruppe unter australischer Führung landete und sorgte wieder für Ruhe und Ordnung. Osttimor kam unter UN-Verwaltung.

Im Mai 2000 fand eine Generalkonferenz der Kader der FRETILIN in Dili mit 1.250 Delegierten aus ganz Osttimor und allen Ländern statt, in denen es timoresische Exilanten gab. Auf dem außerordentlichen Parteikongress im Juli 2001 wurde Lu-Olo zum Parteivorsitzenden und Alkatiri zum Generalsekretär gewählt. Bis zu dem CNRT-Kongress im August schlossen sich auch die neuen osttimoresischen Parteien PST, UDC, PSD und auch die alten Parteien KOTA, die pro-indonesische APODETI und die Arbeiterpartei dem CNRT an. Nach dem Kongress traten jedoch FRETILIN und UDT aus dem CNRT aus, um sich bei den anstehenden Wahlen als eigenständige Parteien präsentieren zu können. Am 30. August 2001 wurden freie Wahlen abgehalten. Die FRETILIN erhielt 57,37 % der Stimmen und wurde damit stärkste Kraft im Parlament. Am 20. Mai 2002 wurde Osttimor endgültig unabhängig.

Die FRETILIN an der Regierung im unabhängigen Osttimor mini|Marí Bin Amude Alkatiri, Generalsekretär der FRETILIN (2017)