mini|hochkant=2|Karte des Stadtteils Klein Glienicke mit Umgebung

Klein Glienicke (alternative Schreibweise: Klein-Glienicke) ist ein Stadtteil von Potsdam, der im frühen 20. Jahrhundert als Bade- und Ausflugsort bekannt wurde. Der Stadtteil hat 585 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2019). Während der deutschen Teilung war Klein-Glienicke eine funktionale Exklave und „Sondersicherheitszone“ der DDR und wurde so als „Blinddarm der DDR“ bezeichnet. Teile des Ortes, darunter die bekannten Schweizerhäuser, stehen auf der Liste der geschützten UNESCO-Welterbestätten.Unesco Flyer

Lage mini|Am Griebnitzsee

Klein Glienicke liegt am Fuß des Wannseer Böttcherbergs zwischen dem Griebnitzsee und der Glienicker Lake, südöstlich der Glienicker Brücke. Dies ist der einzige Teil Potsdams auf der nordöstlichen, Berliner Seite von Teltowkanal und Havel. Mit der Stadt Potsdam ist Klein Glienicke nur noch durch die einspurig befahrbare, ursprünglich für Fußgänger gedachte Parkbrücke über den Teltowkanal zum Stadtteil Babelsberg im Südosten verbunden. Die auch für Fahrzeuge gebaute Enver-Pascha-Brücke wurde 1945 zerstört.

Das ehemalige Dorf ist nicht identisch mit dem angrenzenden ehemaligen Gutsbezirk Klein-Glienicke-Forst, heute bekannt als Park Klein-Glienicke samt dem Jagdschloss Glienicke und dem Schloss Glienicke, der zum Land Berlin gehört.

Klein Glienicke hat eine Fläche von 28 Hektar (0,28 km²).Lutz Rittershaus: Die kleinräumige Gliederung. Grundlage eines Raumbeobachtungssystems für ein strategisches Controlling in der Landeshauptstadt Potsdam. In: Zeitschrift für amtliche Statistik Berlin Brandenburg. Nr. 3, 2014. S. 40 In verschiedenen Medien und Publikationen ist fälschlicherweise von nur drei Hektar die Rede.Gudrun Mallwitz: Doku zeigt Klein-Glienickes Geschichte. In: Welt/N24, 23. September 2012Gudrun Mallwitz: Klein-Glienicke: Streng bewacht im Kalten Krieg. In: Berliner Morgenpost, 24. September 2012Kristine Jaath: Potsdam: Mit Ausflügen nach Werder und ins Havelland. Trescher Verlag, 2014. ISBN 978-3-89794-272-1, S. 135Eine Insel auf West-Berliner Gebiet. In: Berliner Morgenpost, 10. November 2015Reinhard Wagner: Da war Schluss!: Auf dem Grünen Band entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Books on Demand, 2015. ISBN 978-3-7386-4371-8, S. 27

Geschichte mini|Historische Baedeker-Karte von Klein Glienicke, 1921

14.–17. Jahrhundert Klein Glienicke wurde erstmals 1375 als parva Glinik bzw. Glinick im Landbuch Kaiser Karls IV. erwähnt. Es gehörte um 1375 einem Jakob Mukum (Mukem), der die Ober- und Untergerichtsbarkeit sowie die Abgaben der sieben Hufen erhielt. Es gab weder Kötterhöfe, noch einen Krug. Im Jahr 1435 gelangte ein Drittel des Ortes czu Glineke bis nach 1475 an die Herren von Hake zu Kleinmachnow. Außerdem erhielten sie Hebungen von der Mühle zu Glienicke (1472). Vor 1480 übernahm die Familie Schönow zu Golm das „Dörflein Glieniecke“ mit Mühle, Ober- und Untergericht. 1537 gab es ein Lehnschulzengut sowie eine Mühle. Die Familie Schönow hielt Glienicke bis 1540.

Anschließend war Glienicke bis 1680 im Besitz derer von Schlabrendorf zu Siethen, die es als Lehnschulzengut mit Ackerhof, Schäferei, Mühle und Weinberg betrieben und 1608 zum Rittersitz ausbauten. Vor dem Dreißigjährigen Krieg waren im Ort ein Müller sowie ein Pachtschäfer ansässig – nach dem Krieg war der Ort wüst gefallen („ist kein Bauer und kein Kötter daselbst“). 1680 entstanden die kurfürstlichen Lustgüter mit Baumgarten und Weinbergen sowie einem kleinen Tiergarten. Die Gemarkung war zu dieser Zeit auf 14 Hufen angewachsen. Das Amt Potsdam übernahm 1683 die Ober- und Untergerichtsbarkeit, das kurfürstliche Lusthaus, die Weinberge sowie die Wassermühle und drei Hausleute.

18. Jahrhundert Im Jahr 1700 bestanden das kurfürstliche Lusthaus „nebst Garten und anderen Gebäuden“. Es gab ein Pomeranzen-Haus, ein Brückenhaus sowie ein langes Haus mit vier Unterkünften für Hausleute. Der Baumgarten war zu einem Lust- und Obstgarten ausgebaut worden, hinzu kamen zwei große Weinberge, eine Wassermühle, vier kleine Teiche sowie der Griebnitzsee. Bis 1745 entstanden insgesamt 14 Familienhäuser, ein Weinmeisterhaus sowie ein königliches Fischerhaus. 1770 arbeiteten 23 Büdner im Ort; 1773 gab es eine private Wasserwalkmühle.

19. Jahrhundert mini|Villen in Klein Glienicke, 2005

1801 waren es bereits 28 Büdner, dazu 14 Einlieger, ein Chaussee-Einnehmer, ein Krug, die Ziegelei, der Kalkofen, eine Wasserwalkmühle sowie eine Papiertapetenfabrik im ehemaligen Jagdschloss. Die Statistik berichtete weiterhin von 38 Feuerstellen (Haushalten). 1840 war Klein Glienicke auf 51 Wohnhäuser angewachsen. Es gab ein Zivilwaisenhaus und im Ort wurde Seide produziert. 1858 zählte die Statistik zahlreiche weitere Gewerke. Es gab beispielsweise drei Schuhmachermeister und einen Gesellen, sieben Zimmergesellen mit drei Lehrlingen, einen Steinmetzmeister mit einem Gesellen, einen Viktualienhändler sowie vier Schiffseigentümer mit zehn Schiffen, aber auch 15 Arme. Zu Klein Glienicke zählte dabei auch das 1844 entstandene „Gut Türkshof“, benannt nach dem Regierungs- und Schulrat Wilhelm von Türk.

Ab den 1870er Jahren entstand in dem südlich der Bäke gelegenen Teil der Gemeinde Klein Glienicke die Villenkolonie Neubabelsberg.

Frühes 20. Jahrhundert Im Jahr 1900 war der Bestand an Gebäuden auf 137 Häuser im Dorf sowie acht Gebäude des Schlosses angewachsen. Der Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen des Teltowkanals angelegte Durchstich zwischen Griebnitzsee und Glienicker Lake trennte die Gemeinde Klein Glienicke in einen nördlichen Teil (mit dem ursprünglichen Ortskern) und einen südlichen mit der Villenkolonie. Der Gutsbezirk Klein-Glienicke – samt Schloss, Park und Jagdschloss – ging mit dem Groß-Berlin-Gesetz 1920 im Berliner Bezirk Zehlendorf auf. Die Gemeinde Klein Glienicke verblieb hingegen, auch mit ihrem nördlich des Teltowkanals gelegenen Ortskern, im Kreis Teltow. Der südlich des Kanals liegende Gemeindeteil mit der Villenkolonie wurde 1925 als Neubabelsberg ausgegliedert.

Zeit des Nationalsozialismus In der Griebnitzstraße in Klein Glienicke wohnte zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus Kurt von Schleicher, der letzte Reichskanzler vor Adolf Hitler. Am 30. Juni 1934 wurde er mit seiner Frau im Auftrag der nationalsozialistischen Regierung in seiner Villa erschossen.Steffi Pyanoe: In: Potsdamer Neueste Nachrichten, 25. August 2016Michael Zajonz: Ost-Enklave im Westen. Klein-Glienicke: Der Blinddarm der DDR. In: Der Tagesspiegel, 13. August 2009 Während der NS-Zeit mussten jüdische Besitzer ihre Häuser auch in Klein Glienicke zwangsverkaufen. Die UFA-Schauspielerin Lilian Harvey, die ebenfalls in der Griebnitzstraße wohnte, wurde von der Gestapo beobachtet, weil sie Kollegen und Angestellten zur Flucht verholfen haben sollte. 1939 emigrierte sie schließlich.

Die Gemeinde Neubabelsberg wurde am 1. April 1938 in die Stadt Nowawes eingegliedert, die gleichzeitig in Babelsberg umbenannt wurde. Babelsberg wiederum wurde am 1. April 1939 in die Stadt Potsdam eingemeindet.

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs wurden einige Häuser von der sowjetischen Besatzungsarmee beschlagnahmt. Während der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945 mussten alle Bewohner den Ort verlassen.Sebastian Höhn: Noch einmal Seeblick. In: Berliner Zeitung, 25. September 2012

Deutsche Teilung mini|Grenzanlagen an beiden Enden der Tannenstraße (vom Böttcherberg in West-Berlin aus gesehen), 1988

In der Zeit der deutschen Teilung gehörte Klein Glienicke zur DDR, ragte als „Sondersicherheitszone“ in den West-Berliner Bezirk Zehlendorf hinein und war ab 1961 von der Berliner Mauer umgeben.„Blinddarm der DDR“ in RBB-Doku. In: Der Tagesspiegel, 24. September 2012

An der engsten Stelle war Klein Glienicke von Grenze zu Grenze nur 15 Meter breit. Der Ort wurde deshalb auch „Blinddarm der DDR“ genannt. Wie für DDR-Sperrzonen üblich, bekamen nur die damals rund 500 Bewohner sowie Inhaber eines Passierscheins Zugang in den Ort. Dennoch gelangen zahlreiche Fluchten aus der DDR, meist mit Leitern über die Mauer, weshalb alle Leitern unter Androhung einer Geldstrafe angeschlossen werden mussten.

Im Jahr 1973 fand durch einen 19 Meter langen gegrabenen Tunnel in Klein Glienicke die letzte erfolgreiche Tunnelflucht der DDR statt. Bei einem anderen Fluchtversuch im Ort starb Horst Körner, der zuvor den Grenzsoldaten Rolf Henniger erschossen hatte.Christine Lehnen: Mauerbau: Wo Ost und West sich berührten. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 8. August 2011

Um die Grenze besser sichern zu können, wurden viele Häuser, die direkt am Grenzverlauf standen, abgerissen, darunter auch einige der sogenannten Schweizerhäuser und die stattliche Weiße Villa von 1874 an der Königstraße, das letzte große Gebäude der Hohenzollern in Glienicke.Weisse Villa (Glienicker Brücke). Bei: 50jahremauerbau.de, 24. September 2011

Wegen der Lage Klein Glienickes im Grenzgebiet zogen viele Familien fort. Im Rahmen der staatlichen „Wohnraumlenkung“ wurden systemtreue Personen anstelle weggezogener und verstorbener Bewohner nach Klein Glienicke umgesiedelt.Gabriela Walde: Klein-Glienicke war eine Zone in der Zone. In: Berliner Morgenpost, 19. Juni 2011Uwe-Rada: Der Osten mitten im Westen. In: taz, 9. November 2007

Bis 1971 gab es im westlichen Teil von Klein Glienicke drei winzige, unbewohnte West-Berliner Exklaven.

Seit der Wende mini|Alte Hausfassade, 2005

Nach der politischen Wende und der deutschen Wiedervereinigung veränderte sich die Bevölkerungsstruktur in Klein Glienicke erneut. Häuser, die während der Zeit des Nationalsozialismus zwangsverkauft oder unter sowjetischer Besatzung enteignet worden waren, wurden rückübertragen.

Zudem wurden im Rahmen des sogenannten „Modrow-Gesetzes“ (DDR-Verkaufsgesetz vom 7. März 1990) zahlreiche in der DDR als „volkseigen“ geltende Grundstücke mit Ein- und Zweifamilienhäusern zu sehr niedrigen Preisen an ihre Bewohner verkauft. In Klein Glienicke lag der Preis bei nur fünf DDR-Mark pro Quadratmeter, etwa einem Hundertstel der damaligen DM-Preise im benachbarten West-Berliner Ortsteil Wannsee. Kreditbeträge von bis zu 90 Prozent des Kaufpreises halbierten sich mit Inkrafttreten der Währungsunion im Juli 1990. Dem Magazin Spiegel zufolge machten „zumeist linientreue Sozialisten“, darunter Mitarbeiter der Staatssicherheit, leitende Volkspolizisten und Dozenten der als „SED-Kaderschmiede“ bezeichneten Hochschule für Recht und Verwaltung, „jetzt die besten Schnäppchen.“ Auch die Welt schrieb, dass sich vor allem privilegierte DDR-Bürger, die sich Villen in Bestlagen hatten leisten können, jetzt „schnell noch auf der Grundlage des Modrow-Gesetzes die dazugehörigen Grundstücke verschafften. In aller Regel zu Spottpreisen.“ Mit dem Vermögensgesetz von September desselben Jahres wurden diese Käufe allerdings ungültig, falls Alteigentümer Ansprüche geltend machten. Dies bildete die Grundlage für eine Vielzahl von Besitzstreitigkeiten, die teilweise jahrelang dauerten.„Das ist wie Monopoly“. In: Der Spiegel, 25. Juni 1990DW: Verfassungsgericht entscheidet über Stichtagsregel und „Modrow-Gesetz“. In: Die Welt, 23. November 1999Johann Michael Möller : Ein gutes Urteil. In: Die Welt, 24. November 1999

Viele Häuser in Klein Glienicke wurden saniert. Nur wenige ehemalige DDR-Bürger konnten sich diese Häuser und Wohnungen noch leisten. Wieder zogen hauptsächlich Auswärtige in den Stadtteil.

Beispielsweise erfuhren die Grundstückspreise in Klein Glienicke im Zeitraum von 2011 bis 2013 die größte Preissteigerung innerhalb Potsdams. Ein Quadratmeter Bauland kostete hier inzwischen 300 Euro.wik: Grundstücke in Potsdam für mehr als halbe Milliarde Euro verkauft. In: Potsdamer Neueste Nachrichten, 4. Juli 2013