mini|Flasche des Tuguz Timur, Syrien 1345–1346, braunes, vergoldetes und emailliertes Glas, Louvre
Glaswaren, von einfachen Gebrauchsgegenständen bis hin zu wertvollen Gefäßen, wurden in nahezu der gesamten islamischen Welt hergestellt. Unter dem Einfluss der islamischen Kunst entwickelte sich auch auf dem Gebiet der Glasherstellung eine eigene Formen- und Mustersprache.Pinder-Wilson 1991, S. 112.
Ursprünge und Technik Kennzeichnend für die islamische Kunst im Allgemeinen ist, dass sich die enormen religiösen und gesellschaftlich-politischen Veränderungen kaum auf die Kunst der Frühzeit (bis ins 9. Jahrhundert hinein) auswirkten. Kunsthandwerkliche Techniken und Gestaltungstraditionen der voraus gehenden Gesellschaften bestanden zunächst weiter.Israeli 2003, S. 319. Kunst und Kunsthandwerk veränderten sich nicht abrupt, sondern entwickelten erst im Lauf der Zeit eine eigenständige, als „islamisch“ erkennbare Form und Gestalt.Schick 1998, S. 75.
Glasherstellung Die Levante, Ägypten, das sassanidische Großpersien und Mesopotamien besaßen eine Jahrhunderte alte Handwerkstradition der Glasherstellung. Rohglas wurde in Form von Glasbarren an der palästinischen Küste zwischen Akkon und Tyros, sowie in den ägyptischen Glashütten rund um das Wādi el-Natrūn bei Alexandria gewonnen und bis ins 10. oder 11. Jahrhundert zur Weiterverarbeitung exportiert. Die neue einheitliche Gesellschafts- und politische Ordnung ermöglichte einen intensiveren Austausch von Technologien und Gestaltungsideen, der letztlich zur Herausbildung einer „islamischen“ Glaskunst führte.
Während der ersten Jahrhunderte der islamischen Zeit verwendeten die Glashersteller im östlichen Mittelmeerraum weiterhin das römische Rezept, wie Plinius der Ältere es in der Naturalis historia korrekt beschreibt: Glas wurde mit Flusssand und Natron aus Ägypten geschmolzen. Das ägyptische Natron wurde am Wādi el-Natrūn, einem natürlichen Natronsee in Nord-Ägypten, abgebaut. Dieses war verhältnismäßig rein und enthielt mehr als 40 Prozent Natriumoxid und bis zu 4 Prozent Kalk. Glas auf Natronbasis kann in der Levante bis ins späte 9. Jahrhundert hinein nachgewiesen werden.Whitehouse 2002, S. 193–195. Die in der Levante gebräuchlichen Wannenschmelzöfen, in denen Rohglasbarren für den Handel gewonnen wurden, blieben unter islamischer Herrschaft noch bis ins 10. oder 11. Jahrhundert in Betrieb.Aldsworth et al. 2002, S. 65; Freestone 2006, S. 202.
Danach wurde Natron seltener verwendet; archäologische Funde weisen darauf hin, dass aus Pflanzenasche gewonnenes Natron das natürlich vorkommende Natron ersetzt hat, und während der gesamten späteren Zeit verwendet wurde.Dussart et al. 2004; Freestone 2002; Freestone 2006; Whitehouse 2002. Die Gründe für diese technische Änderung sind unklar. Es wird vermutet, dass politische Unruhen in Ägypten während des 9. Jahrhunderts zu einem Versiegen des Natronexports geführt haben, so dass andere Natronquellen gefunden werden mussten.Whitehouse 2002, 194 Hierfür sprechen archäologische Funde in Bet Sche’arim (im heutigen Israel), die darauf hindeuten, dass im frühen 9. Jahrhundert dort mit der Rezeptur des Rohglases experimentiert wurde. Ein Glasbarren aus einer Schmelzwanne aus dieser Zeit weist einen größeren Kalkanteil auf als bisher üblich und könnte aus einer Mischung aus Sand und Pflanzenasche erschmolzen worden sein.Freestone und Gorin-Rosin 1999, S. 116. Obwohl die Zusammensetzung dieses Glases noch nicht für den Gebrauch tauglich gewesen wäre, deuten die Funde doch darauf hin, dass islamische Glasmacher zu dieser Zeit römische und mesopotamische oder sassanidische Herstellungstraditionen kombiniert haben, um den Mangel an mineralischem Natron auszugleichen. Der Gebrauch von Pflanzenasche, speziell aus Salzpflanzen gewonnen, die aufgrund der klimatischen Bedingungen im Mittleren OstenBarkoudah und Henderson 2006, S. 297–298. reichlich zur Verfügung standen, war in Persien und Mesopotamien gut bekannt. Ohne Zweifel haben die Glasmacher im Nahen Osten nicht lange gebraucht, bis sie gelernt hatten, Rezepte mit Pflanzenasche zu verwenden.
Glasbearbeitung mini|Vase mit Griffen aus gezogenem Glas, abbasidisch, 7.–11. Jh., Louvre AO2230 mini|In einer Form geblasenes Glas, Ägypten, 7.–9. Jh. Louvre, L312 mini|Flasche mit eingeschnittenem Dekor LACMA M.88.129.164 mini|Parfümfläschchen aus marmoriertem Glas, ayyubidisch, 12.–13. Jh., Louvre OA6350 mini|Mamlukische Flasche aus vergoldetem und emailliertem Glas, spätes 13. oder frühes 14. Jh., Museu Calouste Gulbenkian
Blasen In der frühen islamischen Zeit wurde Glas mit den gleichen Techniken bearbeitet, die schon vorher bekannt waren. Glas wurde mit Hilfe einer Glasmacherpfeife geblasen, entweder frei oder in eine Form (Model) hinein,Pinder-Wilson 1991, S. 116. so dass sich das Innenmuster des Models außen auf dem Glas abzeichnet. Die Technik des „optischen Glasblasens“ kombiniert die beiden Techniken, indem dem Glaskörper erst mit Hilfe eines Models eine Form gegeben wurde, und das Glas anschließend weiter frei ausgeblasen wurde. Sowohl im Iran als auch in Ägypten waren wiederverwendbare, zweiteilige Klappmodeln bekannt, solcherart hergestelltes Glas weist Passnähte auf. Sehr typisch für die islamische Glaskunst ist auch das Zwicken der Passnähte mit einer Zange.
Applikationen und Glasschneiderei Das Aufsetzen gezogener Glasbänder auf einen Gefäßkörper entstammt der römischen Tradition, während die Glasschneiderei aus der sassanidischen Kunst kommt. Die Glasschneiderei erreichte einen frühen Höhepunkt während des 9.–11. Jahrhunderts, während die Kunst gezogener Dekore aus geschmolzenem Glas ab dem 11. Jahrhundert, während der Seldschukenzeit, vervollkommnet wurde.Lukens 2013, S. 207.
Die Kunst des Reliefschneidens ist wahrscheinlich aus der Steinschneidekunst der Antike entstanden. Kostbar geschnittene Edelsteine, Gemmen und Kameen, wurden von den alten Ägyptern, Persern, Assyrern und Griechen hergestellt. Kostbare Objekte aus Bergkristall wurden in der gleichen Technik vor allem im Auftrag der ägyptischen Fatimidenherrscher während des 9.–11. Jahrhunderts hergestellt. Während die Reliefschneiderei am erkalteten Glas ausgeführt wird, können mit der Technik der Glasapplikation erhitzte, biegsame Glasfäden auf einen Glaskörper aufgebracht, oder mit geschmolzenen Glasfäden Muster, Griffe, oder Borten angesetzt werden.
Farben und Oberflächen Völlig farbloses, transparentes Glas gibt es erst, seit Techniken zur Entfärbung zur Verfügung stehen. In früherer Zeit, so auch in der islamischen Glaskunst, war die verwendete Glasmasse nur annähernd farblos und wies meist einen Gelb-, Grün- oder Blaustich auf. Farbiges Glas in Manganrot, Grün oder Blau war beliebt und gebräuchlich. Die Oberfläche vieler erhaltener islamischer Gläser ist durch die lange Lagerung im Erdboden korrodiert und hat dadurch eine irisierende Oberfläche erhalten, die zwar nicht beabsichtigt war, in unseren Augen aber dennoch attraktiv erscheint. Nur in trockenem Klima, oder wenn die Gegenstände über die Zeit sorgfältig aufbewahrt wurden, sind die Glaswaren unverändert erhalten.
Lüsterfarben Eine weitere Technik, die Verwendung von Lüsterfarben auf Glas, wird besonders mit der frühen islamischen Periode in Verbindung gebracht, und wurde wahrscheinlich in islamischer Zeit in Fustāt entwickelt,Pinder-Wilson 1991, S. 124. obwohl ihre Ursprünge vielleicht schon in der römischen oder vor-islamischen Kunst der ägyptischen Kopten zu suchen sind. Glasgefäße wurden schon während des 3. vorchristlichen Jahrhunderts mit Kupfer- und Silberpigmenten gefärbt,Carboni 2001, S. 51. die echte Lüstertechnologie wurde aber erst irgendwann zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert n. Chr. entwickelt.Caiger-Smith 1985, S. 24; Pradell et al. 2008, S. 1201. Hierfür werden Kupfer- und Silberpigmente auf das Glas aufgetragen. Mittels spezieller Brenntechniken gehen die metallischen Ionen Verbindungen mit den im Glas enthaltenen Elementen ein und erzeugen einen metallischen Glanz, der vollständig auf dem Gefäß gebunden ist.Pradell et al. 2008, S. 1204. Die Lüsterfärbung stellt eine der Schlüsseltechnologien der Glasherstellung dar, die sich in der islamischen Zeit immer weiter entwickelte, und sich nicht nur im gesamten geografischen Raum ausbreitete, sondern auch auf anderen Materialien, wie beispielsweise keramischen Glasuren angewendet werden konnte.Carboni 2001, S. 51.
Marmorierung Das Marmorieren ist eine Technik des Fadenangusses, mit deren Hilfe ein Gegenstand mit Strängen undurchsichtigen Glases in verschiedensten Farben überzogen wird. Der Glasstrang wird in regelmäßigen Abständen verzogen, so dass er in charakteristischer Wellenform verläuft. Der Gegenstand wird anschließend so lange auf einer Platte aus Stein oder Eisen gewälzt, bis der farbige Glasstrang fest in den Glaskörper eingearbeitet und verbunden ist. Diese Technik, mit der eine Vielzahl unterschiedlicher Objekte von Schalen und Flaschen bis hin zu Schachfiguren hergestellt wurden, wurde um das 12. Jahrhundert herum eingeführt,Carboni 2001, S. 291. ist aber tatsächlich eine Wiederaufnahme einer sehr viel älteren Technik der Glasbearbeitung, die bis in die späte Bronzezeit in Ägypten zurückreicht.Tatton-Brown und Andrews 1991, S. 26.
Emaillierung Emaillierung, ebenfalls eine sehr alte Technik, wurde in der islamischen Welt erstmals im 12. Jahrhundert im syrischen Ar-Raqqa nachgewiesen und breitete sich während der Mamlukenherrschaft bis nach Kairo aus.Carboni 2001, S. 323; Gudenrath 2006, S. 42. Zwei unterschiedliche Techniken wurden dabei angewendet, was auf mindestens zwei verschiedene Produktionszentren hindeutet.Gudenrath 2006, S. 47. Die Objekte bestehen aus einem fast farblosen, oft leicht honiggelbstichigen Glas, auf das gemahlenes, mit unterschiedlichen Farbpigmenten vermischtes Glas aufgetragen wird, das anschließend bei niedrigeren Temperaturen aufgeschmolzen wird. Emaillierte Glaswaren waren sehr begehrt, und wurden in die gesamte islamische Welt sowie nach Europa und bis nach China gehandelt.Pinder-Wilson 1991, S. 135. Die Invasionen der Mongolen seit dem 13. Jahrhundert brachten diese Tradition wahrscheinlich zum Erliegen.Israeli 2003, S. 376.
Vergoldung Vergoldungen wurden zu dieser Zeit ausgeführt, indem kleine Mengen Gold auf einen Glaskörper aufgetragen und bei niedriger Temperatur eingebrannt wurden. Die Technik kommt aus der byzantinischen Kunst.Pinder-Wilson 1991, S. 130. Vergoldung wurde oft mit einer Emaillierung verbunden. Nach dem Blasen (meist optisch) musste das Werkstück erst allmählich abkühlen, bevor ein Maler die mehrfarbige Emailmasse zusammen mit dem Gold auftrug. Durch kontrolliertes Erhitzen, ohne dass das Werkstück selbst wieder schmolz, wurde die Goldemailmasse mit dem Werkstück fest verbunden. Dieser komplizierte Herstellungsprozess erforderte hohe handwerkliche Fähigkeiten. Zentren der Goldemailherstellung waren bis zur Eroberung Syriens durch Timur Aleppo und Damaskus in Syrien.
Entwicklung Frühe islamische Glaskunst: Mitte des 7. bis spätes 12. Jahrhundert Die Glasindustrie der islamischen Frühzeit fällt zeitlich mit dem Aufstieg der Umayyaden, der ersten islamischen Herrscherdynastie, zusammen. Mit dem Aufstieg des Abbasiden-Kalifats wurde die Hauptstadt der islamischen Welt von Damaskus in der Levante nach Bagdad in Mesopotamien verlegt. In der Folgezeit erscheint eine stärker islamisch geprägten Ausdrucksweise und ersetzt die klassische Gestaltungstradition.Israeli 2003, S. 320.