Steven Allan Avery (* 9. Juli 1962 in Manitowoc County, Wisconsin) ist ein US-amerikanischer Verurteilter, der 18 Jahre lang wegen Vergewaltigung in Haft saß und 2003 frei kam, nachdem seine Unschuld erwiesen worden war. Nach seiner Haftentlassung verklagte er die für seine Verurteilung Verantwortlichen auf 36 Millionen US-Dollar Schadensersatz. Im Jahr 2005 wurde er des Mordes an der 25-jährigen Fotografin Teresa Halbach für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt, wobei er wieder seine Unschuld beteuerte. Der Schuldspruch wird kontrovers diskutiert. Avery geht weiterhin juristisch gegen seine Verurteilung vor, seit 2016 wird er von der Rechtsanwältin Kathleen Zellner vertreten.
Auf der Grundlage seines Lebens wurde die zwei Staffeln umfassende True-Crime-Dokumentarserie Making a Murderer (2015–2018) gedreht. Die Veröffentlichung machte den Fall Avery einem breiten Publikum bekannt und führte zu Petitionen, die Averys Freilassung fordern. In der zweiten Staffel der Serie geht es auch um die Verhaftung von Averys damals 16-jährigem Neffen Brendan Dassey im Rahmen des Mordfalls um Teresa Halbach.
Leben Steven Avery wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Seit 1965 betreibt seine Familie einen Autoschrottplatz, auf dem sie außerhalb der Stadt lebt. Avery hat zwei Brüder und eine Schwester. Er besuchte öffentliche Schulen in Mishicot und Manitowoc. Nach seiner Schulzeit nahm er das Erbe seiner Familie an und arbeitete fortan auf seinem Anwesen als Schrotthändler für Autos.
Im Alter von 18 Jahren brach Avery in eine Bar ein und stahl Alkohol. Er bekannte sich schuldig und wurde 1981 zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt.
Am 24. Juli 1982 heiratete Avery. Aus der Ehe gingen 3 Kinder hervor.
Seine Haftstrafe verlängerte sich, als 1982 ein Mann angab, zusammen mit Avery eine Katze getötet zu haben. Sie hatten das Tier mit Benzin und Öl übergossen und dieses in ein Funkenfeuer geworfen. Avery bekannte sich schuldig und saß bis August 1983 hinter Gittern.
Anfang 1985 erstattete Averys Cousine Sandra Morris Strafanzeige, nachdem Avery ihr Auto angefahren und er sie danach mit einem Gewehr bedroht hatte. Bei ihrer Vernehmung gab Sandra Morris an, dass Avery sich seit Juli 1984 mehrmals öffentlich entblößt habe, wenn sie vorbeigefahren sei. Avery wies den Vorwurf der Belästigung zurück und gab an, sich provoziert gefühlt zu haben. Wegen unerlaubten Waffenbesitzes und Störung der öffentlichen Ordnung drohten ihm weitere sechs Jahre Gefängnis.
Fall Penny B. Im Juli 1985 wurde am Michigansee Penny B. während des Joggens am Strand überfallen und vergewaltigt. Für die lokale Strafverfolgungs- und Polizeibehörde stand schnell fest, dass es sich bei dem Täter um Avery handeln musste.
Avery wurde noch im selben Jahr wegen Vergewaltigung zu lebenslanger Haft verurteilt, obwohl er sich unschuldig bekannte. Zum Zeitpunkt der Verurteilung gab es keine physischen Beweise, die Avery in Verbindung mit der Tat brachten. Hinzu kommt, dass er sechzehn Alibis hatte, die bezeugten, dass Avery zum Tatzeitpunkt zu Hause war. Vom Opfer wurde er jedoch – wie sich später herausstellte: fälschlicherweise – als Täter identifiziert. Das Opfer hatte sich dabei an einem Phantombild des Täters orientiert. Es wies starke Ähnlichkeit mit einem Polizeibild von Avery auf. Der Zeichner des Phantombilds erklärte, dass er das Bild nach den Beschreibungen des Opfers gemalt habe. Dies wird jedoch angezweifelt, da Erstbeschreibungen des Opfers nicht mit dem Phantombild übereinstimmten.
Um 1995 rief ein Polizist aus Brown County das Gefängnis von Manitowoc County an und sagte, dass ein Häftling „vor Jahren einen Überfall in Manitowoc County begangen hatte und dass jemand anderes dafür im Gefängnis war“. Sheriff Kocourek soll den Erinnerungen der Stellvertreter zufolge geantwortet haben: „Wir haben bereits den richtigen Mann. Kümmere dich nicht darum.“
Nach 18-jähriger Haft wurde 2003 durch eine DNA-Analyse Averys Unschuld bewiesen, der daraufhin aus der Haft entlassen wurde. Außerdem konnte mithilfe der DNA-Analyse Gregory Allen als wahrer Täter identifiziert werden.
Infolge seiner Freilassung wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die den Fall auf Fehlverhalten prüfte. Sie kam zu dem Schluss, dass keine wirklichen Ermittlungen von Seiten des Sheriffs angestellt worden seien. Ein Gericht konnte jedoch kein polizeiliches Fehlverhalten feststellen.
Schadensersatzklage Im Jahr 2003 reichte Avery eine Zivilklage in Höhe von 36 Millionen Dollar gegen Manitowoc County, seinen ehemaligen Sheriff und seinen ehemaligen Bezirksstaatsanwalt wegen falscher Verurteilung und Inhaftierung ein. Die Freilassung von Avery im Jahr 2003 führte zu einer breiten Diskussion über das Strafrechtssystem in Wisconsin.
Fall Teresa H. Prozessverlauf Am 31. Oktober 2005 kam die 25-jährige Fotografin Teresa H. auf das Anwesen des Avery-Autoschrottplatzes, um sich mit Steven Avery zu treffen und um Fotos von einem zum Verkauf stehenden Minivan zu machen. Sie wurde danach nicht mehr lebend gesehen. Am 3. November 2005 wurde sie von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Avery wurde am 11. November, nachdem sein Blut in ihrem Fahrzeug gefunden worden war, des Kidnappings, der Vergewaltigung und des Mordes an Teresa H. sowie des illegalen Besitzes einer Waffe beschuldigt und festgenommen. Er beteuerte erneut seine Unschuld und warf den Behörden vor, ihm den Mord anzuhängen, um nicht Schadensersatz an ihn bezahlen zu müssen.
Averys damals 16-jähriger Neffe Brendan Dassey wurde im Verlaufe des Prozesses um den Mordfall an Teresa H. mehrmals verhört und schließlich als Hauptzeuge der Anklage benannt, indem dieser in einem Videogeständnis die Tatbeteiligung von Steven Avery angab. Dassey wurde mehrmals über einen Zeitraum von etwa vier Stunden befragt, ohne dass jeweils ein Elternteil oder ein Anwalt anwesend war. Dabei wandten die Ermittler die sogenannte Reid-Methode an. Befürworter sehen in ihr eine effektive Methode, um Geständnisse zu entlocken. Sie kann jedoch Kritikern zufolge leicht zu falschen Geständnissen führen, insbesondere bei Kindern. Seine Frage, ob er nach einem Geständnis nach Hause gehen könne, beantworteten die Polizisten mit Ja.
Dassey gab an, mit seinem Onkel Teresa H. vergewaltigt, ermordet und verbrannt zu haben. Er wurde daraufhin am 1. März 2006 verhaftet und angeklagt.
Len Kachinsky, der Pflichtverteidiger von Dassey, ließ ein weiteres Geständnis von Dassey zu. Dassey beantragte daraufhin bei Richter Patrick Willis, einen neuen Pflichtverteidiger zugestellt zu bekommen. Dieser lehnte ab. Erst bei einer zweiten Anfrage wurde Kachinsky von seiner Aufgabe entbunden.
In einem ebenfalls von der Staatsanwaltschaft als Beweis angeführten Telefonat mit seiner Mutter Barb Tardych gestand Brendan erneut die Tatbeteiligung von Steven Avery. Später wiederum gestand der Neffe seiner Mutter, alles erraten zu haben, was die Polizisten hören wollten, denn „so würde er es in der Schule auch machen“. Er wiederholte, dass seine Aussagen erfunden seien. Dassey gab an, den Polizisten gesagt zu haben, was sie hören wollten.
Avery wurde nach Abschluss des Gerichtsverfahrens in 2 der 3 noch stehenden Anklagepunkte von der Mehrheit der Geschworenen für schuldig befunden und zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt.
Von der Staatsanwaltschaft vorgebrachte Beweise Die Staatsanwaltschaft hält Avery für schuldig und hat dafür (unter anderem) folgende Beweise angeführt:
Avery ist die letzte bekannte Person, die das Opfer Teresa H. lebend gesehen hat. Das Auto des Opfers enthielt Blutspuren mit Averys DNA. Auf der Motorhaube des Autos des Opfers wurde Averys Schweiß festgestellt. In Averys Haus wurde ein Schlüssel des Opfers mit Averys DNA gefunden. Dassey gestand den Ermittlern, Avery beim Mord, der Vergewaltigung und Verbrennung der Leiche geholfen zu haben. In einem aufgenommenen Gespräch mit seiner Mutter gestand Dassey seiner Mutter die Tatbeteiligung. Auf Averys Grundstück wurden Knochen einer verbrannten Leiche gefunden.
Kontroversen um die vorgebrachten Beweise
Dasseys Geständnis Der Wahrheitsgehalt des Geständnisses des Neffen Brendan Dassey, die zu seiner Verurteilung und der von Avery führten, wird aus verschiedenen Gründen angezweifelt: Die Ermittler sagten bei der Befragung ca. 75-mal, Brendan würde lügen. Erst als Brendan nach Stunden das Schuldgeständnis abgab, lobten sie ihn dafür und sagten, er „hätte endlich die Wahrheit gesagt“. Die bei der Befragung angewandte Reid-Methode führe zu einer hohen Rate von falschen Geständnissen bei Verdächtigen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit den polizeilichen Verhörmethoden wenig entgegensetzen können. Aus diesem Grunde ist diese Methode in mehreren europäischen Ländern insbesondere bei der Befragung von Kindern und Jugendlichen untersagt. In Deutschland verstößt sie gegen § 136a StPO, da sie schon vom Konzept her mit Täuschungen und Drohungen arbeitet. Richter William E. Duffin stellte 2016 fest, dass die Aussagen unter unzulässigen Bedingungen entstanden sind. Er begründete dies damit, dass dem damals 16-Jährigen von den Ermittlern erklärt wurde, dass sie bereits wüssten, was geschehen war, und er es nur noch bestätigen müsse. Das junge Alter, besonders aber eine Lernbehinderung und seine geringe Intelligenz sowie die Tatsache, dass er ohne Eltern oder einen Anwalt befragt wurde, sorgten dafür, dass die Aussage ungültig ist. Das Gericht ordnete an, Dassey innerhalb von 90 Tagen freizulassen, wenn der Prozess nicht neu aufgerollt würde. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein. Das höhere Bundesgericht entschied mit einer Mehrheit von zwei Richtern zu einem, dass Duffins Urteil nicht gekippt wird. Die Staatsanwaltschaft legte erneut Berufung ein; der Fall wurde wieder neu aufgerollt, diesmal mit sieben Richtern des Bundesgerichts. Diese hoben das Urteil von Duffin auf und entschieden mit einer Mehrheit von vier zu drei Richtern, dass sein Geständnis freiwillig gewesen ist. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten lehnte eine Anfrage auf Prüfung dieses Urteils ab.
Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass Dassey seiner Mutter in einem Gespräch zwischen den beiden ebenfalls die Tatbeteiligung gestand, kurz nach einem erneuten Verhör der Ermittler. Später wiederum gestand er ihr, das alles nur erfunden zu haben, unschuldig zu sein und bei den Ermittlern geraten zu haben, was sie hören wollten.
Die Verteidigung gab für Dasseys teils widersprüchliche Aussagen folgendes Beispiel: Als sein Pflichtverteidiger Kachinsky ihm ein weiteres Geständnis entlockte (anstatt für seine Unschuld einzutreten), wandte er sich an Richter Fox mit der Begründung, er wolle einen neuen Anwalt. Im Gerichtssaal antwortete er auf die Frage von Fox, ob sein Verteidiger in seinem besten Interesse handeln würde, dann mit Ja. Zudem weisen seine Aussagen während des Verhörs Widersprüche auf; so behauptete Dassey zuerst, das Opfer sei im Schlafzimmer erschossen worden, kurze Zeit später hielt er die Garage für den Tatort. Diese Widersprüchlichkeit sei es eben, die den Wahrheitsgehalt einzelner, selektiver Aussagen wie etwa seines Geständnisses aufhebe. Die Aussage Dasseys sei unter Berücksichtigung des Kontexts zu verstehen. Alleine besitzen sie demnach keinen Wert und keinen Anspruch auf Gültigkeit.
Durchsuchung von Averys Anwesen Averys Anwälte argumentieren, dass sein Grundstück im Rahmen der Ermittlung illegal durchsucht worden sei und die angeblichen Beweise auf seinem Grundstück deshalb wertlos seien.
Am 5. November 2005 entschied ein Richter, dass das Manitowoc County Sheriffs Department aufgrund eines bestehenden Interessenkonflikts nicht bei der Durchsuchung von Averys Anwesens beteiligt sein darf. Stattdessen übertrug er die Aufgabe dem Calumet County Sheriffs Department. Dennoch waren Mitarbeiter des Manitowoc County bei der Durchsuchung beteiligt.