Die Invalidität im Sinne der beruflichen Vorsorge in der Schweiz ist die Invalidität der so genannten zweiten Säule des Drei-Säulen-Systems. Sie knüpft im obligatorischen Bereich an die Invalidität im Sinne der Invalidenversicherung als Bestandteil der ersten Säule an. Besteht ein Anspruch auf Invalidenrente nach dem Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG), so liegt grundsätzlich auch ein Rentenanspruch im Sinne der obligatorischen beruflichen Vorsorge vor. Im überobligatorischen Bereich der beruflichen Vorsorge sind die Vorsorgeeinrichtungen grundsätzlich frei, in ihren Reglementen eigene Voraussetzungen und Leistungen für die überobligatorische Invalidenrente zu bestimmen.
Invalidität im obligatorischen Bereich Leistungsanspruch Anspruch auf obligatorische Invalidenleistungen aus einer Vorsorgeeinrichtung mit reglementarischen Leistungen haben Personen, die: im Sinne der Invalidenversicherung zu mindestens 40 % invalid sind und bei Eintritt der Arbeitsunfähigkeit, deren Ursache zur Invalidität geführt hat, bei einer Vorsorgeeinrichtung mit reglementarischen Leistungen versichert warenArt. 23 lit. a BVG. Die Versicherteneigenschaft muss nur zum Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit bestehen. Nicht nötig ist, dass diese auch noch zum Zeitpunkt des Eintritts der Invalidität vorliegt. Andererseits erhält keine Invalidenrente aus der beruflichen Vorsorge, wer lediglich zum Zeitpunkt des Eintritts der Invalidität, nicht jedoch auch zum Zeitpunkt des Eintritts der Arbeitsunfähigkeit versichert warMarc Hürzeler in: Schneider/Geiser/Gächter, Handkommentar zum BVG und FZG, N 2 zu Art. 23 BVG. Beispiel: Herr Muster arbeitet seit dem 1. Februar 2004 bei der X AG und ist seither bei der Pensionskasse der X AG vorsorgeversichert. Am 13. Juli 2008 verunfallt er und wird dadurch arbeitsunfähig. Nach Ablauf der 90-tägigen KündigungssperrfristArt. 336c Abs. 1 lit. b OR wird Herrn Muster am 15. Oktober 2008 unter Einhaltung des Gesetzes und des Arbeitsvertrages auf den 31. Dezember 2008 gekündigtArt. 335c OR Abs. 1 OR. Am 1. März 2009 wird Herr Muster von der Y GmbH zu einem Arbeitspensum von 30 % angestellt und arbeitet dort bis zum 30. September 2013. Gleichzeitig ist er seit dem 1. März 2009 bei der Pensionskasse der Y GmbH vorsorgeversichert. Am 1. Oktober 2009 verfügt die zuständige IV-Stelle eine Viertelrente der 1. Säule, bei einem Invaliditätsgrad von 45 %. Herr Muster erhält eine Viertelrente aus der Pensionskasse der X AG, weil er zum Zeitpunkt, als er arbeitsunfähig wurde, dort vorsorgeversichert war. Dass er zum Zeitpunkt des Eintritts der Invalidität nicht mehr dort, sondern bei der Pensionskasse der Y GmbH vorsorgeversichert war, spielt dabei keine Rolle. infolge eines Geburtsgebrechens bei Aufnahme der Erwerbstätigkeit zu mindestens 20 %, aber weniger als 40 % arbeitsunfähig waren und bei Erhöhung der Arbeitsunfähigkeit, deren Ursache zur Invalidität geführt hat, auf mindestens 40 % versichert warenArt. 23 lit. b BVG; als Minderjährige invalid wurdenArt. 8 Abs. 2 ATSG und deshalb bei Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu mindestens 20 %, aber weniger als 40 % arbeitsunfähig waren und bei Erhöhung der Arbeitsunfähigkeit, deren Ursache zur Invalidität geführt hat, auf mindestens 40 % versichert warenArt. 23 lit. c BVG;
Entstehung des Rentenanspruchs Für den Beginn des Anspruchs auf die obligatorischen Invalidenleistungen gelten sinngemäss die entsprechenden Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 19. Juni 1959 über die InvalidenversicherungArt. 26 Abs. 1 BVG mit Hinweis auf Art. 29 IVG. Die Vorsorgeeinrichtung kann in ihren reglementarischen Bestimmungen vorsehen, dass der Anspruch aufgeschoben wird, solange der Versicherte den vollen Lohn erhältArt. 26 Abs. 2 BVG.
Höhe der Invalidenrente (Voll- und Teilinvalidenrente) Die Höhe der obligatorischen Invalidenrente, auf die der Versicherte Anspruch hat, hängt vom Invaliditätsgrad der IV ab: eine volle Invalidenrente erhält, wer im Sinne der IV zu mindestens 70 % invalid istArt. 24 Abs. 1 lit. a BVG; eine Dreiviertelsrente erhält, wer im Sinne der IV zu mindestens 60 % invalid istArt. 24 Abs. 1 lit. b BVG; eine halbe Rente erhält, wer im Sinne der IV mindestens zu 50 % invalid istArt. 24 Abs. 1 lit. c BVG; eine Viertelrente erhält, wer mindestens zu 40 % invalid istArt. 24 Abs. 1 lit. d BVG.
Berechnung der Invalidenrente Die obligatorische Invalidenrente wird wie folgt berechnet:
Umwandlungssatz * Altersguthaben
Als Umwandlungssatz wird derjenige genommen, der für die obligatorische Altersrente im 65. Altersjahr giltArt. 24 Abs. 2 und 3 BVG. Dieser beträgt zurzeit 6,8 %Art. 14 Abs. 2 BVG (Stand 1. Januar 2015).
Das obligatorische Altersguthaben besteht aus folgenden Beträgen:
dem obligatorischen Altersguthaben, das der Versicherte bis zum Beginn des Anspruches auf die Invalidenrente erworben hatArt. 24 Abs. 3 lit. a BVG; der Summe der obligatorischen Altersgutschriften für die bis zum ordentlichen Rentenalter fehlenden Jahre, ohne Zinsen. Berechnet werden diese Altersgutschriften auf dem koordinierten Lohn des Versicherten während seines letzten Versicherungsjahres in der VorsorgeeinrichtungArt. 24 Abs. 3 lit. b BVG.
Beispiel einer vollen Invalidenrente Herr Muster ist am 1. März 1980 geboren. Er arbeitet seit 1997 bei der X AG. Gemäss rechtskräftiger Verfügung der IV-Stelle ist er infolge psychischer Beeinträchtigung ab 1. Juni 2014 vollständig arbeitsunfähig. Herr Musters Lohn und obligatorisches Altersguthaben haben sich bis zum Beginn des Anspruches auf die Invalidenrente wie folgt entwickelt:
Beispiel der Entwicklung des obligatorischen Altersguthabens im Beitragsprimat Jahr Alter in Jahren Lohn Unterer Grenzbetrag gem. BVG Oberer Grenzbetrag gem. BVG Koordinierter Lohn Altersgutschriften in Prozenten des koordinierten Lohns Altersgutschriften in CHF Zinsen in Prozenten des Altersguthabens Zinsen in CHF Altersguthaben in CHF199717CHF 6’000CHF 0CHF 0CHF 0CHF 0CHF 00 %CHF 0CHF 0199818CHF 8’000CHF 23’880CHF 71’640CHF 00 %CHF 00 %CHF 0CHF 0199919CHF 10’000CHF 24’120CHF 72’360CHF 00 %CHF 00 %0 CHF0 CHF200020CHF 40’000CHF 24’120CHF 72’360CHF 15’8800 %0 CHF0 %0 CHF0 CHF200121CHF 50’000CHF 24’720CHF 74’160CHF 25’2800 %0 CHF0 %0 CHF0 CHF200222CHF 50’000CHF 24’720CHF 74’160CHF 25’2800 %0 CHF0 %0 CHF0 CHF200323CHF 50’000CHF 25’320CHF 75’960CHF 24’6800 %0 CHF0 %0 CHF0 CHF200424CHF 50’000CHF 25’320CHF 75’960CHF 24’6800 %0 CHF0 CHF0 CHF0 CHF200525CHF 55’000CHF 22’575CHF 77’400CHF 32’4257 %CHF 2'269.750 %0 CHFCHF 2'269.75200626CHF 55’000CHF 22’575CHF 77’400CHF 32’4257 %CHF 2'269.752,5 %CHF 56.74CHF 4'596.24200727CHF 55'000CHF 23’205CHF 79’560CHF 31’7957 %CHF 2'225.652,5 %CHF 114.91CHF 6'936.80200828CHF 57’000CHF 23’205CHF 79’560CHF 33’7957 %CHF 2'365.652,75 %CHF 190.76CHF 9'493.21200929CHF 57’000CHF 23’940CHF 82’080CHF 33’0607 %CHF 2'314.202 %CHF 189.86CHF 11'997.28201030CHF 57’000CHF 23’940CHF 82’080CHF 33’0607 %CHF 2'314.202 %CHF 239.95CHF 14'551.42201131CHF 57’000CHF 24’360CHF 83’520CHF 32’6407 %CHF 2'284.802 %CHF 291.03CHF 17'127.25201232CHF 70’000CHF 24’360CHF 83’520CHF 45’6407 %CHF 3'194.801,5 %CHF 256.91CHF 20'578.96201333CHF 90’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’6707 %CHF 4'176.901,5 %CHF 308.68CHF 25'064.541. Januar 2014 bis 31. Mai 201434CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’6707 %CHF 1'740.381,75 %CHF 438.63CHF 27'243.551. Juni 2014 bis 31. Dezember 201434CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’6707 %CHF 2'436.521,75 %CHF 0CHF 32'116.59201535CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 38'083.59201636CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 44'050.59201737CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 50'017.59201838CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 55'984.59201939CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 61'951.59202040CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 67'918.59202141CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 73'885.59202242CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 79'852.59202343CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 85'819.59202444CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67010 %CHF 5’967CHF 0CHF 0CHF 91'786.59202545CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 100'737.09202646CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 109'687.59202747CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 118'638.09202848CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 127'588.59202949CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 136'539.09203050CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 145'489.59203151CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 154'440.09203252CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 163'390.59203353CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 172'341.09203454CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67015 %CHF 8'950.50CHF 0CHF 0CHF 181'291.59203555CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 192'032.19203656CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 202'772.79203757CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 213'513.39203858CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 224'253.99203959CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 234'994.59204060CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 245'735.19204161CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 256'475.79204262CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 267'216.39204363CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 277'956.99204464CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 288'697.59204565CHF 100’000CHF 24’570CHF 84’240CHF 59’67018 %CHF 10'740.60CHF 0CHF 0CHF 299'438.19
Das Altersguthaben von CHF 299'438.19 wird mit dem Umwandlungssatz von 6,8 % multipliziert, der für die obligatorische Altersrente im 65. Altersjahr gilt:
CHF 299'438.19 * 6,8 % = CHF 20'361.80
Die obligatorische Invalidenrente pro Jahr von Herrn Muster ist also CHF 20'361.80.
Beispiel einer Teilinvalidenrente Erhält Herr Muster eine Teilinvalidenrente und bleiben aber alle anderen Parameter wie oben, ergibt sich folgende Berechnung:
Beispiel einer überobligatorischen Invalidenrente im Beitragsprimat Invaliditätsgrad in Prozenten Invalidenrente in Prozenten Invalidenrente in CHF70 %100 %Art. 24 Abs. 1 lit. a BVGCHF 20'361.8060 %75 %Art. 24 Abs. 1 lit. b BVGCHF 15'271.3550 %50 %Art. 24 Abs. 1 lit. c BVGCHF 10'180.9040 %25 %Art. 24 Abs. 1 lit. d BVGCHF 5'090.45
Ende der Invalidenrente
Die obligatorische Invalidenrente endet wie folgt: mit dem Tode des InvalidenArt. 26 Abs. 3 BVG mit dem Wegfall der InvaliditätArt. 26 Abs. 3 BVG bei Arbeitslosen, die Taggelder der Arbeitslosenversicherung beziehen und damit in der beruflichen Vorsorge obligatorisch für die Risiken Tod und Invalidität versichert sind, spätestens bei Entstehen des Anspruches auf eine AltersleistungArt. 26 Abs. 3 BVG in Verbindung mit Art. 2 Abs. 3 BVG bei den Versicherten, die nach Ausscheiden aus der obligatorischen Versicherung sich freiwillig weiterhin im bisherigen Umfang versichern lassen, spätestens bei Entstehen des Anspruches auf eine AltersleistungArt. 26 Abs. 3 BVG und Art. 46 Abs. 2 BVG
Wird die Invalidenrente der ersten Säule nach Verminderung des Invaliditätsgrades herabgesetzt oder aufgehoben, bleibt der Versicherte in der zweiten Säule dennoch drei Jahre wie bisher versichert, sofern er vor der Herabsetzung oder Aufhebung der Invalidenrente der ersten Säule an Massnahmen zur Wiedereingliederung nach Art. 8 IVG teilgenommen hat