SDR 3 – Radio für den wilden Süden war bis 1998 das Pop- und Jugendradio des Süddeutschen Rundfunks (SDR) in Stuttgart. Sein Nachfolger ist SWR3, das dritte Hörfunkprogramm des Südwestrundfunks.

Geschichte 1. November 1964: Gründung als Gastarbeiterprogramm SDR 3 wurde ursprünglich als Gastarbeiterprogramm des Süddeutschen Rundfunks gegründet, das hauptsächlich in Köln und München produzierte Sendungen des Westdeutschen Rundfunks (WDR) und des Bayerischen Rundfunks (BR) übernahm, die in der Zeit zwischen 17.40 und 21.00 Uhr in verschiedenen Sprachen ausgestrahlt wurden. In der übrigen Zeit gab es zunächst fast keine Eigenproduktionen und die Bezeichnung SDR 3 existierte ebenfalls nicht. Das Programm hieß zunächst Süddeutscher Rundfunk, 3. Hörfunkprogramm, danach Südfunk 3, zwischenzeitlich Radio 3 Südfunk Stuttgart, ab 1985 wieder Südfunk 3, ab 1988 schließlich SDR 3. Im Laufe der Jahre kamen Sendungen der Rundfunkwerbung (Was darf es sein?), der Landfunk sowie der Schul- und Kinderfunk hinzu.

Den 1. Januar 1971 nutzte der Süddeutsche Rundfunk nach einer Gebührenerhöhung, um die Sportberichterstattung auszubauen und die Regionalisierung einzuführen. Dafür wurde das Sendegebiet in Nordbaden und Nordwürttemberg aufgeteilt. Mit der Sendung Neues auf 99,9 aus dem Studio Karlsruhe (später aus Heidelberg) sollte vor allem die Berichterstattung für den badischen Landesteil erhöht werden.

Aus dem Funkhaus in Stuttgart lief als Gegenstück Von 1 bis 2 auf Südfunk 3, das ab 1975 Südfunk regional – das Mittagsmagazin aus Stuttgart hieß. Die verstärkte Regionalisierung war eine Folge der von den Landtagen in Stuttgart, Mainz und Saarbrücken eingesetzten Michel-Kommission. Sie sollte bereits 1968, um die Gebührengelder besser zu bündeln, Fusionsmöglichkeiten bei den südwestdeutschen Rundfunkanstalten (SDR, SWF und SR) untersuchen.

Die großen Sportsendungen Heute im Stadion (samstags ab 16.30 Uhr, später ab 15.00 Uhr) und Neues vom Sport (sonntags ab 16.00 Uhr, später als Sportmagazin ab 15.00 Uhr) wanderten vom 2. ins 3. Hörfunkprogramm, genauso wie die Jugendsendung Mittwochs-Party.

Beim SDR waren die Finanzen jedoch weiter knapp und damit der Spielraum für zusätzliche Eigenproduktionen in Südfunk 3 eng. Deshalb mussten weiterhin Programmteile von Südfunk 1 (Mit Musik geht alles besser, Von Tag zu Tag) oder von anderen Sendern (Club 16 und Musik-Report vom BR, Studio-Party und Pop Shop vom SWF) übernommen werden.

1. Januar 1972: Vom Schulfunk zum Musikprogramm Mit der Einführung der Frühsendung Pop am Morgen entstand das erste durchgängige Programmschema von 5.30 bis 21.00 Uhr. Damit begann eine Kooperation zwischen den dritten Hörfunkprogrammen von SDR und SWF. Aus Stuttgart kam für beide Sendegebiete Pop am Morgen (verantwortlich damals Gisela Böhnke, die vom Südwestfunk abgeworben wurde) und aus Baden-Baden der Pop Shop am Nachmittag. Höhepunkt war dabei die Mittwochs-Party, die ebenfalls abwechselnd von Südfunk 3 und als Studio-Party von SWF3 kam und von Schulklassen gestaltet und moderiert wurde. Den Vormittag „kaufte“ die Rundfunkwerbung Stuttgart GmbH. Es war damals durchaus üblich, dass die hauseigenen Werbetöchter der ARD ganze Sendestrecken finanzierten und dafür Werbung, ähnlich wie im heutigen Formatradio, ins laufende Programm streuten. Somit sendete ab Oktober 1972 von 9.00 bis 13.00 Uhr der Musikmarkt. Eine Sendung mit deutschen Schlagern, internationalen Hits, Gewinnspielen, Hitparaden, Grußaktionen und plaudernden Moderatoren. Die bekanntesten waren Günter Freund, Fred Metzler, Rainer Nitschke, Bernd Duszynski und später Michael Branik. Der Musikmarkt war so beliebt, dass er in der Zeit von 13.00 bis 15.00 Uhr im Programm Südfunk 1 fortgesetzt wurde. Damit reagierte der SDR auf das reichweitenstarke Konkurrenzprogramm von Radio Luxemburg.

2. Januar 1975: Die Entstehung von POINT Aufbau und Anfang Als der Pop Shop im neuen durchgängigen Programmkonzept von SWF3 ab dem 1. Januar 1975 in den Abend verlegt wurde, entwickelten die Südfunk-Redakteure Hendrik Bussiek, Peter Kreglinger, Günter Verdin und Dietrich Förster ein neues Konzept einer Jugendsendung für den Nachmittag: POINT war geboren. POINT stand für Pop, Orientierung, Information, Notizen, Tipps. Das Ziel von POINT war es, die Dinge, die Jugendliche interessierten, anzusprechen und auf den „Punkt“ zu bringen. Im Februar 1980 gab es beispielsweise eine Sendung, die sich ausschließlich mit dem Tod von Bon Scott († 19. Februar 1980 an einer Alkoholvergiftung) und der Thematik Selbstzerstörung durch Alkohol und andere Drogen beschäftigte. Themen wie Jugendarbeitslosigkeit, Studienplatzmangel, Nachrüstung und Friedensbewegung wurden immer wieder ganze Sendungen gewidmet. Die Macher von POINT verfolgten das Konzept eines lobbyistischen und kritischen Sprachrohrs für Jugendliche. Daneben kamen auch Comedy-Elemente wie Frau Kächele & Frau Peters nicht zu kurz. Der Pop Shop von SWF3 entwickelte sich in dieser Zeit mehr zu einem Musikmagazin.

Politische Kontroversen Das Experiment POINT eskalierte jedoch, als sich die Sendeleitung und der Rundfunkrat an einer Livediskussion von Rudi Dutschke mit Hörern am 14. Oktober 1976 sowie der Liveausstrahlung eines Auftritts der schwulen Theatergruppe „Brühwarm“ aus Hamburg störten.

Die absehbaren Konsequenzen für den verantwortlichen Redakteur Hendrik Bussiek führten zu einer bislang einmaligen Aktion in der bundesdeutschen Rundfunklandschaft. Initiiert vom Club Alpha 60 in Schwäbisch Hall gründete sich eine Hörerinitiative zur Unterstützung der POINT-Macher, die etwa 18.000 Unterschriften sammelte. Erreicht wurde eine Sondersendung mit einem Solidaritätskonzert mit fünf Gruppen, darunter Zupfgeigenhansel und 600 Besuchern im Neubausaal in Schwäbisch Hall am 8. März 1977 unter dem Titel „Was wird aus POINT und Bussiek?“.Quelle: Korrekturfahne Historischer Überblick 1977. Vermutlich zwischen 1985 und 1991 zusammengestellt. Archiv des club alpha 60 e. V., Pfarrgasse 3, 74523 Schwäbisch Hall. Hier sicherten der Chefredakteur Dr. Roderich Klett und der stellvertretende Programmdirektor Friedmar Lüke den Erhalt der Sendung zu. Hendrik Bussiek wurde trotzdem von seiner Position entbunden und anschließend als Korrespondent nach Berlin versetzt.

Veränderungen und Entwicklung Als neuer Redaktionsleiter für POINT wurde Mitte 1977 Rüdiger Becker vom Zündfunk des Bayerischen Rundfunks verpflichtet. Gleichzeitig wurde die Redaktionsarbeit hierarchischer gestaltet. Ihm zur Seite stand bald Redakteurin Susanne Lüdtke und nach deren Ausscheiden ab 1981 als festangestellter Redakteur Michael Weber, der ebenfalls vom Zündfunk kam. Damit nahm die zweite Generation von POINT ihre Arbeit auf. Die Befürchtungen, dass damit ein qualitativer Bruch kommen würde, bestätigten sich allerdings nicht. Einige Macher dieser zweiten Generation waren die freien Mitarbeiter: Thomas Roth, Hermann Stange, Stefan Siller, Wolfgang Heim und Thomas Welzig. Auch in deren Sendungen war es gang und gäbe, dass ganze Schulklassen im Stuttgarter Funkhaus aufliefen, die den Rundfunk als Medium zur Artikulation ihres Protests nutzten.

Im Zuge einer Programmreform hin zum Popradio am 1. Oktober 1979 wurde POINT als dreistündige Sendung in das neue Programm Radio 3 Südfunk Stuttgart übernommen. Der Sendeplatz wurde auf 17.00 Uhr verlegt. Später entwickelte die POINT-Redaktion, nachdem ihre Sendung auf 18.00 Uhr verlegt worden war, neue Konzepte. Der Doppel-POINT war eine zweistündige monothematische Sendung zu aktuellen und gesellschaftspolitischen Themen. Der 1985 gestartete Sunday-POINT am Sonntagabend behandelte Themen für die jüngeren Jugendlichen: Schule, erste Liebe und Popmusik. Seinen lobbyistischen Charakter für die Jugendlichen verlor POINT erst, als Hans-Peter Archner Mitte der 80er-Jahre mit der Redaktionsleitung betraut wurde. Schritt für Schritt wurde POINT nun entpolitisiert und zu einer musikorientierten Abendsendung mit einem immer geringer werdenden Wortanteil.

Musikalische Schwerpunkte Traditionell war der Sonntagabend die Zeit, in der sich POINT überwiegend mit Musik beschäftigte. Populär war bis 1984 der von Günter Verdin entwickelte und moderierte POINT-Plattentest, bei dem er neue Singles vorstellte, über die die Hörer dann im Laufe der folgenden Woche per Postkarte abstimmen konnten. Ab 1985 nannte sich die sonntägliche Ausgabe Sunday-POINT (s. o.). Der Nachfolger des Plattentests hieß Super Acht. POINT war bis zum Ende von SDR 3 im August 1998 auf Sendung.

1975: Entwicklung eines Mischprogramms Südfunk 3 war in jener Zeit weit von einem Formatradio mit durchgängiger Musikfarbe entfernt. Morgens gab es nach wie vor Pop am Morgen (später umbenannt in Südfunk spezial, dann in Pop Corner), vormittags den Musikmarkt. Mittags folgten die Regionalmagazine, nachmittags POINT (am Wochenende Sport), dazwischen Schul- und Kinderfunk. Am Abend beendeten die Gastarbeitersendungen das Programm. mini|Discostudio 1995 Nach dem Umzug ins neue Stuttgarter Funkhaus am 10. März 1976 (es galt damals als das modernste Europas) konnten erstmals auch Sendungen aus einer Selbstfahrregie in Studio 7, dem sogenannten Discostudio, abgewickelt werden (z. B. Pop am Morgen und Club 19). Mit der Programmreform 1979 wurde dieses Studio wieder stillgelegt, denn es befand sich auf einem anderen Stockwerk und das Programm sollte nun komplett aus der Stammregie 11 gesendet werden. Ein Discostudio wurde etwas später wieder in Regie 11 eingebaut.

Mit dem Umzug ins neue Funkhaus war auch eine Abwicklung des Programms in Stereo möglich. Die Einführung der Stereofonie erfolgte, nach Umbauarbeiten an den Sendern, im Jahr 1977 testweise bis zum offiziellen Beginn am 1. Januar 1978.

1. Oktober 1979: Durchgängiges Popradio Als Konsequenz auf den wachsenden Erfolg des durchgängigen Programmkonzepts von SWF3 wurde unter dem neuen Namen Radio 3 Südfunk Stuttgart auch beim SDR eine Popwelle etabliert. In den ersten Jahren galt der größte Teil des Programms als sehr ambitioniert, die Zuhörerzahlen waren mäßig. Prägend waren kühle Moderationen und eine Musikauswahl, die besonders die Randbereiche berücksichtigte. Inhaltlich richtete sich das Programm meist an ein links-alternatives Publikum. Höhepunkt dieser Phase war 1981 die Besetzung des Sendestudios 11 durch Teile der Stuttgarter Hausbesetzerszene, die sich gewaltsam nach 22.00 Uhr Zutritt in die Livesendung Schlaf-Rock mit Peter Kreglinger verschafft hatten, um ihre Parolen zu verlesen. Dem Hauptschaltmeister gelang es jedoch, die ARD-Nachtversorgung auf das Programm zu legen und das Studio sofort vom Sendebetrieb abzutrennen. In der Folge wurde Radio 3 ab 1982 umgestaltet: Um 12.00 Uhr und um 16.00 Uhr gab es die neue Sendung Aktuell. Die Wunschsendung Plattenpost sorgte für Interaktion und mehr populäre Musik. Sonntags liefen die Tophits der deutschen Hitparade. In dieser Zeit waren auch Gastmoderatoren wie Jürgen Domian (Deutsche Hitparade) und Daniel Kovac (Treff nach zwei) zu hören.