mini|hochkant=1.3|Verbreitungsgebiet der dravidischen Sprachen

Die dravidischen Sprachen (auch drawidisch) bilden eine in Südasien verbreitete Sprachfamilie. Ihr Verbreitungsgebiet, das sich im ursprünglich weiter nach Norden ausgreifenden Siedlungsgebiet der Völkergruppe der sogenannten Draviden befindet, umfasst heute hauptsächlich den Südteil Indiens inklusive Teile Sri Lankas, daneben auch einzelne Sprachinseln in Zentralindien und Pakistan. Die 27 dravidischen Sprachen haben insgesamt über 240 Millionen Sprecher. Damit ist die dravidische Sprachfamilie die sechstgrößte Sprachfamilie der Welt. Die vier wichtigsten dravidischen Sprachen sind Telugu, Tamil, Kannada und Malayalam.

Mit den im Norden Südasiens gesprochenen indoarischen Sprachen sind die dravidischen Sprachen nicht genetisch verwandt, jedoch haben sie sie typologisch stark beeinflusst. Im Gegenzug haben die meisten der heutigen dravidischen Sprachen vor allem aus dem Sanskrit, der klassischen Sprache des Hinduismus, viele Einzelwörter übernommen.

Ursprung und Sprachgeschichte Die Vorgeschichte der dravidischen Sprachen liegt weitgehend im Dunkeln. Ob die dravidischen Sprachen die Sprachen der Urbevölkerung Indiens sind oder ob und wie sie von außerhalb auf den Subkontinent gelangten, ist nicht hinreichend geklärt. Einige Forscher gehen davon aus, dass die Sprecher der dravidischen Sprachen ursprünglich im Bergland des westlichen Iran, dem Zāgros-Gebirge, heimisch waren und um 3500 v. Chr. begannen, von dort aus nach Indien einzuwandern, bis sich die dravidischen Sprachen um 600–400 v. Chr. bis zur Südspitze des Subkontinents verbreitet hätten.Kamil V. Zvelebil: Dravidian Linguistics. An Introduction. Pondicherry 1990, S. 48. Diese These steht im Zusammenhang mit Spekulationen über eine mögliche Verwandtschaft zwischen den dravidischen Sprachen und dem im Altertum im Südwesten Irans gesprochenen Elamischen oder den uralischen Sprachen, konnte bisher aber nicht bewiesen werden.Bhadriraju Krishnamurti: The Dravidian Languages. Cambridge 2003, S. 5. Eine Analyse des gemeinsamen dravidischen Erbwortschatzes bietet dagegen Hinweise für Indien als mögliche Urheimat der dravidischen Sprachen. So finden sich in der rekonstruierten dravidischen Protosprache Wörter für verschiedene tropische Pflanzen und auf dem Subkontinent vorkommende Tiere (Kokosnuss, Tiger, Elefant); für Tierarten wie Löwe, Kamel und Nashorn oder Begriffe wie „Schnee“ und „Eis“ lassen sich hingegen keine dravidischen Wortgleichungen aufstellen.Krishnamurti: The Dravidian Languages. S. 6–15.

mini|hochkant=1.4|Ethnografische Karte aus dem 19. Jahrhundert, die von einem heute überholten Rassebegriff ausgeht; darauf in Grün die Draviden als Urbevölkerung Indiens. Aus Meyers Konversationslexikon, erschienen 1885–1890 Als sicher kann gelten, dass dravidische Sprachen schon vor der Ausbreitung der indoarischen Sprachen (1500–1000 v. Chr.) in Indien gesprochen wurden.Georgij A. Zograph: Die Sprachen Südasien. Leipzig 1982, S. 95. Sie bilden damit zusammen mit den Munda- und sinotibetischen Sprachen eine der älteren in Indien heimischen Sprachfamilien. Schon im Rigveda, den frühesten Schriften der indoarischen Einwanderer, sind dravidische Lehnwörter nachweisbar, weshalb Grund zu der Annahme besteht, dass das Verbreitungsgebiet der dravidischen Sprachen einst bis nach Nordindien reichte.Krishnamurti: The Dravidian Languages. S. 6. Die heute in Nordindien (Kurukh, Malto) und Pakistan (Brahui) verstreuten dravidischen Sprachinseln könnten Überreste des einstigen Sprachgebiets sein. Viele Forscher gehen bei dem Versuch, die Schrift der Induskultur zu entziffern, davon aus, dass auch die Träger dieser Kultur eine dravidische Sprache gesprochen haben, doch ließe sich dies erst nach der Entzifferung der Indus-Schrift endgültig entscheiden.

Die historisch greifbare Ära der dravidischen Sprachen beginnt mit einer Tamil-Inschrift des Kaisers Ashoka aus dem Jahr 254 v. Chr. Die ersten Inschriften in Kannada stammen aus der Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr., die ältesten Telugu-Inschriften aus der Zeit um 620, die ersten Malayalam-Inschriften wurden um 830 verfasst. In allen vier Sprachen entwickelte sich ein bis zwei Jahrhunderte nach den ersten Schriftzeugnissen eine Literaturtradition. Vor allem die Tamil-Literatur, die wahrscheinlich bis in die ersten Jahrhunderte n. Chr. zurückreicht, ist bedeutsam, weil sie einen weitgehend eigenständigen Ursprung hat, und nicht wie die Literaturen der anderen indischen Sprachen auf der Sanskrit-Literatur beruht. Tamil, Kannada, Telugu und Malayalam entwickelten sich als einzige dravidische Sprachen zu Literatursprachen. Zudem ist Tulu seit dem 15. Jahrhundert inschriftlich attestiert, seit dem 18. Jahrhundert gibt es eine spärliche Literaturtradition. Die weitgehend schriftlosen übrigen dravidischen Sprachen haben eine reiche mündliche Literatur, von der aber erst seit jüngerer Zeit Aufzeichnungen existieren.

Draviden wurden historisch nicht nur durch die Sprache charakterisiert. Im 19. Jahrhundert wurden die Sprecher der Draviden zusammen mit den Singhalesen als gemeinsame Unterart der „negroiden Menschenrasse“ zugeordnet (vgl. Rassentheorie).

Geografische Verbreitung mini|hochkant=1.6|Verbreitungsgebiet der wichtigsten dravidischen Sprachen Die dravidischen Sprachen haben ihr Hauptverbreitungsgebiet im Süden Indiens, während im Norden des Subkontinents vornehmlich indoarische Sprachen gesprochen werden. Verstreute dravidische Sprachinseln gibt es aber auch in Mittel- und Nordindien sowie in Pakistan.

Die vier größten dravidischen Sprachen gehören zu den insgesamt 22 offiziellen Sprachen Indiens und sind jeweils Amtssprache in einem der fünf südlichsten Bundesstaaten des Landes: Die größte dravidische Sprache, das Telugu, ist in den Bundesstaaten Andhra Pradesh und Telangana verbreitet und hat rund 81 Millionen Sprecher. Das Tamil wird von insgesamt 76 Millionen Menschen hauptsächlich im indischen Bundesstaat Tamil Nadu sowie in Teilen Sri Lankas (5 Millionen) gesprochen. Im Bundesstaat Karnataka ist Kannada verbreitet. Die Sprecherzahl beträgt 44 Millionen. Malayalam, die Sprache des Bundesstaats Kerala, wird von 35 Millionen Menschen gesprochen.

Ebenfalls im südindischen Kernland des dravidischen Sprachraumes, um die Stadt Mangaluru an der Westküste Karnatakas, wird von etwa 1,8 Millionen Menschen Tulu gesprochen, das über eine gewisse Literaturtradition verfügt. Das im Binnenland von Karnataka verbreitete Kodava hat rund 110.000 Sprecher und ist erst seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts in schriftlichem Gebrauch. In den Nilgiri-Bergen zwischen Tamil Nadu, Karnataka und Kerala sind einige kleinere illiterate, von der Stammesbevölkerung (Adivasi) verwendete Sprachen verbreitet, die man als Nilgiri-Sprachen zusammenfasst: Badaga (130.000 Sprecher), Kota (2.000), Irula (200.000) und Toda (600).

In Mittel- und Nordindien sowie Bangladesch und Nepal, vor allem in unzugänglichen Berg- und Waldgegenden, gibt es eine Reihe von Sprachinseln von illiteraten dravidischen Stammessprachen. Dazu gehören Gondi (3 Millionen Sprecher auf einem weit verstreuten Gebiet in Telangana, Madhya Pradesh, Chhattisgarh, Maharashtra und Orissa), Kolami (130.000, Maharashtra und Telangana), Konda (60.000), Gadaba (beide an der Grenze zwischen Andhra Pradesh und Orissa), Naiki (Maharashtra) und Parji (50.000, Chhattisgarh). Die nah verwandten Idiome Kui (940.000), Kuwi (160.000), Pengo und Manda, die allesamt in Orissa gesprochen werden, werden oft als Kondh-Sprachen zusammengefasst. Weiter nördlich wird Kurukh von 2 Millionen Sprechern in Jharkhand, Bihar, Westbengalen, Orissa, Assam, Tripura, Bangladesch sowie im Terai in Nepal gesprochen. Malto (230.000 Sprecher) ist ebenfalls in Nordindien und Bangladesch verbreitet. Heute gänzlich vom restlichen dravidischen Sprachraum isoliert ist das in Belutschistan im pakistanisch-afghanischen Grenzland gesprochene Brahui (2,2 Millionen Sprecher). Ob diese weit entfernte Exklave einen Überrest des ursprünglichen Verbreitungsgebiets der dravidischen Sprachen vor der Ausbreitung des Indoarischen darstellt, oder die Brahuis erst später aus Zentralindien eingewandert sind, ist ungeklärt.

Als Folge von Migrationsprozessen während der britischen Kolonialzeit werden dravidische Sprachen seit dem 19. Jahrhundert in größerer Zahl u. a. auch in Singapur, Malaysia, Südafrika, auf Mauritius und auf Réunion gesprochen. In Singapur ist Tamil eine von vier Amtssprachen. In jüngerer Zeit sind viele Sprecher dravidischer Sprachen nach Europa, Nordamerika und in die Golfstaaten ausgewandert.

Klassifikation Die dravidischen Sprachen werden in die Nordgruppe, Zentralgruppe und die – nach Sprechern bedeutendste – Südgruppe eingeteilt, letztere zerfällt in Süd-Zentral-Dravidisch (auch Süd II genannt) und das eigentliche Süd-Dravidisch (Süd I) (vgl. Krishnamurti 2003). Wenn diese Bezeichnungen auch geographisch sind, handelt es sich dennoch um eine linguistisch begründbare genetische Klassifikation. Eine wichtige Isoglosse, nach der sich die Untergruppen einteilen lassen, ist die Bildung des Perfekts: Während die zentrale Gruppe das ursprüngliche Hilfsverb man erhalten hat, ist dieses in der süd-zentralen Gruppe gekürzt worden oder gänzlich ausgefallen, in der südlichen Gruppe dagegen hat man es durch das Hilfsverb iru ersetzt. Zudem zeigen die Untergruppen phonologische Unterschiede: In den süd-dravidischen Sprachen ist etwa ursprüngliches *c- ausgefallen (z. B. *cāṟu „sechs“ > Tamil āṟu). In der süd-zentral-dravidischen Gruppe hat eine Metathese der apikalen Laute stattgefunden, so dass dort Lautfolgen am Wortanfang vorkommen, die in den anderen dravidischen Sprachen nicht möglich sind (z. B. *varay „zeichnen, schreiben“ > Telugu vrāyu > rāyu). Die zentral-dravidische Gruppe zeichnet sich durch eine anaptyktische Alternanz in den Stammsilben aus (z. B. Kolami teḍep „Tuch“, teḍp-ul „Tücher“). In der nord-dravidischen Gruppe hat sich ursprüngliches *k vor *i gehalten, während es in den anderen Gruppen palatalisiert wurde.

Kladogramm Dravidisch (27 Sprachen mit 223 Mio. Sprechern) Norddravidisch: (3 Sprachen, 4,3 Mio. Sprecher) Brahui Brahui (Bra'uidi) (2,2 Mio.) Kurukh-Malto Kurukh (Oraon, Kurka, Dhangar) (2,1 Mio.) Malto (Kumarbhag Paharia) (20 Tsd.) Zentraldravidisch: (6 Sprachen, 240 Tsd. Sprecher) Parji-Gadaba Parji (100 Tsd.) Ollari (10 Tsd.) Konekor Gadaba (10 Tsd.) Kolami-Naiki Kolami (115 Tsd.) Naikri (2 Tsd.) Naiki (Chanda) Süddravidisch: Süddravidisch i. e. S. oder Süd I: (11 Sprachen, 140 Mio. Sprecher) Tulu-Koraga Tulu (Tallu) (2 Mio.) Koraga (15 Tsd.) (D Korra, Mudu) Tamil-Kannada Kannada-Badaga Kannada (Kanaresisch) (40 Mio.; S2 45 Mio.) Badaga (250 Tsd.) Toda-Kota Toda (0.6 Tsd.) Kota (2 Tsd.) Tamil-Kodagu Kodagu-Korumba Kodava (Kodagu, Coorgi) (120 Tsd.) Kurumba (200 Tsd.) Irula Irula (200 Tsd.) Tamil-Malayalam Tamil (66 Mio., S2 75 Mio.) Malayalam (33 Mio.) Südzentraldravidisch oder Süd II: (7 Sprachen, 78 Mio. Sprecher) Gondi-Konda-Kui Gondi Gondi (2,6 Mio.) Konda-Kui Manda-Kui Manda-Pengo Manda (4 Tsd.) (1964 entdeckt) Pengo (350 Tsd.) Kui-Kuwi Kui (Kandh) (700 Tsd.) Kuwi (Khond) (300 Tsd.) Konda Konda (Konda-Dora) (15 Tsd.) Telugu Telugu (74 Mio.)

Weitere dravidische Kleinsprachen, Sprecherzahlen Es gibt Berichte über etliche weitere kleinere dravidische Idiome, die nur unzureichend erforscht sind. Deshalb lässt sich bei ihnen nicht feststellen, ob sie eigenständige Sprachen oder nur Dialekte der hier klassifizierten Sprachen sind. In Ethnologue (2005) werden über 70 dravidische Sprachen aufgeführt. Diese zusätzlichen „Sprachen“ werden weder in Steever (1998) noch in Krishnamurti (2003) erwähnt. Es handelt sich dabei entweder um Dialekte oder um Namen von Stämmen, die eine der hier aufgeführten dravidischen oder auch eine indoarische Sprache sprechen.