mini|Neugier, hinter die Dinge zu schauen. Flammarions Holzstich, Paris 1888 Neugier (auch Neugierde) ist das als ein Reiz auftretende Verlangen, Neues zu erfahren und Verborgenes kennenzulernen.Johannes Hoffmeister: Wörterbuch philosophische der Begriffe. Meiner, Hamburg 1955, Lemma Neugier.
Abgrenzungen Neugier kann auf permanent wechselnde Ereignisse ausgerichtet sein, um dadurch eine Lust auf Sensationen befriedigen zu können. Bei dieser Begriffsvariante sind emotionale und motivierende Anteile hoch.
Ist die Neugier auf ein Interesse an Wissen ausgerichtet, stehen forschungs- oder verstandesmäßige Anteile im Vordergrund. Diese Form der Neugier wird auch Wissbegierde genannt (historisch Philomathie von griechisch philomathía).
Krankhafte Neugier wird Skopophilie genannt.Skopophilie = krankhafte Neugier, Duden.
Biologie mini|hochkant=1.2|alternativtext=neugierige Kühe|Rinder mit Neugierverhalten
Neugier ist ein angeborenes Verhalten, das sich evolutionär durchgesetzt hat, weil es Vorteile für Überleben und Fortpflanzung hat. Es dient der Orientierung in der natürlichen wie sozialen Umgebung, um Ressourcen und Gefahren zu erkunden. Bei Tieren wird es von Verhaltensforschern Erkundungsverhalten, bei Menschen auch Exploratives Verhalten genannt.
Psychologie Beschreibung, Unterscheidungen, Untersuchungen In der Persönlichkeitspsychologie gilt (intellektuelle) Neugier als wichtiger Teilaspekt der Persönlichkeitseigenschaft Offenheit (openness). Sie ist eingebettet in das breitere Konzept der Offenheit für vielfältige Erfahrungen (openness to experience) und korreliert moderat mit Intelligenz und Kreativität.Robert R. McCrae: Openness to Experience: Expanding the boundaries of Factor V. In: European Journal of Personality. 8(1994)4, S. 251–272.
Im Zusammenhang mit Neugier wird in der Psychologie häufig Daniel Berlyne zitiert, der (tier-)experimentelle Studien durchgeführt hat. Ein Ergebnis bezog sich auf die Frage, welche situativen Bedingungen eine Neugier hervorrufen könne. Berlyne fand dafür die vier AspekteD. E. Berlyne: Konflikt, Erregung, Neugier. Zur Psychologie der kognitiven Motivation. Klett, Stuttgart 1960 und 1974.
Neuartigkeit, Komplexität, Ungewissheit und Konflikt.
Außerdem unterscheidet Berlyne einerseits zwischen spezifischer und diversiver Neugier, andererseits zwischen perzeptueller und epistemischer Neugier. Nach Berlynes Aktivationstheorie wird dabei spezifisches Neugierverhalten eher dann gezeigt, wenn ein Organismus vielen Umweltreizen ausgesetzt ist. Man widmet sich hierbei einzelnen Aspekten der Umwelt, um sie zu erkunden und damit das subjektive Reizniveau zu senken. Finden sich zu wenige Reize in der Umwelt, zeigt ein Organismus diverses Reizverhalten, er sucht also nach neuen Reizen in der Umwelt, um Langeweile abzubauen. Ein mittleres Reiz- oder Aktivationsniveau empfindet man hingegen als angenehm.Klaus Rothermund, Andreas Motivation und Emotion. VS Verlag, 2011.
Eine Studie von 2015 zeigt, dass Menschen, um Unklarheiten zu beseitigen, gewillt sind, Neues zu erforschen, auch wenn es negative Konsequenzen haben kann.Christopher K. Hsee, Bowen Ruan: The Pandora Effect. The Power and Peril of Curiosity, Psychological Science, 21. März 2016, doi:10.1177/0956797616631733
Im Jahr 2023 leistete die Veröffentlichung von Über das Zusammenspiel von Neugier, Vertrauen und Wichtigkeit beim Erkennen von Informationen durch Springer Nature einen bedeutenden Beitrag zur psychologischen Forschung. Diese Arbeit bietet tiefgehende Analysen der Interaktion zwischen Neugier, Vertrauen in Informationen und der wahrgenommenen Relevanz der Informationen selbst. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass in Situationen, in denen Informationen als sehr wichtig erachtet werden, die Neugier unabhängig von geringem Vertrauensniveau zunimmt. Im Gegensatz dazu äußert sich bei als weniger relevant wahrgenommenen Informationen eine hohe Neugier hauptsächlich unter Bedingungen moderaten Vertrauens. Diese Ergebnisse deuten auf eine komplexe Wechselbeziehung zwischen dem wahrgenommenen Wert der Information und der Motivation zu deren Erwerb hin, was ein differenzierteres Bild des Zusammenspiels zwischen Neugier und Informationsbewertung zeichnet.
Kulturgeschichte Herausbildung Seit jeher machen Menschen die Erfahrung, dass die Erkundung von Neuem oft mit Gefahren verbunden ist, aber auch Chancen eröffnet. Angst ist dabei nicht in jedem Fall ein dämpfender Faktor für die Neugier, sondern kann sie auch beflügeln – etwa als Suche nach dem „ultimativen Kick“ in der heutigen Freizeitgesellschaft.
Für Herodot war die Neugier nach historischen Zusammenhängen das Hauptmotiv dafür, Geschichtsschreiber zu werden. Für die ionischen Naturphilosophen war sie der Antrieb, „hinter die Dinge“ schauen zu wollen, ebenso für Platon, für den das „Staunen“ (griechisch „thaumazein“) den Anfang aller Philosophie darstellte. Zitat:
Der Ägyptologe Jan Assmann charakterisiert die kulturelle Begegnung des antiken Griechenlands mit Ägypten als eine einseitige Neugier: In einer Rezension seiner Studie Weisheit und Mysterium heißt es dazu:
Augustinus verortet das Zentrum der Neugier in den Augen. Das Sehen habe stärker als andere Sinne die Tendenz, in die Ferne zu schweifen. Es gehe über den Körper und die unmittelbare Umgebung des jeweiligen Menschen hinaus, könne aber genauso ein Vorausschauen und Zurückblicken sein und damit die Gegenwart transzendieren. Doch letzten Endes bleibt für ihn die Neugier ein Laster:
Im Mittelalter zählte Thomas v. Aquin die Neugier (curiositas) zu den Lastern, die er der Tugend der Wissbegier (studiositas) gegenüberstellt.Summa theologiae, Teil II-II, Qu. 166, Art. 1–2
mini|Neugier und Gefahr, Paulinchen aus Struwwelpeter In der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wurde die Neugier hauptsächlich als eine weibliche Eigenschaft angesehen. In dem Buch Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann wird die Neugier in der Geschichte von Paulinchen dargestellt, die den Titel trägt Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug.Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter. 56. Auflage. CBJ, München 1968, nicht paginiert. Ihr Experiment mit den Streichhölzern endet tragisch. Auch das dem Bestseller folgende Buch Struwwelliese geht in diese Richtung. Was damals teilweise geächtet wurde, gilt heute oft als zeitgemäß: Eine Befriedigung der Neugier im Abenteuertourismus oder in Gestalt sogenannter „Grenzgänger“.
Neugierige stellen bei der Bewältigung von Unfällen und Bränden ein wiederkehrendes Problem dar, sodass das Kurfürstentum Trier und weitere Kurfürstentümer des Heiligen Römischen Reiches bereits im 18. Jahrhundert entsprechende Anordnungen erließen. In diesen Vorschriften wird ausdrücklich angewiesen, dass, weil „von mancherley bey solchen Unglücke gleichgültigen Leuten statt einer Beyhülfe nur die Zeit mit Zuschauen zugebracht“ werde, die örtliche Obrigkeit und Vorsteher daher „das anwesende Volk, insofern es die Noth erfordert, zur Arbeit anzuweisen“ und „die untauglichen Personen wegzuschaffen“ seien.
Gegenwart Der Autor, Kolumnist und Essayist Harald Martenstein schrieb im Juni 2012:
Namensverwendung Der Mars-Rover der NASA-Mission Mars Science Laboratory wurde nach einem Vorschlag einer Schülerin Curiosity (englisch für ‚Neugier‘) getauft.
Siehe auch Erkundungsverhalten Häferlgucker Neophobie Neophilie
Literatur D. E. Berlyne: Conflict, arousal, and curiosity. McGraw-Hill, New York NY u. a. 1960 (Deutsch: Konflikt, Erregung, Neugier. Zur Psychologie der kognitiven Motivation. Klett, Stuttgart 1974, ISBN 3-12-920610-8). Donata Elschenbroich (Hrsg.): Anleitung zur Neugier. Grundlagen japanischer Erziehung (= Edition Suhrkamp 1934 = NF Bd. 934). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-518-11934-6. Neil Kenny: The Uses of Curiosity in Early Modern France and Germany. Oxford University Press, Oxford u. a. 2004, ISBN 0-19-927136-4. Carolin Duttlinger, Johannes Birgfeld (Hrsg.): Curiosity in German Literature and Culture from 1700 to the Present (= Oxford German Studies. Vol. 38, Nr. 2, ). Maney, London 2009.
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