Das Kriegstagebuch einer jungen Nationalsozialistin ist ein Tagebuch, das die junge Münchner Nationalsozialistin Wolfhilde von König (1925–1993) während des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1946 führte. Veröffentlicht wurde es zuerst 2014 in Bloomington/USA in englischer Übersetzung unter dem Titel Wolfhilde's Hitler Youth Diary 1939–1946. Im Rahmen des Projektes Das Private im Nationalsozialismus des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin wurde das Tagebuch 2015 in der Ursprungssprache Deutsch mit ausführlichem wissenschaftlichem Kommentar unter dem Titel Kriegstagebuch einer jungen Nationalsozialistin. Die Aufzeichnungen Wolfhilde von Königs 1939–1946Sven Keller (Hrsg.): Kriegstagebuch einer jungen Nationalsozialistin. Die Aufzeichnungen Wolfhilde von Königs 1939–1946. (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 111. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Hrsg. von Helmut Altrichter, Horst Möller, Andreas Wirsching). herausgegeben. Das Kriegstagebuch der Wolfhilde von König

Wolfhilde von König begann ihr Tagebuch am 22. August 1939, neun Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen, in München, der Hauptstadt der Bewegung. Es endet mit dem 8. November 1946, dem 21. Geburtstag der Autorin, umfasst also die gesamte Dauer des Zweiten Weltkriegs und anderthalb Jahre darüber hinaus. Die Handschrift besteht aus fünf einzelnen Schriften, von denen die ersten drei für die Jahre 1939/1940, 1941 und 1942 von der Autorin selbst dekorativ gebunden wurden. Für das Jahr 1943 verwendete sie eine gekaufte Kladde, während die Einträge für die Jahre 1944–1946 auf losen Zetteln vorgenommen wurden.Abbildung in: Kriegstagebuch 2015, S. 3.

Das von dem Münchner BDM-Mädchen im Alter von 13 Jahren begonnene Kriegstagebuch gibt in 634 EintragungenSo die Zählung des Herausgebers in der Einleitung der deutschen Ausgabe S. 26. einen umfassenden Eindruck und Überblick der Kriegsereignisse aus der unmittelbaren Sicht einer heranwachsenden Jugendlichen, insbesondere der Lebensumstände und des Arbeitseinsatzes der Hitlerjugend, beziehungsweise der Mädchen im BDM. Es erzählt, immer unter nationalsozialistischer Indoktrination, sowohl von persönlichen Dingen als auch internationalen Kriegsbegebenheiten,Dazu gehört beispielsweise eine Notiz aus San Francisco, wo Angehörige der USA-Marine „Unter dem Beifall einer johlenden Menge“ die deutsche Flagge am Generalkonsulat zerrissen (18. Januar 1941). wie sie parallel in Rundfunk und Zeitung begleitet wurden. Von den Hintergründen des Überfalls auf Polen wusste sie nichts zu berichten.

Jedem Jahr ist ein Motto vorausgestellt. Das erste Heft beginnt mit einem Hitler-Zitat: „Was immer auch kommen mag, das Deutsche Reich, so wie es heute steht, wird niemand mehr zerschlagen und niemand mehr zerreißen können!“ Die Jahre sind jeweils durch weitere Zitate überschrieben, 1941 und 1942 von Hitler, 1940 und 1943 von Hermann Göring. Der Leitspruch für die Einzeichnungen des Jahres 1944 lautet: „Unser einziges Gebet an den Herrgott soll nicht sein, dass er uns den Sieg schenkt, sondern dass er uns gerecht abwägen möge in unserem Mut, unserer Tapferkeit, unserem Fleiß und nach unseren Opfern. Adolf Hitler“. Das Jahr 1945 ist mit einem Wort der DRK-Oberschwester Hermine Stolz überschrieben, die laut Eintragung vom 19. März 1945 im Lazarett bei einem Angriff starb.

Das Kriegstagebuch, in Sütterlinschrift verfasst, ist vor allem in den drei ersten Heften mit zahlreichen Privat- und Pressefotos der Nazi- und Kriegsjahre ausgestattet. Diese wurden von den Herausgebern der amerikanischen Ausgabe alle erfasst, nummeriert und bezeichnet. Der amerikanische Druck von 2014, der bis zur Seite 39 mit Texten der Herausgeber versehen ist,Wolfhilde's Hitler Youth Diary, 2014. Darin Prelude Years 1927–1938 by Emanuel Von Koenig as recalled in 2005, S. 25 ff. enthält diese aber nicht, dafür sind viele Familienfotos eingefügt. Die deutsche Neuausgabe von 2015 enthält demgegenüber viele der originalen Fotoseiten, dazu von den weggelassenen die Titel an den entsprechenden Tagebuchseiten. Zusätzlich zu der ausführlichen Einleitung kommentieren fast 600 wissenschaftliche Einzelanmerkungen die von der Schreiberin angesprochenen historischen Ereignisse, dazu gibt es ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Personenregister und Glossar.

Die Verfasserin und ihr Umfeld Wolfhilde schloss sich 1936 mit zehn Jahren noch vor der gesetzlichen Verpflichtung dem der HJ (Hitlerjugend) angegliederten BDM (Bund Deutscher Mädel) an, zunächst als JM (Jungmädel) bis 14 Jahre, danach im BDM bis zum Alter von 18 Jahren.Buchangabe für Quellen und Dokumente zum BDM: Gisela Miller-Kipp: Auch Du gehörst dem Führer. Die Geschichte des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Quellen und Dokumenten, Weinheim/München 2002. Karl Heinz Jahnke: Jugend unter der NS-Diktatur 1933–1945. Eine Dokumentation, Rostock 2003. Sofort nach Kriegsbeginn, am 4. September 1939, bestand der erste Arbeitseinsatz der 13-Jährigen darin, für den Brandschutz Sandsäcke mit Isarsand zu füllen.Kriegstagebuch, deutsche Ausgabe 2015, 4. September 1939, S. 32.

Die als JM im BDM geleistete Arbeit neben ihrer Schule absolvierte sie, wie sie immer wieder betont, mit großer Freude und Einsatzbereitschaft. Am 19. April 1940, einen Tag vor „Führers Geburtstag“, erhielt Wolfhilde von König als 14-Jährige das Rangabzeichen der Jungmädelschaftsführerin: eine rot-weiße Schnur am Halstuchknoten.Eintrag unter diesem Datum. Der Bund Deutscher Mädel (BDM) (Kapitel in Einleitung), S. 11. Anfang November 1940 wurde sie als JM-Scharführerin aktiv, diese Beförderung wurde am 9. November 1941 am Theresienhof (Theresienwiese) bei einer Feier für insgesamt 93 Führerinnen durch „grüne Schnüre“ bestätigt, danach folgte die jährliche Ehrung der Gefallenen.

Ihr Hauptbeschäftigungsort war ihre Heimatstadt München, wo sie die Schule bis zum Abitur besuchte und häufig „ihren geliebten Führer“ Adolf Hitler aus der Nähe erlebte. Unter dem Eindruck der Luftangriffe auf diese Stadt notiert sie einmal in ihrem Tagebuch die Bombardierung des Domes und der „schönsten Renaissancekirche der Welt“, der Michaelskirche. Ihre Münchener Einsätze nach Bombenangriffen waren für sie besonders belastend. Neben zwischenzeitlicher Arbeit in einer Fabrik, wo die Mädels den Arbeiterinnen halfen, damit diese bezahlten Urlaub haben konnten, meldete sie sich zum Gesundheitsdienst und wurde in der Kranken- und Verwundetenpflege aktiv.Einleitung S. 11 und 12. Im Jahr 1944Siehe Eintragungen ab 15. Februar 1944 wurde sie in verschiedenen Orten in den Alpen eingesetzt, unter anderem im Hilfskrankenhaus in Berchtesgaden. Sie lernte Spritzen zu geben und übernahm andere schwierige Aufgaben.

Kultur Am 1. Advent 1940 beschreibt die 14-jährige Tagebuchschreiberin das 50. Wunschkonzert für die Wehrmacht in Anwesenheit der „hohen Generalität, Dr. Goebbels und des diplomatischen Korps“, bei der „hervorragende Künstler“ wie Marika Rökk, Rosita Serrano, Zarah Leander sowie „italienische und japanische Künstler“ auftraten, deren Namen nicht notiert sind.

Musikalische Aktivität entfalteten die Mädchen selbst im Gesang, der einerseits das Zusammengehörigkeitsgefühl bei den Aufmärschen stärken sollte, alle ihre Arbeiten begleitete, aber auch bei Konzerten oder Festtagen aus anspruchsvollen Chören bestand (Bach, Gluck, Haydn). Am 14. Dezember 1941 gab es ein Konzert im Münchener Odeon vor „ausverkauftem Haus“, wo sie, begleitet von Bläsern der Münchner Staatsoper, mit großem Erfolg aus der Schöpfung von Joseph Haydn und Anderes sangen. Häufige Teilnahme der Gruppen an Theaterbesuchen zeigen, wie intensiv der kulturelle Bereich in die gesamte „Erziehung im Nationalsozialismus“ integriert wurde, meist durch den „Hitler-Theaterring“, aber auch durch Aufführungen städtischer Bühnen. Geboten wurden Stücke mit klassischem Anspruch wie Iphigenie auf Tauris (Goethe), Wilhelm Tell (Schiller), oder – am 16. Dezember 1940 – Friedrich Hebbels Die Nibelungen, ihr Leben und Sterben und Anderes.

(Fast) Privates rahmenlos|rechts Der Stil Wolfhildes ist sehr diszipliniert, „Jungmädchengefühle“ sind höchstens zu erahnen; der Teenager schreibt sehr gefasst, fast kühl mit großem Ernst und immer bedacht, allen Ereignissen gerecht zu werden und alle übergeordnete Personen mit ehrlichem Lob zu bedenken. Persönliche Ereignisse kommen dagegen kaum vor. So notierte sie während eines mehrwöchigen Aufenthalts in Innsbruck mit Mutter und Bruder im Sommer 1940 vor allem wohl aus der Zeitung entnommene Berichte über den Kriegsfortgang und die Treffen des „Führers“ mit ausländischen Politikern. Nur die Genesung der Mutter nach einem Krankenhausaufenthalt nimmt etwas mehr Raum ein. Erst im Zusammenhang mit der Abreise erwähnt sie die von ihr besuchten „Heimabend[e] der Rumer Mädel“.Eintrag vom 1. September 1941 (Kriegstagebuch, S. 63). Ausführlicher schildert sie dagegen Arbeitseinsätze, u. a. in einem Kinderlandverschickungslager in Bad Reichenhall, und einen Ausbildungskurs des Gesundheitsdienstes in Bad Wiessee in den Sommerferien 1942. Einmal, am 8. November 1941, berichtet sie kurz von dem Vergnügen, das ihre erste Tanzstunde ihr bereitete. Da sie keine Zeit hätte, Näheres zu beschreiben, stellt sie das für später in Aussicht, was aber unterblieb. Dieses Thema wurde – nur dieses eine Mal – um „1/2 1 h morgens“ angesprochen. Oft schreibt sie aus Pflichtgefühl, auch wenn sie „hundemüde“ ist.

Dagegen beschreibt sie regelmäßig mit Hingabe die Weihnachtsfeiern sowohl in der Familie, als auch in ihren Gruppen, die während des sogenannten Dritten Reichs als nationalsozialistischer Weihnachtskult inszeniert wurden. Auf dem im Tagebuch eingefügten Christbaumbild von 1933Ausgabe 2015, Abb. 4, Einleitung S. 6. ist auf der Spielburg ihres Bruders Manü die Hakenkreuzfahne befestigt. Die christliche Weihnachtsmesse um Mitternacht am Heiligabend wird 1939 letztmals erwähnt. 1942 ist dann von Weihnachten als „das deutscheste aller Feste“ die Rede und die Familie lauscht der „Weihnachtsringsendung“. Jedes Jahr zu Weihnachten erzählt sie von ihren Handarbeiten und dem Anfertigen von Spielsachen für die Kinder; insbesondere, als die Spielwarenindustrie wegen Kriegsereignissen zum Erliegen kam: Puppenkleider, Stofftiere, Weihnachtsschmuck, deren Erlös dem Winterhilfswerk zugutekam. Ihr besonderes handwerkliches und manuelles Geschick dazu ist heute noch an der eigenhändigen Bindung der ersten Teile ihres Tagebuches zu erkennen, deren letzte ungebunden blieben.

Immer wieder sorgt sie sich im Tagebuch um Familie und Freunde, besonders um ihren Bruder Emanuel, den „Hitlerjungen“, genannt Manü. Der etwas jüngere Bruder war 16-jährig im Volkssturm als LWH („Luftwaffenhelfer“) eingezogen worden. Er selbst beschreibt das nachträglich in einer von den Herausgebern der amerikanischen Ausgabe dem Tagebuch angefügten Ergänzung: Supplement to the Diary 1939–1946 by Emanuel Von König, as recalled in 2005.Wolfhilde's Hitler Youth Diary, 2014, S. 283 ff.

Der Tod einer Klassenkameradin im Sommer 1942 bedrückt sie. Die ganze Klasse besucht die Beisetzung und die Seelmesse. „Eines Tages werden wir uns wiedersehen“, zitiert sie den Abschiedsbrief der nach schwerer Krankheit Verstorbenen. Die Mutter „nimmt [es] als Willen Gottes auf, das wird ihr ein wenig Trost bringen“, ist der einzige Eintrag, der Bezug zur Religion nimmt.Eintragungen vom 30. Juni und 1. Juli 1942 (Kriegstagebuch, S. 113).

Stellung zum Nationalsozialismus Der Schreibstil, in dem sie über die Kriegsereignisse berichtet, spiegelt die NS-Propaganda in Rundfunk und Zeitungen. Gleich ihre ersten Einträge zum Kriegsbeginn klingen nach wortgetreuer Propaganda:Eintragungen vom 1. und 3. September 1939 f.