Die Straßenbahn Gera der ostthüringischen Stadt Gera wird von der Verkehrs- und Betriebsgesellschaft Gera (GVB) betrieben. Sie ist nach der Straßenbahn Halle (Saale) die zweitälteste elektrische Straßenbahn Deutschlands. Sie wurde am 22. Februar 1892 eröffnet und hat eine Spurweite von 1000 mm. Die GVB vermarktet die Straßenbahn als Stadtbahn, vor allem die jüngste Linie 1. Der Fahrgastverband Pro Bahn hat der GVB mit dem Fahrgastpreis 2008 für die hervorragende Verknüpfung der Straßenbahn an drei Bahnhöfen/Haltepunkten ausgezeichnetPRO-BAHN-Pressemitteilung, 3. März 2008 und mit dem Fahrgastpreis 2014 für die vorbildliche Gestaltung der Nutzbarkeit des ÖPNV sowie die effiziente Organisation der Fahrzeuginstandhaltung.GVB-Pressemitteilung, 2. April 2014
Geschichte Entwicklung bis 1971 mini|links|Haltestelle Bogenhard in der Johannisgasse 1893 Nach Eröffnung am 22. Februar 1892 durch die Localbahn-Bau und Betriebs-Gesellschaft Wilhelm Hostmann & Co. aus Hannover als zweite elektrische Straßenbahn in Deutschland oblag die Betriebsführung zunächst der Eisenbahn-Bau und Betriebs-Gesellschaft Vering & Waechter aus Berlin als Eigentümer. Am 31. Dezember 1905 gingen Eigentum und Betriebsführung auf die Geraer Elektrizitätswerk und Straßenbahn AG über.
Die ersten beiden, zusammen 8,6 km langen Straßenbahnlinien führten von Tinz nach Debschwitz (Südfriedhof) und von Untermhaus (Mühlgrabenbrücke) nach Lindenthal (bei der heutigen Haltestelle Wintergarten). Ein Jahr später, am 1. April 1893, folgte die dritte Linie vom heutigen Hauptbahnhof nach Pöppeln. Die Linien trafen sich in der Heinrichstraße (damals Roßplatz), die bis heute die zentrale Umsteigestelle des Geraer Nahverkehrs geblieben ist.
Die Lindenthaler Strecke wurde am 8. November 1901 zum Bahnhof Pforten verlängert, wo vier Tage später die Schmalspurbahn nach Meuselwitz eröffnet wurde. Die Straßenbahn erhielt einen Gleisanschluss an diese Strecke, über den fortan Eisenbahngüterwagen zu den Geraer Industriebetrieben transportiert wurden. Am 19. November 1925 kam eine Strecke nach Zwötzen hinzu, die am Wintergarten von der Pfortener Strecke abzweigte und über die Ochsenbrücke führte. Die Debschwitzer Strecke wurde 1935 um eine Haltestelle bis zur Schenkendorfstraße verlängert. Inzwischen war am 17. August 1930 die erste Streckenstilllegung des Netzes erfolgt, die den kurzen Abschnitt vom Wilhelmplatz (heute Friedrich-Naumann-Platz) zur Mühlgrabenbrücke in Untermhaus betraf.
1945 musste die Linie nach Pöppeln, die schon ab der Eröffnung des O-Bus-Betriebs nach Leumnitz 1939 nur am Wochenende betrieben worden war, wegen der Kriegszerstörungen eingestellt werden. Auch die Zweigstrecke vom Puschkinplatz zum Hauptbahnhof fiel den Kriegswirren zum Opfer. In den 1950er Jahren wurde das Netz zunächst nach Süden erweitert (1956 von Debschwitz nach Lusan (Zoitzbergstraße) sowie 1959 die Verbindung zur bestehenden Strecke in Zwötzen, wodurch der sogenannte Südring entstand), doch in den 1960er Jahren plante die Regierung der DDR, den Straßenbahnbetrieb in den Städten mit weniger als 200.000 Einwohnern einzustellen. Daher wurde die Linie vom Stadtzentrum nach Untermhaus am 16. Juni 1968 eingestellt; der Abschnitt Stadtzentrum–Wintergarten–Zwötzen folgte am 14. November 1971. Damit gab es in der Stadt nur noch eine Straßenbahnlinie, die von Tinz durch das Zentrum und über Debschwitz nach Zwötzen, Wendeschleife (in Höhe Wehrstraße) fuhr. Auch in Tinz war in den 1960er Jahren eine Wendeschleife gebaut worden, so dass nun auch Einrichtungszüge eingesetzt werden konnten.
Bis Ende der 1990er Jahre mini|Straße der Republik (Heinrichstraße) 1968 mini|Neuartige Hausdurchfahrt der Straßenbahn in der Johannisstraße, Juni 1984 mini|KT4D-Dreifachtraktion, 1993
Ab 1972 baute man im Südwesten der Stadt das Neubaugebiet Lusan, das später mit 45.000 Einwohnern zum größten Neubaugebiet im Bezirk Gera wurde. Es sollte mit einer neuen Straßenbahnlinie zwischen den Wendeschleifen Tinz und Lusan/Brüte erschlossen werden, deren erster Abschnitt bis zur Wendeschleife Zeulenrodaer Straße (jetzt Lusan/Brüte) am 5. Oktober 1977 eröffnet wurde. Zu diesem Zweck wurden die ersten der neuen Gelenktriebwagen vom Typ Tatra KT4D angeschafft. Die Linie wurde am 27. und 28. Oktober 1979 bis Lusan/Zeulsdorf erweitert, die Endhaltestelle Lusan/Brüte war ursprünglich nur als Provisorium geplant, ist aber bis heute in Betrieb.
Am 1. Juni 1984 wurde auf der Sorge, der Hauptfußgängerzone der Stadt, der letzte eingleisige Abschnitt des Streckennetzes stillgelegt. Die Bahn erhielt einen neuen Gleiskörper in der parallel zur Sorge verlaufenden Straße Hinter der Mauer, die komplett umgestaltet und zur Vermeidung politischer Assoziationen vorübergehend in Am Leumnitzer Tor umbenannt wurde. Zu diesem Zweck wurde die Trasse unter einem Mehrfamilienhaus hindurch geführt, damals einmalig in der DDR. Ebenfalls zu den Arbeiterfestspielen 1984 wurde eine Wendeschleife um den Busbahnhof am Hauptbahnhof gelegt, die aber nie ans Straßenbahnnetz angeschlossen wurde. Bis zur letzten Umgestaltung des Bahnhofsplatzes zeugte ein noch dort als Imbiss-Kiosk aufgestellter Straßenbahnwagen vom Plan, Bahnhof und Busbahnhof wieder ans Straßenbahnnetz anzuschließen.
Ab 1986 folgte im Nordosten der Stadt die Errichtung des Neubaugebietes Bieblach-Ost, das durch eine Verlängerung der Linie Lusan – Tinz mit der Straßenbahn erschlossen wurde. In dieser Form wird die Linie bis heute betrieben. Wie bereits in Lusan wurde die Bahn auch in Bieblach Ost in mehreren Abschnitten gebaut und eröffnet. Zunächst wurde diese Strecke am 18. Dezember 1986 bis zur Haltestelle Roschütz (heute Heidecksburgstraße) in Betrieb genommen; am 24. April 1989 dann bis zum heutigen Endpunkt Bieblach Ost. Anders als in Lusan wurde die provisorische Wendeschleife Roschütz aber wieder zurückgebaut. Hinter der Wendeschleife Bieblach-Ost sollte ein neuer Betriebshof entstehen (neben dem damals ohnehin schon im Süden der Stadt geplanten), entsprechend hat man die Schleife baulich bereits für eine Erweiterung angelegt. Jedoch stoppte die Wende viele Pläne, im Neubaugebiet wurden nicht alle geplanten Abschnitte bebaut, der Betriebshof wurde gestrichen.
Nach der Wiedervereinigung setzte eine rasche Modernisierung des Straßenbahnbetriebes ein. Ab 26. Oktober 1990 wurden im regulären Linienbetrieb keine zweiachsigen Wagen (Gothawagen Serien ET57 bis 62 bzw. Tatra T2D) mehr eingesetzt. Diese Fahrzeuge stammten zum Teil noch aus den 1950er Jahren.
Der Betriebshof der Straßenbahn wurde von der De-Smit-Straße im Stadtzentrum an den südlichen Stadtrand verlegt. Mit dem Bau des Einkaufszentrums Gera Arcaden wurde die Zentrale Umsteigestelle Heinrichstraße komplett umgestaltet und Ende 1998 übergeben.
Stadtbahnprogramm Stadtbahnprogramm Stufe I Im Zeitraum 2002 bis 2008 erfolgte die Realisierung der ersten Stufe zum Ausbau des Straßenbahnnetzes. Verbaut wurden im Zeitraum 92 Mio. Euro, davon 64 Mio. Euro Fördermittel.
Neubau der Linie 1 mini|Neu errichtete Strecke der Linie 1 in der Elsteraue Zwischen 2002 und 2006 wurde die „Stadtbahnlinie“ 1 von Untermhaus über Hauptbahnhof/Theater und Heinrichstraße nach Zwötzen errichtet. Das Projekt wurde maßgeblich vom damaligen GVB-Geschäftsführer und späteren (2006–2012) Oberbürgermeister Norbert Vornehm vorangetrieben. Wegen Versäumnissen bei der Planung einer Eisenbahnbrücke bei Pforten war es nicht möglich, zusammen mit der alten Linie 2 einen Ring zu schließen. Die neue, sechs Kilometer lange Strecke ist für Höchstgeschwindigkeiten bis 70 km/h ausgelegt und zu 80 Prozent als eigener Bahnkörper getrennt vom Straßenverkehr ausgeführt. Von beiden Endhaltestellen erreicht man die zentrale Umsteigestelle innerhalb zunächst zehn, nach Optimierung der Ampelanlagen acht Minuten. Ein halbes Jahr vor dem ursprünglichen Termin konnte die Linie am 3. November 2006 eröffnet werden. Am 5. November 2006 begann der fahrplanmäßige Verkehr. Das Projekt stand im Zusammenhang mit der Ausrichtung der Bundesgartenschau 2007 in Gera und Ronneburg. Am Hauptbahnhof wurde für die Stadtbahn eine eigene Unterführung errichtet, wo sich die Haltestelle direkt unter den Bahnsteigen befindet und so das Umsteigen von der Stadtbahn zur Eisenbahn erleichtert wird.
Umbau der Linie 2 Am Zwötzener Bahnhof wurde eine neue Wendeschleife für die Linie 2 gebaut und 2004 eröffnet. Seitdem halten Busse und Straßenbahnzüge an demselben Bahnsteig wie die Züge nach Saalfeld, Hof und Leipzig sowie seit 2016 auch nach Greiz, Plauen und Erfurt. Die alte Wendeschleife in der Zwötzener Straße wurde aufgegeben und die Linie 2 entsprechend gekürzt.
Ausbau der Linie 3 Im Stadtzentrum wurde eine Wendeschleife gebaut, deren Gleise heute Teil der Trasse der Stadtbahnlinie 1 sind. Es folgten der Ausbau der Berliner Straße auf einen eigenen Gleiskörper sowie in der Heinrichstraße am Park der Jugend und auf der Heinrichbrücke. Die Bahnsteiganlagen des Südbahnhofes wurden nach Norden zur Straßenbahnhaltestelle Park der Jugend (heute Südbahnhof) verlegt, sodass eine Verknüpfung zwischen der Linie 3 und der Eisenbahn entstand, wie es am Hauptbahnhof bei der Linie 1 der Fall ist. Entlang der Tinzer Straße wurde ein Rasengleis angelegt, die dortige Wendeschleife zurückgebaut und an der Dualen Hochschule eine neue Umsteigestelle zwischen Stadtbus, Regionalbus und Straßenbahn errichtet. Pläne aus der Nachwendezeit, die Tinzer Wendeschleife für Havariefälle beidseitig befahrbar zu machen, waren somit hinfällig.
Stadtbahnprogramm Stufe II Im Juli 2007 beschloss der Stadtrat die vom Verkehrsbetrieb erarbeitete Fortführung des Stadtbahnprogramms. Ursprünglich für 2009 geplant, aber aufgrund von Schwierigkeiten bei der Bereitstellung von Fördermitteln erst ein Jahr später, wurde die zweite Stufe gestartet. Bis 2015 sollen 50 Mio. Euro investiert werden, davon 32 Mio. Euro Fördermittel.
Im Juli 2012 wurde das Förderverfahren vorerst ausgesetzt. Zwar hat der Bund seinen Anteil von 30 Mio. Euro in den Haushalt eingestellt und auch das Land grünes Licht gegeben, die für Mai 2012 erhoffte Freigabe nach abschließender Prüfung durch das Thüringer Verkehrsministerium war jedoch noch nicht erfolgt. Zur Aussetzung kam es auf Drängen der neuen Geraer Oberbürgermeisterin. Der Verkehrsbetrieb wurde gebeten, die Berechnungen für das nun fünf Jahre alte Programm neu anzustellen und mögliche Alternativen zu erarbeiten. Dabei standen der Neubau der Linie 4, der Erhalt der Trasse zwischen den Haltestellen Duale Hochschule und Bieblach-Ost sowie der Umfang des Ausbaus der Wiesestraße zur Disposition. Im August 2012 fand eine durch die Oberbürgermeisterin in Auftrag gegebene erneute Wirtschaftlichkeitsprüfung statt, die die Zahlen des Verkehrsbetriebs und die Wirtschaftlichkeit bestätigte. Der Baustart der drei Projekte sollte im Januar 2013 erfolgen. Bis auf den abgeschlossenen Ausbau der Strecke zwischen den Haltestellen Duale Hochschule und Bieblach-Ost ist aktuell (Stand Oktober 2018) jedoch offen, ob nach durchgeführten vorbereitenden Maßnahmen die Projekte tatsächlich in Angriff genommen werden.
Ausbau der Linie 3 Ab dem Jahr 2010 wurde die Trasse im Bereich Hinter der Mauer auf Rasengleis umgebaut, wobei weiterhin eine Umgestaltung der Haltestellenbereiche stattfand.
Die Sanierung der Strecke von der Dualen Hochschule bis Bieblach-Ost mit Ausbau auf Stadtbahnniveau wurde im Jahr 2013 durchgeführt.
Im August 2019 wurde der erste Abschnitt des dreiphasigen Umbaus der Wiesestraße begonnen, durch den die Verkehrsverhältnisse neu geordnet werden. Dieser betrifft den nördlichen Teil der Straße, wobei Parkplatzsituationen angepasst und eine Kreuzung komplett umgebaut werden. Im südlichen Abschnitt wird die Straßenbahn später auf einem eigenen Rasengleis verkehren. Ursprünglich sollte der komplette Umbau von 2013 bis 2015 geschehen. Bereits 2013 wurden hier Baumfällarbeiten und ab Oktober 2018 begleitende Kabelarbeiten durchgeführt.