Maß für Maß (frühneuenglisch Measure, for Measure) ist eine Komödie von William Shakespeare. Sie zählt zu den so genannten „Problemstücken“ aus Shakespeares Werk und wurde vermutlich 1603/04 verfasst. Als Vorlage nutzte Shakespeare verschiedene Elemente aus einer Erzählung in der Novellensammlung Hecatommithi (1565) von Giovanni Battista Giraldo Cint(h)io oder einer Dramatisierung dieser Geschichte durch Cintio selbst, Epitia (gedruckt 1583), sowie aus der auf Cintios Werk aufbauenden zweiteiligen Komödie Promos and Cassandra (1578) von George Whetstone.
Handlung mini|Isabela bittet Angelo um Gnade für ihren Bruder, Ölgemälde von William Hamilton nach Akt II, Szene 2 (1793) mini|Mariana in Measure for Measure, Ölgemälde von Dante Gabriel Rossetti (1870) Dem Herzog Vincentio sind die Gesetze in Wien zu oft übertreten worden. Um dem allgemeinen Sittenverfall Einhalt zu gebieten, den er durch seine eigene Milde in der Rechtsprechung mitverschuldet zu haben glaubt, setzt er Angelo als Statthalter ein, der die bis dahin allzu liberal angewandten Gesetze durchsetzen soll. Vincentio verlässt scheinbar die Stadt, tatsächlich aber verkleidet er sich als Mönch, um Angelo bei seiner Amtsführung zu beobachten. Der vermeintlich gewissenhafte Angelo erweist sich rasch als zu schwach, um den Verlockungen der Macht zu widerstehen. Dies wird deutlich, als er an Claudio, einem jungen Adeligen, ein Exempel statuieren will, weil dieser trotz eines Ehegelöbnisses noch vor der Trauung seine Verlobte Juliet geschwängert hat; Claudio soll vor neun Uhr des nächsten Morgens hingerichtet werden.
Als dessen Schwester Isabella vom Unglück ihres Bruders durch einen Bekannten erfährt, macht sie sich zu Angelo auf, kniet vor ihm nieder und fleht ihn um Gnade für ihren Bruder an. Doch Angelo zeigt zunächst kein Mitgefühl. Er sagt ihr lediglich, sie solle wiederkommen. Sein anschließendes Selbstgespräch offenbart jedoch, dass er sich zu Isabella sexuell hingezogen fühlt und sie begehrt. Als Isabella wieder vor ihm erscheint, macht er ihr das Angebot, ihren Bruder nicht töten zu lassen, falls Isabella sich ihm eine Nacht lang hingebe. Isabella lehnt dieses Angebot empört ab und lässt dem Gesetz den Vorrang.
Unterdessen verfolgt der als Mönch verkleidete Vincentio das Geschehen und eröffnet Isabella seinen Plan: Angelo war einst mit Mariana verlobt, ließ sie jedoch sitzen, da sie ihre Mitgift durch einen Schiffbruch verloren hatte. Isabella soll nun zum Schein auf Angelos Forderung eingehen, ihr Platz soll dann jedoch von Mariana eingenommen werden. Zum Schein vereinbart Isabella daraufhin eine Zusammenkunft mit Angelo und erhält von diesem zwei Schlüssel, um sich mit ihm nachts in seinem Garten zu treffen. Nach dem nächtlichen Platztausch mit Mariana erliegt Angelo der Täuschung und glaubt, dass Isabella sich ihm hingegeben habe. Trotzdem begnadigt er Claudio nicht und will ihn jetzt sogar schon um vier Uhr hinrichten lassen; um fünf Uhr soll ihm nach der Vollstreckung des Todesurteils Claudios Kopf geschickt werden. Doch Claudio wird auf Betreiben Vincentios nicht hingerichtet, und Angelo erhält den Kopf eines Zigeuners, der in der Nacht zuvor im Gefängnis gestorben ist.
Als Vincentio wieder als Herzog seinen Platz einnimmt, klärt sich alles auf. Angelo gesteht in einem Gerichtsverfahren, in dem er selbst vom Herzog als Richter eingesetzt worden ist, sein Verbrechen und erbittet die Todesstrafe. Stattdessen aber begnadigt ihn der Herzog und verurteilt ihn dazu, Mariana zu heiraten. Claudio kommt aus dem Gefängnis frei und heiratet seine Verlobte Juliet. Am Schluss bietet der Herzog Isabella die Heirat an; diese lässt es jedoch offen, ob sie tatsächlich mit ihm die Ehe eingehen wird.
Literarische Vorlagen und kulturelle Bezüge Das Motiv des „monstrous ranson“, des Lösegelds der eigenen Keuschheit, das eine Frau für das Leben ihres Mannes oder Bruders entrichten muss, oder aber die Geschichte des erpressten Handels und der Begnadigung gegen Beischlaf mit anschließendem Bruch der Vereinbarung ist ein in der Weltliteratur weit verbreitetes altes Erzählgut. Allein im 16. Jahrhundert existierten sieben dramatische und acht nicht-dramatische Fassungen, die Shakespeare gekannt haben könnte. Als Shakespeares Hauptquellen lassen sich direkt oder indirekt drei Versionen des Stoffes ausmachen: erstens die in Innsbruck spielende Erzählung des wegen Totschlags verurteilten Vico, seiner Schwester Epitia und des kaiserlichen Gouverneurs Juriste, die sich als fünfte Novelle der achten Dekade in der Sammlung Hecatommithi von Giovanni Battista Giraldo Cint(h)io aus dem Jahre 1565 findet; zweitens eine Dramatisierung dieser Geschichte durch Cintio selbst mit dem Titel Epitia, die 1583 gedruckt wurde; und drittens eine zweiteilige Komödie von Shakespeares Zeitgenossen George Whetstone mit dem Titel The Right Excellent and Famous Historye of Promus and Cassandra von 1578. Eine in allen wesentlichen Einzelheiten gleiche Novellenversion dieses Autors liegt auch im Heptameron of Civil Discourse (1582) vor.
Als unmittelbare Vorlage hat Shakespeare vermutlich George Whetstones Promus and Cassandra genutzt; verschiedene Elemente der Handlung, wie beispielsweise den österreichischen Schauplatz, die Figur des Escalus oder des hartgesottenen Verbrechers als Ersatz für den verurteilten Bruder, scheint er zusätzlich Cintios Novellensammlung Hecatommithi entnommen zu haben, auf die bereits Whetstone selbst in seiner Komödie als Quelle zurückgegriffen hatte.
Die dramatische Figur des Herrschers in Verkleidung war eine beliebte Gestalt im frühen jakobäischen Theater und findet sich etwa in Thomas Middletons The Phoenix (um 1603/04), Thomas Dekkers The Honest Whore, Part II oder John Marstons The Malcontent (1604); ihren Ursprung hat sie höchstwahrscheinlich im elisabethanischen Historien-Drama (history plays), so zum Beispiel in Thomas Heywoods The First and Second Parts of King Edward the Fourth (um 1600).
Dieses so genannte Harun-al-Raschid-Motiv der Verstellung des Herrschers als eines einfachen Mannes aus dem Volke tauchte in der Weltliteratur bereits in der Sammlung morgenländischer Erzählungen Tausendundeine Nacht auf, die in der englischen Übersetzung als Arabian Nights erstmals 1706 gedruckt wurde, und war werkhistorisch in Shakespeares Measure for Measure offensichtlich ausgerichtet auf das Interesse des zeitgenössischen Publikums an dem neuen König James I und dessen Wahrnehmung seiner Verantwortung als Herrscher.
Shakespeares wichtigste Änderung gegenüber seinen Quellen und Vorlagen besteht darin, dass Isabella, die als Bittstellerin den Pakt mit dem korrupten Statthalter Angelo schließt, sich diesem durch den bed-trick, den nächtlichen Platztausch, nicht wirklich hingeben muss und daher durchgehend aus einer Position der absoluten Unschuld argumentieren oder agieren kann.
Das Motiv des bed-trick, das Shakespeare auch in All's Well That Ends Well verwendet, war seinerseits nicht nur in der damaligen mündlichen Erzähltradition und der italienischen Novellenliteratur verbreitet, etwa in Giovanni Boccaccios Novellensammlung Decamerone (3. Tag, 9. Geschichte), sondern hatte seine Vorläufer bereits im Alten Testament (Genesis 38) sowie im Amphitruo des römischen Dichters Plautus.Vgl. Ina Schabert: Shakespeare Handbuch. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 448 und 450. Siehe auch Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. 3. rev. Auflage. Reclam, Ditzingen 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 180 f. Vgl. ebenso Michael Dobson, Stanley Wells: The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, 2001, 2. rev. Auflage 2015, ISBN 978-0-19-870873-5, S. 294. Vgl. ferner Brian Gibbons (Hrsg.): William Shakespeare: Measure for Measure. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 2006, ISBN 978-0-521-67078-4, Introduction, S. 6 ff. Siehe auch J. W. Lever (Hrsg.): William Shakespeare: Measure for Measure. The Arden Shakespeare. Methuen, London 1965, ISBN 978-1-9034-3644-8, Introduction, S. XXXV ff.
Deutungsaspekte Der im Mittelpunkt des Stückes stehende Herzog Vincentio von Wien ist eine von Shakespeare erfundene fiktive Dramenfigur, die er mit verschiedenen Zügen des elisabethanischen Englands versehen hat. Durch Vincentios Entscheidung, die Herrschaftsgewalt an seinen Stellvertreter Angelo zu übertragen, wird die eigentliche dramatische Handlung ausgelöst, deren aktive Kontrolle Vincentio erst in der Mitte des Geschehens in seiner Verkleidung als Mönch wieder in die Hände nimmt.
Die Delegation der Verantwortung an Angelo mit dem Ziel, der Korruption und dem Sittenverfall in Wien Einhalt zu gebieten, die Vincentio aufgrund seiner eigenen Milde in der Rechtsprechung mitverschuldet zu haben glaubt, stellt dabei nicht unbedingt einen machiavellistischen Schachzug des Herzogs dar, wie einige Interpreten annehmen. Vielmehr schützt diese Machtübergabe Vincentio als Herrscher vor dem Vorwurf tyrannischer Willkür, dem er möglicherweise ausgesetzt wäre, sollte er seine bisherige neunzehnjährige liberale Regierungs- und Rechtspraxis in ihr Gegenteil verkehren.
Die zwingende Notwendigkeit eines härteren Durchgreifens in der Rechtspraxis wird am Anfang des Dramas durch die verschiedenen Szenen im Bordellmilieu von Mistress Overdone mit ihren Komplizen und Kunden verdeutlicht; allerdings stellt Shakespeare im weiteren Verlauf der Handlung die juristische Schärfe als ein angemessenes Mittel zur Disziplinierung der Sexualität mehrfach in Frage.
Das zweite Motiv Vincentios für die Delegation der Macht besteht neben der Durchsetzung der Gesetze mit der gebotenen Härte in einer Prüfung seines Stellvertreters Angelo, der als tüchtiger und anscheinend leidenschaftsfreier Mann angesehen wird. Dieses Anliegen des Herzogs wird jedoch erst an späterer Stelle im Stück als Handlungsmotiv eingeführt.
Schon die Namensgebung Angelos enthält eine gleichsam symbolhafte ambivalente Bedeutung: Einerseits verweist der Name auf eine nahezu übermenschliche Tugendhaftigkeit und Reinheit des Namensträgers; andererseits bezeichnete der Begriff „angel“ im frühneuenglischen Sprachgebrauch jedoch nicht nur einen Engel, sondern ebenso ein während der Regierungszeit von Eward IV. bis Charles I. gebräuchliches Geldstück, was Shakespeare im weiteren Verlauf des Stückes für Wortspiele über Falschmünzerei nutzt.Vgl. Ina Schabert: Shakespeare Handbuch. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, S. 449. Siehe zu der weiteren Bedeutung des Begriffes „angel“ im Frühneuenglischen als Geldmünze auch die Angaben im Oxford English Dictionary, online unter Abgerufen am 1. August 2017.
In seinem Feldzug gegen die vorherrschende Korruption und Unmoral erweist sich Angelos Vorgehen als wenig geeignet. Während seiner Ermittlungen gegen den Zuhälter Pompey bringt er in seiner Funktion als Richter wenig Geduld auf; die Nachforschungen überlässt er Escalus, um sodann vorschnell den jungen Adeligen Claudio aus Gründen einer allgemeinen Abschreckung und Generalprävention zum Tode zu verurteilen, da dessen Verlobte Juliet ein Kind von ihm erwartet. Er zeigt dabei keinerlei Verständnis dafür, dass das junge Paar nach einer Verschiebung der Zeremonie ihrer Eheschließung wegen einer noch nicht geklärten Mitgiftfrage den Vollzug der ehelichen Gemeinschaft dennoch vorweggenommen hatte, bevor ihre Ehe kirchlich abgesegnet und damit in der Öffentlichkeit als rechtsgültig anerkannt war.