mini|hochkant=1.8|Der Markt zu Nürnberg von Lorenz Strauch (1594). Die Börse befand sich im Nordwesten (links oben).

Die Nürnberger Börse entstand als eine der ersten deutschen Börsen im 16. Jahrhundert am Hauptmarkt in Nürnberg. Sie war ein Bindeglied im Handel zwischen Italien und anderen europäischen Wirtschaftszentren. Gehandelt wurden sowohl Waren als auch Finanzprodukte. Ab dem Dreißigjährigen Krieg verlor die Nürnberger Börse zunehmend ihre Bedeutung als europäischer Finanzplatz. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in Nürnberg keine Wechselkurse mehr notiert. Seitdem war die Nürnberger Börse nur noch indirekt über andere Handelsplätze mit den internationalen Finanzmärkten verbunden.

Gründung mini|Im Hauptgebäude der IHK (Bauzustand vor der Sanierung ab 2014) hielt der Handelsvorstand der Börse ab 1566 seine Beratungen ab. mini|Prozession am Herrenmarkt. Hier entstand die Börse. Im Hintergrund ist über den Brotlauben von St. Sebald das Marktglöcklein zu sehen. Stich von Johann Azelt (um 1682).

Anfänge Im Mittelalter lag Nürnberg an wichtigen Handelsrouten und entwickelte sich ab dem 14. Jahrhundert zu einer europäischen Wirtschaftsmetropole.Mit der Rolle Nürnbergs als Finanzzentrum beschäftigt sich Wolfgang von Stromer: Oberdeutsche Hochfinanz. 1350–1450. Steiner, Wiesbaden 1970. Die Habilitationsschrift setzt sich vor allem mit der „Hochfinanz“ mit Kern in Nürnberg auseinander. Nürnberg pflegte einen regen Austausch mit deutschen Städten und internationalen Handelspartnern wie Venedig, Antwerpen und Lyon.Nils Hack: Der Gewürzhandel im Nürnberg des 14.–16. Jahrhunderts. Otto-Friedrich-Universität Bamberg 1995, S. 31–33.Eckart Schremmer (Hrsg.): Wirtschaftliche und soziale Integration in historischer Sicht. Marburg 1995, S. 66–67.

Im 15. und 16. Jahrhundert waren in Nürnberg bedeutende Händlerfamilien aktiv. Zu ihnen zählten die Hirschvogel, Imhoff, Kreß, Stromer und Tucher. Der Reichtum, den sie im Warenhandel erwarben, gab ihnen die Möglichkeit, auch Finanzgeschäfte in großem Umfang durchzuführen. Der Nürnberger Fernhändler und Bankier Wilhelm Rummel galt als Hauptgeldgeber König Ruprechts. 1401/02 finanzierte er zusammen mit seinen florentinischen Geschäftspartnern dessen Italienfeldzug. Weitere prominente Kunden des Bankhauses Rummel waren der Nürnberger Burggraf Friedrich und König Sigismund. Auch die Augsburger Fugger, die Welser und zahlreiche ausländische Gesellschaften unterhielten Handelsniederlassungen in der Stadt.Hans Pohl (Hrsg.): Deutsche Börsengeschichte. Frankfurt am Main 1992, S. 53–57.Kurt Müller: Nürnbergs Finanzkraft war begehrt. Geld und Kredit in den Veränderungen der Zeit. In: Im Zeichen der Waage – Wirtschaft und Gesellschaft im Wandel – 425 Jahre Nürnberger Handelsvorstand. Nürnberg 1985, S. 94–96.Christa Schaper: Die Ratsfamilie Rummel – Kaufleute, Finanziers und Unternehmer. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 68. Nürnberg 1981, S. 26–38.

Der nordwestliche Teil des heutigen Nürnberger Hauptmarkts hieß früher Herrenmarkt. Hier gingen die Großkaufleute ihren Geschäften nach. In unmittelbarer Nähe existierten bereits im 15. Jahrhundert zwei Institutionen, die wesentlich zur Entstehung derselben Nürnberger Börse beitrugen: die öffentliche Waage der Wechsel

Die öffentliche Waage (auch Fronwage genannt) befand sich seit 1497 zusammen mit der Herrentrinkstube in einem von Hans Behaim erbauten Gebäude. Händler hatten hier die Möglichkeit, Geschäfte abzuschließen und ihre Waren direkt in einem vor Betrug geschützten Umfeld zu wiegen. Die öffentlichen Wechsler hatten ihren Stand in der Nähe des Schönen Brunnens. Sie boten zunächst nur einen tatsächlichen Münzwechsel an. Später wurden am Herrenmarkt auch Wechsel in Form von Wertpapieren gehandelt. In der seit 1520 neben der Sebalduskirche gelegenen Münzschau konnten Kaufleute Münzen auf ihre Echtheit prüfen lassen. Diese Institution wurde auch Schauamt oder Alte Schau genannt.Richard Ehrenberg: Die alte Nürnberger Börse. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 8. Nürnberg 1889, S. 70–74.

Ab welchem Zeitpunkt man am Nürnberger Herrenmarkt von einer Börse sprechen kann, hängt von der Definition des Begriffs ab. Durch die Fronwage, den Wechsel und die Münzschau war frühzeitig eine öffentliche Infrastruktur vorhanden. Mehrere Quellen nennen als Gründungszeitpunkt das Jahr 1540 oder die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Hiernach wäre die Nürnberger Börse, zusammen mit jener in Augsburg, die erste Institution dieser Art in Deutschland.Herbert Rosendorfer: Deutsche Geschichte – Ein Versuch. Band 4: Der Dreißigjährige Krieg. München 2007, S. 41.Otto Hintner: Wertpapierbörsen. Wiesbaden 1961, S. 14.Die Anfänge deutscher Börsen. aktiendepot.com, 23. Februar 2015. Abgerufen am 9. April 2016.

Marktordnung

Im Jahr 1560 legten 61 Kaufleute dem hohen Rat der Stadt Nürnberg ein Schriftstück vor. Dieses enthielt die Bitte, die Einrichtung und Ordnung des Handelsplatzes zu verbessern. In einer Marktordnung wurden daraufhin vom Rat Handelsregeln erlassen und für alle sichtbar auf einer Tafel am Herrenmarkt angebracht. Zu ihrer Sicherstellung ernannte der Rat 1562 die beiden Obermarktherren Martin Pfinzing und Hans Welser. Beide stammten aus angesehenen Nürnberger Patrizierfamilien. Sie wurden ab 1566 von fünf (später vier) Handelsleuten unterstützt, die als Marktvorsteher tätig waren. Zusammen bildeten sie den Handelsvorstand der Börse.Richard Ehrenberg: Die alte Nürnberger Börse. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 8. Nürnberg 1889, S. 70–85.Michael Diefenbacher: Der Nürnberger Handelsvorstand und seine Gründer. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 102. Nürnberg 2015, S. 34–35.Rudolf Endres: Die selbständig handelnde Kaufmannschaft. In: Im Zeichen der Waage – Wirtschaft und Gesellschaft im Wandel – 425 Jahre Nürnberger Handelsvorstand. Nürnberg 1985, S. 35–36.

Die Marktordnung beschränkte die Handelszeiten am Herrenmarkt auf 11:00 bis 17:00 Uhr. Handelsbeginn und -ende läutete man mit einer Glocke ein. Das Marktglöcklein wurde an einem Strebepfeiler der Sebalduskirche befestigt. Das Einläuten des Marktes übernahm erstmals der Taschner und Predigtstuhlmacher Hans Öfner. Er erhielt zudem den Auftrag, einen Goldschilling von allen Personen einzutreiben, die außerhalb der Marktzeiten handelten.Eine kleine Glocke beendete das Chaos. nordbayern.de, 16. September 2011. Abgerufen am 19. Januar 2016.Rudolf Endres: Die selbständig handelnde Kaufmannschaft. In: Im Zeichen der Waage – Wirtschaft und Gesellschaft im Wandel – 425 Jahre Nürnberger Handelsvorstand. Nürnberg 1985, S. 35.

Nach Etablierung der neuen Marktordnung mieteten die Kaufleute ein Marktgewölbe. Der Handelsvorstand hielt dort seine Beratungen ab. Das Marktgewölbe befand sich zwischen dem Schönen Brunnen und der Sebalduskirche und ist heute Sitz der Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken. Ein eigenes Börsengebäude wie in anderen Städten war in Nürnberg zwar geplant, es wurde jedoch nicht realisiert. Der Handel am Herrenmarkt fand zumindest zum Teil unter freiem Himmel statt.Richard Ehrenberg: Die alte Nürnberger Börse. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 8. Nürnberg 1889. S. 82–86.. IHK Nürnberg für Mittelfranken. Abgerufen am 19. Januar 2016.

Handelsgüter mini|Nürnberger Reichsguldiner aus dem Jahr 1573

An der Nürnberger Börse wurden sowohl Waren- als auch Finanzgeschäfte abgeschlossen.

Im Warenbereich sind Metallprodukte und Tuche zu nennen. Diese Güter wurden in Nürnberg nicht nur vertrieben, sondern auch in großer Menge hergestellt. Ihre hohe Verbreitung führte zu dem Spruch Nürnberger Hand geht durch alle Land.Dieser erscheint etwa bei Johann Christoph Wagner: Delineatio Provinciarum Pannoniae et Imperii Turcici in Oriente. Koppmayer, Augsburg 1687, S. 105. Später entwickelte sich daraus das leicht abgewandelte Sprichwort Nürnberger Tand geht durch alle Land.Michael Diefenbacher und Horst-Dieter Beyerstedt: Nürnberg. In: Wolfgang Adam und Siegrid Westphal (Hrsg.): Handbuch kultureller Zentren der Frühen Neuzeit – Städte und Residenzen im alten deutschen Sprachraum. Boston/Berlin 2012, S. 1586.Martin Schieber: Geschichte Nürnbergs. München 2007, S. 52. Am Herrenmarkt wurden zudem Gewürze gehandelt. Nürnberg war im 15. und 16. Jahrhundert ein internationaler Umschlagplatz für Safran und Pfeffer.Nils Hack: Der Gewürzhandel im Nürnberg des 14.–16. Jahrhunderts. Otto-Friedrich-Universität Bamberg 1995, S. 4.

Handelsobjekte im Finanzbereich waren Münzen (Sorten) und Wechsel. Wechsel spielten im Fernhandel eine wichtige Rolle, da sie einen bargeldlosen Zahlungsverkehr ermöglichten. Dies sparte Aufwand und reduzierte das Risiko eines Überfalls. Seit 1583 wurden auf Verlangen der Kaufmannschaft regelmäßig Wechselkurse der wichtigsten Handelspartner notiert.Eckart Schremmer (Hrsg.): Wirtschaftliche und soziale Integration in historischer Sicht. Marburg 1995, S. 66–67. Darüber hinaus wurden am Herrenmarkt Darlehen begeben.Otto Hintner: Wertpapierbörsen. Wiesbaden 1961, S. 14. Ein weiteres Handelsgut waren Anteilsscheine an Bergwerken, sogenannte Kuxe.Christine Bortenlänger, Ulrich Kirstein: Börse für Dummies. Weinheim 2013, S. 32. Durch ihren Erwerb sicherten Nürnberger Kaufleute die Versorgung der ansässigen Handwerker mit Metallen.

Handelsbräuche mini|Historienmalerei an der Fassade des heutigen Hauptgebäudes der IHK in Nürnberg. Unter dem Titel Nürnberger Kaufmannszug im Geleite zeigt es eine entsprechende Szene des 16. Jahrhunderts. Malerei von Georg Kellner (1910).

Die Nürnberger Börse war ein Handelsplatz der Großkaufleute. Am Herrenmarkt gingen einflussreiche Kaufmannsfamilien und Handelsgesellschaften ihren Geschäften nach. Der Einzelhandel wurde strikt von der Börse getrennt und fand in anderen Bereichen des heutigen Hauptmarkts statt.Rudolf Endres: Die selbständig handelnde Kaufmannschaft. In: Im Zeichen der Waage – Wirtschaft und Gesellschaft im Wandel – 425 Jahre Nürnberger Handelsvorstand. Nürnberg 1985, S. 35.

Die Nürnberger Großkaufleute organisierten sich zunächst informell in der Herrentrinkstube im alten Waaggebäude. Die damaligen Gebräuche hielt Lorenz MederLorenz Meder bei: Portal „Astronomie in Nürnberg“ 1558 in seinem Handelsbuch fest,Lorenz Meder: Handel Buch. Nürnberg 1558. das zum Standardwerk für die oberdeutschen Kaufleute wurde. Mit der im Jahr 1560 etablierten Marktordnung gaben sich die Kaufleute offizielle Regeln. Für ihre Durchsetzung war der Handelsvorstand der Börse verantwortlich. Er ahndete Verstöße mit Geld- oder Freiheitsstrafe. Die im Jahr 1564 veröffentlichte Nürnberger Zivilgesetzgebung, Der Stat Nürmberg verneute Reformation [sic], enthielt weitere Vorschriften zu Handelsgeschäften in der Stadt.Reichsstadt Nürnberg: Der Stat Nürmberg verneute Reformation. Nürnberg 1564.Werner Schultheiß: III. Die Reichsstadt (1254/72 bis 1806). 8. Entwicklung des Handelsrechts. Stadt Nürnberg. Abgerufen am 7. April 2016. In der Reformation von 1564 sind auch Bestimmungen über börsenmäßige Termingeschäfte enthalten.