mini|Bauplan des Fliegerhorstes vom Oktober 1938, unterlegt: Stadtplan von Lippstadt (Stand 2016)
Der Fliegerhorst Lipperbruch ist ein ehemaliger Militär-Flugplatz (1936–1945), ca. 5 Kilometer nördlich von Lippstadt, im heutigen Stadtteil Lipperbruch gelegen.
Geschichte Ursprünge und Aufbau des Fliegerhorstes Anfang 1932 wurde die Lippstädter Segelflugvereinigung e. V. mit dem Ziel gegründet, „trotz der Knebelungen durch den Versailler Vertrag fliegerischen Nachwuchs zu schulen“. Dazu wurde ein Gelände von 147 Morgen, ca. 5 km nördlich Lippstadts im unbebauten Lipper Bruch erworben. Die Kosten für die Herrichtung des unbewohnten Geländes wurden aus Mitteln zur Förderung der Notstandsarbeit und durch Darlehen des Bezirksfürsorgeverbandes (durch Ersparnisse wegen der Einstellung von Erwerbslosen) aufgebracht. Es wurden ca. 700 Männer beschäftigt, sog. Wohlfahrtunterstützungsempfänger, sowie Arbeiter des Freiwilligen Arbeitsdienstes, die in einem Lager in den Lippstädter Fichten zwischen Lippstadt, Lipperode und Lipperbruch kaserniert waren. Bereits vor Baubeginn des Segelflugplatzes gab es Bemühungen von offizieller Seite in Lippstadt Richtung Berlin, Lippstadt wieder zu einer Garnisonsstadt werden zu lassen. Als Fürsprecher diente Otto Steinbrinck, ein gebürtiger Lippstädter und bekannter U-Boot-Kommandant des Ersten Weltkrieges. Baubeginn des Segelflugplatzes war im Januar 1934, die Einweihung erfolgte am 16. September 1934. In Vorbereitung des noch verbotenen Aufbaus einer Luftwaffe wurde aber bereits 1934 der Ausbau zu einem Fliegerhorst mit Luftwaffenkaserne im Geheimen begonnen, im November 1934 flossen, zunächst vertraulich, erstmals Gelder zum Ausbau des Segelflugplatzes zu einem Fliegerhorst vom Luftamt Münster nach Lippstadt. Weitere 250 Morgen Land wurden dem Besitzer von Gut Mentzelsfelde enteignet, der Segelflugverein wurde finanziell entschädigt und verlegte den Sitz nach Brilon. Mit Schreiben vom 19. Februar 1936 verfügte das Luftamt Münster offiziell die Aufhebung der Fluggenehmigung für den Segelflugplatz, bis dahin wurde jedoch der Betrieb, parallel des Ausbaus zum Fliegerhorst, im nördlichen Teil des Geländes weiter betrieben. Die Gebrüder Horten ließen hier noch 1937 drei Flugzeuge des Typs H II bauen. Dabei handelte es sich um Segelflugzeuge in Nurflügelbauweise.
Der militärische Ausbau wurde mit Hochdruck begonnen, das Richtfest erfolgte am 25. Mai 1935, 3 Monate nach „offizieller“ Errichtung der Luftwaffe durch Hitlers Erlass. Der Fliegerhorst Lipperbruch mit der angegliederten Richthofen-Kaserne wurde 1936 als einer der ersten neugebauten Militärflugplätze der neu eingerichteten Luftwaffe am 29. Februar 1936 mit Errichtung der Fliegerhorstkommandantur in Betrieb genommen. Die Anlage erhielt den Decknamen „Napoleon“. Die Erstbelegung, allerdings nur für wenige Tage, erfolgte am 1. März mit dem Jagdgeschwader 132, ausgestattet mit Heinkel He 51. Das Jagdgeschwader 132 war zusammen mit der aus Kitzingen verlegten I. Gruppe des Sturzkampfgeschwader 165 an der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes beteiligt. In den Folgejahren waren bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges infolge des ständigen Aus- und Umbaus der Luftwaffe verschiedene Jagd-, Kampf- und Zerstörergeschwader in Lippstadt stationiert bzw. wurden dort neu auf- oder umgestellt.
Zu diesem Fliegerhorst gehörte auch ein Scheinflugplatz. Er befand sich auf den Wiesen nördlich der Brandenburger Straße und westlich der Wiedenbrücker Straße, gegenüber dem Gut Mentzelsfelde. Heute ist dort ein Golfplatz. Seinerzeit war er mit einer Beleuchtungsanlage ausgestattet, um nächtliche Aktivitäten vorzutäuschen. Angegriffen wurde dieser Scheinflugplatz allerdings nie. Als Relikt existiert westlich am Waldrand noch ein Bunker.
Liste der stationierten Luftwaffen-Einheiten (nach Zeng)
Von Bis Einheit AusrüstungFebruar 1936März 1936III./JG 134 Heinkel He 51März 1937 III./JG 134 Heinkel He 51, Arado Ar 68EApril 1937Oktober 1938Stab, I./KG 254 Junkers Ju 52/3mNovember 1938Dezember 1938III./JG 142 Messerschmitt Bf 109DJanuar 1939April 1939III./ZG 142 Messerschmitt Bf 109B, Messerschmitt Bf 109C, Messerschmitt Bf 109DMai 1939August 1939III./ZG 26 Messerschmitt Bf 109DDezember 1939 I.(Jagd)/LG 2 Messerschmitt Bf 109EDezember 1939Januar 1940I./ZG 26 Messerschmitt Bf 109D, Messerschmitt Bf 110Februar 1940März 1940I./St.G. 77 Junkers Ju 87BApril 1940Juni 1940KGr. z. b. V. 11 Junkers Ju 52/3mMai 1940 KGr. z. b. V. 101 Junkers Ju 52/3mMai 1940März 1941Stuka-Erg.St./VIII.Fliegerkorps Junkers Ju 87BAugust 1940Januar 1942Erg.St.(Schl.)/LG 2 Junkers Ju 87BMai 1941 2.(H)/Aufkl.Gr. 32 Mai 1941Juni 1941I./SKG 210 Messerschmitt Bf 110Januar 1942März 1942Erg.St./Schl.G. 1 Henschel Hs 129Januar 1942April 1942II./Schl.G. 1 Henschel Hs 123, Henschel Hs 129März 1942April 19425./Erg.JGr. Ost April 1942Mai 19424. und 8./Schl.G. 1 Henschel Hs 129August 1944November 19441./NJG 11 Focke-Wulf Fw 190A, Messerschmitt Bf 109G
Zweiter Weltkrieg mini|Luftbild der United States Army Air Forces Luftaufklärung vom 28. März 1945Nach Ende des Überfalls auf Polen wurde Lippstadt Ausbildungsstation für die Messerschmitt Bf 109-Piloten im Lehrgeschwader 2, war Durchgangsstation für in den Kriegsgebieten im Westen (Schnellkampfgeschwader 210) oder im Osten (Schlachtgeschwader 1) eingesetzten Geschwader. Im Zuge der vermehrten Luftangriffe der Alliierten in Deutschland wurden zur Luftabwehr das Nachtjagdgeschwader 11 mit Messerschmitt Bf 109G und Focke-Wulf Fw 190A stationiert. 1944 wurde der Fliegerhorst Ziel von Bomberangriffen der 8th Air Force, die bei den Angriffen am 19. April, sowie am 5. Oktober zum Teil erhebliche Schäden an Gebäuden und Infrastruktur hervorriefen. Am 19. April waren 122 Bomber am Angriff beteiligt und warfen in der Zeit zwischen 10:25 Uhr und 10:40 Uhr (UTC) 840 500lb-Sprengbomben und 1547 100lb-Brandbomben ab. Zum Einsatz am 5. Oktober wurden 4 Bombergruppen des 14th und 20th Combat Bombardment Wing, VIII Bomber Command der 8th Air Force mit 116 B-25-Bombern eingesetzt. 2 Bomber trafen fehlerhaft Lipperode, 56 Bomber anderer Einheiten, wohl mit dem Ziel des Luftparks in Paderborn (südlich der Innenstadt, im Ortsteil Mönkeloh (s. Flugplatz Paderborn-Mönkeloh), im Einsatzbericht der USAAF steht „A/F Paderborn“), bombardierten irrtümlich den Lippstädter Fliegerhorst. Insgesamt wurden ab 11:53 Uhr (UTC) 1.267 500lb-Sprengbomben und 680 500lb-Brandbomben abgeworfen. Als Begleitschutz flogen 107 P-51 der 355th und 361th, sowie 51 P-47 der 356th Fighter Group, die zusätzlich auch weitere Ziele u. a. in Geseke (Flugfeld) und Hamm (Eisenbahn) angriffen.
Der Flugbetrieb der Luftwaffe wurde im März 1945 in Folge von Versorgungsengpässen mit Nachschub, Treibstoff und dem Zurückweichen der deutschen Truppen eingestellt. Durch die abrückenden deutschen Einheiten wurden am 29. März 1945 vor allem für den Flugbetrieb wichtige Gebäude des Fliegerhorstes gesprengt.
Am 1. April 1945 trafen die Spitzen der britischen 21st Army Group von Norden und der 1. und 9. US-amerikanischen Armee von Süden in der Nähe von Lippstadt aufeinander, um den Ruhrkessel zu schließen. Einheiten der IX Engineer Command 830th Engineer Aviation Battalion übernahmen am 7. April den Flugplatz, räumten ihn von Minen und Flugzeugwracks und richteten ihn als Advanced Landing Ground ALG Y-98 Lippstadt her. Innerhalb eines Tages konnten Douglas DC-3/C-47 Skytrain zur Unterstützung der Truppen einfliegen. Am 20. April waren die Schäden soweit beseitigt, dass Kampfverbände den Fliegerhorst wieder benutzen konnten, die 373rd Fighter Group der 9th Air Force wurde mit Republic P-47 Thunderbolt dorthin verlegt und unterstützte von Lippstadt aus den weiteren Vormarsch der alliierten Truppen. Der Flugplatz wurde über die Kapitulation der Wehrmacht hinaus bis zum 12. Juli 1945 für Transportflugzeuge offengehalten, die Kaserne zur Unterbringung von Soldaten genutzt. Mit Konstituierung der Besatzungszonen wurde die Anlage im Juni 1945 von den US-amerikanischen an die britischen Truppen übergeben.
Nutzung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Militärische Nutzung Der Fliegerhorst wurde stillgelegt, da Lippstadt keine RAF-Basis wurde; die Anlage wurde zum Teil als Bombenabwurfplatz durch die RAF verwendet. Der Rest des ehemaligen Fliegerhorstes wurde größtenteils landwirtschaftlich genutzt. Auf einem großen Teil des Flugfeldes errichtete die Britische Armee eine eigene Kaserne („Camp El Alamein“), die dort stationierten Truppenteile zogen 1956 in die bereits seit dem Kriegsende ebenfalls mit britischen Truppen belegte ehemalige Flak-Kaserne im Lippstädter Süden („Churchill Barracks“) um.
Nach einer kurzen Nutzung des neu errichteten Kasernengeländes in Lipperbruch durch eine Bundeszollschule wurde das Gelände im Dezember 1957 durch die Bundeswehrverwaltung übernommen und das Quartiermeisterbataillon 7 und die Instandsetzungskompanie 7 bezogen im Januar 1958 den Standort „Lipperland-Kaserne“. Das Kasernengelände umfasste eine Fläche von insgesamt 44,2 ha. In der Zeit bis zur Auflösung der Kaserne am 22. Dezember 2006 waren viele Einheiten der 7. Panzergrenadierdivision stationiert. Über einen längeren Zeitraum waren u. a. die Luftlandebrigade 27 mit versch. Luftlandeeinheiten, das Fernmeldebataillon 7, das Transportbataillon 801, sowie die Reservelazarettgruppe 7318 in der Lipperlandkaserne beheimatet.
Liste der stationierten Bundeswehr-Einheiten und -Organisationen (nach einer Aufstellung der Reservistenkameradschaft Lippstadt)
Von Bis Einheit BemerkungenJanuar 1958März 1959Quartiermeisterbataillon 7 Januar 1958März 1970 le. Feldzeugkompanie 7 März 1958März 1970 mittl. Instandsetzungskompanie 101 März 1958September 1959 Standort-Offizier Lippstadt April 1958Dezember 2006 Standortverwaltung Lippstadt Juli 1958September 1959 Vorauspersonal Stab/Stabskompanie 7. Panzergrenadierdivision Februar 1959März 19598Vorauspersonal Fernmeldebataillon 7 März 1959März 1970mittl. Instandsetzungskompanie 101 April 19591993Nachschubkompanie 7 April 1970 zur Luftlandeversorgungskompanie 270 umgegliedertApril 1959August 19624./Versorgungsbataillon 215 April 1959August 1962Beobachtungsbataillon 170 Januar 19621965Ersatzteilkompanie 103 November 1962April 1963Nachschubausbildungskompanie 17/1 Juli 1962August 1966 Feldartilleriebataillon 71 Oktober 1966September 1994Fernmeldebataillon 7 mit FernmeldeausbildungskompanieOktober 1966März 19702./gemischtes Instandsetzungsbataillon 120 April 1970März 1993Stab/Stabskompanie Luftlandebrigade 27 April 19701993 Luftlandesanitätskompanie 270 1993Dezember 2006Transportbataillon 801 Als verbliebene „militärische“ Nutzung besteht das ehemalige Tanklager der Bundeswehr, nördlich der Glennesiedlung, als Vereinsheim der Reservistenkameradschaft Lippstadt.
Zivile Nutzung