Das Schwäbische verfügt über eine deutlich erkennbare eigene Grammatik. Nach außen hin markiert diese einen klaren Unterschied zum Standarddeutschen. Nach innen hinein erweist sie sich als einheitliche Grundlage des ganzen schwäbischen Sprachgebiets. Im Übrigen teilt das Schwäbische viele Elemente seiner Grammatik (nicht der Phonetik!) auch mit den anderen Dialekten des gesamten oberdeutschen Sprachgebiets. Nachfolgend sind nur einige Grundregeln dargestellt. Auf Ausnahmen und lokal begrenzte Besonderheiten wird der Übersichtlichkeit halber verzichtet.

Für viele grammatikalische Erscheinungen des Schwäbischen gilt, dass sie keine speziell schwäbischen Eigenheiten sind. Sie gehören zu den im gesamten oberdeutschen Sprachraum vorkommenden Gemeinsamkeiten – sofern der hochdeutsche Sprachdruck sie nicht zerstört hat. Dazu zählt z. B. die Verwendung des Verbums tun („ich täte“) als viertes Hilfsverb und die Verwendung des zusammengesetzten Perfekts als Hauptform der Vergangenheit. Ebenso ist ein vom Hochdeutschen unterschiedenes Geschlecht bei Substantiven oft nicht nur schwäbisch, sondern ursprünglich gemeinsam oberdeutsch.

Deklination Fälle mini|„Schwäbischer Genitiv“ alsDativ-Umschreibung: „vo-Genitiv“gesehen in Stuttgart

Das Schwäbische kennt nur drei Fälle: Nominativ, Dativ und Akkusativ. Der Genitiv kommt nur noch in wenigen feststehenden Formulierungen vor und ist nicht mehr lebendigFriedrich E. Vogt, Schwäbisch in Laut und Schrift, 2. Aufl. 1979, S. 92f.. An seiner Stelle benutzt das Schwäbische zwei verschiedene Konstruktionen, um Zugehörigkeit auszudrücken. Es gibt die Dativ-Umschreibung bei Personen und Tieren: Maem Vaddr sae Hemed (Meinem Vater sein Hemd = Das Hemd meines Vaters). Häufiger ist der vo-Genitiv bei Dingen: D Rädor vo maem Audo (Die Räder von meinem Auto = Die Räder meines Autos) Nominativ und Akkusativ lauten bei Substantiven fast immer gleich. Klare UnterschiedeVgl. Eduard Huber, Schwäbisch für Schwäben, 2008, S. 41–44. zwischen Nominativ und Akkusativ finden sich dagegen bei den Personalpronomen, z. Bsp. (Nom./Akk.) i/mi, du/di, mir/ons (dt. ich/mich, du/dich, wir/uns) und bei Adjektiven, sowie bei den männlichen Singularformen von Demonstrativpronomen z. Bsp. där/denn, sällor/sälla (dt. dieser/diesen, jener/jenen). Die Unterschiede in der Aussprache der Personalpronomen in den einzelnen Regionen des Schwäbischen Sprachgebiets, z. Bsp. ons/aos/aes, uich/eich (dt. uns, euch) sind phonetische, nicht aber grammatikalische Varianten.

Plural und Diminutiv Pluralformen werden auf vier verschiedene Arten gebildet.

a) Plural ohne Endung:

Diesen Plural haben alle Wörter, deren Plural deutsch mit -e und mit -s gebildet wird. Er kommt besonders häufig bei männlichen Substantiven vor. Der Wortstamm wird dabei etwas häufiger als im Deutschen umgelautet, z. B. Daag/Dääg (Tag), Waaga/Wääga (Wagen), wodurch Singular und Plural unterscheidbar werden. Sofern diese Worte im Plural keinen Umlaut besitzen, bleiben Singular und Plural identisch.

Beispiele (deutsch -e): Disch/Disch (Tisch), Fuaß/Fiaß (Fuß), Boom/Beem (Baum) Beispiele (deutsch -s): Audo/Audo (Auto), Radio/Radio, Uhu/Uhu.

b) Plural mit der Endung -a (unbetontes nasaliertes a):

Hier finden sich diejenigen Wörter, die deutsch den Plural mit -en bilden. Diese Pluralbildung kommt besonders häufig bei weiblichen Substantiven vor.

Beispiele: Frao/Fraoa (Frau), Sach/Sacha (Sache), Dasch/Dascha (Tasche).

c) Plural mit der Endung -ena:

Diese Pluralbildung hat im Deutschen keine reguläre Entsprechung. Sie ist bei einigen Worten weiblichen Geschlechts regelhaft, ihr Gebrauch dehnt sich aber gelegentlich auch auf weitere weibliche Wörter ausVgl. Friedrich E. Vogt, Schwäbisch in Wort und Schrift, 2. Aufl. 1979, S. 94. Möglicherweise wird dies begünstigt durch den Einfluss des weiblichen Plurals in Worten wie Beire/Beirena (Bäuerin), Segredäre/Segredärena (Sekretärin) usw.

Beispiele für feste Verwendung: Kuche/Kuchena (Küche), Schual/Schualena (Schule) Hierher gehören auch die zweisilbigen weiblichen Worte, die im Singular (er ist im Schwäbischen zuallermeist endungslos!) die feste Endung -e aufweisen. Beispiele: Schdregge/Schdreggena (Strecke), Bråede/Bråedena (Breite), Leenge/Leengena (Länge), Fleche/Flechena (Fläche) u. a. m. Beispiele für schwankende VerwendungVgl. Friedrich E. Vogt, Schwäbisch in Wort und Schrift, 2. Aufl. 1979, S. 94: Schduub/Schduuba und Schduubena (Wohnzimmer), Dräbb/Dräbba und Dräbbena (Treppe)

d) Plural mit der Endung -or:

Diese Pluralbildung entspricht der deutschen auf -er. Sie klingt im Schwäbischen nach -or. Diese Pluralbildung kommt besonders häufig bei sächlichen Substantiven vor. Sie umfasst im Schwäbischen einige Wörter mehr als im Deutschen.

Beispiele (deutsch -er): Holz/Helzor, Bridd/Briddor (Brett), Dach/Dechor Beispiele für weitere Verwendung: Hefd/Hefdor (Heft), Hemed/Hemedor (Hemd)

e) Diminutiv: Es wird durch Anhängen der Endungen -le (Singular) und -la (Plural) gebildet. Somit wird im Diminutiv zwischen Singular und Plural unterschieden, während bei den standarddeutschen Bildungen auf -lein bzw. -chen Singular- und Pluralform undifferenziert sind. Die Endung wird direkt an den Wortstamm angehängt. Wird der Plural mit einem Umlaut im Wortstamm gebildet, dann bleibt dieser auch im Diminutiv erhalten. Beispiel (Sg./Pl./Dim.): Volg / Velgor / Velgle (Volk) Besitzt schon der Singular eine Endung, wird auch hier die Diminutivendung direkt an den Wortstamm angehängt. Bei den Singularendungen auf -l (deutsch -el) und -a (deutsch -en) wird zusätzlich ein Schwa-Laut zwischen Stamm und Diminutivendung eingefügt. Beispiele (Sg./Pl./Dim.): Bronna/Bronna/Brennale (Brunnen); Schlissl/Schlissl/Schlissele (Schlüssel).

Genusunterschiede Schwäbisch/Deutsch Es gibt ca. 70 Substantive, die im klassischen Schwäbisch ein anderes Geschlecht haben als im StandarddeutschenFriedrich Vogt, Schwäbisch in Laut und Schrift, 2. Aufl. 1979, S. 95f.. Viele dieser Substantive tauchen in gleicher Weise auch im Bairischen aufVgl. Ludwig Merkle, Bairische Grammatik, München, 3. Aufl. 1986, S. 102ff; ihr anderes Geschlecht ist somit keine nur schwäbische Eigenart, sondern stellt eine großräumigere gesamtoberdeutsche Gemeinsamkeit dar.

350px|mini|Aus dem Brief einer schwäbischen Schülerin vom Jahr 1943: Auch das Wort „Pacht“ hat ein männliches Genus Die häufigste Variation ist ein männliches statt weibliches Geschlecht. In der Regel hat das Schwäbische hier das altdeutsche männliche Genus erhalten, hat also sprachgeschichtlich gesehen Recht. Das standarddeutsche weibliche Genus dagegen ist in den allermeisten Fällen eine Neubildung.Genaueres, wenn bei einem Wort eine Genusdifferenz zwischen Deutsch und Schwäbisch vorliegt, findet man im Grimmschen Wörterbuch

Am bekanntesten ist die Differenz d'r Budder zu die Butter. Es gibt aber auch weitere sehr geläufige Abweichungen wie d'r Schogglad (Schokolade), d'r Bagga (die Backe, der Backen), d'r Färsa (Ferse), d'r Karra (die Karre, der Karren), d'r Sogga (die Socke, der Socken), d'r Zwibl (Zwiebel), d'r Heischrägg (die Heuschrecke, regional der Heuschreck) usw. Auch Ziffern haben klassisch ein männliches statt weibliches Geschlecht: Dor Oeser, Zwåeor, Dreior (der Einser, Zweier, Dreier) usw. Ebenso Zahlen, wenn sie als Nummern gebraucht werden, etwa als Nummer einer Buslinie.

Moderne Süßgetränke haben im Schwäbischen (und im ganzen süddeutschen Sprachraum verbreitet) ein sächliches statt weibliches Geschlecht:

das Spezi, das Cola, das Fanta u. ä. m.

Etwas weniger häufig sind Variationen zwischen männlichem und sächlichem Geschlecht: s Deller (der Teller) und umgekehrt dor Virus (das, auch der Virus). Klassisch haben auch Buchstaben ein männliches statt sächliches Geschlecht: Dor A, dor B, dor C usw., was aber durch den standarddeutschen und schulischen Sprachdruck weitgehend zerstört worden ist.

Artikel und Pronomen Bei der Bildung der Artikel und Pronomen ergeben sich große Unterschiede zum Hochdeutschen.

Der unbestimmte Artikel Die Grammatik des unbestimmten Artikel ist im ganzen schwäbischen Sprachgebiet einheitlich. Dennoch ist die Aussprache der einzelnen Formen regional sehr unterschiedlich. Dies hängt damit zusammen, dass alle Formen des unbestimmten Artikels unbetont sind. Deshalb werden die Vokale nur leicht ausgesprochen und können in ihrer Klangfarbe (a/e/o) stark variieren. Kasus männlich weiblich sächlich Plural Nominativ a Mã a Frao a Kend  - Leid (dt. Leute)  Akkusativ onn/ann Mã a Frao a Kend  - Leid Dativ emma Mã ära Frao emma Kend  - Leid

mini|210px|Kopfkissenbezug: „i han dr ganz Dag gschaffd“ (ich habe den ganzen Tag gearbeitet). Der Akk. mask. Sg. des best. Artikels ist an den Nom. angeglichenKarl Bohnenberger, Die Mundarten Württembergs, Stuttgart 1928, S. 42 Der bestimmte Artikel Kasus männlich weiblich sächlich Plural Nominativ/Akkusativ d(o)r Mã d Frao s Kend d Leid (Leute) Dativ em Mã d(o)r Frao em Kend de Leid

Im Südwestschwäbischen ist im Nom. Sg. Mask. der Aussprachevokal „o“ vor „r“ völlig geschwunden. Die hier angemessene Schreibweise „dr“ wird gerne auch von Mundartautoren der anderen Regionen übernommen, obwohl dort der Aussprachevokal gut erhalten und hörbar geblieben ist. Das Südwestschwäbische gebraucht mit „da“ für den Akk. Sg. Mask. eine vom nom sg masc „dr“ unterschiedene Form.

Das Demonstrativpronomen I Das Demonstrativpronomen I bezeichnet in der Nähe befindliche Personen, Tiere oder Gegenstände.Es wird fast immer in Verbindung mit einem nachgestellten då (dt. hier) gebraucht, also: där Mã då, dui Frao då usw.Regional wird es durch das Demonstrativpronomen III ersetzt. Kasus männlich weiblich sächlich Plural Nominativ där Mã dui Frao dees Kend dia Leid Akkusativ denn Mã dui Frao dees Kend dia Leid Dativ demm/däam Mã dära Frao demm/däam Kend denne/däane Leid

Das Demonstrativpronomen II Das Demonstrativpronomen II bezeichnet vom Sprecher entfernte Personen, Tiere oder Gegenstände. Kasus männlich weiblich sächlich Plural Nominativ sällor Mã sälla Frao säll Kend sälle Leid Akkusativ sälla Mã sälla Frao säll Kend sälle Leid Dativ sällem Mã säll(o)ra Frao sällem Kend sälle Leid

Die mit diesem Demonstrativpronomen verwandten Adverbien, wie z. B. sällmål (damals, zu jener Zeit) oder „sält“ (dort) drücken eine zeitliche oder räumliche Entfernung aus.

Das Demonstrativpronomen III Dieses Demonstrativpronomen kommt regional im Südwestschwäbischen Bereich vor. Es hat dort die gleiche Bedeutung „dieser“ wie das Demonstrativpronomen I. Kasus männlich weiblich sächlich Plural Nominativ äner/eaner Mã äne/eane Frao änes/eanes Kend äne/eane Leid Akkusativ äna/eana Mã äne/eane Frao änes/eanes Kend äne/eane Leid Dativ ä(ne)m/ea(ne)m Mã änârâ/eanârâ Frao ä(ne)m/ea(ne)m Kend äne/eane Leid

mini|Die schwäbische Gemeinde Gomaringen Krs. Tübingen wirbt um Auszubildende: „Du fehlsch aos!“ Du fehlst uns!

Personal- und Possessivpronomina Hinweise: 1. Vor dem Schrägstrich (/) stehen die Vollformen, nach dem Schrägstrich stehen die enklitischen (unbetonten) Formen. Da die enklitischen Formen immer an ein vorausgehendes Wort angehängt werden, ist vor sie ein Bindestrich (-) gesetzt. 2. Folgt nach dem Schrägstrich ---, dann gibt es hier keine enklitische Form und es wird die Vollform gebraucht. 3. Kaum hörbare Vokale werden durch einen Bogen über dem Vokal gekennzeichnet (ă, ĕ und ŏ). Im Südwestschwäbischen entfallen die so gekennzeichneten Vokale ganz. 4. Sternchen (*) verweisen auf Anmerkungen direkt nach der Tabelle.