mini|Oberst Doihara Kenji (Foto 1931/1932) Doihara Kenji (, * 8. August 1883 in Okayama; † 23. Dezember 1948 in Tokio) war ein nationalistischer japanischer Spion, Politiker und General des Japanischen Kaiserreichs, der von 1913 bis 1940 in China tätig war. Er war einer der Hauptverantwortlichen für die japanische Besetzung der Mandschurei 1932 und den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg. Von dem westlichen Journalisten H. G. W. WoodheadWaldron: From War to Nationalism. S. 16. erhielt er in Anlehnung an den britischen Geheimagenten T. E. Lawrence den Spitznamen Lawrence von China (später auch Lawrence von Mandschurien). In der kaiserlich-japanischen Armee war er der bekannteste Shina tsu (, China Spezialist).Kotani: Japanese Intelligence in World War II. S. 43. Doihara wurde in den Tokioter Prozessen von 1946 bis 1948 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Biografie mini|Kadett Kenji Doihara (1903) Doihara Kenji wurde als Sohn eines Majors der kaiserlich-japanischen Armee in der Stadt Okayama geboren.Hiroku Doihara Kenji (), S. 179. Durch seine Herkunft war sein beruflicher Werdegang bereits von vornherein festgelegt. Doihara schrieb sich im Alter von 14 Jahren im Oktober 1897 in der Kadettenschule Tokio (, rikugun yōnen gakkō) ein. Nach erfolgreichem Abschluss der Kadettenschule besuchte er bis 1904 die Kaiserlich Japanische Heeresakademie (, rikugun shikan gakkō, 16. Abschlussjahrgang) und wurde nach dem erfolgreichen Abschluss aller Prüfungen zusammen mit Okamura Yasuji und Itagaki Seishirō zum Offizier. Er war der beste Absolvent seines Jahrgangs und zeigte ein besonderes Talent bei dem Erlernen von Fremdsprachen. Wegen seiner stark vom Militär geprägten Erziehung hatte Doihara bereits seit seiner Jugendzeit als größtes Ziel, die Mandschurei (heute Nordostchina) zu einem Teil des japanischen Kaiserreiches zu machen.

Nach dem Ende seiner Ausbildung diente Doihara in verschiedenen Infanterieeinheiten des japanischen Heeres und wurde im Russisch-Japanischen Krieg eingesetzt. Im Zeitraum von November 1904 bis zum Januar 1905 erlebte er die Belagerung von Port Arthur. Im Juli und August 1905 nahm er an der Eroberung der russischen Insel Sachalin (, Karafuto-tō) teil. 1907 wurde er zum Oberleutnant (, Chūi) befördert. Ab 1909 besuchte er die japanische Heereshochschule und schloss sein Studium im November 1912 29-jährig ab, während im Allgemeinen ein Mindestalter von 30 Jahren für die Aufnahme an der japanischen Heereshochschule galt.

Spion in China Nach dem Abschluss seines Studiums ging Doihara im Januar 1913 als Militärattaché nach Peking und wurde dort Assistent von Bansai Rihachirō, einem der erfahrensten Veteranen der japanischen Nachrichtendienste in China.

In verschiedenen Quellen wird behauptet, Doihara habe Fotos seiner jüngeren Schwester angefertigt und sie einem Prinzen des japanischen Kaiserhauses übergeben, der dann Doiharas Schwester als Konkubine wählte. Zum Dank soll Doihara die Stelle in Peking erhalten haben.Terry Crowdy: The Enemy Within. S. 221 ff., das Gerücht geht auf Amleto Vespa zurück. In Anbetracht seiner Fähigkeiten ist jedoch wahrscheinlicher, dass diese Geschichte erst später in die Welt gesetzt wurde, um ihn als besonders bösartig zu charakterisieren. Doihara hatte gelernt, Hochchinesisch, verschiedene chinesische Regionalsprachen sowie neun europäische Sprachen fließend zu sprechen. Er hatte ein sympathisches und aufgeschlossenes Wesen, wodurch es ihm leichtfiel, neue Bekanntschaften zu schließen.Richard Deacon: A History of The Japanese Secret Service. S. 141–156. Diese Fähigkeiten prädestinierten ihn in den Augen des kaiserlich-japanischen Generalstabs für Spionagetätigkeiten.

Bansai Rihachirōs Geheimorganisation war damit befasst, den japanischen Einfluss auf die chinesische Innenpolitik auszudehnenZum Zeitpunkt von Doiharas Versetzung war General Yuan Shikai Präsident der 1911 ausgerufenen Republik China. Seine Macht beruhte im Wesentlichen auf der Kontrolle der Peking-Armee, die aus der alten kaiserlichen Armee entstanden war. Als sich Yuan jedoch 1915 als chinesischer Kaiser ausrufen lassen wollte, rebellierten seine Untergebenen gegen ihn. Als er 1916 starb, zerfiel die Peking-Armee in mehrere Fraktionen. Die Periode der chinesischen Warlords begann und mit ihr eine Zeit der verstärkten Einflussnahme Japans auf die chinesische Innenpolitik. Die treibende Kraft der japanischen Bemühungen war der ehemalige Generalgouverneur Koreas und Premierminister Terauchi Masatake, der sich bereits bei der Ausplünderung der koreanischen Halbinsel und der Assimilation der koreanischen Bevölkerung einen zweifelhaften Namen gemacht hatte (siehe Seagrave: Gold Warriors, S. 18–19). Terauchis Pläne wurden von Bansai Rihachirō in die Tat umgesetzt. und diente als Übungsfeld für Doihara Kenji.Iriye: The Chinese and the Japanese. S. 146. Im August 1913 wurde Doihara zum Hauptmann (, taii) befördert.

Unterstützung der Anhui-Clique mini|Honjō Shigeru (untere Reihe 1. v.links), Bansai Rihachirō (untere Reihe 2. v.links) und Doihara Kenji (obere Reihe, 4. v. links) (1918) mini|Demonstrierende Studenten vor dem Tor des Himmlischen Friedens (Peking, 1919) Die Japaner favorisierten die 1916 entstandene Anhui-Clique unter General Duan Qirui als zukünftige chinesische Regierung und ließen sich als Gegenleistung für umfangreiche Militärhilfe großzügige Konzessionen zum Abbau von Bodenschätzen ausstellen, die von der japanischen Industrie vorher teuer importiert werden mussten. Die Verhandlungen, die zur Aufnahme der Nishihara-Kredite durch Duan Qirui führten, wurden wesentlich von Bansai und seinen Mitarbeitern vorbereitet, zu denen auch Doihara zählte.

Doihara leistete in der Folgezeit bei der Organisation der Unterstützung für Anhui erstmals überdurchschnittliche nachrichtendienstliche Arbeit. Er wurde Assistent des Majors Honjō Shigeru,Edward Behr:Hirohito: Behind the Myth; S. 93.Randau, Zugsmith: The Setting Sun of Japan. S. 90. der ebenfalls ein früher Protagonist der japanischen imperialistischen Expansion war. Doihara hatte die Gelegenheit, aus den Reihen der Anhui-Clique ein eigenes Netzwerk krimineller Chinesen aufzubauen. Er wurde im Juli 1919 zum Major (, shōsa) befördert.

1920 wurde die Anhui-Clique aufgrund politischer und militärischer Fehler Duan Qiruis von verfeindeten Militärfraktionen besiegt.Wegen der japanischen Militärunterstützung dominierten die Anhui-Militaristen in den Jahren 1916 bis 1920 den Norden Chinas und galten als international anerkannte Regierung Chinas. Als das Abkommen zwischen der Anhui-Clique und den Japanern 1919 nach den für China nachteilig verlaufenen Verhandlungen von Versailles bekannt wurde, hatte dies massive Proteste der Bevölkerung zur Folge, die später als Bewegung des vierten Mai bezeichnet wurden. Den mit Anhui verfeindeten Militär-Fraktionen, die mit der Bewegung des vierten Mai sympathisierten, gelang es bald darauf, sich mit dieser zu verbünden und 1920 die Truppen der Anhui-Clique zu besiegen. In der Stunde der Niederlage rettete Doihara den gestürzten Präsidenten Duan Qirui in einem Wäschekorb vor protestierenden Studenten in Peking.Seth: Secret Servants S. 110–111. Mit der Entmachtung der Anhui-Clique mussten auch die Japaner einen Rückschlag hinnehmen und waren gezwungen, sich nach einem neuen Partner umzusehen, der ihnen Zugang zu den für die koloniale Expansion dringend benötigten chinesischen Rohstoffvorkommen verschaffte. Doihara hatte sich durch seinen erfolgreichen Einsatz bei der Rettung Duans erneut für verantwortungsvolle Aufgaben empfohlen.

Japanische Intervention im Russischen Bürgerkrieg Nach dem Ende der Herrschaft der Anhui-Clique hielt sich Doihara von April 1920 bis 1922 im während des Russischen Bürgerkriegs japanisch besetzten Teil der sowjetischen Fernöstlichen Republik auf. Er war in der heutigen Region Primorje stationiert, dort erstmals für die neugegründete Tokumu Kikan, eine Spezialeinheit des kaiserlich-japanischen Heeres, tätig und unterstützte den russischen Bürgerkriegsgeneral Grigori Michailowitsch Semjonow im Kampf gegen die Rote Armee.Weland: Misguided Intelligence. S. 452.

Am 27. Oktober 1921 trafen sich in Baden-Baden drei Majore der kaiserlich-japanischen Armee mit dem Prinzen Higashikuni Naruhiko, um die Übernahme der Regentschaft durch Prinz Hirohito von dessen geisteskrankem Vater Kaiser Yoshihito vorzubereiten. Mit Hilfe des jungen Regenten sollte der Einfluss des alten Chōshū-Klans unter Führung von Yamagata Aritomo auf das kaiserlich-japanische Heer beseitigt werden. Die mit veralteter Technik ausgestattete Truppe musste in eine schlagkräftige und moderne Armee umgewandelt werden, um die imperialen Träume des zukünftigen Kaisers Hirohito zu verwirklichen. Die Offiziere und Prinz Higashikuni wählten elf vertrauenswürdige Männer aus. Unter ihnen waren Tōjō Hideki, Itagaki Seishirō und Doihara Kenji.Bergamini: Japan’s Imperial Conspiracy, S. 326.

Nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion gehörte Doihara wieder der China-Abteilung des japanischen Militärnachrichtendienstes anKitaoka: China Experts in the Army. S. 343. und baute seine Beziehungen zur chinesischen Politprominenz weiter aus. Gleichzeitig stieg er weiter in der Hierarchie der japanischen Armee auf. Im August 1923 erhielt er den Rang eines Oberstleutnants (, chūsa).

Doihara wurde ein Berater des zur Zhili-Fraktion gehörenden Politikers Cao Kun, der am 10. Oktober 1923 zum Präsidenten der Republik China ernannt wurde. Als Berater des Präsidenten wurde Doihara auch Mitglied der bald darauf ins Leben gerufenen Chinesisch-Japanischen Kulturgesellschaft, der neben namhaften chinesischen Politikern auch einige der besten Agenten der japanischen Nachrichtendienste angehörten.Yan: Re-understanding Japan. S. 138.

Militärhilfe für den Kriegsherren Zhang Zuolin Die Zhili-Fraktion unter der Führung von Wu Peifu war auf eine eigenständige Entwicklung Chinas ausgerichtet, was im Widerspruch zu den imperialistischen Hegemoniebestrebungen der japanischen Militaristen stand. Daher wurde durch die japanischen Geheimdienstler die Machtergreifung durch die Fengtian-Clique unter dem chinesischen Warlord Zhang Zuolin vorbereitet.Die Position der Zhili-Fraktion sollte zukünftig die Fengtian-Clique unter dem chinesischen Warlord Zhang Zuolin übernehmen. Der Machtbereich des den Japanern sehr wohlwollend gesinnten Zhāng erstreckte sich seit 1920 über die Mandschurei. Zhang hatte japanischen Diplomaten und Geheimagenten, zu denen auch Honjō Shigeru gehörte, de facto seinen Aufstieg in diese Machtposition zu verdanken. Er war bereits während des russisch-japanischen Krieges von den Japanern als Bandenführer angeheuert worden und seitdem immer wieder als Verbündeter der Japaner aufgetreten (siehe Waldron: From War to Nationalism, S. 176). Nachdem Zhāng bereits im April und Mai 1922 erfolglos versucht hatte, das chinesische Kernland zu erobern (→Erster Zhili-Fengtian-Krieg) startete er mit japanischer Unterstützung am 15. September 1924 einen zweiten Versuch. (→Zweiter Zhili-Fengtian-Krieg) Dem japanischen Geheimdienst war die Unterwanderung des Militärapparats von Wu Peifu gelungen, sodass alle wichtigen Informationen über seine Truppenbewegungen direkt an Zhang Zuolin weitergeleitet wurden (siehe Waldron: From War to Nationalism, S. 177). Der erfolgreiche Umsturzversuch ging im September 1924 als Zweiter Zhili-Fengtian-Krieg in die chinesische Geschichte ein.