mini|hochkant=0.9|Hirota Kōki Hirota Kōki (jap. ; * 14. Februar 1878 in Fukuoka; † 23. Dezember 1948 im Sugamo-Gefängnis, Tokio) war ein japanischer Diplomat und Politiker. Vom 9. März 1936 bis zum 2. Februar 1937 amtierte er als 32. Premierminister von Japan. In drei weiteren Regierungen war er von 1933 bis 1936 sowie von 1937 bis 1938 Außenminister. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er in den Tokioter Prozessen wegen Kriegsverbrechen angeklagt und zum Tode verurteilt.
Leben
Herkunft, Familie, Ausbildung Hirota Kōki stammte aus einfachen Verhältnissen. Er kam am 14. Februar 1878 in Fukuoka als ältester von vier Söhnen des Steinmetzes Hirota Tokubei (1848–1945) und dessen Ehefrau Take (1848–1928) zur Welt.Lebensdaten der Eltern nach Shiroyama, S. 59, 140, 293. Ursprünglich trug er den Vornamen Jōtarō (丈太郎).Hattori, S. 7. mini|248x248px|Die von Hirota Jōtarō gestaltete Steinsäule vor dem Suikyō-Tenmangū-Schrein in Fukuoka Bereits als Kind zeigte er eine starke Begabung auf dem Gebiet der Kalligraphie, sodass sein Vater seine Handschrift als Vorlage für Steintafeln nutzte. Als 17-Jähriger durfte er eine Steinsäule gestalten, die anlässlich des Sieges im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg 1895 vor dem Suikyō-Tenmangū-Schrein in Fukuoka aufgestellt wurde.Hattori, S. 8.
Von 1894 bis 1898 besuchte er die angesehene Shūyūkan-Mittelschule in Fukuoka. Anschließend zog er nach Tokio, um an der Ersten Höheren Schule (Daiichi Kōtō Gakkō) zu studieren, die er 1901 abschloss.Hattori, S. 10–12. Hirota hatte ursprünglich vorgehabt, dem Militär beizutreten, entschied sich aber unter dem Eindruck der Tripel-Intervention 1895, in deren Folge das im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg siegreiche Japan die Halbinsel Liaodong an China zurückgeben musste, für eine Laufbahn als Diplomat.Shiroyama, S. 9. Nach dem Abschluss der Höheren Schule wurde er in das politikwissenschaftliche Programm der juristischen Fakultät der Kaiserlichen Universität Tokio aufgenommen. Im Juli 1905 schloss er sein Universitätsstudium ab.Hattori, S. 12f.
Als Jugendlicher kam Hirota über ein von der Gen’yōsha betriebenes Judo-Dojo unter den Einfluss dieser in Fukuoka sehr aktiven nationalistischen und panasiatischen Organisation, der er lebenslang verbunden blieb. Entgegen anderslautenden Behauptungen in der älteren Literatur war Hirota formelles Mitglied der Gen’yōsha.Hattori, S. 9f., 160. Während seiner Ausbildung wurde er von der Gen’yōsha intensiv gefördert. Hiraoka Kōtarō, der erste Gen’yōsha-Präsident, finanzierte ihm den Besuch der Ersten Höheren Schule in Tokio. Tōyama Mitsuru, dem einflussreichsten Vordenker der Organisation, verdankte er den für seine spätere Laufbahn besonders wichtigen Kontakt zu Yamaza Enjirō.Hattori, S. 9f. Neben Judo, das er zeitlebens praktizierte – er erreichte während seiner zweiten Amtszeit als Außenminister den 5. DanHattori, S. 12. und absolvierte noch 1946 im Sugamo-Gefängnis regelmäßige ÜbungenShiroyama, S. 227. –, widmete er sich unter dem Einfluss der Gen’yōsha dem Zen-Buddhismus. Nach Abschluss der Shūyūkan-Mittelschule lebte Hirota Jōtarō kurzzeitig als Zen-Priester im Shorin-ji-Tempel der Rinzai-shu in Gifu und änderte bei dieser Gelegenheit seinen Vornamen in „Kōki“. Den Namen, der „aufgeschlossen und zielstrebig“ bedeutet, wählte er in Anlehnung an eine Stelle aus den Gesprächen des Konfuzius, seinem Lieblingsbuch.Shiroyama, S. 10. mini|256x256px|Hirota Kōki mit seiner Ehefrau Shizuko 1909 in London In seinem zweiten Jahr an der Ersten Höheren Schule in Tokio gründete er im Stadtteil Koishikawa (heute Bunkyō) gemeinsam mit Hirata Tomoo (1879–1918), einem Jugendfreund und späteren diplomatischen Weggefährten, sowie vier weiteren Kommilitonen in einem kleinen Mietshaus das Kōkōkyo, eine Wohngemeinschaft für Studenten.Shiroyama, S. 11. Hirota betreute das Projekt nach Ende seiner eigenen Studienzeit weiter und unterhielt bis zu seiner Verhaftung 1945 regelmäßigen persönlichen Kontakt mit den jeweiligen Bewohnern. 1924 erhielt das Kōkōkyo den Status einer eingetragenen Stiftung.Hattori, S. 28. 1936, kurz nach Hirotas Ernennung zum Premierminister, wurde für das Kōkōkyo ein eigenes Gebäude im Stadtbezirk Suginami fertiggestellt. Es wurde in Gegenwart Hirotas und Tōyama Mitsurus eingeweiht.Hattori, S. 100.
1905 heiratete er in den Räumlichkeiten des Kōkōkyo die Haushälterin der Wohngemeinschaft, Tsukinari Shizuko (1885–1946),Shiroyama, S. 19. Tochter des führenden Gen'yosha-Mitglieds Tsukinari Kōtarō.Hattori, S. 13. Sie bekamen zusammen sechs Kinder: Chiyoko (* 1906), Hiroo (* 1908), Tadao (1910–1930), Masao (* 1912), Miyoko (* 1914) und Toyoko (* 1917).『人事興信録 第8版』(人事興信所、1928年)ヒ67頁 Nach der Verhaftung ihres Mannes nahm sich Hirota Shizuko am 18. Mai 1946 das Leben.Hattori, S. 164.
Frühe diplomatische Laufbahn Hirotas wichtigster Förderer während seiner frühen Jahre als Diplomat war Yamaza Enjirō, damals Direktor des Büros für politische Angelegenheiten im Außenministerium. Hirota hatte Yamaza über Tōyama Mitsuru kennengelernt und wurde von ihm bereits während seiner Studentenzeit mit diplomatischen Aufgaben betraut. So reiste Hirota im Sommer 1903 in die Mandschurei, um Yamaza über die dortige Lage zu berichten. 1904, während des Russisch-Japanischen Krieges, wurde Hirota in ein Kriegsgefangenenlager in Matsuyama entsandt, um Soldaten der russischen Armee zu verhören.Shiroyama, S. 14–16. Nach Abschluss seines Universitätsstudiums unterzog sich Hirota im September 1905 der staatlichen Diplomatenprüfung, scheiterte aber aufgrund mangelnder Englischkenntnisse. Anschließend reiste er nach Seoul, um eine Anstellung in der japanischen General-Residenz in Korea anzutreten. Im September 1906 trat er erneut zur Diplomatenprüfung an und schloss sie diesmal als Jahrgangsbester ab.Hattori, S. 13f. mini|276x276px|Yamaza Enjirō (1866–1914), der Mentor und Vorgesetzte des jungen Hirota Im November 1906 trat Hirota als Assistenzdiplomat ins japanische Außenministerium ein. Als Schützling Yamazas gehörte er einer Fraktion an, die im Gegensatz zu Shidehara Kijūrō, dem damaligen Leiter der Telegraphischen Abteilung, stand.Hattori, S. 17f. Ab Oktober 1907 arbeitete Hirota in der japanischen Gesandtschaft in Peking, zeitweise war er auch in Shanghai tätig. Nachdem Yamaza als Botschaftsrat nach London gegangen war, holte er Hirota zu sich. So übernahm Hirota im August 1909 den Posten des dritten Sekretärs in der japanischen Botschaft in London. Im Juni 1913 wurde Hirota ins Außenministerium nach Tokio zurückberufen und zum Direktor der 1. Abteilung des Büros für Handelsangelegenheiten ernannt.Hattori, S. 18f. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs beriet Hirota Außenminister Katō Takaaki bei der Formulierung der Einundzwanzig Forderungen an China. Seinem Vorschlag, darin ein Angebot aufzunehmen, das China Hilfe bei der Flutkontrolle am Gelben Fluss zusicherte und als Gegenleistung die Nutzung des Flusses durch japanische Schiffe verlangte, wurde allerdings nicht entsprochen.Hattori, S. 21.
Im Dezember 1918 wurde Hirota an die japanische Botschaft in Washington entsandt, um als erster Sekretär unter Botschafter Shidehara zu dienen. Auf der Reise dorthin besuchte er als erster Vertreter des Außenministeriums japanische Einwandererviertel in San Francisco.Hattori, S. 22. Im November 1920 verließ er Amerika, um in Tokio Leiter der 2. Abteilung des Informationsbüros im Außenministerium zu werden. Als solcher beaufsichtigte er auf den Westen bezogene Geheimdienstarbeit und Propaganda.Hattori, S. 24. Im Dezember 1922 wurde er zum stellvertretenden Direktor des Informationsbüros ernannt. Im September 1923 stieg er unter Außenminister Ijūin Hikokichi zum Direktor des Büros für europäische und amerikanische Angelegenheiten auf. In dieser Funktion hatte er 1925 Anteil an der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen Japans zur Sowjetunion.Hattori, S. 26f.
Als Shidehara Kijūrō 1924 Außenminister wurde, geriet Hirotas Karriere ins Stocken. Er gehörte nicht zu den Vertrauten Shideharas und galt im Außenministerium als Außenseiter. Debuchi Katsuji, Shideharas Vizeminister, äußerte 1926 die Ansicht, Hirota werde im Ministerium nicht weiter aufsteigen. Für einen japanischen Diplomaten dieser Zeit war Hirota ungewöhnlich stark an Innenpolitik interessiert. So wurde er 1925 eines der Vorstandsmitglieder der Shin Nippon Dōmei (Neue japanische Allianz), einer gegenüber Parteipolitik kritisch eingestellten Organisation, die den Einfluss des Sozialismus in Japan bekämpfte. Hirota war einer von nur zwei Mitarbeitern des Außenministeriums, die in dieser vor allem innenpolitisch ausgerichteten Organisation aktiv waren.Hattori, S. 28f. Im Laufe der 1920er Jahre bildete sich im Außenministerium eine als „Reformisten“ bekannt gewordene Gruppe jüngerer Diplomaten um Arita Hachirō, Shigemitsu Mamoru, Tani Masayuki und Shiratori Toshio, die im Gegensatz zur unter Shidehara vorherrschenden Ausrichtung auf den Westen für eine stärkere Ausrichtung auf Asien plädierte. In Hirota, der sich ihrem Denken immer stärker zuwandte, fanden sie einen Förderer.Hattori, S. 24.
Von Juni 1927 bis April 1930 wirkte Hirota als japanischer Gesandter in den Niederlanden. In dieser Funktion nahm er im August 1929 an der ersten Konferenz zur Ausformulierung des Young-Plans in Den Haag teil. Im folgenden Monat gehörte er zu den Vertretern Japans bei der 10. Plenarsitzung des Völkerbundes in Genf.Hattori, S. 29–31. 1930 wurde Hirota zum Botschafter in der Sowjetunion ernannt. Am Tag seiner Abreise, dem 14. November wurde er auf dem Bahnhof Tokio Zeuge des Attentats auf Premierminister Hamaguchi Osachi.Hattori, S. 31f.
Botschafter in der Sowjetunion, Aufstieg zum Außenminister Hirotas Aufstieg ins Amt des Außenministers steht in engem Zusammenhang mit der Mandschurei-Krise, die das Ende der Shidehara-Diplomatie markierte. Nach dem am 18. September 1931 von japanischen Offizieren inszenierten Mukden-Zwischenfall besetzte die im Pachtgebiet Kwantung stationierte Kwantung-Armee ohne Zustimmung der japanischen Regierung die zu China gehörende Mandschurei, wo sie im folgenden Jahr das Kaiserreich Mandschukuo, einen von ihr kontrollierten Marionettenstaat, ausrief.
Als Botschafter in der Sowjetunion gelang es Hirota, die sowjetische Regierung während der Krise zum Stillhalten zu bewegen, indem er ihr zusicherte, dass Japan die sowjetische Hoheit über die Ostchinesische Eisenbahn nicht antasten würde. Die Machtlosigkeit der japanischen Regierung gegenüber der Kwantung-Armee richtig einschätzend, entschied er sich, das Schreiben Shideharas, in welchem dieser der sowjetischen Regierung zusicherte, die japanischen Truppen rasch wieder abzuziehen, nicht weiterzuleiten. Stattdessen rechtfertigte er das Vorgehen der Kwantung-Armee mit dem Schutz japanischer Siedler und Investitionen.Hattori, S. 33. 1932 erreichte Hirota, dass die Sowjetunion der vom Völkerbund zur Untersuchung der Mandschurei-Krise eingesetzten Lytton-Kommission die Zusammenarbeit verweigerte. Außerdem gelang es ihm, ein für Japan vorteilhaftes Fischereiabkommen mit der Sowjetunion auszuhandeln.Hattori, S. 35.
Im September 1932 legte Hirota das Amt des Botschafters nieder und kehrte nach Japan zurück.Hattori, S. 36. Dort knüpfte er in den folgenden Monaten enge Verbindungen zur Kokuikai, einer gegen Parteipolitik gerichteten Organisation, deren Direktorium er im Dezember 1932 beitrat. Im März 1933 gehörte er mit Konoe Fumimaro, Matsui Iwane, Shiratori Toshio, Homma Masaharu u. a. zu den Gründungsmitgliedern der panasiatischen Dai Ajia Kyōkai (Großasiatische Gesellschaft).Hattori, S. 44f.