Die US-Invasion in Grenada, innerhalb des US-amerikanischen Militärs auch als Operation Urgent Fury bezeichnet, war eine militärische Intervention der USA im Karibikstaat Grenada. Sie begann am 25. Oktober 1983 und endete vier Tage später.
Hintergrund mini|hochkant|US-Satellitenbild des umstrittenen Flughafens Point Salines auf Grenada
Grenadas Regierung unter Eric Gairy wurde im März 1979 in einer nahezu gewaltfreien Revolution durch das New Jewel Movement (NJM) gestürzt.Thomas M. Leonard: Encyclopedia of the Developing World. Psychology Press, 2005, S. 180 (englisch).Grenada, Eintrag auf Encyclopedia Britannica, abgerufen am 30. November 2014 (englisch). Das NJM unter Premierminister Maurice Bishop enteignete einige Betriebe, setzte jedoch zunächst primär auf soziale Reformen wie die Einführung eines kostenlosen Gesundheitssystems, den Bau neuer Schulen und Ähnliches.William Blum: Grenada 1979–1984. In: Killing Hope. Black Rose Books, Montreal/New York/London, ISBN 1-55164-097-X, S. 273ff (englisch). Die Weltbank gab 1980 eine sehr wohlwollende Einschätzung, in der sie die gesunde Finanzpolitik Grenadas lobte, und pries zwei Jahre später die erfolgreiche, auf die kritischen Entwicklungsgebiete konzentrierte Vorgehensweise der Regierung.Hugh O’Shaughnessy: Grenada: Revolution, Invasion and Aftermath. London 1984, S. 156 (englisch). Die Vereinigten Staaten wahrten eine distanzierte Haltung zur neuen Regierung.
Im Sommer 1979 entdeckten die Behörden Grenadas Abhörgeräte in ihrer Vertretung bei den Vereinten Nationen.The New York Times vom 20. August 1979, S. 4 (englisch). Vertreter der US-Regierung verbreiteten in US-Reisebüros Gerüchte, um der Touristikindustrie Grenadas, einer der wichtigsten Einnahmequellen des Landes, zu schaden.Chris Searle: Grenada. The Struggle Against Destabilization. London 1983, S. 56 (englisch). Die Vereinigten Staaten veranlassten den Internationalen Währungsfonds (IWF) und andere internationale Kreditinstitutionen, Grenada Kredite vorzuenthalten. Die CIA entwickelte im Sommer 1981 Pläne zur Störung der Ökonomie Grenadas mit dem Ziel, die politische Kontrolle des Premierministers Bishop zu unterminieren. Die Pläne wurden jedoch aufgrund von Einwänden des US-Senats fallengelassen.The Washington Post vom 27. Februar 1983, S. 1 (englisch). Die US-Regierung betrachtete Grenada als Verbündeten der Sowjetunion und Kubas, obwohl Bishop sich trotz der Unterstützung dieser beiden Länder als blockfrei darzustellen versuchte. Es wurden Berichte über den Bau einer sowjetischen U-Boot-Basis im Süden Grenadas veröffentlicht, bis 1983 ein Korrespondent der Washington Post besagten Ort aufsuchte und laut dessen Bericht die Errichtung einer U-Boot-Basis aufgrund des flachen Wassers nicht möglich sei.
Im Februar 1983 lancierte ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums Berichte über sowjetische Waffenlieferungen, unter anderem sollten Kampfhubschrauber, Tragflächen-Torpedoboote und MiG-Kampfflugzeuge an Grenada geliefert worden sein. Beweise für diese Behauptungen konnten nicht vorgelegt werden, und auch später wurden keine dieser Waffen je aufgefunden. Die grenadische Armee verfügte jedoch über andere sowjetische Waffensysteme wie gepanzerte Truppentransporter vom Typ BTR-60 und amphibische Fahrzeuge vom Typ BRDM-2 sowie über Flugabwehrkanonen.
Viel Aufmerksamkeit erregte die Nachricht, dass der im Bau befindliche Flughafen Point Salines auf Grenada zu einem Militärstützpunkt Kubas und der Sowjetunion ausgebaut werden solle. Ronald Reagan argumentierte im März 1983 in einer Fernsehansprache, dass die Größe des Flughafens unvereinbar mit der nicht vorhandenen Luftwaffe Grenadas sei und somit nur für kubanisches und sowjetisches Militär gedacht sein könne.The New York Times vom 26. März 1983 (englisch). Grenada wies die US-amerikanischen Anschuldigungen zurück und versuchte, die geplante zivile Nutzung mittels einer Liste von fehlenden, üblicherweise für Militärstützpunkte vorhandenen, Einrichtungen zu beweisen.The Guardian vom 31. Oktober/2. November 1983 (englisch). Mehr als 20 Länder hatten Geld in den Bau des Flughafens investiert, darunter Kanada, Mexiko, Venezuela und europäische Staaten. Der Flughafen wurde nach der Invasion zu einem Militärflugplatz ausgebaut, jedoch nicht als solcher genutzt.The Guardian vom 11. November 1983.
mini|Grafik zur geplanten US-Operation Urgent Fury Als Premierminister Bishop in den Vereinigten Staaten die Bedenken zerstreuen wollte, wurde er nach seiner Rückkehr von innerparteilichen Konkurrenten um Bernard Coard am 12. Oktober 1983 durch Einheiten des Military Revolutionary Council (MRC) entmachtet, am 19. Oktober 1983 abgesetzt und exekutiert. Diese neue Führung des NJM mit Hudson Austin kündigte nun die Errichtung einer Militärdiktatur an. Der Generalgouverneur von Grenada, Paul Scoon, der als Vertreter von Königin Elisabeth II. die Funktion des Staatsoberhauptes von Grenada ausübte, bat die USA daraufhin um eine Intervention.Reagan ‘saved Grenada’ BBC Caribbean vom 7. Juni 2004, abgerufen am 26. Oktober 2018.Phil Davison: Sir Paul Scoon: The Queen’s Governor-General during the American invasion of Grenada The Independent vom 10. September 2013, abgerufen am 26. Oktober 2018. Am 21. Oktober 1983 baten auch die sechs Mitgliedsstaaten der Organisation Ostkaribischer Staaten (OECS) sowie Barbados und Jamaika um eine Intervention der Vereinigten Staaten. Diese hatten zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen, militärisch einzugreifen. Als Gründe hierfür wurden die instabile Lage in Grenada sowie die Gefährdung von US-Bürgern im Land genannt. Die Anfrage der Mitgliedsstaaten der OECS geschah somit vermutlich auf direkte Einladung der US-Regierung.Cole, Ronald H. (1997), Operation Urgent Fury:The Planning and Execution of Joint Operations in Grenada, 12 October – 2 November 1983, Washington D.C., S. 1; 57ff. (englisch). Später wurde bekannt, dass die Premierministerin von Dominica, Mary Eugenia Charles, die die OECS leitete, verdeckte CIA-Gelder für eine „geheime Operation“ erhalten hatte.Bob Woodward: VEIL: The Secret Wars of the CIA 1981–1987. New York 1987, S. 113 (englisch). Am 25. Oktober 1983 begann schließlich die Invasion der Vereinigten Staaten, an der sich die OECS-Staaten beteiligten.
Verlauf der Invasion mini|A-7E der Independence über Point Salines mini|Soldaten der Ostkaribischen Staatengemeinschaft OECS während der Invasion mini|Durch Abwehrfeuer beschädigter CH-46-Helikopter Der Erfolg der Invasion stand nie in Frage, da die US-Armee insgesamt eine massive Überlegenheit an militärischem Material besaß.
Am 25. Oktober 1983 landeten US-Truppen und Truppen weiterer beteiligter Staaten aus der Region auf Grenada. Da Grenada dem Commonwealth of Nations angehörte, stieß das Vorgehen auf heftigen Widerstand der britischen Regierung. Premierministerin Margaret Thatcher war entsetzt über die Invasion in ein Land des Commonwealth.Richard Aldous: Reagan and Thatcher. The Difficult Relationship. Arrow, London 2009, S. 147 f. Ronald Reagan antwortete zunächst, eine Invasion stünde nicht bevor. Später (1990) gab er an, dass er sie diesbezüglich belogen habe:
Da Reagan ihr kurz vorher noch versichert hatte, eine solche Invasion würde nicht stattfinden, war das Vertrauen Thatchers zu Reagan zunächst gestört.Ronald Reagan: An American Life. Simon & Schuster, 1990, S. 454. Nach der Invasion schrieb Thatcher an Reagan, dass diese Invasion als Einmischung in die inneren Angelegenheiten einer kleinen unabhängigen Nation angesehen würde, wie unbeliebt das Regime auch gewesen sei. Im Kontext der Ost-West-Beziehungen bat sie Reagan, dies zu überdenken:
In Grenada war die Bevölkerung ob des Umsturzes und der Exekution Maurice Bishops aufgebracht. Die Regierung unter dem ehemaligen Verteidigungsminister Hudson Austin war nicht populär. Angst herrschte wegen der durch den Staatsstreich ausgelösten Gewalt. Von der Mehrheit der Bevölkerung wurden die US-geführten Truppen daher als Befreier gesehen.L’Actualité religieuse dans le monde, Jg. 1984, Heft 8, S. 22. Deshalb sprach sich auch die Conference of Churches Grenada (CCG), der Zusammenschluss der katholischen, anglikanischen, methodistischen, baptistischen und presbyterianischen Kirchen in Grenada, einmütig dafür aus.
Die Kämpfe dauerten einige Tage. 7000 US-amerikanische Soldaten, unterstützt von 300 Soldaten der Caribbean Peacekeeping Force (CPF) aus Antigua, Barbados, Dominica, Jamaika, Saint Lucia und Saint Vincent waren gelandet. Sie trafen auf Soldaten und Berater aus verschiedenen Ländern: Neben 1200 Grenadern waren dies 784 Kubaner (davon waren 636 Bauarbeiter und 43 offizielle Militärs), 49 Sowjetbürger, 24 Nordkoreaner, 16 DDR-Bürger, 14 Bulgaren und 3 oder 4 Libyer. 19 US-Soldaten fielen während der Kampfhandlungen und 109 wurden verwundet. Die Zahl der Opfer auf grenadischer Seite wird mit 45 gefallenen Landsleuten und 25 getöteten Kubanern, die Zahl der Verwundeten insgesamt mit mehr als 400 angegeben.
Mitte Dezember zogen die Vereinigten Staaten ihre Truppen ab, nachdem der ursprüngliche, von Königin Elisabeth II. zum Generalgouverneur von Grenada ernannte Paul Scoon sein Amt wieder eingenommen und Nicholas Brathwaite bis zu den nächsten Wahlen als Regierungsoberhaupt eingesetzt hatte. Diese Neuwahlen fanden im darauffolgenden Jahr statt.
Beteiligte US-Truppen und -Schiffe mini|Struktur der CJTF-120 Die US-Einheiten unter dem Kommando des Atlantic Command formierten sich zu einer Combined Joint Task Force (CJTF) 120, die aus vier einzelnen Task Forces und einer Task Group bestanden: Task Force 121, mit zwei Brigaden der 82. US-Luftlandedivision, Joint Task Force 123, auch als JSOC/Rangers Task Force bekannt. Zu ihr gehörten US Joint Special Operations Command (JSOC)-Teams (einschließlich des SEAL Team SIX und der Delta Force) und ein Bataillon des 160th Special Operations Aviation Regiment (Airborne) aus Fort Campbell, Kentucky, sowie zwei Army Ranger-Bataillone. Task Force 124 war ein amphibischer Einsatzverband (Amphibious Squadron Four) mit der USS Guam, USS Barnstable County, USS Manitowoc, USS Fort Snelling, USS Trenton und der 22nd Marine Amphibious Unit des US Marine Corps. Task Group 20.5, auch als Independence Task Group bekannt: Independence, Richmond K. Turner, Coontz, Caron, Moosebrugger, Clifton Sprague, Suribachi, Silversides. an der Operation beteiligte Schiffe: Aquila, Aubrey Fitch, Briscoe, Portsmouth, Recovery, Saipan, Sampson, Samuel Eliot Morison, Taurus. Task Force 126, ein Luftaufklärungsverband mit acht F-15 Eagle Kampfflugzeugen der 33. Tactical Fighter Wing und vier Boeing E-3A Sentry Luftraumaufklärungsflugzeugen der 552. Airborne Warning and Control Wing. Der Verband sollte vorrangig mögliche kubanische Luft- und Schiffsbewegungen aufklären. Der Verband war zwar Teil des Joint Task Force 120 aber unterstand direkt dem Atlantic Command.
Während der Invasion beschattete vor der Küste der Bermuda-Inseln das sowjetische Atom-U-Boot K-324 die US-Fregatte USS McCloy. Das Kabel des Schleppsonars der Fregatte geriet in die Schraube des U-Bootes, das daraufhin auftauchen musste und von einem sowjetischen Schiff nach Kuba geschleppt wurde.
Völkerrechtliche Beurteilung