mini|Signatur von „Johannes Grienynger“ unter einem Brief an den Nürnberger Drucker Hans Koberger (1524) miniatur|hochkant|Monogramm von Markus und Johannes Reinhard alias Grüninger (um 1492). Der Adler steht für Johannes, der Löwe für Markus
Johann(es) Reinhard, alias Hans GrüningerS. Corsten in: Lexikon des Mittelalters IV, 1755. oder Johann(es) Grüninger (* um 1455 in Grüningen; † um 1532 in Straßburg), war ein schwäbischer Buchdrucker und Verleger, der sich in Straßburg selbständig gemacht hatte. Er publizierte mehrere Bestseller, wie zum Beispiel den „Eulenspiegel“, und trug maßgeblich zur Etablierung der Kontinentbezeichnung „Amerika“ bei.
Herkunft, Leben und Werk Müllersohn aus Grüningen mini|links|Obere Mühle in Markgröningen, in der Grüninger aufgewachsen sein soll Hans Grüninger (auch „Johannes Grienynger“), der sich nach seiner Heimatstadt Grüningen („Margt Grienyngen“) benannte, entstammte der alteingesessenen Familie Reinhard (meist „Renhart“ geschrieben),1325 fiel bei einer Ortsangabe der Altarstiftung Pfaff Werners erstmals der Name Conrat Renhart. Wegen der damaligen Volatilität von Vor- und Nachnamen findet man in den Quellen alle möglichen Schreibweisen: Johannes, Johann und Hans bzw. Reinhard, Reinhardt oder Renhart bzw. Grüninger, Grieninger oder Grienynger. Er selbst unterzeichnete 1524 als „Johannes Grienynger“. die im 15. und 16. Jahrhundert im Besitz der „Renharts-Mühle“ an der Glems bei Markgröningen war. In der Mühle wurde er vermutlich geboren und besuchte, offenbar mit Unterstützung der Heinrich-Volland-Stiftung „für arme Schüler“, die Grüninger Lateinschule.Vgl. seinen biographisch gefärbten Einschub in Lorenz Friesens geographischem Werk „Uslegung der Mercarthen oder Carta Marina“, der auch eine Verwandtschaft mit der ausführlich beschriebenen Familie Reim bzw. „Rem“ nahelegt und beiläufig erklärt, warum das Müllerhandwerk in Grüningen nicht sehr einträglich war: wegen großer Konkurrenz durch weitere drei „große“ Getreidemühlen an der Glems (siehe Werke und Abbildung eines bei Hermann Römer, Markgröningen 1933, S. 285, erschienenen Faksimiles). Bei der Schatzung von 1471 gab der „Renhart Müller“ ein Vermögen von lediglich 40 Gulden an und zählte damit zur „gehobenen Unterschicht“ (überwiegend Handwerker).Peter Fendrich: Die Stadt und ihre Bürger im ausgehenden Mittelalter. Zur Sozialstruktur der württembergischen Amtsstadt Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte. In: Band 3 der Reihe „Durch die Stadtbrille“, hrsg. v. Arbeitskreis Geschichtsforschung und Denkmalpflege Markgröningen, Markgröningen 1987, S. 94–119. Ein Bruder oder Neffe Grüningers wird noch 1528 „Renhart Müller“ genannt.Quelle: Lagerbuch, Stadtarchiv Markgröningen.
Mit dem Magister Heinrich Grininger, der zum Ende des 15. Jahrhunderts in Nürnberg als „Lehrer der Oratorie und Poesie angestellt war“ und 1500 eine „Epitome de generibus nominum“ herausgab,Quelle ADB: Waldau, Beytr. zur Gesch. d. Stadt Nürnberg IV, S. 237. und „Claus Grieninger zu Heudorf in der Grafschaft Möskirch“ könnte Hans Grüninger laut ADBQuelle ADB: Hans Müller in seiner Zimmern’schen Chronik (III, 280, 9–10). verwandt gewesen sein, teilte vermutlich aber nur den namengebenden Herkunftsort mit ihnen.
Beruflicher Werdegang mini|Reichsstadt Straßburg um 1490Holzschnitt für Hartmann Schedels Weltchronik (Nürnberg 1493), fol. cxxxix verso and cxl recto. Seine Lehrjahre verbrachte Grüninger mutmaßlich in Nürnberg, Speyer und StraßburgDiese Vermutung beruht auf der späteren Korrespondenz mit Berufskollegen an diesen Orten (siehe Robert Riße: Johannes Reinhard alias Hans Grüninger, der Frühdrucker aus Markgröningen, Ausstellungskatalog, Markgröningen 1990, S. 109–212). und wurde in Venedig zum „Maistro“ der „Schwarzen Kunst“. Um 1480 wirkte er in Basel, wo „Johannes von Grüningen, der Drucker“ von der Witwe seines venezianischen Weggefährten Erhard Goldsmid wegen nicht beglichener Schulden für Kost und Logis in Höhe von zehn Gulden vor Gericht zitiert wurde.Karl Stehlin: Regesten zur Geschichte des Buchdrucks bis zum Jahre 1500, Basel 1891 (Quelle: UB Nr. 164 (1480), S. 443), und Robert Riße: Johannes Reinhard alias Hans Grüninger, der Frühdrucker aus Markgröningen (Ausstellungskatalog), Markgröningen 1990, S. 187ff. 1482 erschien Grüninger schließlich in Straßburg, wo er das Bürgerrecht und ein Haus in der Schlauchgasse erwarb. Hier gründete er eine eigene Druckerei zur Herstellung illustrierter Bücher und Flugschriften sowie einen Verlag mit Verkaufsbude am Münster. Sein Startkapital könnte zum Teil aus der Mitgift einer Straßburger Bürgertochter bestanden haben; über seine Ehe(n) ist allerdings nichts bekannt. In der weltoffenen Reichsstadt verkehrten damals viele Intellektuelle, die dem Druckhandwerk reichlich Aufträge bescherten.
Etwa ab 1483 wirkte er zusammen mit seinem Bruder Markus Reinhard, einem Meister des Holzschnitts, der seine Laufbahn in Straßburg begonnen hatte und als Mitinhaber einer Druckerei in Lyon wertvolle Erfahrungen gesammelt hatte.Markus Reinhard „aus Straßburg“ ist ab 1476 in Lyon zusammen mit Nicolaus Philipp als Inhaber einer Druckerei belegt. Siehe Robert Riße, Ausstellungskatalog, Markgröningen 1990, S. 233. Um 1491 eröffnete Markus eine eigene Druckerei im elsässischen Kirchheim, die 1495 allerdings bereits ein Nachfolger betrieb. Von der brüderlichen Partnerschaft zeugen ein gemeinsames Monogramm, die Verwendung Lyoneser Lettern und die Verbesserung der Holzschnitte.Hermann Römer: Hans Grüninger und die Buchdruckerfamilie Reinhard aus Markgröningen. In: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte I. Urgeschichte und Mittelalter, Markgröningen 1933, S. 42f. und 278–329.
Grüningers Lettern waren durch ihre schöne Gestalt und Deutlichkeit bekannt. Er verwendete 25 Schriftarten; als besonders bemerkenswert hält Funke seine gotische Type nach Lyoneser Art.Fritz Funke: Buchkunde; ein Überblick über die Geschichte des Buch- und Schriftwesens, München 1969, S. 85. Da er in seiner Offizin keine griechischen Lettern vorhielt, wurden diese im Bedarfsfall (z. B. bei Lochers Libri philomusi) in Holz geschnitten. Grüningers Holzschnitte für die Illustrationen, die anfangs von eher bescheidener Qualität waren, ähnelten schließlich Kupferstichen. Für den Qualitätszuwachs sorgten neben Markus Reinhart unter anderen der sogenannte Terenz-Meister und auch Hans Baldung Grien, der 1509 von Schwäbisch Gmünd nach Straßburg übersiedelte.
mini|hochkant|Titel von Murners Luther-Polemik und Grüningers Schlusswort (1522) mini|hochkant|Hieronymus Brunschwig Titelbild des Kleinen Destillierbuchs 1500 mini|„Mercarthe“ des Ostatlantiks mit der Insel Madeira (nach Waldseemüller) Publikationen In seiner Zeit in Straßburg druckte Grüninger zahllose Flugschriften und rund 300 größere Werke, die er oft auch verlegte: Volksbücher, Legenden, Komödien, „Romane“ (meist in Versform), Wörterbücher und wissenschaftliche Werke, darunter vor allem medizinische, geographische und geistliche Schriften. Er arbeitete sowohl im Auftrag als auch auf eigene Rechnung.Fritz Funke: Buchkunde. München 1969, S. 84. Einige seiner Autoren blieben anonym. Mitunter brachte er sich auch selbst als Co-Autor ein, was er aber nicht kenntlich machte.Gesichert bei Friesens: Uslegung der Mercarthen (1527).
Philosophische und geistliche Literatur Neben lateinischen Klassikern druckte Grüninger auch Werke der Humanisten seiner Zeit, zum Beispiel von Jakob Wimpheling, Sebastian Brant und Ulrich von Hutten, desgleichen die Moralpredigten von Johann Geiler von Kaysersberg.Fritz Funke: Buchkunde. München 1969, S. 110f.
Grüninger-Bibel Aus seinem Offizin stammt zudem die zehnte deutsche Bibel: die im Mai 1485 erstmals erschienene »Grüninger-Bibel«. Sie war die erste gedruckte Bibel im Hand-Format und wurde wegen ihrer Handlichkeit auf lange Zeit richtungsweisend für den Druck von Familien- und Hausbibeln.Carl von Lützow: Geschichte des deutschen Kupferstiches und Holzschnittes, Berlin 1891, S. 172. 1526 kam bei ihm das unter anderem von Heinrich Vogtherr d. Ä. illustrierte katholische »Neue Testament« heraus.
Aeneis Die von Grüninger gedruckte Ausgabe der Aeneis integriert neben den Text in lateinischer Sprache zum ersten Mal auch großformatige, anschauliche Holzschnitte, die als „Verstehhilfe“ fungierten. Sebastian Brant schrieb dazu die Vorrede und äußerte sich zu den Illustrierungen wie folgt: „Hier kann der Gelehrte die Geschichten und Erfindungen lesen, und nicht weniger kann der Ungelehrte sie lesen.“ Das im Quart-Format gedruckte Buch erschien in Straßburg 1502 unter dem Titel Publij Virgilij maro[n]is opera cum quinque vulgatis commentariis.Digitalisat
Murners Luther-Polemik Der Reformation trat Grüninger im Gegensatz zu den meisten Straßburger Bürgern nicht bei. Er publizierte Schriften für und gegen Martin Luther, darunter im Dezember 1522 auch die antireformatorische Polemik Von dem großen Lutherischen Narren von Thomas Murner. Quasi unter der Narrenkappe hatte dieser Theologe eine 4800 Verse umfassende Schmähschrift verfasst,Erwin Iserloh: Thomas Murner (1475-1537). In: Erwin Iserloh (Hg.): Katholische Theologen der Reformationszeit. (KLK: Vereinsschriften der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum, 3) Münster 1987, ISBN 3-402-03345-3, S. 19–32. die einerseits als „geistreichste Anklageschrift gegen die Reformation schlechthin“ gefeiert wurde,Hedwig Heger: Thomas Murner. In: Stephan Füssel (Hrsg.): Deutsche Dichter der frühen Neuzeit (1450-1600). Ihr Leben und Werk. Berlin 1993, ISBN 3-503-03040-9, S. 296–310. andererseits für helle Empörung unter den zahlreichen ortsansässigen Sympathisanten der Reformation sorgte. Beide von Grüninger gedruckte Auflagen wurden denn auch vom Straßburger Magistrat verboten und beschlagnahmt.Theodor von Liebenau: Der Franziskaner Dr. Thomas Murner. Freiburg im Breisgau 1913. Digitalisat Dass er vorab mit Ärger rechnete, zeigt Grüningers distanzierendes Schlusswort, in dem er die Narrenfreiheit anführte und seine Neutralität als Drucker betonte, der sich schließlich vom Drucken ernähren müsse (siehe Abbildung).
Murners Bruder, der Drucker Beatus Murner, der um 1510 Straßburg verließ und sich in Frankfurt am Main selbstständig machte, könnte bei Grüninger in die Lehre gegangen sein.
Heilkundliche Schriften Grüninger druckte etliche medizinische Publikationen, insbesondere von Hieronymus Brunschwig und Lorenz Fries, die beide zeitweise in Straßburg ansässig waren und offenbar in freundschaftlichem Kontakt mit ihm standen.
Hieronymus Brunschwig: Das Buch der Cirurgia. Hantwirckung der Wundartzney. Straßburg 1497. Digitalisat Liber de arte distillandi de simplicibus (Kleines Destillierbuch) in drei Bänden. 1. Auflage: Straßburg, den 8. Mai 1500, weitere erweiterte Aufl. 1505, 1509, 1515, 1521, 1528 und 1531. Digitalisat. Liber pestilentialis de venenis epidimie. Das buch der vergift der pestilentz. Straßburg, 18. August 1500. Liber de arte Distillandi de Compositis: Das Buch der waren Kunst zu distillieren. Straßburg 1512. Digitalisat (PDF 76 MB).Siehe auch Das Distilierbuoch – das buoch der rechten kunst zu distilieren und die wasser zu brennen angezögt mit figuren nutzlich den menschlichen leib in gesuntheit zubehalten / erstmals von Jeronimo Brunschweick zus. coligiert ... Straßburg 1521. Digitalisat.
Lorenz Fries: Spiegel der Arznei. Straßburg, 1. Auflage 1518, 2. Aufl. 1519, 3. Aufl. 17. März 1529, Digitalisat (1518) Traktat der Wildbäder Natur. Straßburg, 24. Juli 1519; Synonyma und Auslegung der Wörter in der Arznei. Straßburg, 29. Nov. 1519. Ars memorativa. Straßburg, 7. März 1523. und Ein kurzer Bericht wie man das Gedächtnis stärken mag. Straßburg, 12. März 1523.