mini|Matto regiert in der Werkausgabe des Limmat Verlages, 1995

Matto regiert ist der dritte Wachtmeister-Studer-Roman des Schweizer Autors Friedrich Glauser. Dieser Krimi, geschrieben 1936, ist neben Gourrama der autobiographischste Roman, da Glauser darin seine wiederholten Internierungen in psychiatrischen Kliniken thematisiert. Matto regiert gilt als Schlüsselroman und löste bei seinem Erscheinen 1937 einen Skandal im bernischen Gesundheitswesen aus.

Romanbeginn Da wurde man am Morgen, um fünf Uhr, zu nachtschlafender Zeit also, durch das Schrillen des Telephons geweckt. Der kantonale Polizeidirektor war am Apparat, und pflichtgemäss meldete man sich: Wachtmeister Studer. Man lag noch im Bett, selbstverständlich, man hatte noch mindestens zwei Stunden Schlaf zugut. Aber da wurde einem eine Geschichte mitgeteilt, die nur schwer mit einem halbwachen Gehirn verstanden werden konnte. So kam es, dass man die Erzählung des hohen Vorgesetzten von Zeit zu Zeit unterbrechen musste mit Wie? und mit Was? - und dass man schliesslich zu hören bekam, man sei ein Tubel und man solle besser lose!

Inhalt Ausgangslage Frühmorgens wird Wachtmeister Studer durch ein Telefonat aus dem Schlaf gerissen: In der Heil- und Pflegeanstalt Randlingen ist ein Patient mit Namen Pierre Pieterlen ausgebrochen, und gleichzeitig wird auch der Direktor, Ulrich Borstli, vermisst. Kurz darauf wird der Wachtmeister von Dr. Ernst Laduner, dem stellvertretenden Direktor der psychiatrischen Klinik, abgeholt. In Randlingen angekommen, wird Studer bei der Morgenvisite in die Örtlichkeiten eingeführt und lernt dabei auch die leitenden Ärzte sowie einige Pfleger und Patienten kennen. Nach dem Mittagessen entdeckt der Fahnder die Leiche des Direktors im Heizungskeller des Hauptgebäudes. Es stellt sich heraus, dass eine Mappe mit Dokumenten und 1200 Franken fehlen, die der Tote bei sich trug.

Ermittlung mini|«Nach dem Tor, das ins Innere führte, kamen wieder Stufen. (…) Es roch nach Apotheke, Staub und Bodenwichse… Ein eigenartiger Geruch, der Studer tagelang verfolgen sollte.»Eingang des Psychiatrischen Zentrums Münsingen (PZM), 1895

Im Laufe der folgenden vier Tage dringt Studer immer tiefer in die Geheimnisse der Klinik und seiner Mitbewohner ein und muss feststellen, dass sich die Ermittlungen um einiges schwieriger gestalten, als er es sonst gewohnt ist. Da ist der verschwundene Patient Pieterlen, der vor neun Jahren sein neugeborenes Kind ermordet hatte und ein starkes Motiv gehabt hätte, den Anstaltsdirektor zu töten: Borstli verhinderte dessen Entlassung und flirtete mit der Pflegerin Irma Wasem, in die sich Pieterlen verliebt hatte. Dem Pfleger Gilgen drohte die Kündigung, weil er Kleider von Patienten gestohlen hatte. Dr. Laduner selbst stand seit längerem im Konflikt mit Borstli, weil dieser dessen neue Behandlungsmethoden ablehnte. Auch der Abteilungspfleger Max Jutzeler hätte vom Tod des Anstaltsleiters profitiert, da ihm ebenfalls eine Entlassung drohte, weil er einen Streik unter den Pflegern angestiftet hatte. Für Studer wird die Angelegenheit emotional noch komplizierter, als er realisiert, wer der junge Mann in der Psychoanalyse bei Dr. Laduner ist: Herbert Caplaun ist der Sohn von Oberst Caplaun, der in der Bankaffäre vor einigen Jahren Studers Karriere rapide beendet hatte, so dass der damalige Kommissar bei der Stadtpolizei Bern in der Folge wieder ganz unten als Wachtmeister beginnen musste. Anstelle von klaren Fakten und Sachverhalten wird Studer mit einem Geflecht aus psychischen Abgründen im «Reich des Wahnsinns» konfrontiert. Er ahnt nicht, dass durch seine Ermittlungen ein Selbstmord ausgelöst wird, und gerät in zunehmenden Konflikt mit seinem Gastgeber Dr. Laduner.

Auflösung Am vierten Abend wird Studer klar, dass sich der vermisste Pieterlen im Haus des Pflegers Gilgen versteckt. Als er dort anlangt, belauscht er ein Gespräch zwischen Irma Wasem und Pieterlen: Die beiden sind in Wirklichkeit ein Paar und möchten nach Frankreich flüchten. In den kommenden 45 Minuten treffen drei weitere Personen in Gilgens Haus ein, und Studer muss eingreifen, um einen weiteren Mord zu verhindern. Als er am kommenden Morgen gegenüber Dr. Laduner den Tathergang und die Auflösung des Falles erklären will, stellt sich heraus, dass sich der Wachtmeister hat täuschen lassen.

Entstehung Glauser im «Reich des Wahnsinns» Der Literaturwissenschaftler Bernhard Echte schreibt in seinem Nachwort zu Matto regiert: «Kein Buch hat Glauser so lange mit sich herumgetragen; kein anderer Stoff ging seinen besonderen Lebenserfahrungen so nahe – in keinem anderen Thema erblickte er aber auch so viel überpersönliche Bedeutung.»Bernhard Echte: Nachwort. In: Friedrich Glauser: Matto regiert. Limmat Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-85791-242-1, S. 251. Tatsächlich war Glauser schon früh mit dem «Verrückt-Sein» in Kontakt gekommen. Durch seine Morphiumsucht wurde Glauser regelmässig straffällig, indem er Diebstähle beging und Rezepte fälschte. 1917 beantragte Glausers Vater deshalb die psychische Untersuchung des Sohnes, und ein Jahr später folgte die Entmündigung und erste Einlieferung in eine Psychiatrische Klinik: Die Klinik Bel-Air in Genf erstellte die Diagnose «Dementia praecox». 1920 folgte der nächste ärztliche Befund: «Moralischer Schwachsinn». Glauser wurde in der Irrenanstalt Holligen in Bern interniert, woraufhin er, nicht zum letzten Mal, flüchtete. Das Andersartig- und Ausgestossen-Sein begleitete Glauser sein ganzes Leben lang und passt zu den Worten, die Dr. Laduner in Matto regiert spricht: «Wir werden nie die Grenze ziehen können zwischen geisteskrank und normal… Wir können nur sagen, ein Mensch kann sich sozial anpassen, und je besser er sich sozial anpassen kann, je mehr er versucht, den Nebenmenschen zu verstehen, ihm zu helfen, desto normaler ist er.»Friedrich Glauser: Matto regiert. Limmat Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-85791-242-1, S. 195. Und der Schriftsteller Alex Capus sagte dazu in einem Interview: «Matto regiert ist eines meiner Lieblingsbücher, weil Wachtmeister Studer hier die Grenzregionen zwischen Vernunft und Wahnsinn erkundet, die für uns alle gar nicht so fern sind, wie wir gern glauben möchten.»Interview mit Alex Capus. In: Schweizer Illustrierte. 1. April 2011.

«Mattos Puppentheater» Die leidvolle Erfahrung, selber zu den «Irrsinnigen» zu gehören, verarbeitete Glauser literarisch zum ersten Mal 1919/1920 in seinem Mini-Drama Mattos Puppentheater,Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 1: Mattos Puppentheater. Limmat Verlag, Zürich 1992, ISBN 3-85791-203-0, S. 124. welches verschiedene Personen (unter anderem auch Glauser selbst und seinen Vater) in einer Irrenanstalt auftreten lässt. Dort personifiziert er den Irrsinn und gibt ihm einen Namen: «Matto» (ital. für «verrückt»). Er lässt ihn als lange spitze Gestalt auftreten, deren Umrisse sich stetig ändern, das Gesicht ist undeutlich, wird dünn, bläht sich auf, nimmt vielgestaltige Formen an und spricht mit schriller Stimme. Das Stück hat fünf Aufzüge, währenddessen die Figur des Matto mehrmals erscheint. Wahrscheinlich begann Glauser mit der Niederschrift 1919 im Psychiatriezentrum Münsingen. Mattos Puppentheater wirkt leicht surreal, was seine Ursache wahrscheinlich in Glausers Zeit in der Zürcher Dada-Szene von 1916/1917 hat. Auf dem Manuskript befindet sich eine Widmung zum 35. Geburtstag von Schriftsteller Bruno Goetz, einem Freund Glausers aus den Asconeser Tagen. Neben Mattos Puppentheater und Matto regiert fand der Irrenhausstoff noch in drei weitere Kurzgeschichten Eingang: Gespenster im Irrenhaus (1933),Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 2: Der alte Zauberer. Limmat Verlag, Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 301. Ein Weltuntergang (1933)Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 2: Der alte Zauberer. Limmat Verlag, Zürich 1992, ISBN 3-85791-204-9, S. 328. und in Kollegen (1936/1937).Friedrich Glauser: Das erzählerische Werk. Band 3: König Zucker. Limmat Verlag, Zürich 1993, ISBN 3-85791-205-7, S. 280.

«Matto» in der Waldau mini|«Durch die weit geöffnete Türe, die sich vor ihm auftat, sah der Wacht­meister riesige Kessel, die mit Dampf geheizt wurden. Sie standen schief.»Kochküche des PZM, 1895

1931 scheint die Idee, einen Irrenhausroman zu verfassen, bei Glauser zum ersten Mal aufgetaucht zu sein: In einem Brief an seinen Münsinger Arzt Max Müller bemerkte er: «Jetzt hoffe ich, dass ich hier ein paar Sachen beenden kann, eine längere Geschichte, die vielleicht ein Roman werden wird, über diese Wärter-Ärztin-Geschichte. Natürlich wird nach meiner schlechten Gewohnheit das Ganze wohl auf eine Atmosphärenschilderung des Irrenhauses hinauslaufen.»Bernhard Echte, Manfred Papst (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 1. Arche Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2075-3, S. 340. Im Februar des folgenden Jahres schrieb er an Gertrud Müller (Gattin von Max Müller) aus Paris: «Es spukt mir ein grosser Roman über Münsingen im Kopf herum, aber ich hab Angst, dranzugehen. Es müsste so eine Art Querschnitt werden, mit den ‹tenants und aboutissants› [frz. für «Zusammenhänge»] der Insassen eines solchen Baues.»Bernhard Echte, Manfred Papst (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 1. Arche Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2075-3, S. 376.

Als Glauser dann in der Psychiatrischen Klinik Waldau interniert war, begann er im Januar 1936 mit der Niederschrift und hatte bis Ende Mai beinahe alle 26 Kapitel geschrieben. Am 17. Januar berichtete er seiner langjährigen Brieffreundin und Gönnerin Martha Ringier über die Probleme mit dem Roman-Anfang: «Meinen Irrenhausroman hab ich bis jetzt sechs Mal angefangen. Ich hab den Ton noch nicht erwischt. Das ist immer das Schwerste. Aber ich glaub, ich bin auf der Spur. […] Vielleicht wird ihn kein Verleger wollen, und wenn er gedruckt ist, wird die Elite sagen: ‹Es ist ja nur ein Kriminalroman›. Das ist ja wurscht.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 153. Und am 6. Februar schrieb er ihr: «Warum, ich bitte Sie, warum soll man nicht einmal versuchen, eine Art Spiegelbild der Menschheit zu geben, indem man eine geschlossene Anstalt zeigt, diesen Ameisenhaufen, in dem sich die menschlichen Ameisen mit Gift bespritzen, beissen, neidisch aufeinander sind, hin und wieder auch ganz anständig behandeln. […] Es wird ein Kriminalroman, aber ich sehe keine andere Möglichkeit, dass die Leute die Sachen schlucken, die sie sonst trocken nicht schlucken würden.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 141. Mitte März meldete er sich nochmals bei Martha Ringier: «Mir geht es komisch mit dem Buch. Es sollte ein anspruchsloses, ein bisschen boshaftes Buch über die heilige Psychiatrie werden, ein Kriminalroman, wie es deren viele gibt, und plötzlich biegt sich das Ganze um, es wird poetisch (pötisch! bitte sehr!).»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1995, ISBN 3-7160-2076-1, S. 194.