Als Realität wird im allgemeinen Sprachgebrauch die Gesamtheit des Realen bezeichnet. Als real gilt zum einen etwas, das keine Illusion ist und nicht von den Wünschen oder Überzeugungen einer einzelnen Person abhängig ist. Zum anderen das, was in Wahrheit so ist, wie es erscheint, bzw. dem bestimmte Eigenschaften „robust“ – also nicht nur in einer Hinsicht und nicht nur vorübergehend – zukommen (→ Authentizität). Realität ist in diesem Sinne somit dasjenige, dem „Bestimmtheit“ zugeschrieben werden kann. Ein intentionales Objekt (z. B. eine Überzeugung, eine Einschätzung, eine Beschreibung, ein Bild, ein Film oder Computerspiel) gilt dann als realistisch, wenn es die Eigenschaften der darzustellenden Wirklichkeit in vielerlei Hinsicht und ohne Verzerrungen wiedergibt (→ Realismus). Manche Positionen unterscheiden allerdings Wirklichkeit und Realität oder betrachten sie zumindest als unterscheidbare Aspekte.
Der Begriff stammt von , ‚Wirklichkeit‘; über , ‚Sache‘, ‚Ding‘, ‚Wesen‘. Der Plural Realitäten als Synonym oder Sammelbegriff für jemandes Immobilien ist heute überwiegend veraltet. Lediglich in Österreich (und gelegentlich, immer seltener, auch im oberdeutschen Dialektraum Süddeutschlands) findet er noch regelmäßig Anwendung.
Begriff
Ein genaues Verständnis davon, was unter der Realität zu verstehen ist, beruht zum einen auf getroffenen philosophischen Voraussetzungen; dies gilt auch für das Realitätsverständnis der einzelnen Wissenschaften. Für die Naturwissenschaften ist Realität das, was der wissenschaftlichen Betrachtung und Erforschung zugänglich ist. Dinge, die nicht messbar sind – etwa Phänomene, die dem Bereich der Transzendenz oder dem Glauben zuzuordnen sind –, sollen keine Basis für wissenschaftliche Theoriebildung sein. Dabei geht es vor allem um methodisch feststellbare Wechselwirkungen. Inhalte von Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen, Wahrnehmungen und ähnlichem gelten zunächst einmal als nicht der Realität zugehörig. Die Identifizierung von Realität und Wirklichkeit ist jedoch nicht unproblematisch (siehe Realismusdebatte). Von Positionen, die sich um eine Unterscheidung bemühen, ist mit dem Begriff „Wirklichkeit“ eine Realität gemeint, die auf Dinge eingeschränkt ist, die in Wechselwirkung zu anderen bereits als real erkannten Dingen stehen. Als Realität wird darüber hinaus alles begriffen, was als Gegenstand des individuellen Bewusstseins aufgefasst werden kann, gerade eben auch Soziale Tatbestände, angenommene spirituelle Gegenstände und sowohl fremde wie eigene Gefühle und Einstellungen, insofern diese nicht auf bloße Willkür zurückgeführt werden können, sondern selbst als unter Regeln stehend vorgestellt werden. Dieser weite Realitätsbegriff, der auch von bestimmten Positionen der Sozialwissenschaften geteilt wird, wird für gewöhnlich jedoch auf verschiedene soziale Kontexte beschränkt: was bspw. in der Logik, vor einem Gericht, bei einem Streitgespräch unter Partnern oder in einer Kirche als real gilt, sind jeweils sehr verschiedene Entitäten, die nur bedingt zur gleichen Zeit für gleichermaßen real gehalten werden können. Generell werden Positionen, die positive Kriterien für die Realität von etwas aufstellen, als „realistisch“ bezeichnet.
Je nach Kontext hat der Realitätsbegriff unterschiedlichen Gehalt. Man kann verschiedene Realitätsbegriffe oder Kriterien für die Realität unterscheiden. Keine dieser Bestimmungen ist jedoch unproblematischgrob nach: Anton Hügli, Poul Lübcke (Hrsg.): Philosophielexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart. 5. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003, ISBN 3-499-55453-4.:
Eine alle Gegenstände der Außenwelt umfassende Physische Realität. Dabei ist umstritten, Ob nicht unmittelbar wahrnehmbare Dinge (z. B. elektromagnetische Strahlung, Neutronen) real sind, oder nur theoretische Entitäten, siehe Realismusdebatte. Ob Bewusstseinsinhalte real sind, oder ob es sich dabei um metaphorische Beschreibungen für neurowissenschaftliche Phänomene handelt, siehe Philosophie des Geistes Objektivität, dieses Kriterium schließt auch soziale, ästhetische oder historische Gegebenheiten ein. Hier stellt sich die Frage, ob unter solchen abstrakten Strukturen, die vom menschlichen Denken und Handeln abhängen, Unterschiede bestehen, ob in etwa die Gegenstände der „Idealwissenschaften“ Mathematik bzw. Logik in höherem Maß der objektiven Wirklichkeit entsprechen als etwa Schönheit oder ein historisches Ereignis, ob es auch objektive Werte gibt, siehe Ethischer Realismus, und ob diese Realität mehr als nur vorläufige Gültigkeit beanspruchen kann, siehe Historismus. Bewusstseinsunabhängigkeit, alle bewusstseinsabhängigen Phänomene wie Farbigkeit, Qualia, und die primären Qualitäten Raum, Zeit und Gestalt sollen von der Realität ausgeschlossen werden, Auch hier gibt es jedoch eine Debatte über die Schranken des Begriffs, auch im Hinblick auf Absicht, Träume und Empfindungen (zu denen die Qualia gehören). Faktizität, dabei werden „gegebene“ Sachverhalte im Gegensatz zu nur möglichen und unmöglichen als real ausgezeichnet, siehe Tatsache. Wahrheit als Kriterium führt zu den Fragen, was der Träger von Wahrheit ist und nach welchem Kriterium diese bestimmt wird. Gegensatz zur Phantasie oder Einbildung, vgl. Bewusstseinsunabhängigkeit. Erscheinungsabhängigkeit im Gegensatz zu bloß begrifflicher Bestimmtheit. z. B.: Der Inhalt des Begriffs Dreieck kann nur am konkreten Beispiel gedacht werden, ebenso wie die Zahl 10 nur als Symbol (Ziffern) oder als Anzahl von zehn Einheiten vorgestellt wird, siehe synthetisches Urteil a priori. Wesentlichkeit, d. h., es wird ein realer Kern des Seins hinter einer trügerischen Alltagserfahrung des Seienden vermutet, Ein solcher Realitätsbegriff wird insbesondere in einer Heilsgeschichte oder Positionen der Geschichtsphilosophie vermutet, siehe List der Vernunft, sowie Positionen, die zur Mystik gehören oder ihr nahestehen. Inhaltlichkeit oder Materialität im Gegensatz zur Formalität, das Konkrete, Nicht-allgemeine, siehe Universalienstreit. Allgemeines sowohl wie Einzelnes, sofern es begrifflich exakt bestimmt werden kann, siehe Rationalismus. Erfahrbarkeit bzw. Wahrnehmbarkeit, siehe Empirismus bzw. Sensualismus, Wobei die Realität abstrakter Regelmäßigkeiten im Empirismus zum Problem wird, siehe Induktionsproblem und im Sensualismus die Existenz von Gegenständen überhaupt (zu Gunsten von Qualia). Intendierter Sinn einer Äußerung oder einer Handlung, siehe Sinn (Semantik). Über-individuelle Anerkennung, siehe Sozialkonstruktivismus. Realität allgemein als dynamische Wirklichkeit: Real ist, was als Wirkung aus einer realen Ursache hervorgegangen ist (Aristoteles), siehe Kausalität. Hier ergibt sich die Frage nach einer ersten absolute Realität (oder einem unendlichem Regress, siehe Antinomien der reinen Vernunft).
Abweichend, aber nicht ohne Bezug zum modernen Realitätsbegriff verstand die scholastisch-rationalistische Terminologie bis hin zu Immanuel Kant unter Realität die Kategorie der positiven qualitativen Bestimmtheit. Derjenige Gegenstand, der die maximale Kombination an positiven Bestimmtheiten aufweisen sollte, wurde als ens realissimum bezeichnet. In der Kritik der reinen Vernunft schloss Kant aus, dass Existenz selbst eine qualitative Bestimmung (ein „reales Prädikat“) sei, sondern vielmehr nur das Gegeben-sein in einer Wirklichen Erfahrung, also eine Beziehung zwischen Objekt und Subjekt zum Ausdruck bringt. Infolgedessen taugte die Identifizierung von ens realissimum und Gott nicht länger zu einem ontologischem Gottesbeweis, Kant schlug daher im Abschnitt über „Das transzendentale Ideal“ unter ens realissimum nicht Gott, sondern die Totalität der empirisch erfahrbaren Welt zu verstehen und auch den Pantheismus von Baruch de Spinoza in diesem Sinne zu lesen.
Philosophie
Die Abgrenzung des Begriffs der Realität ist ein Problem verschiedener Fachgebiete der Philosophie. So beschäftigt sich die Ontologie allgemein mit der Frage, ob es an sich bestehende Realität des Seins gibt, die Erkenntnistheorie mit der Frage, welche Art Realität zugänglich ist und ob sie von subjektiver Einbildung, Irrtum und subjektiver Vermutung abgrenzbar ist, die Wissenschaftstheorie untersucht, unter welchen Umständen eine Theoretische Entität real ist oder nicht, oder ob die Alltagsrealität ganz oder teilweise auf eine bestimmte Klasse von Dingen in Anordnungen, Grundkräften usw. reduziert werden kann. Auch in der Ethik wird gefragt, ob bestimmten Gegenständen in der Welt (oder etwa Personen oder Tieren) reale Werte zukommen bzw. ob objektive ethische Verpflichtungen unabhängig von den Absichten der einzelnen Menschen oder sozialen Konventionen bestehen. In der Logik besteht eine Debatte um die Realität oder Irrealität semantischer Objekte, die nicht mit dem Referenzobjekt eines Zeichens identisch sind (siehe Sinn (Semantik)). Diese Realismusdebatten verbinden oft skeptische oder anti-realistische Positionen mit einem Relativismus, auch wenn Relativismus und Antirealismus nicht deckungsgleich sind.
Der erkenntnistheoretische Realismus ist insofern stärker, als angenommen wird, dass es prinzipiell eine existierende Wirklichkeit gibt, die in irgendeiner Weise auch erkannt werden kann. Über den Grad der Erkennbarkeit gibt es nun wiederum eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Auffassungen. Die Gegenposition ist der Solipsismus, der davon ausgeht, dass Realität allein auf geistigen Leistungen beruht und die Existenz einer externen Wirklichkeit verneint.
Schließlich sind die Vertreter des wissenschaftstheoretischen Realismus der Auffassung, dass sich über die Realität Theorien aufstellen lassen, die in gewisser Hinsicht wahr sind. Aus Sicht der analytischen Philosophie hat Michael Dummett diese These so formuliert, dass die Wahrheit einer Aussage unabhängig von der Möglichkeit ihrer Rechtfertigung besteht. Die von Dummett vertretene Gegenthese ist der Antirealismus.
Philosophiegeschichte
Von der Antike bis zum Mittelalter ist nur die Auseinandersetzung über die Realität von Allgemeinbegriffen (Universalienstreit) bekannt, das heißt, es ist für diese Zeit von einem naiven bzw. allenfalls kritischen Realismus auszugehen. Die Vorstellung einer reinen Konstruktion der Welt im Bewusstsein wie im subjektiven Idealismus Fichtes oder im Radikalen Konstruktivismus heutiger Zeit gab es damals noch nicht. Erst mit der Bewusstseinsphilosophie Descartes’ und der idealistischen Interpretation durch Berkeley ( „Dasein ist Wahrgenommenwerden“) begann die Realismus-Debatte in der Philosophie. Sie prägte vor allem die Auseinandersetzung zwischen Rationalismus und Empirismus in der Neuzeit, für die Kant eine vermittelnde Position zu finden suchte.
Immanuel Kant bezeichnete die Außenwelt mit dem Begriff der „Dinge an sich“. Dieser Begriff war für ihn ein Grenzbegriff, weil er die Eigenschaften der Außenwelt für den Menschen als nicht erkennbar ansah. In das Bewusstsein gelangen nur von der Außenwelt affizierte Wahrnehmungen, die er Erscheinungen nannte. Da die Erkenntnisweise bei allen Menschen gleich ist, können die Wahrnehmungen intersubjektiv überprüft werden, so dass es auf der Ebene der Erscheinungen ein objektives Wissen gibt.