400px|mini|Mesopotamien, 2020 (Bild der NASA)Mesopotamien (von , übersetzt „zwischen den Flüssen“) oder ZweistromlandVgl. auch oder ; ; ; / bzw. Zwiestromland bezeichnet die Kulturlandschaft in Vorderasien, die durch die großen Flusssysteme des Euphrat und Tigris geprägt ist.
Zusammen mit Kleinasien, der Levante im engeren Sinne und dem Industal gehört es zu den wichtigen kulturellen Entwicklungszentren des Alten Orients. Mit der Levante bildet es einen großen Teil des sogenannten Fruchtbaren Halbmonds, in welchem sich Menschen erstmals dauerhaft niederließen. Es entwickelten sich Stadtstaaten, Königreiche – Neuerungen für die Menschheit mit den Erfindungen der Schrift, der ersten Rechtsordnung, der ersten Menschheitshymnen, des Ziegelsteins, des Streitwagens, des Biers und der Keramik: Evolutionen in der Stadtentwicklung, Kultur- und Technikgeschichte. Im Süden mit den Sumerern, durchsetzt von gutäischen Königsdynastien, entwickelte sich die erste Hochkultur der Menschheitsgeschichte. Ihnen folgten die Akkader, Babylonier, im Norden das Königreich Mittani, in Mittelmesopotamien die Assyrer, dann das medische Königreich, welches das assyrische Großreich in einer Union mit den Babyloniern eroberte. Die Meder hatten fast 200 Jahre ein Großreich inne, ehe mit den Persern erstmals eine außerhalb Mesopotamiens entstandene Kultur dauerhafte Kontrolle über die Region erlangte. Auf die Perser folgten die Makedonier, Parther und Sassaniden. Seither war die Herrschaft über Mesopotamien im Allgemeinen mit der Herrschaft über den (westlichen) Iran verbunden, wo sich in der Folge Umayyaden, Abbasiden, Seldschuken, Ilchane, Timuriden und schließlich die Safawiden in der Herrschaft ablösten, bis in heftigen Kämpfen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert die Osmanen die politische Verbindung Mesopotamiens mit dem Iran definitiv beendeten. Immer wieder seit der Zeit der Pharaonen versuchten auch die Herrscher Ägyptens, soweit sie das nördliche Syrien beherrschten, in Obermesopotamien Einfluss zu gewinnen, wo zuletzt die Ayyubiden eine länger dauernde und weiter verbreitete Herrschaft errichteten.
Das vor allem in seiner Wasserverfügbarkeit höchst unterschiedliche Land bot den dort lebenden Menschen zu allen Zeiten höchst unterschiedliche Siedlungsvoraussetzungen, die massiven Einfluss auf die historische Entwicklung nahmen.
Definitionen mini| Die auf Englisch als Mesopotamian shrub desert bezeichnete Ökoregion. Der historische Begriff Mesopotamische Wüste ist nicht genau definiert und überschneidet sich zu großen Teilen mit der Syrischen Wüste. mini|Mesopotamien innerhalb der heutigen Staatsgrenzen. Der Begriff Mesopotamien geht angeblich auf Alexander den Großen zurück, der damit das Land „zwischen den Flüssen“ (griechisch: μέσο ποταμοι, méso potamói) Euphrat und Tigris nördlich des heutigen Bagdad bis zur Südflanke des Taurusgebirges bezeichnete. Mesopotamia hieß daher im Altertum zumeist nur der nördliche Teil des Gebietes, während der südliche Babylonia genannt wurde. Der einzige überlieferte Text aus der Antike, der den Begriff Mesopotamia auf das gesamte Gebiet von den Quellen bis zum Persischen Golf bezieht, stammt von Claudius Ptolemäus. Sein Werk, die Geographike Hyphegesis, entfaltete in Antike und Mittelalter aber eine so große Wirkung, dass seine Definition auch heute verwendet wird: Wenn von Mesopotamien gesprochen wird, meint man heute – entgegen der Wissenschaft –, meist die gesamte Region, von der Südosttürkei bis zum Persischen Golf.
Bereits die Akkader kannten eine sehr ähnliche Bezeichnung (akkadisch: mātum birit idiglat u purratim, „Land zwischen Tigris und Euphrat“), die ebenfalls das Schwemmland südlich des heutigen Bagdad mit einbezog. Sie unterteilten dieses Land dabei in einen nördlichen (akkadisch: māt aššur, „Assyrien“) und einen südlichen Teil (akkadisch: māt akkadi, „akkadisches Land“), welcher von griechischen Autoren dann mit dem bis heute geläufigen Begriff Babylonien bezeichnet wurde. Dieser südliche Teil wurde im dritten Jahrtausend nochmals in einen nördlichen Teil (akkadisch: māt akkadi, sumerisch: kiURI) und einen südlichen Teil (akkadisch: šumeru, sumerisch: kiEN.GIR) unterteilt.
Während von Politik und Presse heute der Begriff Mesopotamien häufig mit dem Staatsgebiet des Irak gleichgesetzt wird, verwenden die Wissenschaften, die sich mit der Erforschung des Alten Orients beschäftigen, meist eine Definition, die auf den Flusssystemen des Euphrat und Tigris, ihrer Zuflüsse sowie dem Unterlauf des Karun beruht. Somit haben die Südosttürkei, Nordostsyrien, der Irak, Irakisch-Kurdistan, Nordostkuwait und der Westiran Anteil an Mesopotamien.
Geographie Als natürliche Grenzen Mesopotamiens gelten meist die östlichen Tal-Randlagen des Zagros- und des Taurusgebirges, das Küstengebiet des Persischen Golfs und die beginnende syrisch-arabische Wüste.Dietz-Otto Edzard: Geschichte Mesopotamiens. C.H. Beck, München 2004, S. 13–16. Die Quellregionen von Euphrat und Tigris gehören dagegen geographisch nicht zu Mesopotamien. Mit dem Ende des neubabylonischen Reichs endete auch der historische Geschichtsbegriff Mesopotamien, das fortan politisch nicht mehr unabhängig war. Die nachfolgenden Epochen mit ihren neuen politischen Staatsgebilden fallen daher aus Sicht der Altorientalistik nicht unter die Bezeichnung Mesopotamien. Althistoriker hingegen benutzen den Begriff durchaus auch für die folgenden Jahrhunderte bis in die ausgehende Spätantike, da er die in dieser Zeit gängige Bezeichnung der Region zwischen Euphrat und Tigris war (siehe oben). Als der Norden dieses Gebietes um 200 n. Chr. unter römische Kontrolle geriet, gründeten die Kaiser dort die Provinz Mesopotamia, die noch bis ins 7. Jahrhundert bestand.
Politische Einflussgebiete Assyrien, Babylonien und Sumer unterhielten weitreichende politische Beziehungen zu den Nachbarländern, die auch teilweise zu Provinzen der mesopotamischen Kernländer erklärt wurden.
Geoökologische Situation Mesopotamiens
Dartnell (2018/2019)Lewis Dartnell: Ursprünge. Wie die Erde uns erschaffen hat. Hanser, Berlin 2019, ISBN 978-3-446-26204-1. zeigt die Zusammenhänge zwischen geoökologischen Bedingungen und kultureller Entwicklung auf. Für Mesopotamien werden diese Zusammenhänge bestimmt durch die Flüsse Tigris und Euphrat und das eingesunkene Vorlandbecken, das durch die Auflast der heranrückenden orogenen Deckenfront des Zagros-Gebirges heruntergedrückt wird. Das Zagros-Gebirge wiederum ist das Ergebnis der sich an die Eurasischen Platte heranschiebenden Arabischen Platte. mini|Die Arabische Platte mit ihren allgemeinen tektonischen und strukturellen Merkmalen.Richard M. Pollastro: Total Petroleum Systems of the Paleozoic and Jurassic, Greater Ghawar Uplift and Adjoining Provinces of Central Saudi Arabia and Northern Arabian-Persian Gulf. U.S. Geological Survey Bulletin (2003) 2202-H, auf pubs.usgs.gov hier. S. 26
Die Böden dieser Region sind durch die Sedimente, die aus dem Zagros-Gebirge eingespült werden, geprägt. Das fluviatile Sediment steht im Zusammenhang mit der Bildung des Reliefs Mesopotamiens. Die im Norden des Fruchtbaren Halbmonds etablierten Techniken des Ackerbaus fanden im 6. Jahrtausend v. Chr. nicht nur wegen der feuchten und warmen klimatischen Bedingungen, während eines Milanković-Zyklus, sondern auch wegen der fruchtbaren Schwemmböden ausgezeichnete Voraussetzungen. Diese fruchtbare feuchte Phase wurde gefolgt von trockenen Klimata, die die in Dörfern und Städten siedelnden Bewohner zum Bau ausgedehnter Bewässerungssysteme zwangen. Organisation und Logistik dieser Bewässerungssysteme erforderte konsekutiv einen sich organisierenden Verwaltungsapparat. Die Lebensumwelt in Mesopotamien war aufgrund der geoökologischen Bedingungen durch einen relativen Mangel an Holz, Steinen und Metallen charakterisiert. Die mesopotamischen Kulturen waren genötigt ihren Nahrungsmittelüberschuss gegen zum Beispiel Zedernholz, Granit und Marmor und Metalle einzutauschen. Ihre Gebäude wurden allesamt aus den sonnengetrockneten Lehmziegeln konstruiert. Feuchtigkeitsresistente, also gebrannte Ziegeln, wurden lediglich für die Verkleidung der Bauwerke und Zikkurate im Speziellen verwendet.Lewis Dartnell: Ursprünge. Wie die Erde uns erschaffen hat. Hanser, Berlin 2019, ISBN 978-3-446-26204-1, S. 34–35; 77; 82–83; 148–149
Sherratt (1981)Andrew Sherratt: Plough and Pastoralism. Aspects of the Secondary Products Revolution. In: Ian Hodder, Glyn Isaac, Norman Hammond (Hrsg.): Pattern of the Past. Studies in honour of David Clarke. Cambridge University Press, Cambridge 1981, ISBN 978-0-521-22763-6, S. 261–305. sprach in diesem Zusammenhang auch von der als einer weiteren „revolutionären Veränderung“ nach der Pflanzen- und Tierdomestikation bzw. der Sesshaftwerdung.Robert N. Bellah: Der Ursprung der Religion. Vom Paläolithikum bis zur Achsenzeit. Herausgegeben und mit einer Einführung von Hans Joas, Herder, Freiburg im Breisgau 2020, ISBN 978-3-451-38333-5, S. 309–311. In der Phase dieser Sekundärprodukt-Revolution begann die mesopotamische Landwirtschaft (Uruk-Zeit) durch die Arbeitskraft der domestizierten Tiere erstmals die menschliche Arbeitskraft zu ersetzen. Diese Erfindungen traten etwa im 4. Jahrtausend im nördlichen Mesopotamien auf und trugen mit dazu bei, dass die Urbanisierung im Süden einsetzen konnte.
Vorgeschichte mini|hochkant=1.5|Eine schematische Chronologie der verschiedenen Herrschaftsperioden Mesopotamiens von Uruk bis zur persischen Herrschaft unter Berücksichtigung der Daten der mittleren Chronologie in englischer Sprache. Die ältesten archäologischen Besiedlungsspuren lassen sich für die Mitte des 11. Jahrtausends v. Chr. am mittleren Euphrat in Mureybet nachweisen, wo beigesetzte Stierschädel in Rundhäusern gefunden wurden. Es kann mit Sicherheit angenommen werden, dass ähnliche Verhältnisse in benachbarten Regionen vorlagen, da die Art der Funde die typischen Anzeichen des gesamten Mesopotamiens repräsentiert.Dietz-Otto Edzard: Geschichte Mesopotamiens. C.H. Beck, München 2004, S. 16–20. Ab dem 10. Jahrtausend v. Chr. sind modellierte Frauenfiguren zu finden. Obsidian in kleinen Mengen lässt auf Handel mit Kappadokien schließen. Die gefundenen Obsidianklingen sind Zeugnis eines frühen Handels.
Bis 8700 v. Chr. lässt sich ein architektonischer Fortschritt beobachten. Die vormals runden Wohnstätten wandelten sich zu eckigen Häusern, die nun auch über mehrere Räume verfügten. Getreidereste in Silos deuten auf erste landwirtschaftliche Tätigkeiten hin. Ab etwa 7700 v. Chr. weisen alle Häuser, in denen menschliche Schädel gefunden wurden, einen eckigen Stil auf. Die spezielle Anordnung zeigt Ähnlichkeiten zum Totenkult von Jericho im Präkeramischen Neolithikum B. Aus dem 7. Jahrtausend v. Chr. stammen die ältesten Belege für Keramik. Die Objekte zeigen wechselnde Motive und Techniken, die auf einen langen Entwicklungsprozess über mehrere Jahrhunderte hinweisen. Ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. ist erstmals gebrannter Ton nachweisbar mit prähistorischen Modellen der Töpferscheibe in der Nähe von Kirkuk. In Mesopotamien wurde u. a. die Sieben-Tage-Woche erfunden, ein Maßsystem bestimmt, der Kreis mit 360 Grad definiert.
Südmesopotamien Die Besiedelung begann zwischen 5000 und 4000 v. Chr. in der Obed-Zeit. Bauern besiedelten das Land zwischen Babylon und dem Persischen Golf, erste Landwirtschaft wurde betrieben. Arbeitsteilung entstand, die Töpferscheibe wurde erfunden, Tempel aus Lehmziegeln entstanden.
Um 4000 v. Chr. beobachten die sumerischen Bewohner der ältesten und damals südlichsten mesopotamischen Stadt Eridu das durch den Zyklus der Präzession verursachte erstmalige Auftauchen des zweithellsten Sterns des Nachthimmels, Canopus, bei der Kulmination auf dem südlichen Meridian und nannten ihn Stern der Stadt Eridu (MUL.NUN.KI).
Seit der Uruk-Zeit (4000–3100 v. Chr.) fanden sich Städte und die Anfänge der Schrift, die sich aus einem System von Piktogrammen zur sumerischen Keilschrift entwickelte.