mini|Das Grab von Hans Meiser und seiner Ehefrau Elisabeth geborene Killinger auf dem Johannisfriedhof (Nürnberg)
Hans Oswald Meiser (* 16. Februar 1881 in Nürnberg; † 8. Juni 1956 in München) war deutscher evangelischer Theologe, Pfarrer und von 1933 bis 1955 erster Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Heute ist die politische Haltung Meisers in der Zeit zwischen 1933 und 1945 Gegenstand intensiver erinnerungskultureller und wissenschaftlicher Debatten. Im Bestreben, die Unabhängigkeit seiner Landeskirche zu erhalten, schloss Meiser zahlreiche Kompromisse mit dem NS-Staat. Auch Meisers Haltung zum Judentum ist im Lichte des heutigen Wissens über die Shoah umstritten.
Meiser setzte sich theologisch in der Tradition Wilhelm Löhes für eine Kirche mit einem klaren lutherischen Bekenntnis ein. Anders als bekannte bayerische Theologieprofessoren wie Werner Elert, Paul Althaus oder Hermann Sasse erkannte Meiser ausdrücklich die Barmer Theologische Erklärung an und suchte hier die Verbindung mit Unierten und Reformierten. Seine konfessionalistische Ausrichtung schied ihn von Martin Niemöller.
Leben Kindheit, Schule und Universität (1881–1904) Meiser war Sohn der Kaufmannspaares Georg und Betty Meiser. Er besuchte in seiner Geburtsstadt das Melanchthon-Gymnasium und erwarb als Erster seiner Familie eine humanistische Bildung. Nach einem einjährigen Studium an der philosophischen Fakultät der Universität München, in dem Meiser vor allem Volkswirtschaftslehre hörte, begann er das Studium der Evangelischen Theologie in Erlangen, wechselte dann nach Berlin und schließlich nach Halle.Simon, Meiser, S. 404f; Braun, Meiser, S. 529.
Vikariat, Kriegsdienst und Pfarramt (1904–1922) mini|1955 entstandener Neubau der Münchner Matthäuskirche, deren Vorgängerbau 1938 auf Befehl Hitlers abgerissen wurde Auf die theologische Aufnahmeprüfung im Jahr 1904 folgte der Dienst als Einjähriger beim 14. Infanterieregiment in Nürnberg, den er als Unteroffizier abschloss. Am 12. Dezember 1905 wurde Meiser in der Bayreuther SpitalkircheBernd Mayer: Ein Bischof im politischen Zwielicht in: Heimatkurier 2/2006 des Nordbayerischen Kuriers, S. 6 f. ordiniert. Er trat seinen Dienst zunächst als Privatvikar in Weiden an, wechselte ab 1908 als exponierter Vikar nach Haßfurt und war schließlich ab 1909 Stadtvikar in Würzburg. Das zweite Examen legte er 1909 ab. Im Frühjahr 1911 wurde er Vereinsgeistlicher des Landesvereins für Innere Mission. Im Sommer des gleichen Jahres, am 22. Juli 1911, heiratete er Elisabeth Killinger, mit der er vier Kinder hatte. In Nürnberg erlebte er die Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern des freien Protestantismus (Christian Geyer, Friedrich Rittelmeyer) und den eher bekenntnisgebundenen Lutheranern der Stadt, ohne hier jedoch selbst engagiert zu sein. Meiser war Schriftleiter der Blätter für Innere Mission, baute 1912 die Evangelische Pressestelle auf und organisierte Versammlungen gegen die Kirchenaustrittsbewegung. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Sanitätsunteroffizier einberufen, war Meiser ab Oktober 1914 als Feldgeistlicher beim 1. Feldlazarett des III. bayerischen Armeekorps an der Westfront in Frankreich.Bayerisches Hauptstaatsarchiv IV, 19927. Kriegsrangliste. Im Januar 1915 wurde er aus dem Militärdienst entlassen und übernahm die 3. Pfarrstelle an St. Matthäus in München. Er gründete dort die Evangelische Jugendhilfe und stand seit 1917 zudem der Münchener Diakonissenanstalt vor.
Nach dem Ende der Monarchie in Bayern suchte Meiser das Gespräch mit der Revolutionsregierung über die kirchliche Lage. Nachdem kurz vor Ostern 1919 die Räterepublik in München ausgerufen worden war, kam es bald zu Festnahmen. Am Dienstagmorgen nach dem Osterfest des Jahres 1919 wurde Meiser von Rotgardisten aus dem Bett gerissen, festgenommen und mit anderen Gefangen als Geisel genommen. Durch die Vermittlung einer Diakonisse und durch die Frau des Anführers der Verhaftungstruppe wurde Meiser freigelassen. Die Mehrheit der übrigen Gefangenen wurde acht Tage später im Luitpoldgymnasium ermordet. 1920 wurde Meiser Pfarrer in München-Sendling, zugleich auch Mitglied der bayerischen verfassunggebenden Generalsynode und Mitglied des Landessynodalausschusses (1920–1922). Bereits damals forderte er die Einrichtung eines Bischofsamtes in der Kirche.Simon, Meiser, S. 406–408; Braun, Meiser, S. 529.
Seminardirektor und Oberkirchenrat (1922–1933) 1922 kehrte Meiser als Mitbegründer und erster Direktor des neuen Predigerseminars nach Nürnberg zurück und gründete die „Sammelstelle für landeskirchliches Schrifttum“. Als Direktor des Predigerseminars war er für die Pfarrerausbildung in Bayern verantwortlich. Er setzte sich für eine bekenntnisgebundene und soziale Kirche ein. Mit den Seminaristen besuchte Meiser jedes Jahr eine der großen Fabriken Nürnbergs. 1928 übernahm Meiser als Oberkirchenrat im Landeskirchenrat kirchenleitende Funktionen. Er war für das Schulwesen, die theologischen Prüfungen sowie für den Kontakt zur Inneren Mission und zu den staatlichen Behörden zuständig. 1929 wurde er Vorsitzender des Kirchlich-Sozialen Bundes in Bayern. 1931 ergänzte er die „Sammelstelle“ um ein landeskirchliches Archiv (das spätere Landeskirchliche Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, kurz LAELKB).Simon, Meiser, S. 406–408; Braun, Meiser, S. 529–531.
Landesbischof (1933–1945) Am 12. April 1933 bestellte die Synode Meiser zum Stellvertreter von Kirchenpräsident Friedrich Veit. Im selben Monat trat Veit im Alter von 72 Jahren angesichts zu erwartender Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten und aufgrund von Rücktrittsforderungen zurück.
Am 4. Mai 1933 wurde Meiser als damals jüngstes Mitglied des Landeskirchenrates im Evangelischen Gemeindehaus Bayreuth zum Nachfolger des 72-jährigen Kirchenpräsidenten Friedrich Veit gewählt. Am 11. Juni 1933 erfolgte in der Lorenzkirche in Nürnberg die öffentliche Amtseinführung unter starker Beteiligung von Vertretern des Staates sowie der NSDAP. Die SA kam auf eigene Initiative, um Spalier zu stehen. Er erhielt als Erster die Amtsbezeichnung Landesbischof und wurde von der Landessynode mit umfassenden Vollmachten ausgestattet.
In den ersten Monaten der NS-Herrschaft sah Meiser die Möglichkeit, das Bekenntnis des Nationalsozialismus zu einem positiven Christentum mit einer christlichen Erneuerung zu verbinden. Infolge der gewaltsamen Durchsetzung einer Reichskirche unter Reichsbischof Müller beschloss Meiser jedoch, sich als Landesbischof Bayerns gegen diese Entwicklung zu stellen. Ende Mai 1934 nahm er an der Barmer Bekenntnissynode teil und unterstützte ihre theologische Erklärung. Er ließ sich weder von den judenfeindlich orientierten Deutschen Christen noch von den völkischen Überlegungen der Erlanger Theologen Paul Althaus und Werner Elert beeindrucken (Ansbacher Ratschlag). Als am 3. September 1934 die Eingliederung der bayerischen Landeskirche in die Reichskirche verfügt wurde, stellte sich Meiser dem entgegen. Am 11. Oktober wurde er in seiner Wohnung festgenommen. Infolge ständiger Proteste evangelischer Gemeindeglieder und des innenpolitischen Kalküls Adolf Hitlers konnte Meiser nach 14 Tagen sein Bischofsamt wieder ausüben. Er suchte nun bald den Zusammenschluss mit den beiden anderen lutherischen intakten Kirchen in Deutschland, der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Es entstand eine Arbeitsgemeinschaft mit den Bischöfen Theophil Wurm und August Marahrens.
Auf Meisers Anordnung hin läuteten zum Zeitpunkt der Beisetzung des am 5. März 1935 tödlich verunglückten NSDAP-Gauleiters Hans Schemm die Glocken sämtlicher evangelischer Kirchen in Bayern. Im September 1936 verordnete er den Geistlichen die Verwendung des „Hitlergrußes“. Zwei Jahre später mussten die Pfarrer einen „Führereid“ ablegen. Nach dem Überfall auf Polen ließ Meiser im Oktober 1939 eine Abkündigung verlesen, in der von „reiche[r] Ernte auf Polens Schlachtfeldern“ die Rede ist,Bernd Mayer: 1934: Das Ende frommer Illusionen in: Heimatkurier 2/2009 des Nordbayerischen Kuriers, S. 11 f. und ließ von den Kanzeln verlesen: „Wir loben dich droben, du Lenker der Schlachten“. Der Text dieser Kanzelabkündigung stammte jedoch nicht von Meiser, sondern von der Deutschen Evangelischen Kirchenkanzlei, während Meiser „in seinen eigenen Äußerungen [...] signifikant andere Akzente als die Leitung der Reichskirche setzte.“Nora Andrea Schulze: Hans Meiser. Lutheraner – Untertan – Opponent, Göttingen 2021, S. 265.
Im Juli 1943 protestierte der württembergische Landesbischof Theophil Wurm bei der Reichsregierung gegen die Ermordung der Juden. Dieses Schreiben wurde nach mehrmaliger Rücksprache mit Meiser und Marahrens abgefasst. Wurm schreibt in seinen Erinnerungen: „Auf einer Sitzung der Kirchenführerkonferenz im Juli in Berlin wurde angesichts des sich mehr und mehr verschärfenden Feldzugs gegen die Juden beschlossen, noch einmal bei der Reichsregierung einen kräftigen Vorstoß zu machen. Ich wurde mit der Ausführung beauftragt. Marahrens konnte sich zur Mitunterschrift nicht entschließen. Meiser wäre bereit gewesen, aber wir fanden es dann doch richtiger, das Schriftstück nur mit einer Unterschrift abgehen zu lassen.“Theophil Wurm: Erinnerungen aus meinem Leben. 2. Auflage. Stuttgart 1953, S. 168.
In dieser Zeit hoffte Meiser zunehmend auf das politische Eingreifen der Generalität gegen Hitler.
Nachkriegszeit (1945–1955) mini|Die Augustana-Hochschule (hier: Die Kapelle) Nach Kriegsende stellte Meiser sein Amt als Landesbischof zur Verfügung, wurde aber einstimmig wiedergewählt. Sein Hauptaugenmerk galt nun der Eingliederung der Vertriebenen und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wie auch der Eingliederung der von dort vertriebenen Pfarrer in die bayerische Landeskirche und der Unterstützung der notleidenden Bevölkerung. Weil fast alle Neuankömmlinge aus der unierten preußischen Landeskirche kamen, deren Bekenntnis sich von dem lutherischen unterschied, mussten die vertriebenen Pfarrer nach lutherischer Auffassung ihre Konfession wechseln, um nach Flucht und Vertreibung in der evangelischen Kirche tätig bleiben zu können. Meiser war auch maßgeblich an der Gründung zahlreicher Institutionen beteiligt, die heute noch für die Landeskirche Bedeutung haben. So gründete er 1946 für die aus dem Kriegsdienst oder der Gefangenschaft zurückkehrenden Pfarrer ein Pastoralkolleg in Neuendettelsau und unterstützte die Gründung des Mutterhauses für kirchliche Diakonie München. 1947 wurde ebenfalls in Neuendettelsau eine kirchliche theologische Hochschule, die Augustana-Hochschule Neuendettelsau, gegründet. In Tutzing ließ Meiser ein Schloss am Starnberger See kaufen. Dort entstand die Evangelische Akademie Tutzing, die seitdem Veranstaltungen zu Themen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und anderen gesellschaftlichen Bereichen durchführt. Für die Bevölkerung Mittelfrankens wurde eine Volkshochschule auf dem Hesselberg geschaffen, aus der später ähnliche Einrichtungen in Bad Alexandersbad und Pappenheim hervorgingen. Das katechetische Amt entstand in Heilsbronn, die Kirchenmusikschule und das Predigerseminar in Bayreuth. Auch die Einrichtung eines Industriepfarramts und eines Arbeiterseminars gingen auf Meiser zurück.