Die Zerstörung von Kalisz war ein Ereignis aus der Anfangsphase des Ersten Weltkriegs im August 1914. Die Stadt Kalisz in Russisch-Polen wurde dabei von deutschen Truppen zuerst besetzt, dann aus heute nicht mehr aufzuklärenden Gründen angegriffen und teilweise zerstört. Geschätzt mindestens 100 Einwohner der Stadt wurden von den Deutschen erschossen. Die Ereignisse erinnern an das Verhalten deutscher Truppen bei der Invasion Belgiens und der Zerstörung Löwens im August 1914.

Hintergrund mini|Karte des Gouvernements Kalisz. Kalisz (russ. als Калишъ markiert) liegt nahe der Westgrenze des Gouvernements. Das großpolnische Kalisz (dt. Kalisch), gelegen am Fluss Prosna, gilt als eine der ältesten Städte in Polen und wurde bereits von Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. erwähnt (siehe Kalisia). Im 13. Jahrhundert erhielt es vom großpolnischen Herzog Bolesław dem Frommen das Stadtrecht. Bei der Dritten Teilung Polens 1795 fiel es an das Königreich Preußen und gehörte bis 1807 zur Provinz Südpreußen, danach zum Herzogtum Warschau. Ab 1815 gehörte es zum in Personalunion mit dem Russischen Kaiserreich verbundenen Königreich Polen (Kongresspolen) und war Grenzstadt zu Preußen bzw. dem späteren Deutschen Kaiserreich.George J. Lerski: Historical Dictionary of Poland, 966–1945, ABC-CLIO, 1996, S. 238 f. 1867 wurde Kalisz Sitz eines russischen Gouvernements und wurde 1902 an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Danach stieg die Bevölkerungszahl sprunghaft an von etwa 38.000 um 1900Geschichte von Kalisz (Kalisch) auf regionwielkopolska.pl auf 65.400 bei der letzten Volkszählung vor dem Krieg im Jahre 1913.Von den 65.400 Einwohnern waren 5600 oder 8,7 % russisch-orthodox, 31.372 oder 48 % römisch-katholisch, 7026 oder 10,7 % evangelisch, 21.287 oder 32,5 % jüdisch, siehe Kalisz, jego dzieje i zniszczenie przez Prusakow, 1914, S. 10. Kalisz war 1914 Garnisonsstadt für das 14. Kleinrussische Dragonerregimentrussisch: , vgl. . und Sitz des Hauptquartiers einer Brigade der russischen 14. Kavalleriedivision.

Rekonstruktion der Ereignisse Besetzung der Stadt am 2./3. August Am 1. August 1914 hatte das Deutsche Reich dem Russischen Kaiserreich nach der Nichtbefolgung eines Ultimatums zur Einstellung von dessen Generalmobilmachung den Krieg erklärt. In der Nacht vom Sonntag, dem 2. August 1914, dem ersten Mobilmachungstag im Deutschen Reich, zum Montag, dem 3. August, besetzten deutsche Truppen ohne ernstliche Gegenwehr und nach einer chaotisch verlaufenden russischen Evakuierung die polnisch-russischen Grenzstädte Kalisz (Kalisch), Częstochowa (Tschenstochau) und Będzin (Bendzin), letztere in Schlesien. In Kalisz wurden von den Russen vor ihrem Abzug die Hauptbrücke über die Prosna gesprengt und einige strategische Gebäude in Brand gesetzt.Engelstein, S. 467. Die Bevölkerung von Kalisz empfing die deutschen Truppen mit freundlicher Neugier, der polnische Bürgermeister Bronisław Bukowiński leitete ein Begrüßungskomitee. Major Hans Rudolf Hermann Preusker, Kommandeur des II. Bataillons/7. Westpreußisches Infanterie-Regiment Nr. 155 (vor dem Krieg in Ostrowo/Ostrów stationiert, rund 25 Kilometer von Kalisz entfernt; zugehörig zur 10. Division des V. Armee-Korps) hatte den Befehl über die deutschen Truppen in der Stadt. Er bezog sein Quartier im Hotel Europa nahe dem Stadtzentrum. Er ließ am 3. August eine Proklamation über die Übernahme der preußischen Militärverwaltung über Kalisz verlautbaren. Darin wurde u. a. die Abgabe aller Waffen im Privatbesitz binnen 24 Stunden gefordert.Proklamation „An die Einwohner von Kalisch“, Dokument 1 in Flockerzie, S. 78. Die örtliche, überwiegend aus Russen bestehende Polizei wurde aufgelöst und entwaffnet.

Ereignisse vom 3. bis 7. August Am Abend des 3. August ereignete sich der erste Zwischenfall: Nach angeblichen Schüssen auf deutsche Truppen begannen diese mit Schießereien und Artilleriefeuer auf das Zentrum der Stadt. Einwohner wurden aus ihren Häusern gezerrt und auf offener Straße misshandelt und teilweise erschossen. Bürgermeister Bukowiński musste die ganze Nacht durch mit dem Gesicht auf dem Boden auf der Straße liegen und wurde bewusstlos geschlagen, einer seiner Mitarbeiter wurde erschossen, als er ihn mit einem Mantel zudecken wollte.

Am Morgen des 4. August wurden Ärzte, darunter Dr. Alfred Dreszer vom , bei ihrer Hilfe für die Verwundeten behindert, die Bergung von Verwundeten und Toten wurde durch deutsche Soldaten verhindert. Am gleichen Tag ließ Major Preusker eine Proklamation in deutscher und polnischer Sprache verlautbaren, in der der Besuch von Restaurants verboten, eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, die Erschießung jedes 10. männlichen Erwachsenen als Vergeltung für Übergriffe angedroht und eine Kontribution von 50.000 Rubel gefordert wurde. Das Erscheinen von Zeitungen wurde verboten.Proklamation „An den Magistrat Kalisch“, Dokument 2 in Flockerzie, S. 78–79 (Bild). Darin ist die Rede von 6 Geiseln, die über Nacht genommen worden seien und bei der kleinsten Zuwiderhandlung erschossen würden.

Am Nachmittag des 4. August zogen sich die deutschen Truppen aus der Stadt zurück. In den folgenden Tagen bis zum 7. August wurde die Stadt sporadisch mit Artillerie beschossen, ohne dass dadurch größere Schäden entstanden,Aussage Unteroffizier Stanisław Biegański, Dokument 3 in Flockerzie, S. 79–80. ein Zeuge gab später an, insgesamt 88 Granaten gezählt zu haben.Aussage Karol Szpecht, Dokument 4 in Flockerzie, S. 80–81.

Ereignisse vom 7. bis Ende August Am 7. August gegen 14:00 zogen zwei Bataillone des Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 7 (2. westpreußisches) der 3. Landwehr-DivisionFlockerzie, S. 74, Fn. 4. bzw. zu einem wahrscheinlich späteren Zeitpunkt auch ein Bataillon des Königlich Sächsischen Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 133Artikel in Dziennik Poznański vom 27. Mai 1915, Dokument 8 in Flockerzie, S. 84–86. in Kalisz ein und lösten das Infanterie-Regiment 155 ab, das nach der Herstellung des mobilen Zustands des V. Armee-Korps an die Westfront verlegt wurde. Der Regimentskommandeur, ein Oberstleutnant von Hofmann, ließ den polnischen Magistrat einbestellen und erreichte dessen Zusage, dass sich ähnliche Vorfälle wie in den Vortagen nicht wiederholen würden.Friedrich Max Kircheisen: Das Völkerringen 1914, S. 295. Nur wenig später kam es jedoch zu neuen Schießereien. Mehrere Zeugen erwähnten später ein scheuendes Pferd als Auslöser für die Verwirrung. Die deutsche Seite behauptete später, man sei nach einem „Signal“ unter gezieltes Feuer genommen worden und habe das Feuer nur erwidert.

An diesem und dem Folgetag folgte ein weiterer Beschuss von Kalisz mit Artillerie. Brände brachen aus, die noch zehn weitere Tage wüteten und einen Teil der Stadt zerstörten. Es fanden willkürliche Erschießungen statt, unter den Opfern waren Priester, Frauen und Kinder. Am Abend wurde das Rathaus in Brand gesetzt, das Artilleriefeuer dauerte die ganze Nacht über an. Am 8. August wurden rund 700–800 männliche Einwohner als Geiseln genommen und auf einem Feld außerhalb der Stadt festgehalten. Tausende Einwohner flohen aus Angst um ihr Leben aus der Stadt. Die deutschen Truppen plünderten und brandschatzten die verlassene Innenstadt. Nur rund 5000 Einwohner blieben Mitte August noch in der Stadt zurück. Die ärmeren Bewohner flohen in die umliegenden Dörfer, die Reichen bis nach Warschau oder ins eigentliche Russland.

Am 10. und 11. August wurden Häuser systematisch geplündert und danach niedergebrannt. Möbel und Haushaltsgegenstände wurden mit requirierten Fuhrwerken zum Bahnhof gebracht, um nach Deutschland gebracht zu werden. Soldaten gingen anschließend mit Strohballen von Haus zu Haus und legten damit Brände, die etwa 10 Tage anhielten.Aussage Michał Majewski, Dokument 5 in Flockerzie, S. 82–83. Fast der gesamte Zentrumsbereich wurde ein Opfer der Flammen. Am 11. August wurden Dr. Dreszer und einige seiner Mitarbeiter vom Hospital und etwa 20 weitere Bürger von den Deutschen vor die Stadt gebracht und mit Erschießung bedroht, später aber freigelassen. Dreszer wurde trotz seiner deutschen Abstammung beschuldigt, ein Spion zu sein. Er floh nach seiner Freilassung aus der Stadt. Am 13. August wurden rund 500 männliche Geiseln (von ursprünglich mindestens 750) nach Deutschland deportiert, wo ein Teil von ihnen in Posen verhört wurde.

Am 17. August kehrte Bürgermeister Bukowiński in die Stadt zurück und fand eine Szene der Verwüstung vor. Plünderungen und Brandlegungen gingen noch einige Zeit weiter, vermutlich bis zum 22. August, als ein deutscher General auf Bitten Bukowińskis intervenierte. Bukowiński gelang später die Flucht nach Russland.

Presseberichte, propagandistische Verwertung und Untersuchungen während des Krieges Durch Berichte von Flüchtlingen aus Kalisz gelangten Nachrichten über die Ereignisse rasch an die Öffentlichkeit. Bereits am 8. August brachte die Petrograder Zeitung Nowoje wremja einen Bericht über „deutsches Barbarentum“ in Polen. Am 14. August 1914 brachte die Zeitung Birzhevye vedomosti („Börsennachrichten“) einen Artikel unter der Überschrift „Unerhörte deutsche Grausamkeit in Kalisz, Augenzeugenberichte“. Weitere russisch-, polnisch- und jiddischsprachige Medien folgten in den nächsten Wochen mit teilweise reißerisch aufgemachten Artikeln. Im Oktober 1914 wurde Bürgermeister Bukowiński für die auflagenstarke russische Zeitschrift Niva interviewt. In einem weiteren Interview, das 1915 geführt wurde, erwähnte Bukowiński zwei Revolverschüsse gegen 23:00 am 3. August als Auslöser der Angriffe.

Auch deutsche Zeitungen berichteten über die Vorfälle in Kalisz. Einige von ihnen machten – trotz Pressezensur – einen „Franktireurwahn“ für die Ereignisse verantwortlich.Engelstein, S. 462. Erheblich umfangreicher war allerdings die Berichterstattung über „russische Gräueltaten“ in Ostpreußen. Die russische Seite wiederum versuchte, mit den Vorfällen in Kalisz und anderswo ihr hartes Vorgehen gegenüber der Bevölkerung in Ostpreußen zu rechtfertigen.

Für die Vorfälle in Kalisz, die mit ähnlichen Ereignissen in Belgien und Frankreich verglichen wurden, bürgerte sich in Polen während des Krieges der Begriff katastrofa kaliska ein. Teilweise sprach man auch, angeregt durch die Londoner Times und in Umkehrung der Chronologie, von einem „polnischen Löwen“.Keya Thakur-Smolarek: Der Erste Weltkrieg und die polnische Frage, S. 106 f. Der Propagandafilm Krwawe dni Kalisza („Kalischs blutige Tage“) aus dem September 1914 wurde für längere Zeit in Warschauer Kinos gezeigt. Das Kabarettprogramm „Wiluś i spółka“ („Wilhelm & Co.“) war ebenfalls sehr populär.Harold B. Segel über Polen in: European Culture in the Great War: The Arts, Entertainment and Propaganda 1914–1918, S. 69.

In Russland stellte man insbesondere das Schicksal des russischen Finanzbeamten Sokolow in den Mittelpunkt, der von den Deutschen erschossen worden war, weil er ihnen kein Geld oder Dokumente ausliefern wollte, und somit in „treuester Pflichterfüllung“ gestorben war. Für ihn wurde in Petrograd eigens ein Gedenkgottesdienst in Anwesenheit des Finanzministers Pjotr Bark und des Oberprokurors des Heiligen Synod Wladimir Sabler abgehalten.Engelstein, S. 451 ff. Zeitungen wie Birzhevye vedomosti berichteten über verbreitete sexuelle Übergriffe gegen Frauen und Mädchen, darunter auch gegen Jüdinnen. Die tatsächliche Zahl solcher Vorfälle kann aber nicht sehr hoch gewesen sein, wie Birzhevye vedomosti selbst zugab und vor Übertreibungen warnte.Engelstein, S. 453 ff.