mini|hochkant=1.2|Schloss Valmer Anfang des 20. Jahrhunderts, Ansicht von Südwesten mini|hochkant=1.2|Blick von der Oberen Terrasse zum Das Schloss Valmer () ist eine Schlossanlage nordöstlich von Chançay, einer französischen Gemeinde im Département Indre-et-Loire der Region Centre-Val de Loire. Es entstand ab 1524 durch Umbau einer mittelalterlichen Burg der Familie Binet und wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts umgestaltet und erweitert. Nach zahlreichen weiteren Veränderungen und Instandsetzungen während des 19. und 20. Jahrhunderts wurde das Hauptgebäude durch ein Feuer im Jahr 1948 fast vollständig zerstört. Die Reste der Anlage im Stil der Neorenaissance gehören zu den zahlreichen Schlössern im Loiretal und stehen gemeinsam mit dem dazugehörigen terrassierten Barockgarten seit dem 1. Mai 1930 als eingeschriebenes Monument historique unter Denkmalschutz. Schlosspark und -garten sind seit 2004 als ausgezeichnet. Sie können zusammen mit der in den Felsen gehauenen Schlosskapelle entgeltlich besichtigt werden, wovon pro Jahr 12.000 Besucher Gebrauch machen.

Geschichte

Im Jahr 1434 wurde Valmer das erste Mal genannt. Zu jener Zeit war es im Besitz von Catherine de Bueil, die somit die erste namentlich bekannte Besitzerin der Domäne war. Am 23. Juli 1461 kaufte diese Jacques Binet. Dessen Sohn Macé wurde im Jahr 1500 als Eigentümer aufgeführt. Aus seiner Ehe mit Jeanne Briçonnet stammte der Sohn Jean, des Königs und der Königin von Navarra. Er ließ die bis dahin bestehende mittelalterliche Burg in der Zeit von 1524 bis 1529 umfassend verändern und zu einem wohnlicheren Schloss gestalten. Zeitgleich wurde in den Tufffelsen, auf dem das Schloss steht, eine Schlosskapelle gehauen, die am 28. November 1529 durch den Bischof von Autun eingesegnet und am 13. März 1535 geweiht wurde. Als während der Hugenottenkriege 1562 protestantische Soldaten das Schloss plünderten, gehörte es Jean Coustely, dem Bürgermeister von Tours. Um an das auf dem Schlossareal vermutete Geldversteck der Familie zu kommen, schreckten die Plünderer nicht davor zurück, Jeans Tochter zu foltern und ihr die Fußsohlen zu verbrennen.

mini|Schloss Valmer auf einem Aquarell von 1695

Jeans Nachfahre Claude Coustely verkaufte Valmer am 23. Mai 1640 an einen Berater Ludwigs XIII., Thomas Bonneau, der umfassende Umgestaltungen und Erweiterungen an der Schlossanlage vornahm. Die Innenräume des Schlosses wurden im Stil Louis-treize überarbeitet, und nordöstlich des Schlossgebäudes ließ Bonneau 1646 bis 1647 einen Pavillonbau im gleichen Stil als Unterkunft des Schlossverwalters errichten. Weil der neue Schlossherr die alte Felsenkapelle als zu dunkel und zu feucht empfand, entstand an der Westseite des genannten Verwalterhauses eine neue Kapelle, die am 25. Oktober 1647 gesegnet wurde. Südlich des Schlosses ließ Bonneau zudem neue Wirtschaftsgebäude bauen und das Tor als Eingang zum Schlossgelände errichten. Auch die heutigen Gärten und der Schlosspark gehen auf Thomas Bonneau zurück. Zwar gab es schon seit dem ersten Schloss aus dem 16. Jahrhundert einen zugehörigen Terrassengarten nach Vorbildern der italienischen Renaissancegärten, aber Bonneau ließ sie in barocker Manier überarbeiten und zusätzlich die Obere Terrasse () anlegen. In die neu gestalteten Gartenanlagen und den Park stellte er zahlreiche Vasen und Statuen. Bekannt ist die von ihm bei dem Bildhauer Jacques Sarazin in Auftrag gegebene Statue aus weißem Marmor, die Leda und Zeus (als Schwan) zeigt und sich seit 1980 im New Yorker Metropolitan Museum of Art befindet.

mini|hochkant|Plan der Schlossanlage von 1695 Nach dem Tod Thomas Bonneaus ging das Anwesen durch zahlreiche Hände und gehörte nie lange einem Eigentümer. Für das Jahr 1691 ist Etienne-Dominique Chaufourneau als Eigentümer überliefert, doch schon 1703 gehörte Valmer Gatien Pinon. 1736 stand das Anwesen wieder zum Verkauf und wurde von einem Herrn Duvelaer, dem Kommandanten des Lorienter Hafens, erworben, ehe es zehn Jahre später Nicolas Chaban de La Rivière am 5. Juli 1746 kaufte. Seine Nachfahren blieben bis 1888 Eigentümer. Er mehrte den Besitz durch Zukauf der benachbarten Seigneurie La Côte am 17. April 1756. Bei seinem Tod 1763 hinterließ er das Schloss samt zugehörigem Landbesitz seiner Schwester Marie Chaban und ihrem Ehemann Jacques Valleteau de Chabrefy, die es 1766 ihrem Sohn, dem Baron Thomas Valleteau de Chabrefy, vermachten. Nach dessen Tod im Mai 1792 kam das Schloss an seine Witwe Marie-Françoise Barré. Am 4. August 1810 wurde die Seigneurie La Côte wieder vom Besitz abgeteilt und Jérôme, dem jüngeren Sohn Marie-Françoises, übergeben. Der ältere Sohn Thomas (II.) sollte im Gegenzug Valmer erben, was im November 1825 geschah. Thomas (II.) ließ 1826 die Fresken in der jüngeren Schlosskapelle restaurieren, wovon seine Wappenkartusche in der Kapelle zeugt. Möglicherweise ließ er auch die heute noch erhaltene hohe dorische Säule im Zentrum des Hainbuchenlabyrinths sowie zahlreiche Vasen im Garten aufstellen. Sie stammen wahrscheinlich vom Schloss Chanteloup, das ab 1823 Stück für Stück niedergelegt und verkauft wurde.

Als Thomas (II.) im Januar 1846 verstarb, folgte ihm sein Sohn Jérôme-Charles Valleteau de Chabrefy als Schlossbesitzer nach. Er ließ das Anwesen ab Juni 1847 modernisieren und im Stil der Neorenaissance verändern. Dazu engagierte er den bekannten Architekten Félix Duban, der sich mit der vier Jahre zuvor begonnenen Restaurierung des Schlosses Blois einen Namen gemacht hatte. Was genau Duban an Umgestaltungsvorschlägen machte und ob diese auch umgesetzt wurden, ist jedoch nicht bekannt. Weil seine Rechnung an Jérôme-Charles Valleteau de Chabrefy sehr niedrig ausfiel, geht die Forschung davon aus, dass sein Anteil an den Veränderungen nur sehr gering war. Einen wesentlich größeren Anteil an den Umgestaltungen hatte Dubans Schüler Jules Potier de La Morandière, nach dessen Plänen in der Zeit von 1855 bis 1856 zahlreiche Umgestaltungen vorgenommen wurden. Mit Ausnahme der Nordostseite wurden alle Fassaden durchgreifend verändert, indem unter anderem die Kreuzstockfenster entfernt und die renaissancezeitlichen Lukarnen ersetzt wurden. Das Hauptportal an der zum Ehrenhof zeigenden Südwestseite erfuhr ebenso eine Umgestaltung wie die Nordwestseite, an der de La Morandière zwischen zwei Ecktürmen eine zweigeschossige Galerie einfügen ließ. Außerdem wurde dem Hauptgebäude an der Südostseite ein niedriger, eingeschossiger Küchenflügel angefügt. Die Veränderungen erstreckten sich jedoch nicht nur auf das Hauptschloss, sondern umfassten auch Wirtschafts- und Nebengebäude. So wurde zum Beispiel die alte Mühle 450 Meter nordwestlich des Schlossbaus 1855 abgerissen und an ihrer Stelle eine Unterkunft für den Pächter des Wirtschaftshofs sowie eine neue Scheune errichtet.

Bei Jérôme-Charles Tod 1874 ging der Besitz an seine drei Kinder aus der Ehe mit Marie Amélie de Bonnard, Jérôme, Henriette und Marguerite. Sie verkauften Valmer im September 1888 an Paul Lefèvre, einen Börsenmakler aus Paris. Dieser engagierte nur sieben Monate nach dem Kauf den Architekten Léon-Auguste Brey, um ab 1889 auch noch die bisher unveränderte Nordostfassade des Hauptgebäudes umzugestalten. Zusätzlich wurde das Obergeschoss der Galerie an der Nordwestseite vor 1902 durch eine Loggia mit Rundbögen und dorischen Säulen ersetzt. Um den Zeitraum von 1890 bis 1900 ließ Lefèvre außerdem die Felsenkapelle neu gestalten. Einige der Gartenvasen wurden von ihm um 1900 weggegeben und befinden sich heute im Schloss Pierrefitte in Auzouer-en-Touraine. Im Gegenzug schaffte er andere Vasen und auch Säulen an, um sie im Schlossgarten aufzustellen, und ließ zwei Gewächshäuser errichten. Nach seinem Tod 1925 wurde das Schloss durch seine Witwe und seine Tochter Renée sowie deren Mann Adhémar Barré de Saint-Venant bewohnt, als in der Nacht vom 20. Oktober 1948 durch ein vergessenes Bügeleisen ein Feuer im Hauptgebäude ausbrach. Nur wenige Teile des Gebäudes wurden nicht durch den Brand zerstört, darunter der Keller, zwei Treppen, die Loggia und der Küchenflügel. Das Hauptschloss stand jedoch 20 Jahre lang als ungesicherte Brandruine da, ehe die Reste im August 1968 endgültig niedergelegt wurden. 1949 gab es zwar den Plan, einen Teil des Schlosses wiederaufzubauen, um darin ein Altersheim einzurichten, doch dieser wurde nicht realisiert. Lediglich der Orangerie genannte Küchenflügel erfuhr durch den Architekten Maurice Boillé eine Instandsetzung. Die Arbeiten waren nur eine von insgesamt vier Renovierungsmaßnahmen, die während des 20. Jahrhunderts vorgenommen wurden.

Die heutigen Schlosseigentümer Aymar de Saint-Venant, ein Urenkel Paul Lefèvres, und seine Frau Alix halten die ausgedehnten Gartenanlagen instand und haben sie für Besucher geöffnet. Außerdem bewirtschaftet das Paar gemeinsam mit seinem Sohn Jean die zum Schloss gehörenden Weinanbauflächen und vermietet die Orangerie für Feste und Empfänge.

Beschreibung mini|hochkant=1.2|Schematischer Lageplan des Schlosses

Schloss Valmer liegt im Tal der Brenne an einem Hang am östlichen Flussufer. Die Architektur samt Terrassengärten und Schlosspark präsentiert sich dem Besucher als ein typisches Ensemble des 16. und 17. Jahrhunderts.

Architektur Hauptgebäude

Der Standort des einstigen Hauptschlosses wird heute durch in Form geschnittene Eiben markiert. Er lag mittig in der von Südwesten nach Nordosten verlaufenden Achse der Anlage. Die zwei Geschosse des rechteckigen Gebäudes waren von einem Walmdach bedeckt. An drei der Ecken standen dreigeschossige Viereckstürme. Die fünfachsige zum Ehrenhof gelegene Südwestseite war als Schaufassade gestaltet. Über dem mittig gelegenen Haupteingang befand sich eine statuenbesetzte Nische, die von einem Rundbogengiebel bekrönt war. Die Lukarnen im Dachgeschoss besaßen an dieser Seite Giebel in Muschelform, während die Lukarnen an der nordöstlichen Längsseite des Gebäudes reich skulptierte Giebel in anderer Form aufwiesen. Die dortige Fassade besaß nach Veränderungen am Ende des 19. Jahrhunderts auch wieder Kreuzstockfenster. Zwischen den beiden Ecktürmen an der Nordwestseite stand ein zweigeschossiger Galeriebau, dessen Fenster im Erdgeschoss von Pilastern gerahmt waren. Das obere Geschoss war als Loggia ausgebildet. Ihre drei Rundbögen wurden von dorischen Säulen getragen, zwischen denen sich eine Brüstung befand. Der Bau war von einem hohen Walmdach abgeschlossen. Bis in das 19. Jahrhundert führte eine Zugbrücke von der Südostseite des ersten Geschosse zur Oberen Terrasse des Gartens.

Im Erdgeschoss des Hauptgebäudes lag neben zwei Wohnräumen, einem Treppenhaus, einem Büro und einer großen Küche ein Großer Salon () genannter Raum, dessen zentrales Deckengemälde dem Maler François Lemoyne zugeschrieben wurde. Es war von Eckmedaillons in Grisailletechnik umgeben. Die Bibliothek des Schlosses besaß eine bemalte Balkendecke und einen Kamin, der ein Porträt des französischen Königs Heinrich IV. zeigte. Dieser Kamin blieb bei dem Feuer 1948 unbeschädigt, und der Graf Saint-Venant verkaufte ihn anschließend, sodass er später in einem Schloss in der Normandie installiert wurde. Ein weiterer bemerkenswerter Kamin stand im Esszimmer. Er war aus alten Steinfragmenten des 15. und 16. Jahrhunderts zusammengesetzt und dort Mitte des 19. Jahrhunderts installiert worden. Zu den wenigen Teilen, die von dem Brandunglück verschont blieben, zählte auch ein Türsturz aus Tuffstein von der Nordostfassade des Hauptschlosses. Er zeigt einen Hirschkopf als Vollrelief und ist heute am Kamin in der Orangerie angebracht. Im ersten Obergeschoss lagen sechs Wohn- und einige Wirtschaftsräume, im Dachgeschoss befanden sich zusätzlich noch diverse kleinere Zimmer.

und Felsenkapelle mini|Das , Südseite mini|Innenansicht der Felsenkapelle